mini|hochkant=1.3|Oswald Pirow (links) und der ehemalige niederländische Generalkonsul des Oranje-Freistaats Hendrik Muller in Den Haag, 1938 Oswald Pirow (* 14. August 1890 in Aberdeen, Kapkolonie; † 11. Oktober 1959 in Pretoria) war ein südafrikanischer Rechtsanwalt und rechtsextremer Politiker. Pirow bezeichnete sich selbst als Nationalsozialisten,Marx, Zeichen, S. 453. vertrat einen radikalen Antikommunismus, Rassismus und Antisemitismus und sprach sich für die Errichtung eines autoritären Führerstaats aus.

Als Mitglied der Nasionale Party (NP) bzw. United Party (UP) war er während den Regierungen unter Barry Hertzog von 1929 bis 1933 Justizminister, von 1933 bis 1939 Verteidigungsminister und von 1933 bis 1938 auch Verkehrsminister Südafrikas. 1940 verließ er die UP und schloss sich der Herenigde Nasionale Party (HNP) an, innerhalb der Pirow die nationalsozialistisch orientierte politische Fraktion Nuwe Orde (‚Neue Ordnung‘) gründete.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs suchte er Kontakt zu rechtsextremistischen Gruppierungen in Europa. Von 1958 bis zu seinem Tod fungierte er als Ankläger im Treason Trial, in welchem unter anderem Nelson Mandela des Hochverrats angeklagt wurde.

Leben Werdegang Pirow war der Enkel eines deutschen Missionars. Sein Bruder Hans Pirow machte Karriere als Staatsbergbau-Ingenieur und seine Schwester Sylva Moerdyk wurde eine einflussreiche Politikerin. Oswald Pirow wuchs in der Provinz Transvaal auf, besuchte das Realgymnasium in Itzehoe und studierte in Kiel und London Rechtswissenschaften. Er wurde 1913 als Anwalt zugelassen und praktizierte in Pretoria. Hier wurde er Partner des Politikers Tielman Roos und trat dessen Nasionale Party bei. Gemeinsam arbeiteten sie an der Beendigung des Bergarbeiterstreiks am Witwatersrand 1922.

Politische Karriere 1924 wurde Pirow erstmals ins südafrikanische Parlament gewählt. Nach dem Gewinn der Parlamentswahlen durch die Nasionale Party unter James Barry Munnick Hertzog 1929 wurde Pirow als Nachfolger von Roos zum Justizminister ernannt. Roos hatte sich aus gesundheitlichen Gründen zur Behandlung nach Europa begeben, und Pirow übernahm auch dessen Parteiklientel im Transvaal. mini|links|Das Kabinett Hertzog 1929:Vordere Reihe vlnr:Frederic Creswell, D.F. Malan, J.B.M. Hertzog, Nicolaas Havenga und P.G.W. GroblerHintere Reihe vlnr.:Oswald Pirow, Jan Kemp, A. Fourie, Ernest George Jansen, H.W. Sampson und C.W. Malan

Pirows Politik wurde von seinem radikalen Rassismus und Antikommunismus bestimmt. Bereits während der Wahlen 1929 hatte er den „weißen Terror“ (white terror) organisiert.T. R. H. Davenport: South Africa. A Modern History. 4. Auflage. Macmillan, Basingstoke 1991, ISBN 0-333-55034-X, S. 273. Als es im selben Jahr insbesondere in Durban zu verschiedenen Protestkampagnen kam, die sich etwa gegen die Kopfsteuern richteten, durch die Schwarze zur Arbeit für Weiße gezwungen werden sollten, oder gegen das Verbot des Bierbrauens – die Schwarzen sollten zum Besuch der städtischen Bierhallen gezwungen werden – reagierte Pirow mit Terror. Er flog in einer aufsehenerregenden Aktion von Pretoria nach Durban, wo er in den frühen Morgenstunden des 14. November persönlich einen Angriff der Polizei auf drei schwarze Wohnviertel leitete. Bei dieser Razzia, bei der es offiziell um die Eintreibung von Steuern ging, wurden knapp 700 unter anderem mit Maschinengewehren schwer bewaffnete Polizisten und Tränengas eingesetzt. 8.000 Schwarze wurden festgenommen und durchsucht. 500 angebliche Steuerhinterzieher wurden vor Sondergerichten angeklagt, die bei einem Schuldspruch zur Zahlung der Steuer oder einem Monat Gefängnis verurteilten. Wie Kritiker anmerkten, war dies das erste Mal, dass in Südafrika Tränengas gegen friedliche Zivilisten eingesetzt wurde, die keinen Widerstand leisteten.Harold Jack Simons, Ray Esther Simons: Class and Colour in South Africa 1850-1950. Penguin Books, Harmondsworth 1969, S. 420.

1929 legte Pirow außerdem ein Gesetz vor, das drastische Maßnahmen gegen angebliche „Faulheit“ schwarzer Farmarbeiter vorsah.Marx, Zeichen, S. 244. 1930 setzte er mit dem Verweis auf eine angebliche kommunistische Verschwörung das zweite Ergänzungsgesetz (Riotous Assemblies Amendment Act, Act No. 19 / 1930) zum Rioutous Assemblies Act aus dem Jahre 19121912. Riotous Assemblies Act. auf www.nelsonmandela.org durch, die ihn als Justizminister mit weitreichenden Vollmachten auf Kosten der Rechtsstaatlichkeit ausstatteten. Er nutzte diese Vollmachten zu einem rabiaten Vorgehen gegen schwarze Gewerkschafter und ehemalige Kommunisten.

1933 gehörte Pirow zu den treibenden Kräften der Koalitionsbildung zwischen der National Party unter Hertzog und der South African Party unter Jan Smuts, bzw. der 1934 erfolgenden Vereinigung der Parteien zur United Party. Er übernahm in dem neuen Kabinett 1933 das Verteidigungsministerium und war zugleich Verkehrsminister. 1934 legte Pirow einen Fünf-Jahres-Plan zum Ausbau der südafrikanischen Verteidigung vor. In seiner Funktion als Verkehrsminister betrieb er die Gründung der Fluglinie South African Airways (SAA). Im Sinne der eigenen Machtansprüche auf dem Kontinent vergrößerte er damit den südafrikanischen Einfluss und die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Großbritannien. Bis 1939 verdrängte die SAA mit ihren modernen Junkers-Flugzeugen die konkurrierende Imperial Airways aus dem südlichen Afrika.R. L. McCormack: Man with a Mission. Oswald Pirow and South African Airways, 1933–1939. In: The Journal of African History 20 (1979), S. 543–557.

Pirow, der für eine strikte territoriale Trennung von Weißen und Schwarzen in Afrika eintrat, sah in den afrikanischen Hochländern des Südens und Ostens Siedlungsgebiete der Weißen und wollte sie unter südafrikanischen Einfluss bringen. Ein Zusammenrücken der Weißen sei auf Grund der Bedrohung durch kommunistische Agitation und asiatische Einflüsse notwendig.Marx, Zeichen, S. 243. Pirows Idee eines „Greater South Africa“ (Groß-Südafrika) sah dabei südafrikanischen Einfluss bis nach Kenia und Uganda vor. Die „Rassenfrage“ wollte er durch die allgemeine Durchsetzung der Politik der Rassentrennung lösen. Er begründete dies mit der angeblichen kommunistischen Gefahr, vor der sich alle Weißen schützen müssten, und hielt auch einen kommunistisch inspirierten Angriff der Schwarzen für möglich. Dass Pirow während des Copperbelt-Streiks Mitte 1935 ein Fluggeschwader mit Tränengasbomben nach Nordrhodesien schickte, wurde als praktische Umsetzung diese Prinzipien gesehen. Legitimiert wurde der Einsatz damit, dass Südafrika ein Recht habe, überall dort einzugreifen, wo Leben und Autorität der Weißen auf dem Spiel stünden.Hagemann, Südafrika, S. 173. Insgesamt ordnete Pirow die Entwicklung des südafrikanischen Zivilflugwesens militärischen Erfordernissen unter. Nach einer bislang nicht verifizierbaren These befürchtete er dabei eigentlich einen militärischen Angriff Japans auf Südafrika und beschwor die „schwarze Gefahr“ vor allem deshalb, um die südafrikanische Öffentlichkeit überhaupt für Rüstungsanstrengungen zu motivieren.Hagemann, Südafrika, S. 181.

Wie auch Premierminister Hertzog signalisierte Pirow Sympathien für ein kolonialistisches Engagement des nationalsozialistischen Deutschlands, weil er Übereinstimmungen in der rassistischen „Eingeborenenpolitik“ sah. Pirow definierte die südafrikanische Rassenpolitik als eine, die zwar die Entwicklung der Schwarzen verfolge, aber vor allem „dem Neger ein für alle Mal die soziale und politische Gleichstellung mit dem Europäer“ versage.Hagemann, Südafrika, S. 174. Deutschland sei ein „Hauptträger […] unserer westeuropäischen weißen Zivilisation“, die sich nur „durch geschlossenes Zusammenarbeiten Aller behaupten“ könne und „heute mehr denn je, wo die farbige Flutwelle immer höher“ brande, die „tatkräftige Unterstützung eines starken Deutschlands“ brauche.Hagemann, Südafrika, S. 177. Eine Rückgabe des Mandatsgebiets Südwestafrika an Deutschland war dabei jedoch auf Grund eigener machtpolitischer Interessen Südafrikas ausgeschlossen. Deutschland sollte stattdessen Kolonien in Mittel- und Westafrika erhalten. Aus südafrikanischer Perspektive sollte Deutschland dadurch nicht nur die Schwarzen in Mittel- und Westafrika kontrollieren, sondern auch das befürchtete Vordringen Frankreichs und Italiens nach Süden aufhalten.Hagemann, Südafrika, S. 183. Den südafrikanischen Herrschaftsanspruch markierte Pirow mit den Gebieten südlich des Äquators ausschließlich Französisch-Äquatorialafrikas.Martin Eberhardt: Zwischen Nationalsozialismus und Apartheid. Die deutsche Bevölkerungsgruppe Südwestafrikas 1915–1965. Lit, Berlin 2007, ISBN 3-8258-0225-6, S. 333f.

Auch im Justizressort machte Pirow noch seinen Einfluss geltend, indem er 1936 federführend an der Formulierung der Rassengesetze beteiligt war, durch die Schwarze von der allgemeinen Wählerliste gestrichen wurden.

„Appeasement“ in Europa mini|Empfang bei Außenminister Joachim von Ribbentrop am 19. November 1938. Pirow (l.) im Gespräch mit Erhard Milch (r.) und Walter Hewel.

Pirow hielt den Kommunismus für die größte Gefahr und den Faschismus für die einzige Abhilfe. Als erklärter Bewunderer Benito Mussolinis, António de Oliveira Salazars und Francisco Francos reiste er mehrfach nach Europa. Im August 1933 traf er auch erstmals mit Adolf Hitler zusammen, den er als „Mann von Weltformat“ bezeichnete.Hagemann, Südafrika, S. 175. Vom Einfluss des Nationalsozialismus versprach er sich die Steigerung des Rassebewusstseins unter der weißen Bevölkerung Südafrikas.Hagemann, Südafrika, S. 177f.

Während es bei der Reise 1933 offiziell um Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Südafrika ging, legte Pirow besonderen Wert auf ein Treffen mit Paul von Lettow-Vorbeck, den er als Instrukteur für eine neu aufzubauende schwarze Armee gewinnen wollte. Pirow sah darin eine Präventivmaßnahme gegen Aufstände „militärisch ausgebildeter schwarzer Völker Afrikas gegen die weiße Rasse“. Zwar kam das Projekt letztendlich nicht zu Stande, aber Pirow machte auch in den folgenden Jahren auf sich aufmerksam, als er immer wieder die Kolonialfrage ansprach und die Hoffnung ausdrückte, dass Deutschland bald wieder Kolonialmacht in Afrika werde.Hagemann, Südafrika, S. 176f.

1936 versuchte Pirow bei einem Besuch in London vergeblich, sich nach der Rheinlandkrise als Vermittler zu Deutschland anzubieten. 1937 vermittelten Premierminister Hertzog und vor allem Pirow dem deutschen Gesandten Emil Wiehl den Eindruck, dass Großbritannien zwar an einem neuen Garantiepakt über die deutsche Westgrenze interessiert sei, aber dafür den Deutschen „freie Hand im Osten“ gewähren würde. Pirow informierte den deutschen Gesandten auch darüber, dass die militärische Aufrüstung Südafrikas „in gutem Gange“ sei, so dass sich in absehbarer Zeit der Machtschwerpunkt in Afrika südlich der Sahara von Kontinentaleuropa nach Pretoria verlagern werde. Mitte September 1937 äußerte sich Pirow gegenüber Konsul Bruno Stiller, er halte die „Befriedigung deutscher Kolonialansprüche“ in nächster Zeit für notwendig, wobei er eine Rückgabe Südwestafrikas und Tanganyikas zwar ausschloss, aber ein Festsetzen Deutschlands an der Westküste Afrikas wünschte und territoriale Kompensation etwa in Gestalt Liberias in Aussicht stellte.Hagemann, Südafrika, S. 184–190.