mini|Cover der Erstausgabe von Nana (1880) Nana ist ein 1880 erschienener Roman von Émile Zola. Der Roman gehört als neunter Titel zum zwanzigbändigen Rougon-Macquart-Zyklus, den Zola als „histoire naturelle et sociale d’une famille sous le Second Empire“ bezeichnete, der Natur- und Sozialgeschichte einer Familie im Zweiten Kaiserreich.
Zum Roman Nana knüpft inhaltlich unmittelbar an den siebten Roman der „Rougon-Macquart“-Reihe Der Totschläger (französisch L’Assommoir) an. Nana ist die Tochter der Wäscherin Gervaise Macquart und des Trinkers Coupeau aus dem 1877 veröffentlichten Roman Der Totschläger. Émile Zola wendet sich in seinem literarischen Schaffen mit Nana nach Ein Blatt Liebe (französisch Une page d’amour) wieder seiner Gesamterfassung der Natur- und Sozialgeschichte der französischen Gesellschaft im Zweiten Kaiserreich zu. Mit dem Roman wollte Zola den Verfall der Gesellschaft durch das promiskuitive Treiben der vornehmen Gesellschaft darstellen, das sich nicht nur auf die eigenen Kreise beschränkt, sondern die Dirnen von der Straße mit einbezieht, deren Verhalten sich von jenem der verheirateten Damen in nichts unterscheide. Zola zeigte nicht nur die Verderbtheit und Dekadenz der Protagonistin, sondern auch die der oberen Gesellschaftsschicht. Die ehemalige Straßendirne gewinnt an gesellschaftlichem Ansehen – talentlos, dafür über einen makellosen Körper verfügend –, indem sie sich in der Rolle der „blonden Venus“ auf der Bühne nackt zur Schau stellt.
Zola beschreibt das Publikum als eine Mischung von Personen aus dem literarischen Paris, der Finanzwelt, Journalisten und Schriftstellern, Börsenleuten, die eher von Damen der Halbwelt als anständigen Frauen begleitet wurden. Die Männer kommen in das Theater, weil sie die Kokotte Nana auf der Bühne sehen wollten – schließlich kennt sie fast jeder der Anwesenden bereits auf seine/ihre Weise. Das gezielt gestreute Gerücht, sie würde nackt auftreten, sorgt ebenfalls dafür, dass die Premiere der „blonden Venus“ vor ausverkauftem Haus stattfinden kann.
Nanas Vorgeschichte Zolas Figur Nana erscheint erstmals im Roman Der Totschläger, dem siebten Band des Zyklus der „Rougon-Macquart“-Reihe. Hier erzählt Zola von den Lebensbedingungen der Menschen im Arbeiterviertel der Rue de la Goutte d’Or, wo Nana aufwächst. Nanas charakterliche Prädisposition ist bedingt durch das Milieu, aus dem sie stammt. Sie verfällt nicht, wie ihre Eltern, der Trunksucht – im Totschläger legt Zola Nanas Lebensweg stattdessen als Prostituierte an, die in der Fortsetzung zur gefeierten Operettendiva aufsteigen wird. Der Erzähler sagt dazu:
Das Glück der kleinen Familie, das auf dem sozialen Aufstieg basiert, den Nanas Mutter Gervaise mit ihrer kleinen Wäscherei erwirtschaftet, währt nur wenige Jahre. Nachdem sich Nanas Vater Coupeau bei einem Arbeitsunfall das Bein gebrochen hat und für mehrere Monate bettlägerig ist, gelingt ihm die Rückkehr in einen geregelten Arbeitsalltag nicht mehr. Seine Tage verbringt er saufend in einer Schnapsbude – wo er mit dem ersten Liebhaber seiner Frau, dem ehemaligen Hutmacher Lantier (aus deren Beziehung zwei uneheliche Söhne stammen, mit denen Lantier Gervaise, neben einer Menge Schulden, seinerzeit sitzen gelassen hat) Freundschaft schließt und dem er prompt eine Unterkunft in der Wäscherei einrichtet. Nach und nach vertrinkt Coupeau die gesamten Ersparnisse und sämtliche Einkünfte der Familie. Auch die Mutter Gervaise beginnt nun regelmäßig zu trinken.
Nana – inzwischen im erwerbsfähigen Alter von 14 Jahren – wird von ihren Eltern überzeugt, eine Stelle als Kunstblumenbinderin anzunehmen und so ihren Teil zum Unterhalt der Familie beizutragen. Das Handwerk erlernt sie dabei jedoch nur unvollständig, denn, wie Zola suggestiv schreibt, beschränkt sich ihr Beitrag zur Herstellung der Blumen auf das Rollen der Stängel. Nachdem die Wäscherei aufgegeben werden muss und man aus Kostengründen gezwungen ist, in eine winzige Wohnung innerhalb desselben Wohnblocks umzuziehen, werden Umgangston und Sitten innerhalb der Familie rasch aggressiver. Wie Vater und Mutter aufeinander einprügeln, gehen sie auch auf die Tochter los, die bald nicht mehr in die elterliche Wohnung zurückkehrt. Lantier trifft bei seinen nächtlichen Streifzügen im Prostituiertenmilieu auf Nana und klärt Gervaise und Coupeau über die sittenlosen Umtriebe der verwahrlosten Tochter auf.
Die Eltern sind nicht nur darüber schockiert, dass sich ihre Tochter Nana als Prostituierte verdingt und man im Viertel über sie reden könnte, vielmehr erregt die Vorstellung, dass es ihr finanziell besser gehen könnte als den beiden, eifersüchtigen Unmut. Sie beschließen, Nana im nächtlichen Paris ausfindig zu machen, und suchen die Tochter unter anderem in den Tanzlokalen des Viertels, wo sie schließlich auch gefunden wird. Zola gibt an dieser Stelle einen Ausblick auf Nanas Karriere, die er im Folgeroman darstellen wird. Statt auf einer professionellen Theaterbühne, die vornehme Männer anlockt, tanzt Nana im Totschläger noch halbnackt in einer dreckigen Spelunke inmitten der sich um sie drängelnden Menge. Die Eltern erkennen die tanzende, Hüften und Busen lasziv wiegende Tochter, die aufreizend Beine und Röcke hebt und dabei alles zeigt. Ihr Kleid sieht heruntergekommen aus, die Volants am Rock sind zerrissen. Kein Schal bedeckt ihre Schultern, in bloßer Korsage bietet sie sich den Säufern im Publikum an. Der Vater unterbricht die Vorstellung unsanft – Nana muss zurück zu ihren Eltern.
Inhalt Von der unbedeutenden, durchschnittlichen Straßendirne aus dem Totschläger hat sich Nana am Beginn des Romans zu einer bedeutenderen Kurtisane entwickelt, die vom Direktor des Théâtre des Variétés die Titelrolle in der Operette „Die blonde Venus“ angeboten bekommen hat. Für Nana bedeutet dies einen ungeheuren sozialen Aufstieg, zumal sie im Theater die Möglichkeit hat, reiche und bedeutende Männer der vornehmen Gesellschaft kennenzulernen, die in der Lage sind, diesen Aufstieg sichern und ausbauen zu können. Der Direktor Bordenave, der in dem zweifelhaften Ruf eines Zuhälters steht, der auf der Bühne Frauen zu reinen Schauzwecken ausstellt, akzeptiert die hemmungslose Kuppelei hinter der Bühne, im Zuschauerraum und dem Pausenfoyer. Immer wieder macht er unbedarfte Gesprächspartner auf die Gepflogenheiten seines Hauses aufmerksam, indem er das Operettentheater völlig ungeniert als Puff bezeichnet.
Nana bewohnt zunächst noch den zweiten Stock eines großen neuen Hauses am Boulevard Haussmann. Nur zwei Zimmer der zahlreichen Räumlichkeiten sind mit ebenso protzigem wie heruntergekommenem Tand ausstaffiert, woran leicht zu erkennen ist, dass hier eine Dirne wohnt, die an einem Punkt angekommen ist, an dem sie auch zweifelhafte Kunden annehmen muss. Ihr Sohn Louiset, den sie als Sechzehnjährige bekommen hat, ist bei ihrer Tante untergebracht, die das Kostgeld für das Kind gut gebrauchen kann.
Bei der Premiere überzeugt Nana zwar nicht aufgrund ihres musikalischen Talents, jedoch ist ihre scham- und hüllenlose Interpretation der „blonden Venus“ für das Publikum Grund genug, über ihre mäßigen schauspielerischen und gesanglichen Leistungen hinwegzusehen und ihr hemmungslos zuzujubeln. Die Operette wird über dreißig Mal gespielt; die gesamte Pariser Gesellschaft – höchste Adels- und Funktionärskreise eingeschlossen – pilgert ins Théâtre des Variétés, um Nana auf der Bühne nackt zu sehen. Die erotisierende Wirkung der „blonden Venus“ wird als so stark beschrieben, dass die einfachen Straßendirnen nur das Ende der Vorstellung abzuwarten brauchen, um in den Gassen rund um das Theater Freier zu finden. Nana indes hat es darauf abgesehen, den reichen Bankier Steiner für sich als Liebhaber zu gewinnen, was schließlich auch gelingt. Durch den Bankier erhält Nana nicht nur Geschenke in Form von luxuriösen Kleidern und kostspieligem Schmuck, es gelingt ihr auch, ihre Wohnsituation zu verbessern; zudem kauft ihr Steiner ein Gut auf dem Land, über das sie frei verfügen kann. In kindlich ungeduldiger Vorfreude darauf lässt sie eine Vorstellung der „blonden Venus“ platzen und vergnügt sich, anstatt zu spielen, auf ihrem neu erworbenen Landsitz. Daraufhin verliert Nana ihre Rolle in der Operette und muss sich einzig auf ihre Rolle als Kurtisane und Mätresse konzentrieren. Neben dem Bankier Steiner bezirzt sie auch den Grafen Muffat – er und die zahlreichen anderen Liebhaber, die zu haben Nana nie leugnet, geben sich auf dem Weg zu ihr die Türklinke in die Hand. Wie bereits in der kleinen Wohnung am Boulevard Haussmann ist es die Aufgabe der Kammerzofe Zoé, dass die Männer, während sie darauf warten, dass ihre Herrin wieder frei ist, nicht peinlich aufeinander treffen. Am Zenit dieses Daseins angelangt, ist Nana ihres Lebensstils und der Männer, die ihr permanent am Rockzipfel hängen, überdrüssig geworden. Sie verliebt sich Hals über Kopf in ihren ehemaligen Schauspielkollegen Fontan und beschließt ihre Ersparnisse zusammenzukratzen und eine neue Existenz aufzubauen. Die beiden beginnen ein monogames, bürgerliches Leben in einer kleinen Wohnung am Montmartre, das jedoch in einer gewalttätigen Beziehung endet, in der Nana – wie damals bei ihren Eltern – fürchten muss, eines Tages zu Tode geprügelt zu werden. Sie flieht immer wieder zu ihrer Freundin Satin, die sie noch aus früheren Zeiten kennt, als die beiden nach Männern suchend, die Sittenpolizei fürchtend, die Pariser Boulevards entlang flanierten. Nachdem Fontan Nana völlig unerwartet aus der gemeinsamen Wohnung geworfen hat, tröstet sie sich in den Armen der Freundin. Sie beginnt eine lesbische Beziehung mit Satin. Bei einer polizeilichen Razzia in einem billigen Hotel müssen die beiden fürchten, als Straßendirnen registriert zu werden. Nana gelingt die Flucht durch ein Fenster, Satin lässt sich resigniert von der Polizei festnehmen und die beiden verlieren sich aus den Augen.
Der heruntergekommenen und abgewirtschafteten Dirne und ehemaligen Operettendiva Nana gelingt es, mit dem Grafen Muffat wieder zusammenzukommen, obwohl sie ihn seinerzeit barsch gedemütigt hatte. Der Graf ist Nana dermaßen verfallen, dass ihm nur wichtig ist, sie für sich alleine zu besitzen, was Nana ihm zunächst auch verspricht. Ein Haus, Dienerschaft, Stallungen und standesgemäße Ausstattung erwartet sie dafür als Gegenleistung. Von nun an schwelgt sie in beispiellosem Luxus, den ihr der Graf finanzieren muss. Nach und nach wird es Nana zu mühsam, die zahlreichen anderen Liebhaber vor dem Grafen geheim zu halten, und Muffat ist so abhängig von ihr, dass ihm nichts anderes übrig bleibt, als das Treiben seiner Mätresse zu tolerieren. Auch Satin ist wieder aufgetaucht. Sie wohnt bei Nana und die beiden setzen ihre Beziehung fort, wie sie vor der Beendigung durch die Polizei bestanden hatte. Sie leben ihre Liebe ungeniert aus; Muffat und die anderen Liebhaber sind für die beiden Frauen nicht mehr als notwendiges Übel, das ihnen den Lebensunterhalt finanziert.
Schließlich setzt sich Nana in den Kopf, wieder im Théâtre des Variétés eine tragende Rolle in der neuen Produktion übernehmen zu wollen. Sie zwingt den Grafen Muffat, der ein Finanzier des Theaters ist, ihr diese zu beschaffen. Sie droht, die Affäre zu beenden, wenn er scheitert, ihr die Rolle der tugendsamen Ehefrau in dem neuen Stück zu sichern. Muffat zweifelt zunächst, ob die stadtbekannte Kurtisane die Rolle glaubhaft darstellen könne, und fürchtet um seinen Ruf. Sie bekommt zwar die Rolle, macht sich im Theater aber zahlreiche Feinde. Außerdem kann sie als tugendsame Frau weit schlechter überzeugen, als es ihr in der erotisierten Darstellung der „blonden Venus“ gelungen ist. Nana verliert deshalb auch schnell wieder das Interesse an der Schauspielerei.