mini|Sternberger Notgeldschein von 1922 – Bildunterschrift: „Der Feuertod der Hostienfrevler zu Sternberg 24 Okt. 1492“

Der Sternberger Hostienschänderprozess, auch als Sternberger Judenprozess oder Sternberger Judenpogrom bezeichnet, war ein öffentlich geführter Prozess gegen Juden aus ganz Mecklenburg, denen man Hostienfrevel vorwarf. Im Ergebnis wurden 27 Juden zum Feuertod verurteilt und am 24. Oktober 1492 vor den Toren der Stadt Sternberg auf dem Scheiterhaufen hingerichtet. Der Hügel, auf dem der Scheiterhaufen stand, wird bis heute Judenberg genannt.Fritz Backhaus: Die Hostienschändungsprozesse von Sternberg (1492) und Berlin (1510)… 1988, S. 10, (Zahlenangaben unter Verweis auf Simon Koch: Van der mishandelinge des hilligen Sacraments der bößen ioden to den Sternberge, 6 Bl.4°, Magdeburg 149).Johannes Erichsen (Hrsg.): 1000 Jahre Mecklenburg.[…]. Rostock 1995, S. 247/248, unter Bezug auf: Fritz Backhaus: Die Hostienschändungsprozesse von Sternberg (1492) und Berlin (1510)… 1988, S. 7–26; Rosemarie Schuder, Rudolf Hirsch: Der gelbe Fleck, Wurzeln und Wirkungen des Judenhasses in der deutschen Geschichte. Berlin 1989, S. 129–144.Peter Ortag: Jüdische Kultur und Geschichte. Vorwort S. 7, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2004.

Legende und historischer Hintergrund mini|Die angeblichen Fußabdrücke der Frau des EleasarNach einer jüdischen Sage stammen die Fußabdrücke vom zum Feuertod verurteilten Rabbiner der Gemeinde. Unter Zurücklassung der Fußspuren soll dieser, als er den Scheiterhaufen besteigen sollte, plötzlich verschwunden sein. (Donath 1874, S. 54).

Nach einer in verschiedenen Varianten überlieferten Legende ging dem Sternberger Judenpogrom Folgendes voraus:

Am 20. Juli 1492 hatte die Tochter des in Sternberg wohnenden Juden Eleasar geheiratet.Georg Christian Friedrich Lisch: Hauptbegebenheiten in der ältern Geschichte der Stadt Sternberg. 1847, S. 213. Im darauffolgenden Monat zeigte Peter Däne – Vikar an dem Altare Aller Heiligen in Sternberg – die auf der Hochzeitsfeier anwesenden Juden, darunter viele aus ganz Mecklenburg, wegen Hostienfrevels beim Schweriner Dompropst an.Georg Christian Friedrich Lisch: Hauptbegebenheiten in der ältern Geschichte der Stadt Sternberg. 1847, S. 214. Däne behauptete, die Frau des Juden Eleasar habe ihm am 21. August 1492 geschändete und blutbefleckte Hostien übergeben, nachdem ihr Versuch, diese in den Mühlbach zu werfen, gescheitert war. Anschließend, so Däne, habe er die Hostien auf dem ehemaligen Fürstenhof in Sternberg vergraben. Die anscheinend von Blut rot verfärbten Hostien wurden am 29. August 1492 an der von ihm bezeichneten Stelle gefunden. Daraufhin ließen die Landesherren alle Mecklenburger Juden verhaften und unterzogen sie am 22. Oktober 1492 in Sternberg einer peinlichen Befragung.Georg Christian Friedrich Lisch: Hauptbegebenheiten in der ältern Geschichte der Stadt Sternberg. 1847, S. 215. Im Ergebnis der Verhöre wurden 65 Juden für schuldig befunden, fünf sollen die Hostien durchstochen und 60 Beihilfe geleistet haben. Der Jude Eleasar war nicht auffindbar.Georg Christian Friedrich Lisch: Hauptbegebenheiten in der ältern Geschichte der Stadt Sternberg. 1847, S. 216. Sein Haus wurde abgebrochen und lag als „verbannter Platz“ noch lange wüst. Die Urgicht, das durch Folter erpresste Geständnis des Hostienfrevels, wurde als Inschrift in eine Brettertafel eingearbeitet.Andreas Röpcke: (Landesamt für Kultur und Denkmalpflege / Landesarchiv / Jahr 2008 / Archivalie des Monats April – abgerufen am 11. Juni 2012) In diesem den Prozess abschließenden Geständnis der Juden und des Priesters behauptete Peter Däne, er selbst habe dem Juden Eleasar zwei geweihte Hostien im Tausch gegen einen zuvor verpfändeten Grapen ausgeliefert.Georg Christian Friedrich Lisch: Hauptbegebenheiten in der ältern Geschichte der Stadt Sternberg. 1847, S. 211–215. Nach dem Verhör wurde Däne nach Rostock gebracht, durch ein geistliches Gericht zum Feuertod verurteilt und am 13. März 1493 vor der Stadt hingerichtet.Georg Christian Friedrich Lisch: Hauptbegebenheiten in der ältern Geschichte der Stadt Sternberg. 1847, S. 217. Die Tafel mit der Urgicht wurde im Sternberger Rathaussaal – dem Versammlungsraum des Mecklenburger Landtages – angebracht. Sie wurde 1659 bei einem Feuer zerstört. Der Text liegt heute als Abschrift vor, während ein erstes Verhörprotokoll – unmittelbar nach Anzeige des Hostienfrevels aufgenommen – im Landeshauptarchiv Schwerin im Original aufbewahrt wird.Abdruck der Urgicht vom 22. Oktober 1492 und des ersten Verhörprotokolls vom 29. August 1429 bei Georg Christian Friedrich Lisch: Hauptbegebenheiten in der ältern Geschichte der Stadt Sternberg. 1847, S. 256 – 260 (nach Abschriften im großherzoglichen Archiv zu Schwerin). Eine weitere Abschrift der Urgicht wird in der Handschriftensammlung Flateyjarbók, S. 1374–4°, fol 987r-990v. in der königlichen Bibliothek Kopenhagen aufbewahrt. ( Volker Honemann In: Die Sternberger Hostienschändung und ihre Quellen.) Die Urgicht hatten die Juden im Beisein der Mecklenburger Herzöge Magnus II. und Balthasar, der Landesherren der angrenzenden Fürstentümer sowie mehrerer Bischöfe, geleistet.Volker Honemann: Die Sternberger Hostienschändung und ihre Quellen. 2008. Genannt werden im Magdeburger Einblattdruck von 14921-Blatt-Druck von Simon Koch: „Geschichte der Juden mit dem Sakrament.“1 Bl. 2°, niederdeutsch, Magdeburg um 1492. (das wohl einzige Exemplar in der Dombibliothek Hildesheim) der Kurfürst Johann von Brandenburg (Cicero), Herzog Heinrich der Ältere von Braunschweig und Lüneburg, der Herzog Bogislaw X. von Pommern, der Erzbischof von Magdeburg Ernst II. von Sachsen, der Bischof von Ratzeburg Johannes Parkentin, der Bischof von Cammin Benedikt von Waldstein und der Bischof von Schwerin Konrad Loste, in dessen Bistum Sternberg lag.Volker Honemann: Die Sternberger Hostienschändung und ihre Quellen. 2008, unter Bezug auf den 1–Blattdruck von Simon Koch: Van der mishandelinge des hilligen Sacraments der bößen ioden to den Sternberge. Magdeburg, 1492. Die Magdeburger Flugschrift von 1492 schließt mit einem Aufruf an alle Fürsten und Stadträte, ihre Juden ebenfalls zu vertreiben.Fritz Backhaus: Die Hostienschändungsprozesse von Sternberg (1492) und Berlin (1510)… 1988, S. 12.

Politische Folgen des Sternberger Judenpogroms Nach dem Sternberger Judenpogrom mussten alle Juden – insgesamt 247 Personen – Mecklenburg verlassen. Ihr Vermögen wurde von den Mecklenburger Herzögen eingezogen und sämtliche Schulden für ungültig erklärt. Die Jüdischen Gemeinden außerhalb Mecklenburgs verhängten daraufhin einen Bann über das Land. Dieser verbot es den Juden fortan, sich in Mecklenburg niederzulassen. Erst als Anfang des 18. Jahrhunderts der Bann seine Wirkung verlor, siedelten sich wieder jüdische Familien in Mecklenburg an.Heinz Hirsch: Spuren jüdischen Lebens in Mecklenburg. In: Reihe Geschichte Mecklenburg-Vorpommern, Hrsg. Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern, Nr. 4. Schwerin 2006, S. 12. (Digitalisat, PDF 5,7 MB)Jürgen Borchert: Dr. Donaths »Geschichte der Juden«. In: Des Zettelkastens anderer Teil. Hinstorff Verlag, Rostock 1988, ISBN 3-356-00149-3, S. 81–83 unter Bezug auf Dr. Ludwig Donath: Geschichte der Juden in Mecklenburg. Leipzig 1874.

Ebenso wie die Mecklenburger Herzöge vertrieb 1492 auch der Herzog von Pommern, Bogislaw X., die ansässigen Schutzjuden aus seinem Herrschaftsbereich.Fritz Backhaus: Die Hostienschändungsprozesse von Sternberg (1492) und Berlin (1510)… 1988, S. 10 unter Bezug auf Ulrich Grotefend: Geschichte und rechtliche Stellung der Juden in Pommern von den Anfängen bis zum Tode Friedrich des Großen. Dissertation, Marburg 1931, S. 137.Karl-Otto Konow: Die Judenverfolgung in Pommern im Jahre 1492, Die Darstellung im Schrifttum, In: Digitale Bibliothek Mecklenburg-Vorpommern, Neue Folge Band 78, S. 17 ff. (Volltext) Dabei handelte es sich um 22 im Judenprivileg vom 30. Dezember 1481 namentlich aufgeführte Juden und deren Familien, die in den Städten Damm, Pyritz, Gartz und Greifenhagen lebten. Erst für das zweite Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts ist der Aufenthalt von Juden in Pommern wieder nachweisbar.

1493 verwies der Erzbischof von Magdeburg, der am Sternberger Hostienschänderprozess als Richter beteiligt war,Jörg Rogge: Ernst von Sachsen, Erzbischof von Magdeburg und Administrator von Halberstadt (1476–1513). In: Werner Freitag [Hrsg]: Mitteldeutsche Lebensbilder. Menschen im späten Mittelalter. ISBN 3-412-04002-9, Köln 2002, S. 65 – Anmerkung 103, (herausgegeben im Auftrag der Kommission für Sachsen-Anhalt). alle Juden aus dem Erzstift Magdeburg. Sudenburg-Chronik, insbesondere die Jahre 1492 und 1493 Vorausgegangen waren 1492 heftige Auseinandersetzungen zwischen dem Erzbischof als dem Schutzherren der Juden und dem Rat der Altstadt Magdeburg. Grund war ein Konflikt zwischen Bürgern der Stadt und der Jüdischen Gemeinde in der Magdeburger Vorstadt Sudenburg im Mai 1492, bei dem der Erzbischof die Juden noch verteidigte. Die Magdeburger Juden erhielten den Erlös aus dem Verkauf ihrer Grundstücke, die der Rat von Sudenburg auf erzbischöflichen Befehl erwerben musste, und durften ihre fahrende Habe mitnehmen.ADB:Ernst (Erzbischof von Magdeburg) Für den Gebrauch der Grundstücke musste der Sudenburger Rat jährlich zweimal 65 rheinische Gulden Zins für den erzbischöflichen Tisch zahlen. Das ehemalige Judendorf erhielt den Namen Mariendorf und wurde zu einem Teil von Sudenburg. Die Synagoge wurde in eine Marienkapelle umgewandelt, ebenso wie zwischen 1349 und 1519 im deutschsprachigen Raum noch 15 weitere.Jörg Rogge: Ernst von Sachsen, Erzbischof von Magdeburg und Administrator von Halberstadt (1476–1513). In: Mitteldeutsche Lebensbilder, Menschen im späten Mittelalter. Hrsg. Werner Freitag im Auftrag der Historischen Kommission für Sachsen-Anhalt, Köln 2002, ISBN 3-412-04002-9, S. 46 f. sowie Anmerkung 106: Zu den Umwandlungen von Synagogen in Marienkirchen „sowie zu den Motiven für diese Umwandlungen Hedwig Röcklein, Marienverehrung und Judenfeindlichkeit in Mittelalter und früher Neuzeit, in: Claudia Opitz u. a. (Hrsg.), Maria in der Welt. Marienverehrung im Kontext der Sozialgeschichte 10. – 18. Jahrhundert, Zürich 1993, S. 279–307.“