Pieta (; italienischer Festivaltitel: Pietà) ist ein Spielfilm des südkoreanischen Filmemachers Kim Ki-duk aus dem Jahr 2012. Das Drama, nach der gleichnamigen Darstellung Marias mit dem Leichnam Jesu Christi benannt, stellt einen brutalen Schuldeneintreiber aus Seoul (gespielt von Lee Jung-jin) in den Mittelpunkt, der durch das Zusammentreffen mit seiner angeblichen Mutter (Cho Min-soo), die er nie gekannt hat, geläutert wird.Zander, Peter: Ein Mutterherz kann viel verzeihen. In: Die Welt, 10. September 2012, S. 22. Die Low-Budget-Produktion, für die Kim auch das Drehbuch verfasste sowie als Filmeditor tätig war, entstand nach einer dreijährigen Schaffenskrise des Regisseurs und steht eigenen Angaben zufolge für einen Neubeginn seiner Karriere.
Der von Kim als Kapitalismuskritik konzipierte Film, mit vielen Gewaltszenen und christlicher Symbolik, wurde am 4. September 2012 im Rahmen des Wettbewerbs der 69. Internationalen Filmfestspiele von Venedig öffentlich uraufgeführt und gewann als erster koreanischer Beitrag den Goldenen Löwen, den Hauptpreis des Festivals. In Südkorea lief Pieta am 6. September 2012 in den Kinos an, in Deutschland am 8. November 2012.
Handlung mini|Der Cheonggyecheon in der Innenstadt von Seoul. Eine Hochhaussiedlung bedroht auch das im Film vorgestellte Industrieviertel. Der alleinstehende Lee Kang-do arbeitet als Geldeintreiber für einen Kredithai in Seoul. Jeden Tag sucht der 30-jährige Mann die in der Innenstadt gelegenen heruntergekommenen Gewerbebetriebe am Fluss Cheonggyecheon auf. In dem ärmlichen Industrieviertel, das durch den geplanten Bau einer Hochhaussiedlung verdrängt zu werden droht, kassiert er für seinen Chef die fälligen Geldbeträge ein. Können die säumigen Kleinunternehmer nicht zahlen, rechnet der als „Teufel“ verschriene Kang-do brutal mit ihnen ab. Ohne jeden Skrupel verkrüppelt er die Schuldner, teilweise auch vor Familienangehörigen. Wahlweise nutzt er dazu ihre eigenen Maschinen bzw. wirft sie von hohen Gebäuden, um ihnen dauerhaft die Gelenke zu brechen. Dadurch kommt Kang-dos Chef in den Genuss der fällig werdenden Invaliditätsversicherung, die die Zahlungsunfähigen neben ihrem Kredit abgeschlossen haben.
Eines Tages folgt Kang-do in Cheonggyecheon eine ältere, attraktive Frau Mitte 40. Wenig später klopft sie an seine Wohnungstür, tritt unvermittelt ein und beginnt sein Zuhause zu säubern. Sie wird von Kang-do hinausgeworfen, folgt ihm aber trotz Gewalt und Todesandrohung am nächsten Tag zu einem Auftrag. Die geheimnisvolle Frau namens Jang Mi-sun behauptet, seine Mutter zu sein, die ihn kurz nach der Geburt weggegeben hat. Sie gibt vor, sich mitschuldig an seinem Abgleiten in die Kriminalität zu fühlen und bittet ihn um Verzeihung. Mi-sun hilft Kang-do dabei, einen säumigen Zahler zu verkrüppeln und hinterlässt ihm später zum Mittagessen einen Aal in seiner Wohnung. Der skeptische und ablehnende Schuldeneintreiber, der niemals eine Familie hatte, vergewaltigt sie aber, um ihre Glaubwürdigkeit auf die Probe zu stellen („Wenn du sagst, dass Du nicht meine Mutter bist, werde ich stoppen“Levantesi Kezich, Alessandra: Wellington l'ultimo regalo a Raoul Ruiz. In: La Stampa, 5. September 2012, S. 31.). Nachdem Mi-sun ihre Entschlossenheit erfolgreich unter Beweis gestellt hat, akzeptiert Kang-do sie als seine Mutter. Sie zieht daraufhin bei ihm ein, kümmert sich um den Haushalt und bekocht ihn.
Kang-do verändert sich durch das Zusammenleben mit Mi-sun und kann seiner Arbeit bald nicht mehr mitleidlos wie früher nachgehen. Bei einem seiner Streifzüge lässt er einen jungen Schuldner unversehrt, der seinem ungeborenen Kind eine bessere Zukunft bieten wollte. Der naive Handwerker, der unfreiwillig Kang-dos Eifersucht provoziert, verstümmelt sich daraufhin selbst an einer seiner Maschinen, um einen Teil der Versicherungssumme zu kassieren. Gleichzeitig macht Kang-do die Anwesenheit seiner Mutter verwundbarer gegenüber seinen rachsüchtigen Opfern. Unter anderem kann er Mi-sun bei einem Überfall aus der Gewalt des Schuldners Tae-seung befreien, der sich für seine Verkrüppelung an Kang-do rächen wollte. Der Geldeintreiber beschließt daraufhin, seine Arbeit aufzugeben.
Als Mi-sun plötzlich verschwindet, sucht Kang-do verzweifelt nach ihr. Er beginnt seine ehemaligen Opfer und auch seinen Arbeitgeber aufzusuchen, die ihm verdächtig erscheinen. Dabei wird Kang-do mit den Folgen seines Handelns konfrontiert – einige seiner Opfer sind als Bettler auf der Straße geendet oder dem Alkohol verfallen. Er beginnt an der Bedeutung von Geld zu zweifeln, das Mi-sun als „Anfang und Ende aller Dinge“ bezeichnet hatte. Es stellt sich aber heraus, dass Mi-sun die Mutter eines früheren Schuldners Kang-dos ist, der Suizid beging. Sie will sich durch ihre Annäherung und einen geplanten Suizid an dem ahnungslosen Kang-do rächen und diesen in den Wahnsinn treiben. Allerdings empfindet sie mittlerweile auch Mitgefühl für ihn und zweifelt an ihrem Vorhaben.
Mi-sun täuscht schließlich eine Entführung und Geiselnahme vor. Sie stürzt sich vor Kang-dos Augen von einem baufälligen Gebäude in den Tod, noch bevor sie von der Mutter eines früheren verkrüppelten Schuldners hinuntergestürzt werden kann. Als Kang-do Mi-suns Leichnam unter einer früher mit ihr gepflanzten Kiefer am Fluss begraben möchte, findet er die Leiche ihres wirklichen Sohnes. Der Leichnam trägt einen von Mi-sun gestrickten Pullover, von dem Kang-do annahm, dass er für ihn bestimmt sei. Kang-do zieht den Pullover über und ruht neben den Leichen von Mi-sun und ihrem Sohn im ausgehobenen Grab, bevor er beide wieder unter der Kiefer bestattet. Er sucht in der folgenden Nacht die Hütte eines früheren Schuldnerpaares auf und kettet sich heimlich an ihren Lieferwagen. Als die Frau des Schuldners am frühen Morgen den Lieferwagen startet, um zur Arbeit zu fahren, reißt sie Kand-dos Körper unwissentlich entzwei.
Entstehungsgeschichte Schaffenskrise des Regisseurs und fehlgeschlagene Dreharbeiten im Ausland mini|Regisseur Kim Ki-duk im Jahr 2011 Pieta, der im Vorspann explizit als 18. Film von Kim Ki-duk angekündigt wird, folgte einer Schaffenskrise des Regisseurs, nachdem es bei den Dreharbeiten zu Dream (2008) einen Unfall gegeben hatte, bei dem eine Schauspielerin fast zu Tode gekommen wäre. Anderen Angaben zufolge soll er sich von seinem damaligen Regieassistenten Jang Hun „verraten“ gefühlt haben, mit dem er mehrfach zusammengearbeitet hatte und für den er das Drehbuch zu dessen eigenem Regiedebüt Rough Cut verfasste. Jang Hun unterschrieb wenig später einen Vertrag bei ShowBox, einer der größten koreanischen Filmproduktionsfirmen.Lee, Claire: Kim starts shooting 18th film. In: The Korea Herald, 20. Februar 2012 (abgerufen via LexisNexis Wirtschaft). Jang Huns nachfolgender Film Blood brothers avancierte mit 5,46 Millionen Zuschauern zum Publikumserfolg in Südkorea, während Kims Werke in der Vergangenheit bei weitem nie solche hohe Zuschauerzahlen erreichen konnten. Er kritisierte seinen früheren Mitarbeiter später, dass dieser der „Versuchung des Kapitalismus“ nicht hätte widerstehen können. Park Min-young: Kim Ki-duk's one-man production creates a stir. In: The Korea Herald, 16. Mai 2011 (abgerufen via LexisNexis Wirtschaft).
Traumatisiert und unter schweren Depressionen leidend, begann Kim drei Jahre lang ein Einsiedlerleben in den Bergen, abseits der Filmindustrie und anderer sozialer Kontakte, zu führen. Diese Zeit hielt er mit dem preisgekrönten dokumentarischen Essayfilm Arirang – Bekenntnisse eines Filmemachers (2011) fest.Schweizerhof, Barbara: Tagebuchfilm: In der Einsamkeit hilft nur noch Alkohol bei welt.de, 2. Februar 2012 (abgerufen am 12. September 2012).Buss, Esther: Arirang – Bekenntnisse eines Filmemachers. In: film-dienst 2/2012 (abgerufen via Munzinger Online). Obwohl zwischenzeitlich mit Amen (2011) ein neuer in Europa abgedrehter Spielfilm von ihm erschienen war, begriff er Pieta als einen Neuanfang. Zuvor war Kim selbst unsicher gewesen, ob er das Filmemachen noch beherrsche.
Eigenen Angaben zufolge wollte Kim das Filmprojekt ursprünglich in Paris spielen lassen und Jude Law und Isabelle Huppert die Hauptrollen anvertrauen. Dieser Plan habe sich jedoch aufgrund der engen Zeitpläne der beiden Schauspieler zerschlagen. Ernüchtert über die langwierige Terminfindung für Castings in Europa, übersiedelte Kim nach einem dreimonatigen Aufenthalt nach Japan, um dort den Film zu realisieren. Aber auch in Japan kam das Filmprojekt nicht zustande, woraufhin Kim auf sein Heimatland Südkorea auswich, um dort den Film abzudrehen.
Dreharbeiten in Südkorea Kim drehte Pieta an realen Schauplätzen in Cheonggyecheon, wo er eigenen Angaben zufolge selbst seine Kindheit verbracht und in den Fabriken gearbeitet hat. Insgesamt lebte er 15 bis 20 Jahre dort. Der heruntergekommene Stadtteil galt früher als ein Wahrzeichen des industriellen Aufschwungs Südkoreas.Zander, Peter: Einer muss der Favorit sein. In: Berliner Zeitung, 6. September 2012, Nr. 244, S. 21.
Als Vorbereitungszeit für den Dreh gab Kim zehn Tage an. Die Dreharbeiten selbst, die im Februar 2012 begannen, hätten 20 Tage, die Postproduktion 30 Tage angedauert. Mit Produktionskosten in Höhe von 150 Mio. Won (ca. 103.000 Euro) wurden nur 1/30 an finanziellen Mitteln für einen durchschnittlichen koreanischen Spielfilm benötigt, um Pieta zu finanzieren.Lee, Claire: Kim Ki-duk returns with brutal revenge tale. In: The Korea Herald, 6. September 2012 (abgerufen via LexisNexis Wirtschaft). Für den heimischen Verleih konnte vorab Next Entertainment World (NEW) gewonnen werden, das zu den drei größten Verleihfirmen des Landes zählt.Finecut launches sales on Kim Ki-duk's Pieta. In: Screen International, 10. Februar 2012 (abgerufen via LexisNexis Wirtschaft).
Kapitalismuskritik und christliche Symbolik mini|Michelangelos Römische Pietà im Petersdom, an die unter anderem die Plakatwerbung des Films angelehnt wurde Kim, der auch das Drehbuch schrieb, wollte seinen Film vor allem als Kapitalismuskritik verstanden wissen. Das Geld sei der „dritte Akteur“ in Pieta.AFP: Südkoreanischer Film "Pieta" gewinnt Goldenen Löwen in Venedig. 9. September 2012 (abgerufen via LexisNexis Wirtschaft). Sein Werk handle davon, „[…] wie die Finanziers der kapitalistischen Gesellschaft die Welt schlecht machen, und zwar weltweit. […] von den Verlierern dieses Systems, den Zukurzgekommenen, die keine Lobby haben. Ich [Kim] zeige die negativen Seiten des Kapitalismus und die Probleme, die das aufwirft und vor denen wir Angst haben sollten.“, so Kim. Auf die Frage nach der Metapher der verkrüppelten Werkarbeiter gab er jedoch an, einen fiktiven Film mit dramatischen Effekten gedreht zu haben. Die im Film auftauchenden Gewaltszenen seien für den Regisseur „ganz eminent“ für die Geschichte und hätte man „nicht anders“ beziehungsweise „nicht milder“ darstellen können.