mini|Stanislaw Petrow, 2016

Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow (, wiss. Transliteration Stanislav Evgrafovič Petrov; * 7. September 1939Ingeborg Jacobs: Stanislaw Petrow: Der Mann, der den Atomkrieg verhinderte. Wer rettet uns das nächste Mal? Frankfurt am Main 2015: 49. in Tschernigowka bei Wladiwostok;Ingeborg Jacobs: Stanislaw Petrow: Der Mann, der den Atomkrieg verhinderte. Wer rettet uns das nächste Mal? Frankfurt am Main 2015: 48. † 19. Mai 2017 in Frjasino bei Moskau) war ein Oberstleutnant der sowjetischen Luftverteidigungsstreitkräfte. Am 26. September 1983 stufte er als leitender Offizier in der Kommandozentrale der sowjetischen Satellitenüberwachung einen vom System gemeldeten Angriff der USA mit nuklearen Interkontinentalraketen auf die UdSSR korrekt als Fehlalarm ein. Der Fehlalarm wurde durch einen Satelliten des sowjetischen Frühwarnsystems ausgelöst, der aufgrund einer fehlerhaften Software einen Sonnenaufgang und Spiegelungen in den Wolken als Raketenstart in den USA interpretierte. Durch eigenverantwortliches Eingreifen und Stoppen vorschneller Reaktionen verhinderte Petrow womöglich das Auslösen eines Atomkriegs, des befürchteten Dritten Weltkriegs.Benjamin Bidder: Der Mann, der den Dritten Weltkrieg verhinderte, in: einestages, 21. April 2010.

Aus Gründen der militärischen Geheimhaltung und wegen politischer Spannungen wurde Petrows Vorgehen erst in den 1990er Jahren publik.Laut Interview mit Petrow, FAZ.NET (18. Februar 2013, abgerufen am 21. Februar 2013), 1993 durch einen Artikel in der Prawda; ebenso das Interview in welt.de (29. Februar 2012, abgerufen am 21. Februar 2013); laut Spiegel Online (21. April 2010, abgerufen am 21. Februar 2013) 1998 durch ein Interview mit Generaloberst Votintsev.

Familie und Anfang der Militärlaufbahn Sein Vater Jewgraf flog im Zweiten Weltkrieg Kampfflugzeuge. Seine Mutter war Krankenschwester.

Petrow war mit Raisa verheiratet. Er hatte einen Sohn Dmitri und eine Tochter Jelena. Seine Frau starb 1997 an Krebs.

Petrow schrieb sich an der Kiewer Militärakademie für Luftfahrttechnik der sowjetischen Luftstreitkräfte ein und trat nach seinem Abschluss im Jahr 1972 den sowjetischen Luftverteidigungskräften bei. Anfang der 1970er Jahre wurde er der Organisation zugeteilt, die das neue Frühwarnsystem zur Erkennung ballistischer Raketenangriffe aus NATO-Staaten überwachte.

Hintergrund (Kalter Krieg) Spätestens seit 1947 eskalierte der Konflikt zwischen den USA und der UdSSR zum sogenannten Kalten Krieg. Die Spannungen zwischen den beiden Supermächten führten zur Bildung der beiden Bündnissysteme NATO und Warschauer Pakt. Um 1950 begann ein beispielloses Wettrüsten. Eine Nuklearstrategie bildete sich rund um die Kernwaffen heraus. Den anfänglichen Vorsprung der USA bei den strategischen Nuklearwaffen (vgl. Interkontinentalraketen, strategische Bomber) hatte die UdSSR bis gegen Ende der 1960er Jahre durch eine massive Nachrüstung ihrer land- und seegestützten Interkontinentalraketen ausgeglichen, so dass ungefähre Parität hergestellt war. Eine Phase der Entspannungspolitik und die SALT-Verhandlungen Anfang der 1970er Jahre konnten das weitere Anwachsen der Arsenale nicht stoppen. Beide Parteien versuchten, ihre Positionen mit Hilfe neuer Technologien (vgl. z. B.: Mehrfachsprengköpfe) zu festigen.

Als sich die Spannungen um 1980 erneut verschärften, hatten beide Seiten bereits ein Vielfaches der zum Auslöschen des Gegners – und der restlichen Menschheit – erforderlichen nuklearen Zerstörungskraft akkumuliert (Overkill). Im Fall eines gegnerischen Erstschlages sollte die Vergeltung in Form der totalen Vernichtung des Angreifers ausgelöst werden (Mutual assured destruction). Im Jahr 1983 war das Verhältnis zwischen den beiden Blöcken wegen Ronald Reagans Bezeichnung der Sowjetunion als „Reich des Bösen“ und der Ankündigung des Raketenabwehrprogramms SDI im März sowie als Folge des Abschusses des Korean-Air-Lines-Flugs 007 durch die Sowjetunion am 1. September zusätzlich gespannt. Zumindest das KGB war zusätzlich wegen wahrgenommenen Planungen der im November stattfindenden US-Kommandostabsübung Able Archer 83 beunruhigt.

Der Vorfall am 26. September 1983

Oberstleutnant Stanislaw Petrow war am 26. September 1983 diensthabender Offizier im Serpuchow-15-Bunker (ungefähr 50 Kilometer südlich von Moskau). Seine Aufgabe bestand in der computer- und satellitengestützten Überwachung des Luftraumes. Im Fall eines nuklearen Angriffes auf die UdSSR sah die Strategie einen mit allen Mitteln geführten sofortigen nuklearen Gegenschlag vor.

Kurz nach Mitternacht meldete der Computer den Start einer auf die Sowjetunion gerichteten Atomrakete im US-Bundesstaat Montana. Ab einem feindlichen Raketenstart hatte die sowjetische Führung 28 Minuten Zeit, um – unwiderruflich – über einen Gegenschlag zu entscheiden. Petrow blieb eine Viertelstunde für die Unterrichtung seines Vorgesetzten. Da der Raketenstart laut dem System nur von einer einzigen Basis erfolgt sein sollte, hielt Petrow einen Erstschlag für unwahrscheinlich. Zusätzlich war die Verlässlichkeit des Satellitensystems (Kosmos 1382) zuvor mehrfach in Frage gestellt worden. Auf Satellitenaufnahmen der US-Militärbasis konnte Petrow keine Rakete erkennen. Da die Basis jedoch zu dem Zeitpunkt genau auf der Tag-Nacht-Grenze lag, hatten die Bilder nur eingeschränkte Aussagekraft. Petrow meldete der Militärführung einen Fehlalarm.Heike Vowinkel: „Um 0.15 Uhr ging die Hölle los“ Interview mit Petrow in Welt Online. 27. Februar 2012, abgerufen am 28. Februar 2012. Kurze Zeit später meldete das Computersystem eine zweite, dritte, vierte und fünfte abgefeuerte Rakete. Da das Satellitensystem letztlich keine weiteren Raketen meldete, ging Petrow weiterhin von einem Fehlalarm aus, da ein tatsächlicher Atomschlag seiner Ansicht nach mit deutlich mehr Raketen hätte stattfinden müssen.Friedrich Schmidt: Der Mann, der die Welt rettete. Zum Tod von Stanislaw Petrow, der als sowjetischer Oberstleutnant einst einen Atomkrieg verhinderte. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20. September 2017, S. 7. Dabei standen ihm keine anderen Daten zur Verfügung, um seine Einstufung im maßgeblichen Zeitraum überprüfen zu können. Das landgestützte sowjetische Radar konnte keine zusätzlichen Daten liefern, da dessen Reichweite dafür zu gering war. Erst nach 17 Minuten wurde aus den Daten der Bodenradare klar, dass tatsächlich keine Raketen heranflogen.

Petrow stand während dieser Entscheidungsphase unter erheblichem Druck: Einerseits würde eine Weiterleitung von fehlerhaften Satellitendaten (Fehlwarnung) zu einem sowjetischen atomaren Erstschlag führen. Andererseits würden im Falle eines tatsächlichen US-amerikanischen Angriffs umgehend dutzende nukleare Sprengköpfe auf sowjetisches Territorium niedergehen und seine Einstufung der Satellitenwarnung als Falschmeldung eine gravierende Einschränkung der sowjetischen Handlungsoptionen bedeuten. Dies hatte auch den Hintergrund, dass die Sowjetunion damals eine dezentral organisierte Zweitschlagfähigkeit als Gegenmaßnahme gegen Enthauptungsstrategien erst teilweise aufgebaut hatte.

Am Morgen stellte sich heraus, dass das satellitengestützte sowjetische Frühwarnsystem Sonnenreflexionen auf Wolken in der Nähe der Malmstrom Air Force Base in Montana, wo auch US-amerikanische Interkontinentalraketen stationiert waren, als Raketenstarts fehlinterpretiert hatte.

Auch wenn den Befehl zum Gegenschlag letztlich noch das sowjetische Oberkommando und die Staatsführung hätten geben müssen, hatte Petrow durch sein Verhalten die hierarchische Kettenreaktion bis zu einem möglichen Nuklearkrieg rechtzeitig unterbrochen.

Weiterer Lebensweg Petrow wurde für sein Verhalten seitens seiner Vorgesetzten weder belobigt noch belohnt – aber auch nicht bestraft. Eine ursprünglich für sein Handeln geplante Ordensverleihung blieb aus, denn als sich der Grund für die Anfälligkeit des Systems herausgestellt hatte, zogen Vorgesetzte die Geheimhaltung vor, um ihr eigenes Gesicht zu wahren. Jedoch erhielt er später einen Orden für andere Verdienste um den Aufbau der Anlage und wurde schließlich noch befördert. Er verließ das Militär im Folgejahr aus rein familiären Gründen, kehrte jedoch später als Zivilist wieder auf seinen früheren Posten zurück. Petrow starb am 19. Mai 2017 im Alter von 77 Jahren in Frjasino bei Moskau, wo er die letzten Jahrzehnte seines Lebens gewohnt hatte.

Ehrungen und Gedenken Der Unternehmer Karl Schumacher aus OberhausenDer Bestatter, der den Retter der Welt ausgrub bei rp-online.de, abgerufen am 14. Juli 2019. besuchte Petrow 1998 in Russland, um sich für dessen Verhalten zu bedanken, und lud ihn nach Deutschland ein. 1999 besuchte Petrow Oberhausen, gab Radio- und Fernsehinterviews und diskutierte mit Oberhausener Schülern.

Die Association of World Citizens mit Sitz in San Francisco zeichnete Petrow sowohl am 21. Mai 2004 in Moskau – wo ihm mit der Auszeichnung auch 1000 US-Dollar überreicht wurden – als auch am 19. Januar 2006 im UNO-Hauptquartier in New York mit dem World Citizen Award aus.

mini|Petrow (links) bei der Verleihung des Dresden-Preises, 2013 Am 24. Februar 2012 wurde Stanislaw Petrow mit dem Deutschen Medienpreis ausgezeichnet. Am 17. Februar 2013 wurde ihm in der Dresdner Semperoper der mit 25.000 Euro dotierte Dresden-Preis 2013 verliehen.Porträt von Stanislaw Petrow online auf Dresdner Friedenspreis (Friends of Dresden Deutschland e. V.). Abgerufen am 23. April 2019.„Ich wollte nicht schuld sein am Dritten Weltkrieg.“ Auf dradio.de, 17. Februar 2013. Abgerufen am 16. März 2013.

Anfang Juli 2018 ging bei der Stadt Bonn ein Bürgerantrag ein, einen Platz nach Petrow und Wassili Archipow, der vermutlich ebenfalls einen Atomkrieg verhindert hatte, in Archipov-Petrov-Platz umzubenennen.Gedenken an zwei Weltenretter, Neues Deutschland, 31. August 2018. Der Antrag wurde allerdings abgelehnt.Archipov-Petrov-Platz für Bonn abgelehnt, Neues Deutschland, 7. September 2018.

Dokufiktion-Film „The Man Who Saved the World“ Der dänische Filmregisseur Peter Anthony begleitete Stanislaw Petrow über einen Zeitraum von 10 Jahren für den 2014 erschienenen (und mit nachgestellten Rückblenden versehenen) Dokufiktion-Film Der Mann, der die Welt rettete (im Original: The Man Who Saved the World).The man who saved the world / Der Mann, der die Welt rettete, 105 Min. (IMDb 2277106).. An diesem Film wurde später scharfe Kritik geäußert. Die Darstellung Petrows als „mürrischer, alkoholabhängiger verwahrloster Mann mit Mutterkomplex“ sei nichts weniger als „Rufmord“. Viele scheinbar authentische Szenen seien, für jeden Profi leicht erkennbar, manipuliert.Leo Ensel: Der Mann, der die Welt vor einem Atomkrieg rette (Teil 2) 5. Juni 2022, abgerufen am 31. Juli 2022.

Denkmal Zu seinem 2. Todestag im Jahr 2019 wurden in Oberhausen Gedenktafeln in drei Sprachen für Petrow aufgestellt. Die Inschrift lautet:

Es handelte sich hierbei um das weltweit erste Denkmal für Petrow überhaupt. Bei der Enthüllung der Tafeln waren die Tochter und der Sohn Petrows anwesend.

Der russische Dokumentarfilm „Petrow, Retter der Welt“ („Петров, спаситель мира“)