Wohnungsbesetzungen in der DDR waren eine Art der Nutzung einer Wohnung unter Umgehung des staatlichen Wohnraumvergabemonopols. Eine andere verbreitete Bezeichnung war Schwarzwohnen. Das Phänomen war eine Folge der Wohnungsbaupolitik der DDR ab den frühen 1970er Jahren, die sich ganz auf den Bau von Großwohnsiedlungen in Plattenbauweise an den Rändern der Städte konzentrierte und die Altbaugebiete, vorwiegend in den Stadtzentren, weitgehend dem Verfall preisgab. Während es insgesamt einen erheblichen Wohnraummangel gab, standen in diesen Gebieten viele meist heruntergekommene Wohnungen leer. Diese Situation nutzten vor allem junge Leute, um sich selbständig Wohnraum zu verschaffen. Prinzipiell waren Wohnungsbesetzungen unpolitische, praktische Aktionen der Selbsthilfe und wurden auch von den Behörden so behandelt. Diese im alltäglichen Sprachgebrauch häufig so genannten Schwarzwohner machten aber durch die Unterwanderung der staatlichen Kontrolle Erfahrungen selbstbestimmten Handelns und schufen sich individuelle Freiräume, die zumindest unterschwellig eine politische und kulturoppositionelle Dimension annehmen konnten.

Bezeichnung Für das Phänomen der Aneignung leerstehender Wohnungen gab es verschiedene Begriffe. Während beispielsweise in Sachsen „Schwarzwohnen“ verbreitet war, wurde vor allem in Berlin der Begriff „Wohnungsbesetzung“ verwendet.Udo Grashoff: Schwarzwohnen, Göttingen 2011, S. 11. In Halle sprach man auch vom „Wohnen im Abriss“,Udo Grashoff: „An der Grenze zum Slum“ – Von der Freiheit in der Armut. In: Horch und Guck 73 (2011), S. 40–43. in Rostock von „Erhaltungswohnen“.Harry Körber: Im Keller schnarchte die Katze – alternatives Altstadtleben vor der Wende, in: Ostpost 20 (01/2010.)

Vereinzelt wird der Begriff „Schwarzwohnen“ deshalb vermieden, weil es sich in aller Regel nicht um mietfreies Wohnen analog zum „Schwarzfahren“ handelte.Udo Grashoff: Schwarzwohnen, Göttingen 2011, S. 101. Unter „Schwarzwohnen“ konnte auch ein ebenfalls illegaler Untermietvertrag ohne Wohnungszuweisung verstanden werden.

Bereits in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gab es in Deutschland eine staatliche Zwangsbewirtschaftung von Wohnungen. Damals bezeichneten die Behörden illegale Bewohner als „Schwarzmieter“.Karl Christian Führer: Mieter, Hausbesitzer, Staat und Wohnungsmarkt. Wohnungsmangel und Wohnungszwangsbewirtschaftung in Deutschland 1914–1960. Steiner Verlag, Stuttgart 1995.

Wohnungsbau in der DDR mini|Plattenbauten in Berlin-Marzahn (1987) 1971 beschloss das Zentralkomitee der SED ein ambitioniertes Wohnungsbauprogramm, um das sozialpolitische Problem der akuten Wohnungsnot bis 1990 zu lösen.Hartmut Häußermann, Walter Siebel: Soziologie des Wohnens. Eine Einführung in Wandel und Ausdifferenzierung des Wohnens. Weinheim 1996, S. 169. Zu diesem Zeitpunkt waren 600.000 Wohnungssuchende registriert und die durchschnittliche Wartezeit auf eine Wohnung betrug zehn Jahre. Die Lösung der Wohnungsfrage galt als die zentrale Aufgabe der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik.Christine Hannemann: Die Platte. Industrialisierter Wohnungsbau in der DDR, Braunschweig, Wiesbaden 1996, S. 87. In der Folge entstanden in großer Zahl industriell gebaute Großwohnsiedlungen in Plattenbauweise, die meist in bisher unbebauten Gebieten an der Peripherie der Städte lagen. Die genormten Wohnungen in den Neubauvierteln boten mit Bad, Einbauküche, Fernwärme, fließend warmem Wasser u. a. im Vergleich zu den Altbauwohnungen relativ viel Komfort und waren dementsprechend begehrt.

Aufgrund der schlechten Ausgangslage wurde die Wohnungs- von der Stadtplanung abgekoppelt.Christine Hannemann: Die Platte. Industrialisierter Wohnungsbau in der DDR, Braunschweig, Wiesbaden 1996, S. 59. Die Konzentration auf die Neubausiedlungen und die Industrialisierung der Bauwirtschaft führten dazu, dass die innerstädtischen Altbaugebiete weitgehend dem Verfall preisgegeben wurden. Das Bauhandwerk wurde zugunsten der Bauindustrie systematisch zugrunde gerichtet, Ziegeleien wurden nach und nach geschlossen. Dies war auch Folge der Zwangsverstaatlichungen 1972, in deren Folge nur noch Kleinstbetriebe privat geführt werden konnten. Neben den enormen finanziellen Anstrengungen, die für den Bau der Großwohnsiedlungen nötig waren, trug zu dieser Entwicklung bei, dass die Mieten in der DDR aus ideologischen Gründen auf dem Niveau von 1936 eingefroren blieben und so nicht einmal 20 Prozent der Betriebskosten deckten. Die weder wohnwertorientierten noch kostendeckenden Mieten hatten einen „Zustand organisierter Verantwortungslosigkeit“ zur Folge, der staatlichen wie privaten Eigentümern die Erhaltung und Entwicklung ihrer Immobilien unmöglich machte.Udo Grashoff: Schwarzwohnen, Göttingen 2011, S. 15. Hinzu kamen organisatorische Probleme bei den mit der Wohnungsvergabe befassten Ämtern. So wurden häufig Ausbauwohnungen an Betriebe für deren Mitarbeiter vergeben, die zum Ausbau gar nicht in der Lage waren.Udo Grashoff: Schwarzwohnen, Göttingen 2011, S. 16. Leerstände von teilweise über einem Jahr durch Verzögerungen bei der Freimeldung verschärften das Problem zusätzlich.

Insgesamt wurden in der DDR über zwei Millionen Wohnungen in industrieller Plattenbauweise errichtet.Christine Hannemann: Die Platte. Industrialisierter Wohnungsbau in der DDR, Braunschweig, Wiesbaden 1996, S. 22. Gleichzeitig verringerte sich die Zahl der bewohnbaren Altbauwohnungen um eine Million. Etwa 20 Prozent der Bevölkerung lebte schließlich in Großwohnsiedlungen. In Berlin, den Bezirks- sowie einigen Industriestädten war dieser Anteil noch erheblich höher, so betrug er beispielsweise in Rostock 65 Prozent.

Trotzdem machten in der DDR die vor 1948 errichteten Wohnungen immer noch einen Anteil von 52 Prozent des Gesamtwohnungsbestandes aus, während dieser in der Bundesrepublik nur bei 33 Prozent lag.Alphons Silbermann: Das Wohnerlebnis in Ostdeutschland, Köln 1993, S. 20. Die Altbauwohnungen waren aber häufig in einem überaus schlechten Zustand. Etwa 600.000 Wohnungen galten 1990 als schwer beschädigt, in einer anderen Studie wurden 20 Prozent aller Wohnungen als nicht bewohnbar eingeschätzt.Alphons Silbermann: Das Wohnerlebnis in Ostdeutschland, Köln 1993, S. 19. Allein im Stadtbezirk Halle-West waren 1979 600 Wohnungen baupolizeilich gesperrt, für 47 dieser Wohnungen bestand unmittelbare Lebensgefahr für die Nutzer.Udo Grashoff: Schwarzwohnen, Göttingen 2011, S. 42. Nichtsdestotrotz wohnten in einigen der Wohnungen auch 1989, zehn Jahre nach der Sperrung durch die Bauaufsicht immer noch Menschen.Udo Grashoff: Schwarzwohnen, Göttingen 2011, S. 43. Da ein Abriss teuer und dafür auch nicht ausreichend Baukapazitäten verfügbar waren, blieben von der Bauaufsicht gesperrte Häuser oft jahrzehntelang stehen und prägten mit ihrem ruinösen Zustand viele Straßenbilder.

Die staatliche Wohnraumlenkung

Wohnungsbesitz in der DDR 1985Udo Grashoff: Schwarzwohnen, Göttingen 2011, S. 14. Staatlich (KWV, VEB Gebäudewirtschaft) 39 % Arbeiterwohnungsbaugenossenschaften der Betriebe 16 % Privat bzw. treuhänderisch verwaltet 45 % mini|Wohnraumzuweisung in der DDR. Dieses Dokument erlaubte erst den Abschluss eines Mietvertrages. mini|Rückseite einer Wohnraumzuweisung

Der Staat beanspruchte die vollständige Verfügungsgewalt über die Wohnungsvergabe.Hartmut Häußermann, Walter Siebel: Soziologie des Wohnens. Eine Einführung in Wandel und Ausdifferenzierung des Wohnens. Weinheim 1996, S. 168; festgelegt in der Verordnung über die Lenkung des Wohnraums vom 14. September 1967 (GBl. I Nr. 105 S. 733) in Kraft ab dem 1. Januar 1968 – Wohnraumlenkungsverordnung. Bei der Vergabe von Neubauwohnungen lag ausdrücklich das Gleichheitsprinzip zugrunde. Tatsächlich gab es in den Großwohnsiedlungen eine geringe Segregation. Richtlinien legten jedoch drei Prioritäten für eine Wohnungsvergabe fest: Soziale Dringlichkeit (kinderreiche Familien, junge Ehepaare, alleinstehende Mütter mit Kind), volkswirtschaftliche Erwägungen (Hochschulabsolventen und Facharbeiter in Schlüsselindustrien) sowie gesellschaftliche Verdienste.Hartmut Häußermann, Walter Siebel: Soziologie des Wohnens. Eine Einführung in Wandel und Ausdifferenzierung des Wohnens. Weinheim 1996, S. 173. Das letzte Kriterium begünstigte eine angepasste Meritokratie und die Nomenklatura. Ausländische Vertragsarbeiter wurden stets streng in eigenen Wohnheimen separiert. In den Altbaugebieten blieben alte Menschen und junge Erwachsene, unqualifizierte Arbeitskräfte und Unangepasste zurück, die kaum Chancen auf die Zuweisung einer Neubauwohnung hatten. Nicht verheirateten kinderlosen jungen Menschen wurde mitunter nicht einmal gestattet, überhaupt einen Wohnungsantrag zu stellen.Udo Grashoff: Schwarzwohnen, Göttingen 2011, S. 13.

Viele Altbauwohnungen befanden sich in einem derart schlechten Zustand, dass sie trotz des Wohnungsmangels nicht vermietbar waren. Das staatliche Desinteresse an der vorhandenen Altbausubstanz führte auch dazu, dass häufig nicht mehr erfasst wurde, welche Altbauwohnungen noch bewohnbar beziehungsweise bewohnt waren. Die Folge waren hohe Leerstandsquoten in den Altbaugebieten bei gleichzeitigem Wohnungsmangel insgesamt.

Eine als geheim eingestufte Studie der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED kam 1985 zu dem Ergebnis, dass in der DDR 235.133 Wohnungen leerstanden, eine Kommission der Bundesregierung schätzte 1990 den Leerstand auf über 400.000 Wohnungen. In Leipzig lag die Leerstandsquote bei etwa 10 Prozent. Die Zahl der Wohnungsanträge hatte sich bis 1990 auf 780.000 erhöht.Hartmut Häußermann, Walter Siebel: Soziologie des Wohnens. Eine Einführung in Wandel und Ausdifferenzierung des Wohnens. Weinheim 1996, S. 170.

Verbreitung Schwarzwohnen war ein Phänomen der 1970er und vor allem der 1980er Jahre. Einzelne illegale Wohnungsbezüge hatte es ab den späten 1960er Jahren gegeben.Udo Grashoff: Schwarzwohnen, Göttingen 2011, S. 68. In zahlreichen Städten der DDR wie Dresden, Erfurt, Halle, Jena, Leipzig, Potsdam, Rostock und Schwerin kam es zu Wohnungsbesetzungen, Schwerpunkt war Berlin. Hier registrierte eine staatliche Kontrolle im Jahr 1979 insgesamt 534 besetzte Wohnungen allein im Stadtbezirk Friedrichshain.Udo Grashoff: Schwarzwohnen, Göttingen 2011, S. 18. Im Jahr 1987 wurden im Prenzlauer Berg 1270 ungeklärte Mietverhältnisse ermittelt und es wurden monatlich über 30.000 Mark „ungeklärte Mieteingänge“ überwiesen.Udo Grashoff: Schwarzwohnen, Göttingen 2011, S. 17, 19. In Rostock gab es Anfang 1990 600 bis 700 Schwarzwohner.Ein bißchen Anarchie, in: Der Spiegel 13/1990, S. 50–53. Udo Grashoff schätzt die Zahl der Schwarzwohner allein in den 1980er Jahren in Berlin auf mehrere Tausend.Udo Grashoff: Schwarzwohnen, Göttingen 2011, S. 76.

Aktionen zur gemeinschaftlichen Besetzung eines leerstehenden Hauses gab es nur in wenigen Einzelfällen, wohl aber kam es gelegentlich vor, dass in einem Haus nach und nach so viele Wohnungen illegal bewohnt wurden, dass es ausschließlich oder fast nur noch Schwarzwohner gab.

Mit der Ausreisewelle 1989 gab es immer mehr frei werdende Wohnungen, davon viele in relativ gutem Zustand. Diese Situation ließ auch die Zahl eigenmächtiger Wohnungsbezüge ansteigen. Jetzt wurden auch erstmals gehäuft Wohnungen in Plattenbauten schwarz bezogen.Udo Grashoff: Leben im Abriss, Halle 2011, S. 91.

Die Praxis der Wohnungsbesetzungen Mit der Preisgabe der Altbaugebiete entstanden in den Innenstädten Freiräume, in denen die zentrale Wohnraumvergabe unterwandert werden konnte. Den Verfall und den Leerstand in den Innenstädten nutzten zumeist junge Erwachsene, die bei der staatlichen Wohnraumvergabe praktisch chancenlos waren, leer stehende Wohnungen zu suchen und zu beziehen.