mini|Das historische Emblem der ČSNS zeigt einen Hammer und eine Schreibfeder. Sie symbolisieren die Einheit von körperlicher und geistiger Arbeit. Die Československá strana národně socialistická (abgekürzt ČSNS; ) war eine gemäßigte und reformistisch-sozialistische Partei in der Tschechoslowakei. Sie wurde 1897 in den damals zu Österreich-Ungarn gehörenden Ländern der böhmischen Krone als Abspaltung von den Sozialdemokraten und den „Jungtschechen“ gegründet. In ihrer Geschichte wechselte sie mehrfach den Namen, bis zum Ersten Weltkrieg hieß sie Česká strana národně sociální (Tschechische National-Soziale Partei).

In der Ersten Tschechoslowakischen Republik (zwischen den Weltkriegen) hatte sie eine staatstragende Rolle für die parlamentarische Demokratie. Zu ihren prominentesten Vertretern gehörten der Staatspräsident Edvard Beneš und Milada Horáková. In der ČSSR hieß die Partei Československá strana socialistická (ČSS; Tschechoslowakische Sozialistische Partei) und musste sich als Blockpartei den Kommunisten unterordnen. Nach der Samtenen Revolution 1989 gelang es ihr nicht, an ihre frühere Bedeutung anzuknüpfen, 1996 schied sie aus dem tschechischen Parlament aus. Seit 1997 entstanden mehrere Kleinstparteien, die sich auf die Tradition der ČSNS berufen.

Name Die wörtliche Übersetzung der tschechischen Attributs národně sociální (wie es bereits 1898 im Parteinamen stand) bzw. národně socialistická wäre „national-sozial“ bzw. „national-sozialistisch“. Wegen der irreführenden Assoziation mit dem deutschen Nationalsozialismus wird im Deutschen häufig der Begriff „volkssozialistisch“ oder die Bezeichnung „Volkssozialisten“ für die Partei verwendet.Siehe bspw. bei Karel Kaplan: Die politischen Prozesse in der Tschechoslowakei, 1948–1954. Oldenbourg, München 1986, S. 12.

Geschichte Gründung in Österreich-Ungarn (1897–1918) mini|hochkant|Parteigründer Václav Klofáč (ca. 1930)

Die Partei entstand 1897, als einige tschechische Abgeordnete im österreichischen Reichsrat die Tschechische Sozialdemokratische Partei (Česká strana sociálně demokratická, ČSSD) verließen. Zum anderen Teil kamen die Gründer aus der nationalliberalen Partei der „Jungtschechen“. Zu ihnen zählte auch der langjährige Vorsitzende (1899–1938) Václav Klofáč. Die Ausrichtung der ČSSD, die eine autonome Sektion der österreichischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei war, war ihnen nicht national genug. Anders als die ČSSD, die für die Einheit der Arbeiter aller Nationalitäten in der Donaumonarchie eintrat, strebte die ČSNS nach einem unabhängigen tschechischen Staat. Das Recht auf diesen begründeten die National-Sozialen wie die „Jungtschechen“ historisch, während die Sozialdemokraten ein Sichberufen auf „historische Privilegien und Dokumente“ ablehnte.Detlef Brandes: Die Tschechoslowakischen National-Sozialisten. In: Karl Bosl (Hrsg.): Die erste Tschechoslowakische Republik als multinationaler Parteienstaat. 1979, S. 101–154, hier S. 101–102.

Auch unterschied sich die ČSNS von der marxistisch geprägten ČSSD dadurch, dass sie keinen Klassenkampf, sondern ein Bündnis aller Schichten für die Unabhängigkeit und Einheit der tschechischen Nation wollte. Unter ihren Mitgliedern waren dementsprechend neben Arbeitern auch Kleinbauern und Gewerbetreibende, Angestellte, Unternehmer und Lehrer. Ihr Symbol war ein Hammer, der sich mit einer Schreibfeder kreuzt, als Sinnbild für die Einheit der körperlich und der geistig Arbeitenden. Ihre Vorstellung von Sozialismus war nicht revolutionär, sondern beschränkte sich auf soziale Reformen. Sie vertrat einen romantischen Nationalismus und Panslawismus und eine Verklärung der tschechischen Geschichte. Von den gleichfalls national geprägten „Jungtschechen“ grenzte sie sich insofern ab, dass ihr diese nicht radikal und nicht demokratisch genug waren.Detlef Brandes: Die Tschechoslowakischen National-Sozialisten. In: Karl Bosl (Hrsg.): Die erste Tschechoslowakische Republik als multinationaler Parteienstaat. 1979, S. 101–154, hier S. 104.Hugh LeCaine Agnew: The Czechs and the Lands of the Bohemian Crown (= Hoover Institution Press Publication. 526). Hoover Institution Press, Stanford CA 2004, ISBN 0-8179-4491-5, S. 150. Die ČSNS und insbesondere ihre Jugendorganisation Mladé Proudy (‚Junge Strömungen‘) waren darüber hinaus ausdrücklich anti-militaristisch aufgestellt.Jan Havránek: Der tschechische Pazifismus und Antimilitarismus am Vorabend des Ersten Weltkrieges. In: Gernot Heiss, Heinrich Lutz (Hrsg.): Friedensbewegungen. Bedingungen und Wirkungen (= Wiener Beiträge zur Geschichte der Neuzeit. Bd. 11). Oldenbourg, München 1984, ISBN 3-486-52421-6, S. 114–135, hier S. 121 ff. Ein wesentliches Element ihres Auftretens war aber auch antisemitische Demagogie. Ihre Programmatik ähnelte durchaus dem zeitgleich unter den Deutschböhmen aktiven Deutschnationalen Arbeiterbund und der Deutschen Arbeiterpartei.Detlef Brandes: Die Tschechoslowakischen National-Sozialisten. In: Karl Bosl (Hrsg.): Die erste Tschechoslowakische Republik als multinationaler Parteienstaat. 1979, S. 101–154, hier S. 149.

mini|hochkant|Früheres Gebäude des Melantrich-Verlags in Prag Mit der ČSNS war ein einflussreiches Mediennetzwerk verbunden, das den Verlag Melantrich, die landesweite Tageszeitung České slovo und eine Reihe von Lokalzeitungen einschloss.Detlef Brandes: Die Tschechoslowakischen National-Sozialisten. In: Karl Bosl (Hrsg.): Die erste Tschechoslowakische Republik als multinationaler Parteienstaat. 1979, S. 101–154, hier S. 148. Sie baute eine differenzierte Organisationsstruktur bis hinunter auf die lokale Ebene auf. Ihr Schwerpunkt lag ihn Böhmen, wo sie 1913 78.184 Mitglieder hatte, gegenüber 3.400 in Mähren und 1.800 in Ober- und Niederösterreich. Die Mitglieder waren oftmals eng in ein Netzwerk der Partei und ihrer Vorfeldorganisationen eingebunden. Die wichtigste Rolle spielten die national-sozialen Gewerkschaften. Bereits in den Gründungsjahren schlossen sich mehrere Branchengewerkschaften den National-Sozialen an, die größte darunter war die Gewerkschaft der Eisenbahner. Schon bei den Unfallversicherungs-Wahlen 1898 waren sie mit den sozialdemokratischen Gewerkschaften fast gleichauf. Als Dachverband der national-sozialen Gewerkschaften wurde die ‚Tschechische Arbeiter-Gemeinde‘ (Česká obec dělnícká, ČOD) geschaffen. Die ČSNS unterhielt außerdem einen Jugendverband mit Theater- und Musikgruppen, Sportmannschaften, Pfadfindergruppen, Bibliotheken, sowie Frauenkomitees.Detlef Brandes: Die Tschechoslowakischen National-Sozialisten. In: Karl Bosl (Hrsg.): Die erste Tschechoslowakische Republik als multinationaler Parteienstaat. 1979, S. 101–154, hier S. 144–145.

Hochphase in der Tschechoslowakischen Republik (1918–1939) mini|hochkant|Edvard Beneš (ca. 1942) Nach der Gründung der Tschechoslowakei 1918 benannte sie sich in ‚Tschechoslowakische Sozialistische Partei‘ (Československá strana socialistická) um. Sie wurde zum Sammelbecken der nicht-marxistischen Linken der Republik und verzichtete auf den betont nationalen Aspekt. So schlossen sich der Partei auch die Anarchisten an, verließen sie allerdings bis 1923 wieder. In der Zwischenkriegszeit hatte die Partei ihren größten Einfluss. Sie erreichte bei den Parlamentswahlen stets etwa 9 % der Stimmen. 1918–1926 und 1929–1938 war sie Teil der Regierungskoalitionen. Sie unterstützte den ersten tschechoslowakischen Präsidenten Tomáš Garrigue Masaryk, der von 1918 bis 1935 amtierte. Ab 1923 war dessen späterer Nachfolger Edvard Beneš selbst Mitglied der Partei. Auch die Frauenrechtlerin Milada Horáková war in der Partei aktiv.

Im Jahr 1926 beschloss die Partei, sich erneut umzubenennen und nahm die Bezeichnung ‚Tschechoslowakische National-Sozialistische (oder ‚Volkssozialistische‘) Partei‘ (Československá strana národně socialistická, ČSNS) an. Zu dieser Zeit gab es in der Partei auch einen Flügel, der anscheinend mit der faschistischen Bewegung Radola Gajdas sympathisierte. In der innerparteilichen Auseinandersetzung setzten sich jedoch die Demokraten durch. Als die Partei erkannte, dass sich ihre ehrgeizigen Sozialisierungsziele, die sie schrittweise und auf parlamentarischem Wege realisieren wollte, nicht durchsetzen ließen, rückte sie von diesen ab und forderte nur noch Mitbestimmungs- und Gewinnbeteiligungsrechte für Arbeiter. Ihre einstmals sozialistische Zielsetzung ordnete sie dem Bestreben unter, die Republik gegen Angriffe von Links- und Rechtsaußen zu verteidigen. Sie galt daher als die „staatstragende“ Partei der Tschechoslowakei.Detlef Brandes: Die Tschechoslowakischen National-Sozialisten. In: Karl Bosl (Hrsg.): Die erste Tschechoslowakische Republik als multinationaler Parteienstaat. 1979, S. 101–154, hier S. 150.

Die Partei gehörte keiner der klassischen Parteienfamilien an. Die Aufnahme in die Sozialistische Internationale wurde ihr 1923 auf Betreiben der rivalisierenden ČSSD, die dort bereits Mitglied war, verwehrt. Mit dem gleichnamigen, in Deutschland aufkommenden Nationalsozialismus Hitlers hatte die Partei keine wesentlichen Parallelen. Ihr Antisemitismus war nie rassisch begründet und wurde unter dem Einfluss des Humanisten Masaryk schließlich ganz aufgegeben. Zudem verteidigte die ČSNS parlamentarische Demokratie und individuelle Freiheit. Anders als die NSDAP, deren Wählerschaft im Kern in der Mittelschicht zu finden war, hatte sich die ČSNS ihre Wurzeln als Arbeiterpartei erhalten. Ihr Gewerkschaftsbund ČOD hatte großen Einfluss auf die Partei. Verwandte Parteien gab es lediglich im jugoslawischen Slowenien (ebenfalls unter dem Namen National-Sozialistische Partei) und in Polen (Nationale Arbeiterpartei). Regelmäßige Austausche gab es mit den russischen Sozialrevolutionären. Sporadische Kontakte bestanden daneben zur französischen Parti républicain, radical et radical-socialiste.Detlef Brandes: Die Tschechoslowakischen National-Sozialisten. In: Karl Bosl (Hrsg.): Die erste Tschechoslowakische Republik als multinationaler Parteienstaat. 1979, S. 101–154, hier S. 150–152.

Nach der Münchener Konferenz 1938 ging die Partei größtenteils in der „Regierungspartei“ Strana národní jednoty (‚Partei der Nationalen Einheit‘) Rudolf Berans auf. Eine Minderheit schloss sich mit der ČSSD zur Nationalen Partei der Arbeit zusammen, der „loyalen Oppositionspartei“. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht und der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren war sie verboten. Mitglieder der ČSNS waren im Widerstand gegen die deutsche Besatzung aktiv. Edvard Beneš war zu dieser Zeit im Exil, die ČSNS war zudem an der tschechoslowakischen Exilregierung beteiligt.

Wahlergebnisse in der ersten Tschechoslowakischen Republik 1918–1938Karel Vodička: Das politische System Tschechiens. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005, S. 25 (online). Wahl Wähleranteil Mandate Parlamentswahl 1920 8,1 % 24 Parlamentswahl 1925 8,6 % 28 Parlamentswahl 1929 10,4 % 32 Parlamentswahl 1935 9,2 % 28

Nachkriegszeit (1945–1948) 1945 erneuerte sich die Partei zunächst unter Vorsitz von Petr Zenkl. Sie beteiligte sich an der Nationalen Front und deren Übergangsregierung unter dem Sozialdemokraten Zdeněk Fierlinger. Edvard Beneš war erneut Staatspräsident. Bei den Parlamentswahl in der Tschechoslowakei 1946 wurde sie mit 18,29 % der Wählerstimmen und 55 Parlamentsmandaten zweitstärkste Partei hinter den Kommunisten (KSČ). Anschließend war sie wiederum Teil der breiten Regierungskoalition unter Ministerpräsident Klement Gottwald.