BLMC ADO71 ist der werksinterne Projektname für eine viertürige Schräghecklimousine, die der ehemalige britische Automobilhersteller British Leyland Motor Corporation (BLMC) von 1975 bis 1981 verkaufte. Das Marketing für die auch als 18-22 Series bezeichnete Baureihe war „konfus“.aronline.co.uk: (englisch) Das Mittelklassefahrzeug wurde anfänglich in verschiedenen Versionen unter den Konzernmarken Austin, Morris und Wolseley vertrieben, bevor es nach wenigen Monaten aus den traditionellen Strukturen herausgenommen und ohne Markenbezug als Princess (teilweise auch: Leyland Princess) verkauft wurde. Eine stark überarbeitete Version des Modells erschien im Herbst 1981 schließlich als Austin Ambassador. Dem ADO71, der im Volksmund in einzelnen Versionen als „Ameisenbär“ verspottet wurde, haftete das Image nachlässiger Verarbeitungsqualität an; Marketing und Produktplanung gelten als misslungen und exemplarisch für die Fehler seines Herstellers.Michael Schäfer: Vom Thron gestoßen. Beschreibung des Princess 2200 HL in: Oldtimer Markt, Heft 9/2016, S. 26.

Entstehungsgeschichte mini|Technisch innovativer Vorgänger: BMC „Landcrab“ (ADO17) Der ADO71 sollte die Nachfolge des von Alec Issigonis für die British Motor Corporation (BMC) konzipierten ADO17 antreten. Diese Frontantriebsmodelle wurden seit 1965 unter den Markennamen Austin und Morris jeweils mit der Modellbezeichnung 1800 bzw. 2200 sowie als Wolseley 18/85 bzw. Six verkauft. Der technisch innovative, formal aber ungewöhnliche und wegen seines Designs als Landcrab (Landkrabbe) verspottete ADO17 verkaufte sich wider Erwarten schlecht. Ungeachtet dessen begann BMC nicht mit Planungen für die Entwicklung eines Nachfolgers. In den späten 1960er-Jahren wurde die Modellentwicklung in Großbritannien durch zahlreiche Fusionen gelähmt. 1967 wurde aus der BMC das Unternehmen British Motor Holdings, das ein Jahr später mit dem bisherigen Konkurrenten Leyland Motors zur British Leyland Motor Corporation (BLMC) fusionierte.Roy Church: The Rise and Decline of British Motor Industry. Cambridge University Press, 1995, ISBN 0-521-55770-4. Erst unter dem BLMC-Management begannen die Planungen für ein gänzlich neues Mittelklassemodell, die im ADO71 mündeten.

Die ersten Überlegungen aus dem Frühjahr 1970 – noch unter dem Codenamen Diablo – führten zu einer Positionierung des neuen Modells in einem geringfügig höheren Marktsegment, in dem auch der Vauxhall Victor bzw. Opel Rekord, der Peugeot 504 oder der Ford Granada antraten. Daraus resultierte ein deutliches Größenwachstum. Mit Blick auf diese Konkurrenten sollte das Auto außerdem den Geschmack kontinentaleuropäischer Kunden berücksichtigen. Harris Mann, der Chef des BLMC-Designstudios, entwickelte aus einer Reihe älterer Entwürfe, die er teilweise für Kompaktfahrzeuge erstellt hatte, eine keilförmige Fließheckkarosserie, die weitgehend unverändert in die Serienproduktion übernommen wurde.Abbildungen früher Studien zum ADO71 auf der Internetseite www.aronline.co.ukogs/concepts/concepts-and-prototypes/concepts-and-prototypes-princess/ – www.aronline.co.ukHarris Mann gestaltete mehrere andere Fahrzeuge mit keilförmiger Karosserie, darunter den Triumph TR7.

Der ADO71 wurde im März 1975 vorgestellt. Im ersten halben Jahr wurde das Modell, der Tradition des Badge Engineering folgend, mit nahezu gleicher Karosserie unter den Marken Austin, Morris und Wolseley angeboten. Anfänglich war auch eine besonders hochwertige Vanden-Plas-Version geplant, die allerdings frühzeitig verworfen wurde.Abbildung des Vanden-Plas-ADO71 auf der Internetseite www.aronline.co.uk (abgerufen am 24. Juli 2016). Grund für diese Differenzierung war, dass BLMC bis zum Sommer 1975 noch immer eigenständige Händlernetze für die Marken Austin und Morris unterhielt, die mit (formal) eigenständigen Modellen bedient werden sollten. Erst im September 1975 war die sieben Jahre zuvor zögerlich begonnene Zusammenlegung beider Händlernetze abgeschlossen. Ab diesem Zeitpunkt bestand keine Notwendigkeit mehr für eigene Austin- und Morris-Varianten des ADO71. Dies fiel zusammen mit der Verstaatlichung von BLMC im Oktober 1975. (abgerufen am 23. Juli 2016). In der Folgezeit verwendete BLMC weder den einen noch den anderen Namen für das Auto; auch die Wolseley-Version entfiel. Der ADO71 erhielt stattdessen die Bezeichnung Princess, die zehn Jahre zuvor als Modellbezeichnung für eine Vanden-Plas-Limousine verwendet worden war. Princess wurde damit formal zu einer eigenen Marke innerhalb des BLMC-Konzerns. Eine weitergehende Differenzierung erfolgte durch vierstellige Zahlencodes, die den Hubraum des jeweiligen Modells widerspiegelten.

Im Juli 1978 präsentierte BLMC eine überarbeitete Version der Limousine, die die Bezeichnung Princess 2 erhielt. Sie blieb drei Jahre lang im Programm, bevor sie durch den Austin Ambassador ersetzt wurde, der ein stilistisch und technisch überarbeiteter ADO71 war.

Karosserie und Technik Karosserie

Der ADO71 war eine fünfsitzige viertürige Limousine mit Fließheck. Das auffallendste Designmerkmal war die ausgeprägte Keilform mit niedriger Front- und hoher Heckpartie, die dem Modell seinen auf dem britischen Markt weit verbreiteten Spitznamen The Wedge (Der Keil) gab. Harris Mann behauptete bei der Präsentation, die Keilform sei von zeitgenössischen Formel-1-Autos inspiriert.

Die Karosserie war selbsttragend. Sie bestand aus Stahl.princessandambassador.org.uk: (englisch) Die Fertigung der Karosserie übernahm Pressed Steel Fisher in Oxford.

Werksseitig war keine große Heckklappe vorgesehen, sondern nur eine kleine Kofferraumöffnung, die im mittleren Bereich bis zur Stoßstange herab reichte. Der Öffnungswinkel der Kofferraumklappe war klein, sodass sperriges Ladegut nur schwer oder gar nicht im Kofferraum untergebracht werden konnte. Das Kofferraumvolumen wurde zudem durch einen ungünstig positionierten Reservereifen beeinträchtigt.C.R.: A Saloon Car Waterloo: Comparing the exceptional Wolseley 2200 and Citroën CX2000. Vergleichstest in: Motorsport, Heft September 1975, S. 1034. Eine umklappbare Rücksitzbank gab es ebenfalls nicht. Diese Entscheidung wurde in einer Presseerklärung damit begründet, dass in der Klasse, in der der ADO71 antreten sollte, eine große Heckklappe als „deplatziert“ („out of place“) wahrgenommen würde.In den 1970er-Jahren war das Bild unter den Fließhecklimousinen der oberen Mittelklasse uneinheitlich. Der Citroën CX und der mit ihm entfernt verwandte Lancia Gamma Berlina hatten kleine Kofferraumklappen, der Renault 20/30 und der Audi 100 Avant hatten große, am Dachende angeschlagene Heckklappen. Andere Quellen gehen davon aus, dass die große Heckklappe das Alleinstellungsmerkmal des Austin Maxi bleiben sollte. Ein leitender BMC-Mitarbeiter erklärte allerdings später, es sei um Politik und konkret um eine demonstrative Abgrenzung zu dem mit einer großen Heckklappe ausgestatteten Rover SD gegangen: Die Marken Austin und Morris, unter denen der ADO71 verkauft werden sollte, hätten möglichst wenige Ähnlichkeiten zu den Produkten der erst 1967 in den Konzern aufgenommenen Marke Rover haben sollen.Zu diesem Differenzierungsmerkmal s. auch Auto Katalog Nr. 20 (1976/77), S. 100. Eine große Heckklappe erhielt werksseitig erst der Princess-Nachfolger Ambassador, der zugleich den zwischenzeitlich eingestellten Maxi ersetzte.Michael Schäfer: Vom Thron gestoßen. Beschreibung des Princess 2200 HL in: Oldtimer Markt, Heft 9/2016, S. 31.

Andere Karosserieversionen bot BLMC werksseitig nicht an. Es gab allerdings zahlreiche Umbauten unabhängiger Hersteller.

Technik Motorisierung Als Antrieb wurden anfänglich zwei etablierte Motoren aus der BMC-Ära angeboten: Basismotorisierung war ein 1.789 cm³ (80,26 × 89 mm) großer Reihenvierzylinder der sogenannten B-Series, deren erste Versionen mit 1,2 und 1,5-Litern Hubraum bereits 1954 gefertigt worden waren. Die hier verwendete 1,8-Liter-Version war bereits seit 13 Jahren auf dem Markt, als sie im ADO71 erschien. Die Leistung dieses Motors wurde mit 84 bhp angegeben. Mit ihr galt das Auto als untermotorisiert. Die leistungsstärkere Antriebseinheit war ein Reihensechszylinder der E-Series mit 2.227 cm³ (76,2 × 81,28 mm) Hubraum, der 110 PS abgab.Technische Daten nach einer Verkaufsbroschüre des Wolseley Saloon von 1975 (abgerufen am 23. Juli 2016).

Für die zweite Serie des Princess waren ab 1978 andere Motoren erhältlich: Basismotorisierung war nun ein Reihenvierzylinder der O-Serie mit 1.695 cm³ Hubraum. Er ersetzte die bisherige 1,8-Liter-Einheit. Seine Leistung betrug 64 KW (87 PS). Wahlweise war eine auf 2,0 Liter (1.993 cm³) vergrößerte Version des Vierzylindermotors erhältlich, die 68 KW (92 PS) leistete. Als Spitzenmotorisierung bot British Leyland weiterhin den 2,2 Liter großen Sechszylindermotor der E-Serie mit 81 KW (110 PS) an.

Antriebstechnik Der ADO71 hatte Frontantrieb. Die Antriebstechnik entsprach weitgehend der seines Vorgängers ADO17.Auto Katalog Nr. 20 (1976/77), S. 100. Die Motoren waren vorne quer eingebaut. Die Kraftübertragung erfolgte serienmäßig über ein handgeschaltetes Vierganggetriebe. Wahlweise war gegen Aufpreis ein dreistufiges Borg-Warner 35 Automatikgetriebe erhältlich.

Fahrwerk Alle Räder waren unabhängig aufgehängt und mit einer Hydragas-Federung versehen. Hierbei handelte es sich um eine Weiterentwicklung der von Alex Moulton konstruierten Hydrolastic-Federung, die erstmals 1972 im Austin Allegro serienmäßig zum Einsatz gekommen war. Testberichte bestätigten dem ADO71 einen Fahrkomfort, der dem des Citroën CX sehr nahekam. Die Sechszylindermodelle waren serienmäßig mit einer Servolenkung ausgestattet; bei den Vierzylindermodellen war sie gegen Aufpreis erhältlich. Vorne waren Scheibenbremsen installiert, hinten Trommelbremsen.

Die einzelnen Modelle Die Badge-Engineering-Ära (1975) Austin 1800 und Austin 2200

mini|Austin 1800 Von März bis September 1975 wurde der ADO71 unter der Marke Austin verkauft. Die Modellbezeichnungen lauteten unter Bezugnahme auf die Motorisierung 1800 und 2200; diese Bezeichnungen waren schon für die Austin-Version des Vorgängers ADO17 verwendet worden. In stilistischer Hinsicht war der Austin die einfachste Version des ADO71. Er hatte zunächst als einziges Mitglied der Modellfamilie trapezförmige Breitbandscheinwerfer, eine gerade verlaufende Motorhaubenkante und einen quer verstrebten Kühlergrill.Michael Schäfer: Vom Thron gestoßen. Beschreibung des Princess 2200 HL in: Oldtimer Markt, Heft 9/2016, S. 28.

Das Design der Austin-Version wurde später für die Einheitsmodelle Princess und Princess 2 übernommen.

Morris 1800 und 2200

Die Morris-Version des ADO71 hieß ebenfalls 1800 bzw. 2200. Sie war mit dem Austin fast baugleich, nur die Frontpartie war anders. Der Morris hatte anstelle der Breitband- vier Rundscheinwerfer. Die Motorhaube war in der Mitte leicht angehoben, so dass in diesem Bereich eine ausgeformte Kühlermaske eingebaut werden konnte. Dieser imitierte Grill brach mit einer Tradition des Morris-Designs: Bislang hatten Morris-Modelle schlichte Kühlerverkleidungen ohne exponierte Masken; formal hatten sie üblicherweise den Frontverkleidungen der Austin-Modelle entsprochen. Der Innenraum und die Ausstattungslinien entsprachen vollständig denen des Austin. (abgerufen am 25. Juli 2016).

Wolseley