mini|Vor dem Oxford University Museum of Natural History erinnert seit 2010 eine Stele an die am 30. Juni 1860 von Thomas Henry Huxley, Samuel Wilberforce und anderen im Museum geführte Debatte über Charles Darwins On the Origin of Species. Die Huxley-Wilberforce-Debatte war eine Kontroverse über Charles Darwins Schrift Über die Entstehung der Arten. Sie fand am 30. Juni 1860, zwei Tage nach dem Beginn der Hippocampus-Debatte, auf der Jahrestagung der British Association for the Advancement of Science in Oxford statt. Dabei soll es zu einem Wortgefecht zwischen Thomas Henry Huxley, Professor an der Royal School of Mines, und Samuel Wilberforce, Bischof von Oxford, gekommen sein, bei dem Wilberforce fragte, ob Huxley lieber väterlicher- oder mütterlicherseits von Affen abstamme. Huxley soll darauf sinngemäß geantwortet haben, dass er sich für einen Affen als Vorfahren nicht schäme, wohl aber für einen geistreichen Mann, der die Wahrheit zu verschleiern versuche.

Von der zeitgenössischen Öffentlichkeit blieben die Debatte und der mutmaßliche Wortwechsel zwischen Huxley und Wilberforce nahezu unbeachtet. Erst ein paar Jahrzehnte später, in den als Rückschau auf das Lebenswerk ihrer Väter verfassten Biografien, schmückten Francis Darwin und Leonard Huxley das Ereignis mehrfach aus. Leonard Huxley stilisierte den Vorfall zu einem offenen Schlagabtausch zwischen Naturwissenschaft und Religion. In dieser verzerrten Form wird er bis in die Gegenwart häufig rezipiert. Wissenschaftsgeschichtliche Analysen konnten bisher nicht abschließend klären, ob und in welcher Form dieser Wortwechsel tatsächlich stattgefunden hat.

Typische Wiedergabe des „legendären Aufeinandertreffens“

Stephen Jay Gould zitierte in seinem 1986 in der Zeitschrift Natural History erschienenen Essay über die Huxley-Wilberforce-Debatte eine seiner Meinung nach typische Wiedergabe der von John Randolph Lucas als „legendäres Aufeinandertreffen“ bezeichneten Auseinandersetzung. Gould entnahm diese Ruth Moores 1957 im Londoner Hutchinson-Verlag erschienenen Biografie über Charles Darwin:Stephen Jay Gould: Weltlichkeit und Geistlichkeit. In: Bravo, Brontosaurus. Die verschlungenen Wege der Naturgeschichte. Hoffmann und Campe, 1994, ISBN 3-455-08555-5, S. 447.

Vorgeschichte mini|Titelseite von Charles Darwins am 24. November 1859 erschienenem Werk On the Origin of Species, das die Debatte auslöste Am 24. November 1859 wurde Charles Darwins Werk On the Origin of Species im Verlag John Murray veröffentlicht. Thomas Henry Huxley, der seine Lektüre eines Vorabexemplares einen Tag zuvor beendet hatte, schrieb an Darwin: Thomas Henry Huxley an Charles Darwin, 23. November 1859, Brief 2544 in The Darwin Correspondence Project (abgerufen am 3. September 2012).Leben und Briefe von Charles Darwin, Band 2, S. 225 (online). Kurz darauf erschienen im Macmillan’s MagazineThomas Henry Huxley: Time and Life: Mr. Darwin’s “Origin of Species”. In: Macmillan’s Magazine. Band 1, Dezember 1859, S. 142–148 (online). und in der Londoner Times[Thomas Henry Huxley]: Darwin on the Origin of Species. In: The Times. 26. Dezember 1859, S. 8–9 (online). erste von Huxley verfasste Besprechungen. Der anfangs Darwins Auffassungen skeptisch gegenüberstehendeCharles Lyell an George Ticknor, Brief vom 9. Januar 1860. In: Mrs. Lyell: Life of Sir Charles Lyell. J. Murray, London 1881, Band 2, S. 329 (online). Charles Lyell berichtete Darwin Mitte Februar 1860 von einer Auseinandersetzung mit Wilberforce, während der Wilberforce Darwins Buch als das , charakterisierte.Charles Lyell an Charles Darwin, [13.–14. Februar 1860], Brief 2694 in The Darwin Correspondence Project (abgerufen am 3. September 2012). Wilberforce beendete am 20. Mai 1860Reginald Garton Wilberforce: Life of the Right Reverend Samuel Wilberforce: With Selections from his Diaries and Correspondence. Band 2, J. Murray, London 1880, S. 449 (online). eine lange Besprechung von Darwins Origin, die anonym im Juli-Heft der Zeitschrift Quarterly Review erschien.[Samuel Wilberforce]: [Review of] On the Origin of Species, by means of Natural Selection; or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life. By Charles Darwin, M. A., F.R.S. In: Quarterly Review Band 108, [18.] Juli 1860, S. 225–264 (online). Nach der Lektüre schrieb Darwin an Hooker: Charles Darwin. Sein Leben, dargestellt in einem autobiographischen Capitel… S. 274–275 (online).Charles Darwin an Joseph Dalton Hooker, [20? Juli 1860], Brief 2875 in The Darwin Correspondence Project (abgerufen am 4. September 2012). Gegen Ende des Jahres 1860 bemerkte Darwin gegenüber Huxley: Charles Darwin an Thomas Henry Huxley, 22. November , Brief 2994 in The Darwin Correspondence Project (abgerufen am 4. September 2012).Leben und Briefe von Charles Darwin, Band 2, S. 342 (online).

Konstruktion der Legende Ende des 19. Jahrhunderts veröffentlichten Francis Darwin und Leonard Huxley typische viktorianische Life-and-Letters-Biografien über ihre Väter Charles Darwin und Thomas Henry Huxley, in denen die Auseinandersetzung zwischen Samuel Wilberforce und Thomas Henry Huxley aufgegriffen wurde.

Darwin-Biografien von Francis Darwin Zuerst erschien 1887 die dreibändige Biografie The Life and Letters of Charles Darwin (deutscher Titel: Leben und Briefe von Charles Darwin) von Francis Darwin. Im zweiten Band zitierte Francis Darwin einen ungenannten Augenzeugen, der seinen kurzen Bericht mit den Worten Francis Darwin: Leben und Briefe von Charles Darwin. Schweizerbart, Stuttgart 1887, Band 2, S. 313 (online)Francis Darwin: The Life and Letters of Charles Darwin. John Murray, London 1887, Band 2, S. 321 (online). begann. Da sich der Augenzeuge nicht an den Wortlaut der entscheidenden Frage erinnern konnte, zitierte dieser eine Bemerkung Charles Lyells, die aus einem 1881Charles Lyell an Charles Bunbury, Brief vom 4. Juli 1860. In: Mrs Lyell: Life of Sir Charles Lyell. J. Murray, London 1881, Band 2, S. 335 (online). veröffentlichten Brief an Charles Bunbury stammte: Francis Darwin: Leben und Briefe von Charles Darwin. Schweizerbart, Stuttgart 1887, Band 2, S. 313–314 (online)Francis Darwin: The Life and Letters of Charles Darwin. John Murray, London 1887, Band 2, S. 321–322 (online). Lyell kannte den Hergang jedoch nur vom Hörensagen, da er selbst nicht anwesend war. Auch bei Huxleys Antwort blieb der Augenzeuge vage: Francis Darwin: Leben und Briefe von Charles Darwin. Schweizerbart, Stuttgart 1887, Band 2, S. 314 (online)Francis Darwin: The Life and Letters of Charles Darwin. John Murray, London 1887, Band 2, S. 322 (online). Genauer konnte sich der damalige Student John Richard Green erinnern, aus dessen erst 1901John Richard Green an W. Boyd Dawkins, Brief vom 3. Juli 1860. In: Leslie Stephen: Letters of John Richard Green. Macmillan & Co., London/New York 1901, S. 45 (online). im vollständigen Wortlaut veröffentlichten Brief vom 3. Juli 1860 an William Boyd Dawkins Francis Darwin zitierte:

Der Zoologe Alfred Newton, der Anfang 1888 seine Erinnerungen an die Diskussion veröffentlichte, bezeichnete diese als Alfred Newton: Early days of Darwinism. In: Macmillan’s Magazine. Band 57, Februar 1888, S. 248 (online)., trug jedoch zu den Details des Ablaufes nichts Neues bei.

Mit der Darstellung des Vorfalls wohl unzufrieden, trug Francis Darwin für die 1892 veröffentlichte gekürzte, einbändige Biografie Charles Darwin. His life told in an autobiographical chapter, and in a selected series of his published letters (deutscher Titel: Charles Darwin. Sein Leben, dargestellt in einem autobiographischen Capitel und in einer ausgewählten Reihe seiner veröffentlichten Briefe) weitere Berichte zusammen. Vom damals 29-jährigen Oxforder Geistlichen William Henry Fremantle hatte er bereits 1888William Henry Fremantle an Francis Darwin, Brief [ca. 1888]. In: Francis Darwin: Charles Darwin. His life told in an autobiographical chapter, and in a selected series of his published letters. John Murray, London 1892, S. 238–239 (online). einen weiteren Augenzeugenbericht erhalten, in dem mit Richard Greswell, Robert FitzRoy und John Lubbock erstmals weitere Teilnehmer der Debatte genannt wurden und den er zwischen den Bericht des anonymen Augenzeugen und Greens Wortlaut der Erwiderung einfügte. Er nahm außerdem Kontakt zu Huxley auf, der ihm in einem Brief vom 27. Juni 1891 bestätigte, dass die Schilderungen von Fremantle und Green in der Hauptsache korrekt seien, wobei Green seine Rede genauer wiedergebe. Huxley wies in seinem Brief darauf hin, dass er erst durch Robert Chambers überredet werden musste, an der Sitzung teilzunehmen, und beschrieb seinen Eindruck von Wilberforce' Rede: Charles Darwin. Sein Leben, dargestellt in einem autobiographischen Capitel ... S. 272–273 (online).

Im Oktober 1898 erschien Isabel Sidgwicks anonym veröffentlichter Artikel A Grandmother’s Tales, in dem sie kurz auf das [Isabel Sidgwick]: A Grandmother’s Tales. In: Macmillan’s Magazine. Band 78, Nummer 468, Oktober 1898, S. 433–434 (online). einging. Sie erwähnt darin eine am Abend stattgefundene Zusammenkunft bei Charles Daubeny, bei der jedermann eifrig Huxley als dem [Isabel Sidgwick]: A Grandmother’s Tales. In: Macmillan’s Magazine. Band 78, Nummer 468, Oktober 1898, S. 434 (online). gratulieren wollte.

Huxley-Biografie von Leonard Huxley Nachdem Francis Darwins Biografien über Charles Darwin erschienen waren, veröffentlichte Leonard Huxley im Jahr 1900 ebenfalls eine Biografie über seinen Vater (Life and Letters of Thomas Henry Huxley), welche die längste FassungFrank A. J. L. James: An ‚Open Clash between Science and the Church‘?: Wilberforce, Huxley and Hooker on Darwin at the British Association, Oxford, 1860. In: David M. Knight, Matthew Eddy (Hrsg.): Science and Beliefs. From Natural Philosophy to Natural Science, 1700–1900. Hampshire/Burlington 2005, ISBN 0-7546-3996-7, S. 186. der Debatte enthält. Er beklagte, dass es über das , keinen Bericht seines Vaters gab.Leonard Huxley: Life and Letters of Thomas Henry Huxley. 1900, Band 1, S. 192–193 (online). Leonard Huxley verwies in seiner Darstellung der Debatte auf den Athenaeum-Bericht vom Juli 1860, er nutzte die Darstellungen in den Biografien von Lyell und Darwin sowie den Bericht von Sidgwick. Da er das Ereignis als Wendepunkt in der Laufbahn seines Vaters verstand, bemühte Leonard Huxley sich um weitere Augenzeugenberichte. Diese erhielt er im Juli 1899 vom Theologen Adam Storey Farrar sowie vom Chemiker Augustus George Vernon Harcourt. Den Abschluss seiner Darstellung bildete der Wiederabdruck von Fremantles Bericht und Huxleys Brief an Francis Darwin.

Nach Leonard Huxleys Darstellung war die Diskussion ein Leonard Huxley: Life and Letters of Thomas Henry Huxley. 2 Bände, D. Appleton & Co., New York 1901, Band 1, S. 194 (online)., deren Bedeutung Leonard Huxley: Life and Letters of Thomas Henry Huxley. 2 Bände, D. Appleton & Co., New York 1901, Band 1, S. 204 (online). lag. In dieser universellen Auslegung wurde das Wortgefecht zwischen Thomas Henry Huxley und Samuel Wilberforce im 20. Jahrhundert breit rezipiert.

Augenzeugenberichte mini|Joseph Dalton Hooker, Aufnahme aus den 1860er Jahren von Henry Joseph Whitlock (1835–1918)