mini|Rekonstruiertes Wikingerschiff

Wikingerschiff ist die Bezeichnung für die Schiffstypen, die hauptsächlich während der Wikingerzeit (800–1100) in Nordeuropa benutzt, aber auch noch nach der Wikingerzeit weiter gebaut und verwendet wurden. Die Schiffe werden nach ihrer Größe und Funktion in Langschiff, Knorr und kleinere Schiffe unterschieden.

Die ersten archäologischen Wikingerschifffunde waren Schiffsgräber mit Grabbeigaben für hochstehende Personen. Die Beigaben sollten dem Verstorbenen bei der Reise ins Jenseits helfen.

Das Schiff mini|Modell einer Knorr im Museum von Haithabu

Der Schiffbau machte bereits vor der Wikingerzeit eine große Entwicklung durch. Als Haupttypen lassen sich unterscheiden: Das Langschiff und das Lastschiff, Knorr genannt. Langschiff und Knorr waren mit Segeln ausgestattet und hatten ein Deck. Der Platz zwischen den Spanten hieß rúm und war der Aufenthaltsort der Mannschaft: Auf Deck zum Rudern, unter Deck als Stauraum und Schlafstätte. Manche Schiffe hatten auch Kajüten.Vita Anskarii, Kap. 7. Frauen hielten sich bei Gefahr und Regen im Allgemeinen unter Deck auf. Eine Toilette gab es nicht, man setzte sich auf die Reling. Der Klogang auf dem Schiff hieß ganga til borðs.

Die Schiffe waren unterschiedlich, wenn auch ihre Größe bestimmten Regeln folgte. Daher konnten sie von weitem identifiziert werden. In der Egils saga heißt es: „Kveldulf und sein Sohn Skallagrim spähten im Sommer immer gut aus auf ihrer Fahrt an der Küste. Kein Mann sah so scharf wie Skallagrim. Er erblickte Hallvard und Sigtrygg auf ihrer Segelfahrt und erkannte ihr Schiff wieder, da er es früher, als Þorgils darauf fuhr, gesehen hatte.“Egils saga, Kap. 27. Die Schiffe des Königs waren besonders eindrucksvoll. Sie dienten der Repräsentation und wurden im Kampf eingesetzt. Berühmt ist die Szene vor der Schlacht bei Svolder:

Ormurin langi war das größte Schiff, das bis dahin in Norwegen gebaut worden war, aber nicht das größte Drachenschiff schlechthin. Ob das Schiff tatsächlich ganz vergoldet war, darf bezweifelt werden. Die Schilderung dürfte der Spannungssteigerung in der Erzählung geschuldet sein, aber Vergoldungen sind bezeugt. Der Dichter Þorbjörn Hornklofi sagt in seinem Gedicht über die Schlacht am Hafrsfjord: „Von Ost kamen Kiele / Kampflüstern / mit gähnenden Häuptern / und goldenem Bildwerk“.Þorbjörn Hornklofi in Heimskringla, Haralds saga hárfagra, Kap. 18. und der Dichter Guþorm Sindri nennt sie in einem Gedicht „Goldschmuck-Gäule“ und nennt die Schiffe der dänischen Gegner „Drachen“.Heimskringla. Magnúss saga góða. Kap. 7. Aber man konnte sie offenbar gut unterscheiden. Jedenfalls waren sie zum Teil bemalt.Heimskringla. Ólafs saga helga. Kap. 123: „Da kam ein Lastschiff gerade auf sie zugefahren. Und leicht war das Schiff kenntlich: Am Vorderteil war es auf beiden Seiten bemalt und mit weißer und roter Farbe bestrichen, außerdem trug es ein gestreiftes Segel.“ Der Skalde Sigvat, ein Augenzeuge der Schlacht bei Nesjar, sagt in einem Gedicht, dass Jarl Sveinn die Köpfe am „schwarzen Steven“ habe abhauen lassen, um sich von den Enterhaken des Königsschiffes zu befreien.Heimskringla. Ólafs saga helga. Kap. 50. Auch die Schiffe Knuts des Großen, auf denen die Flottenführer fuhren, waren über der Wasserlinie bemalt, sein eigenes Schiff hatte dazu noch einen vergoldeten Drachenkopf,Heimskringla. Ólafs saga helga. Kap. 147. desgleichen war der Drachenkopf auf dem Schiff seines Mitstreiters Håkon Jarl vergoldet.

Nach allen Quellentypen, den literarischen, den archäologischen und dem Bildmaterial zu urteilen, waren die Drachenköpfe auf den Schiffen relativ selten. Nach der Landnámabók war es verboten, mit dem Drachenkopf am Steven den Heimathafen anzusegeln. Die Schutzgeister des Landes könnten aufgebracht oder vertrieben werden. Der Drachenkopf hatte also einen aggressiven Gehalt. Auf Feindfahrt sollte er die Schutzgeister des Feindes vertreiben. Wer die Schutzgeister des angegriffenen Landes vertrieb und das Land unterwarf, war der neue örtliche Herrscher. Deshalb werden in den Quellen die Schiffe mit Drachenköpfen regelmäßig den Führungspersönlichkeiten der Unternehmungen zugeschrieben.Else Mundal: Midgardsormen og andre heidne vesen i kristen kontext. In: Nordica Bergensia 14 (1997) S. 20–38, 31.

Der Mast war ein besonderer Ort. Dort teilte der Schiffsführer der Mannschaft seine Beschlüsse mit.Landnámabók, Kap. 164.

Da die Segel aus gewebten Bahnen zusammengenäht waren, konnte man sie mit verschiedenen Farben ausstatten, was offenbar auch ein Unterscheidungsmerkmal war. Das spricht gegen die Vorstellung, alle Segel seien rot-weiß gestreift gewesen. Das Drachenschiff Hákon Jarls hatte ein blau, rot und grün gestreiftes Segel. Das Segel von Hareks Schiff „war weiß wie frisch gefallener Schnee und rot und blau gestreift“.Heimskringla. Ólafs saga helga. Kap. 158.

Schiffstypen und Merkmale Alle Schiffstypen der Skandinavier hatten gemeinsam, dass sie nie ausschließlich für das Segeln konzipiert waren. Das bedeutete, dass die für den Lastentransport konzipierten Schiffe im Verhältnis zu der Fracht eine große Mannschaft an Bord hatte.Brøgger, S. 287.

Die Benennung der Boote nach der Zahl der Ruderer hat ihren Ursprung in der Zeit, als die Schiffe ausschließlich gerudert wurden. Die frühesten Nachweise für nordeuropäische Segelschiffe sind Abbildungen auf gotländischen Bildsteinen aus dem 7. Jahrhundert.Ole Crumlin-Pedersen; Morgen Schou Jørgensen, Torsten Edgren: Schiffe und Verkehr. In: Wikinger Waräger Normannen. Die Skandinavier und Europa 800 - 1200, Ausstellungskatalog 1992, ISBN 87-7303-559-9.Björn Landström: Da skibene førte sejl. Sesam, Kopenhagen 1978, ISBN 87-7324-428-7. Die Klassifizierung bildete sich um das Jahr 1000 aus.Brøgger, S. 207. Im 13. Jahrhundert entstand die Klassifizierung in skipslæst, also nach der Tragfähigkeit.Brøgger, S. 208.

Boote mini|Überreste eines Kriegsschiffs aus dem Schiffsfriedhof von Skuldelev bei Roskilde, Dänemark mini|Modell eines Flussboots im Museet Ribes Vikinger, Dänemark

Die Boote wurden nach der Anzahl der Riemen benannt. Die Riemenpaare wurden von je einem Mann gerudert. Boote, die von einem einzelnen Mann gerudert wurden, hatten keine eigene Bezeichnung. Sie hießen einheitlich bátr. Allerdings kommt in altschwedischen Gesetzen die Bezeichnung þvæaraþer bater für Zweiruderer vor. An zwei Stellen wird ein zum Seehundfang verwendetes Boot mit zwei Riemenpaaren Ferærðr bátr genannt.Falk, S. 90. Als sexæringrAuch sexærr bátr, skip sexært. Altdänisch siæxæring, norwegisch seksæring oder seksring. wurde ein Boot mit drei Riemenpaaren bezeichnet. Dieses Boot wurde zwar meistens gerudert, konnte aber offenbar auch Segel benutzen, wie aus einer Quelle hervorgeht.Falk, S. 90. Heute bezeichnet das Wort sexæringr auf den Färöern ein von 12 Mann gerudertes Fahrzeug, also mit 6 Riemen auf jeder Seite. (Falk, S. 90, Fn. 1). Wenn man das sexært in der Inventarliste von Skarð aus dem Jahre 1259Diplomatarium Islandicum, Band I, S. 597. mit dem selabatur in der Inventarliste von 1327Diplomatarium Islandicum, Band II, S. 635. gleichsetzt, wurde auch ein solches Boot zum Seehundfang benutzt. Ein Boot mit vier Riemenpaaren hieß áttæringr oder skip áttært. Ein Boot mit fünf Riemenpaaren hieß teinsæringr oder skip teinært. Es wurden aber nicht immer alle fünf benutzt. Aber oft war auch die Bemannung größer. In der Grettis saga Kap. 9 werden sechs Mann auf einem teinsæringr erwähnt. Der sechste Mann dürfte das Steuer geführt haben. An anderer Stelle der Saga werden gar 12 Mann erwähnt. In anderen Sagas werden 15 und 20 Mann, in der Laxdœla saga Kap. 68 sogar 25 Mann auf einem solchen Boot berichtet. In der Sturlungenzeit wurden diese Boote auf Island auch bei Seekämpfen eingesetzt.Falk, S. 91. In einigen Sagas wird auch ein tolfæringr (mit 6 Riemenpaaren) erwähnt. Nach der nicht historischen Króka-Refs saga sollen auf einem solchen Boot 60 Mann von Dänemark nach Norwegen gefahren seien.Falk, S. 91; Johan Fritzner: Ordbog over Det gamle norske Sprog. Oslo 1954. III, S. 711. Jedes größere Schiff führte mindestens ein, meist aber zwei Boote mit. Eines wurde im Schlepp gezogen, eines lag hinter dem Mast quer auf dem Deck oder über der Ladung. Wie das Schiff aus dem Wasser auf Deck gebracht oder herabgelassen wurde, ist nicht bekannt. Die zum Rudern weniger geeigneten Handelsschiffe wurden auch mittels eines Ruderbootes eine gewisse Strecke geschleppt. Daneben gab es auch kleine Fähren zum Übersetzen an Flüssen und Meerengen. Die kleinsten hießen eikjur, was „flachbodiges Boot“ bedeutet. Nach dem Landslov VII 45 sollten über kleine Flüsse, über die eine Landstraße führte, ein Tau gespannt sein, an dem ein Floß oder eine eikja befestigt war. Hier war kein Fährmann erforderlich. Aber es gab auch Fähren (farskip) mit einem Fährmann, insbesondere bei Meerengen und größeren Flüssen, auf denen Menschen, Vieh und Fracht gegen Entgelt transportiert wurden. In Island hieß das Fahrzeug ferja.Jónsbók, landsleigubálkr 45. Diese ferjur waren größer als die eikjur.Zum vorigen Falk, S. 92.

Kleine Schiffe Schiffe, die größer als die tolfæringr, aber kleiner als die Langschiffe waren, wurden nicht nach der Anzahl der Riemen oder der Ruderbänke, sondern nach der Anzahl der Ruderer auf einer Schiffsseite bezeichnet. Im Übrigen waren die Bezeichnungen nicht immer eindeutig. Das ist wohl darauf zurückzuführen, dass die Riemenpaare nicht von einem Mann gehandhabt wurden und es auch keine besonderen Rudersitze gab, sondern die Ruderer auf den Decksbalken saßen, indem für jeden Ruderer eine Decksdiele weggenommen wurde. Im Übrigen gab es zwei Grundtypen: Der Schiffstyp karfi überschneidet sich in den Quellen hin und wieder sowohl mit den größten Booten als auch mit den kleinsten Langschiffen mit 13 Ruderern auf jeder Seite. Einmal wird ein tolfæringr als karfi bezeichnet, ein anders Mal auch ein Fünfzehnruderer. Diese Schiffe führten meist auch Segel. Sie waren wohl leichter und von geringerer Tragfähigkeit als die Langschiffe gleicher Größe. Daneben gab es noch die skúta. Das Wort entspricht dem Wort „Schute“. Auch sie überschneidet sich mit den Booten und den Langschiffen. Mal wird ein Achtruderer (áttæringr), mal auch ein Fünfzehnruderer (fimtánsessa) als skúta bezeichnet.Falk, S. 95. In der Regel werden aber skútur und langskip unterschieden.Falk (S. 95) zitiert: með margar skútur og eitt langskip. (Mit vielen skútur und einem Langschiff) und weitere Beispiele. Die skútur werden nach den Rudersitzen einer Seite benannt. Sie führten meist Segel. Gesegelt wurden auch die léttiskútur und die hleypiskútur, die als Paketboote oder Späherschiffe (njósnarskútur) eingesetzt wurden oder als Botenschiffe. Sie waren leicht und schnell. Sie waren deshalb häufig Begleitschiffe von Flotten. In der Seeschlacht von Svold legte Jarl Eirik seine smáskútur im Halbkreis um die Flotte von König Olav Tryggvason, um das Entkommen der Feinde durch Schwimmen zu verhindern.Falk, S. 95 mit Fundstellen. Sie dienten auch als Transportschiffe für die Flotte. Wie die karfar wurden sie auch über Land gezogen. Privatschiffe waren meist skútur mit 30 Mann Besatzung. In der Regel waren sie nur für den praktischen Gebrauch ausgestattet und schmucklos. Diese kleinen Schiffe hatten den großen Vorteil, dass sie über Land transportiert werden konnten. Sie spielten daher im Bürgerkrieg eine große Rolle, wo einige Kämpfe auf den norwegischen Binnengewässern ausgetragen wurden.Brøgger, S. 210.

Langschiff Siehe auch: Langschiff der Wikinger