In der Liste der Stolpersteine in Hamburg-Bergedorf werden die durch den Künstler Gunter Demnig gefertigten und verlegten Stolpersteine mit biographischen Angaben zu den Bergedorfer Opfern des Nationalsozialismus erfasst. Die meist in die Gehwege eingelassenen Stolpersteine erinnern an 101 Mitmenschen,Stolpersteine Hamburg-Bergedorf Übersicht mit weiterführenden Links. die in der Zeit des Nationalsozialismus in „Schutzhaft“ genommen, deportiert, ermordet oder in den Suizid getrieben wurden. Es handelt sich dabei um Widerstandskämpfer, Opfer des Holocaust, Opfer der nationalsozialistischen Kinder- und Krankenmorde, einen Homosexuellen, einen Fabrikanten und den 1931 von SA-Männern ermordeten Bürgerschaftsabgeordneten Ernst Henning.
Kontroverse um die Bergedorfer Stolpersteine Anfang 2003 hatte die Bergedorfer Bezirksabgeordnete Christel Oldenburg (SPD) in der Bergedorfer Bezirksversammlung die Verlegung von Stolpersteinen beantragt. Dies lehnten jedoch die Abgeordneten der CDU und hauptsächlich deren Koalitionspartner, die Schill-Partei, zunächst mit der Begründung ab, dass es unwürdig sei, „die Tafeln in Gehwege einzulassen und darauf herumzutrampeln“.Zitat Karsten Broockmann: Was soll das? Bergedorf streitet um Stolpersteine. In: Hamburger Abendblatt, 5. Februar 2003 Frank-Michael Bauer, der Fraktionsvorsitzende der Schill-Partei, dementierte zwar, dass er behauptet hatte, es gebe sowieso zu viele Gedenkstätten, erneuerte aber seine Meinung, dass die Stolpersteinverlegungen nichts anderes als eine „clevere Geschäftsidee des Künstlers“ seien.Zitat aus Was soll das? Bergedorf streitet um Stolpersteine. In: Hamburger Abendblatt, 5. Februar 2003 Die Kontroverse gipfelte darin, dass der SPD-Bezirksabgeordnete Ties Rabe erklärte, dass eine Entscheidung gegen Stolpersteine angesichts der vergangenen Aufmärsche von Rechtsextremisten weiterhin das Image von Bergedorf schädige.Was soll das? Bergedorf streitet um Stolpersteine. In: Hamburger Abendblatt, 5. Februar 2003
Daraufhin beschloss die Bezirksversammlung, dass die Verlegung von Stolpersteinen zulässig sei, aber von der Zustimmung der Hausbesitzer abhänge. Nachdem Gunter Demnig am 2. Juli 2003 die ersten Stolpersteine verlegt hatte, gab es wiederum eine Kontroverse wegen zwei Stolpersteinen, bei denen die Hausbesitzer nicht zugestimmt hatten. Dies führte am 4. Juli 2003 zu einer Anfrage der GAL-Abgeordneten Dorothee Freudenberg in der Hamburgischen Bürgerschaft mit dem Ziel, die nur in Bergedorf bestehende Regelung aufzuheben.Betr: Bergedorfer Stolpersteine. In: Hamburger Illustrierte, 2003
Bis 2012 wurden in Bergedorf 21 Stolpersteine verlegt. Noch 2012 erinnerte die Bergedorfer Zeitung in einer Rezension an die „unrühmliche Kumpanei“ der CDU und der Schill-Partei, bemängelte aber unzutreffend, dass in der 2011 erschienenen Publikation von Ulrike Sparr und Björn Eggert diese Kontroverse nicht erwähnt werde.Gedenken. Stolpersteine: Bergedorfs unrühmliche Vergangenheit Zitat aus der Rezension in der Bergedorfer Zeitung vom 30. Januar 2012. Der Rezensent upb spricht statt von Gedenkstätten, an denen mehrere Stolpersteine verlegt sind, nur von „Stolpersteinen“. In der Publikation der Hamburger Landeszentrale für politische Bildung, 2011 fehlen die Biografien und Stolpersteine von Max Armbruster, Meta Emma Anna Lübkemann und Mary Dobrzinsky. Die Kontroverse in der Bergedorfer Bezirksversammlung wird auf S. 10 und auf S. 57 erwähnt.
Im August 2013 verlegte Gunter Demnig weitere acht Stolpersteine in Bergedorf und Lohbrügge, vornehmlich für Opfer der nationalsozialistischen Kinder-Euthanasie.
Liste Die nachfolgende Liste ist alphabetisch nach den Straßen, an denen die Stolpersteine verlegt sind, und nach folgenden Kriterien geordnet:
Adresse: Heutiger Straßenname und Hausnummer der Gebäude, vor denen die Stolpersteine verlegt sind Name: Name des NS-Opfers Leben: Kurzbiographie Jahr: Jahr der Stolpersteinverlegung Bilder: Fotos der Stolpersteine und der Gebäude, vor denen die Stolpersteine verlegt sind
Adresse Name Leben Jahr BilderAlte Holstenstraße 61 Ernst Siegfried Tichauer (* 8. Oktober 1888 in Thorn, Westpreußen; † 1943?) war ein promovierter jüdischer Zahnarzt. Seine Frau assistierte in seiner Praxis in der Holstenstraße. Das Schicksal des Ehepaars in der Zeit des Nationalsozialismus ist exemplarisch für die systematische rassistische Diffamierung, Ausgrenzung und Verfolgung deutscher jüdischer Mitbürger. Anfang 1933 brachten NSDAP-Mitglieder an Tichauers Praxis ein Schild: „Wer zum Juden geht…“ an. 1935 trat das Ehepaar aus Protest gegen die Drangsalierungen in die Jüdische Gemeinde ein. Nach den Novemberpogromen 1938 musste Tichauer zwangsweise sein Haus zum halben Preis verkaufen, 1939 wurde ihm die zahnärztliche Approbation entzogen. Im Februar 1939 war er gezwungen, zusammen mit seiner Frau ein „Judenhaus“ in Hamburg-Harvestehude zu beziehen. Ab September 1941 musste das Ehepaar den Judenstern tragen. Am 8. November 1941 wurde das Ehepaar ins Ghetto Minsk deportiert. Ein letztes Lebenszeichen stammt aus dem Jahr 1943. In einem Bericht über Erschießungsaktionen am 13. April 1943 bei Minsk wurden seine Frau und er gezwungen, den Gefangenen vor ihrer Ermordung die Goldzähne und Plomben auszubrechen. In diesem Bericht wurde er als „deutscher ehemaliger Zahnarzt“ mit dem diffamierenden Beinamen I. (Israel) bezeichnet und seine Frau als Elisa Sara. Wahrscheinlich wurde das Ehepaar im Anschluss an die Erschießungsaktion ermordet. Kurz vor der Befreiung Hamburgs vernichtete die Zahnärztekammer Anfang 1945 alle Unterlagen über die ausgeschlossenen jüdischen Ärzte.Ulrike Sparr, Björn Eggert (Hrsg.): Stolpersteine in Hamburg. Biographische Spurensuche. Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg 2011, ISBN 978-3-929728-74-3, S. 76–79, sowie Björn Eggert: Stolpersteine in Hamburg. Dr. Ernst Tichauer
Nach Ernst Tichauer ist der Ernst Tichauer-Weg im Bergedorfer Bezirk Neuallermöhe benannt.2003rahmenlosmini|hochkant|Wohnsitz von Ernst und Ellie TichauerAlte Holstenstraße 61 Ellie Tichauer (* 6. November 1887 in Berlin, geborene Rosenthal; † 1943?) war Tochter eines Berliner Kommerzienrats. Seit ihrer Heirat mit Ernst Tichauer am 10. Februar 1917 assistierte sie in dessen Praxis in Bergedorf. Aus der Ehe gingen ein Sohn und eine Tochter hervor, die 1939 als Minderjährige mit einem Kindertransport nach England geschickt wurden und so dem Holocaust entkamen. Ellie Tichauers weiteres Schicksal wird bei Ernst Tichauer beschrieben.Ulrike Sparr, Björn Eggert (Hrsg.): Stolpersteine in Hamburg. Biographische Spurensuche. Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg 2011, ISBN 978-3-929728-74-3, S. 76–79, sowie Björn Eggert: Stolpersteine in Hamburg. Ellie Tichauer2003mini|hochkant|Stolperstein für Ellie TichauerAugust-Bebel-Straße 1 Mary Dobrzinski (* 1. Oktober 1880 in Bergedorf, gebürtige Simon) wurde am 20. Juli 1942 mit Transport VI/2Holocaust Survivors and Victims Database nach Theresienstadt deportiert.Stefan Petzhold: Juden in Bergedorf: Die nationalsozialistische Verfolgung 1933–1945. Schlossheft Nr. 8 (Hrsg.): Verein der Freunde des Museums für Bergedorf und die Vierlande, Bergedorf (ohne Erscheinungsjahr), S. 65 Ihr weiteres Schicksal ist unbekannt.Stolpersteine Hamburg. Mary Dobrzinski. In der 2011 erschienenen Publikation der Bergedorfer Stolpersteine wird sie nicht erwähnt. Weitergehende Angaben fehlen.2003mini|hochkant|Stolperstein für Mary Dobrzinsky mini|hochkant|Die August-Bebel-Straße mit dem Wohnsitz von Mary DobrzinskyAugust-Bebel-Straße 47 2024mini|hochkant|Stolperstein für Vera KrebsAugust-Bebel-Straße 103 Claus Beeck (* 28. Januar 1940 in Bergedorf; † 1944 in Idstein) war ein Opfer der nationalsozialistischen Kinder-Euthanasie. Claus Beeck, der an einem leichten Hydrocephalus litt und in seiner körperlichen und geistigen Entwicklung zurückgeblieben war, wurde im Mai 1941 im Alter von einem Jahr in die Alsterdorfer Anstalten eingewiesen. Aus einem Eintrag in seiner Krankenakte hervor, dass Fortschritte in seiner Entwicklung festzustellen waren. Trotzdem wurde er nach den schweren Bombenangriffen auf Hamburg im Juli/August 1943 (Operation Gomorrha) am 7. August 1943 mit weiteren 127 Männern und Jungen in den Rheingau verbracht und zusammen mit 51 Jungen in die Heilanstalt Kalmenhof in Idstein verbracht. Dort wurde er 1943 oder 1944 ermordet.Laura Krause, Julia Pabla: Stolpersteine Hamburg. Claus Beeck2013mini|hochkant|Stolperstein für Claus Beeck mini|hochkant|Die Gebäude, in denen Claus Beeck und Margot Fischbeck wohntenAugust-Bebel-Straße 105 Margot Fischbeck (* 17. März 1935 in Bergedorf; † 7. oder 11. November 1943Abweichendes Datum zu den Angaben auf dem Stolperstein, siehe Alexander Eckart, Patrick Wesierski: Stolpersteine Hamburg. Margot Fischbeck in Wien) war ein Opfer der nationalsozialistischen Kinder-Euthanasie. Sie wurde 1940 im Alter von fünf Jahren in die Alsterdorfer Anstalten eingewiesen. Nach den schweren Bombenangriffen auf Hamburg im Juli/August 1943 (Operation Gomorrha) wurde sie zusammen mit 227 anderen Patientinnen,Stolpersteine Hamburg. Ilse Betty Maria Dahl, dort Nennung der Gesamtzahl der nach Wien „verlegten“ PatientinnenAbdruck der Deportationsliste mit 228 namentlich aufgeführten Patientinnen u. a. bei Antje Kosemund (Hrsg.): Spurensuche Irma. Berichte und Dokumente zur Geschichte der Euthanasie-Morde an Pfleglingen aus den Alsterdorfer Anstalten, 4. ergänzte Auflage, GNN-Verlag, Hamburg 2005, S. 10–11. darunter fünf Bergedorferinnen, in die Wiener Heil- und Pflegeanstalt Steinhof mit der angeschlossenen Tötungsanstalt Spiegelgrund eingeliefert und dort im November 1943 ermordet. Ihr Hirn wurde entnommen und später unter den Hirnpräparaten im Spiegelgrund aufgefunden.Patrick Wesierski: Stolpersteine Hamburg. Margot Fischbeck2013mini|hochkant|Stolperstein für Margot FischbeckChrysanderstraße 33 geb. SponagelMarie Karoline Dora Burke (* 17. April 1898 in Lauenburg/Elbe, gebürtige Sponagel; † 17. November 1943 in Meseritz-Obrawalde) entstammte einem sozialdemokratisch geprägten Elternhaus. Sie war mit einem Polizeibeamten verheiratet, der nach 1933 der Gestapo angehörte, während des Zweiten Weltkriegs im KZ Fuhlsbüttel Geständnisse erpresste und 1949 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt wurde. Nach einem Suizidversuch im März 1939 wurde Marie Burke mit der Diagnose endogene Depression in die Staatskrankenanstalt Friedrichsberg eingewiesen, dann in die Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn, weiter in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg und von dort erneut nach Langenhorn verbracht. Am 2. November 1943 erfolgte ihre „Verlegung“ in die Heilanstalt Meseritz-Obrawalde, wo sie noch im selben Monat ermordet wurde. Ingo Wille: Stolpersteine Hamburg. Marie Burke2018mini|hochkant|Stolperstein für Marie BurkeErnst-Mantius-Straße 5 Die fünf verlegten Stolpersteine erinnern an die jüdische Apothekerfamilie Rosendorff, die von den Nationalsozialisten ermordet wurde.