mini|hochkant=0.8|Rembrandt zeichnete Elsje Christaens am Kalvarienort im IJsselmeer nördlich Amsterdams: „Bestürzt schaute der Maler eine Weile auf das festgebundene und -genagelte Kind […] Alles von ihr festhalten […] Das unvermeidliche Beil. […] Das Gesichtchen […] spiegelte Jugend, Schmerz, Unverständnis. Und einen Hauch von Empörung“. Der Maler und das Mädchen (OT: De schilder en het meisje) ist der Titel eines 2010 publizierten Romans der niederländischen Schriftstellerin Margriet de Moor über einen namentlich nicht genannten fiktiven Maler, der klar erkennbar personale und biographische Züge Rembrandts trägt. Die deutsche Übersetzung von Helga van Beuningen erschien 2011.
Handlungsverlauf Die Romanhandlung spielt in Amsterdam am Samstag, dem 3. Mai 1664, am Tag der Hinrichtung der achtzehnjährigen Elsje Christiaens. Der Leser verfolgt die Geschichten der Protagonisten in zwei zuerst getrennten, dann immer mehr miteinander verwobenen Handlungssträngen: einmal die letzten Wochen im Leben des dänischen Mädchens, das am Ende als Tote am Pfahl von einem nicht namentlich genannten Maler gezeichnet wird, und zweitens den Tagesablauf mit eingeblendeten Lebenserinnerungen des 57-jährigen Künstlers, der durch biographischen Vergleich sowie die Beschreibungen der Zeichnungen und Gemälde als Rembrandt identifizierbar ist. Durch die fehlende Benennung erhält die Autorin jedoch viel Spielraum für die fiktive Handlung.
Elsje Christiaens Reise nach Holland Elsjes Geschichte beginnt an einem Dezembertag im Haus des Stiefvaters, eines nach Dänemark eingewanderten holländischen Bauern (Kp. 4), drei Wochen nachdem ihre Stiefschwester Sarah-Dina ohne Abschied von Jütland nach Amsterdam abgereist ist und sie fünf Taler unter ihrer Matratze findet. Dies nimmt sie als Botschaft, ihr nachzureisen und nicht den um sie werbenden Ragnar zu heiraten. Als Vierjährige ist, mit dänischem Namen, Else Christians mit ihrer Mutter in dieses Haus gekommen und nach deren Tod von der zehn Jahre älteren Sara-Dina betreut worden. Die Trennung kündigt sich an, als diese sich Anfang Mai in einen Freund ihres Bruders, einen holländischen Bootsmann, verliebt und von einer Anstellung in Amsterdam träumt („Die Stadt ist der Wahnsinn, der absolute Wahnsinn, Kleine“), aber zugleich eifersüchtig beobachtet, wie die schöne siebzehnjährige Schwester von dem Sohn einer wohlhabenden Familie umworben wird (Kp. 5). Elsje leidet unter der Entfremdung: „Ragnar wird es gewiß nicht mehr gelingen, sich zwischen die beiden Schwestern zu schieben.“ mini|Rembrandts Radierung von Amsterdam Elsje wartet, bis der Schifffahrtsweg von der Ost- in die Nordsee wieder eisfrei ist, und beginnt am 6. März 1664 eine Fahrt mit der „Dorothe“ von Aarhus über Korsör, wo der Seemann Niels Eilschov eine Ladung Baumstämme löschen muss, nach Amsterdam (Kp. 8). Packeis und Wind machen jedoch die Landung am ersten Etappenziel unmöglich. Sie stranden vor der Insel Sprov im Großen Belt zwischen Nyborg und Korsör und werden von Zibrandt Backer an Land geholt (Kp. 9). Im einzigen Bauernhof übernachtet auch Trein Jansdogter aus Hollanderby auf der Insel Amak, südlich von Kopenhagen (Kp. 12). Sie ist mit Knecht und Pferdeschlittengespann auf dem Weg quer über die Insel Fünen zu ihrer Nichte in Ribe an der Westküste Jütlands und nimmt Elsje mit. Bei einer Übernachtung in Assens am Kleinen Belt im Haus des Bürgermeisters feiert Elsje ihren achtzehnten Geburtstag und erhält als Geschenk ein Paar Stiefel aus Rentierhaut, die sie noch am Pfahl tragen wird. Sie reisen weiter nach Ribe und Elsje fährt mit einem Ochsentransportschiff des Enkhuizer Seemanns Jan de Veth, das dänisches Schlachtvieh nach Holland transportiert, nach Amsterdam (Kp. 16, 17).
Die Suche nach der Schwester in Amsterdam Dort kommt sie am 13. April an und quartiert sich in einer Herberge ein (Kp. 20). Es ist ein „Gelegenheitshaus“ mit Mietern, Pensionsgästen, meist Einwanderern auf der Suche nach einer Arbeit, und Prostituierten. Eine Woche lang (Kp. 21) streift Elsje in der Hoffnung, in der Anonymität der Stadt bei ihrer Schwester eine neue Heimat zu finden, durch die Stadt. Als sie kein Geld mehr hat, macht ihr die Zimmerwirtin den Vorschlag, die Miete durch Prostitution zu bezahlen, und setzt ihr den nächsten Tag als Termin.
Sie sucht nun nach einer Anstellung und erhält von einer Vermittlerin eine Adresse und den Rat: „Laß dich nicht schlagen. Das ist hier nicht erlaubt!“ Auf dem Weg zum Haus ihrer neuen Arbeitgeber glaubt Elsje in einer Frau Sarah-Dina erkannt zu haben und folgt ihr. In dieser Passage, in welcher die Träume und Hoffnungen des entwurzelten Mädchens deutlich werden, wechselt die Zeitform zur Vergegenwärtigung der Vorgänge in das Narrative oder Historische Präsens: „Elsje findet es wunderbar, dem Schemen zu folgen, der sie schon ihr ganzes Mädchenleben lang beschützt und en passant alles vollkommen durcheinandergebracht hat. Erste Liebe, Idylle zwischen einem Dummerchen und einer großen Stiefschwester, Liebesschmerz, Unverständnis, Schuld. Schuld ist etwas, was man hat, unabhängig von dem, was man getan hat oder was man empfindet, ist sie da, aus eigener Kraft, und das weiß man...“ Als sie den Irrtum erkennt, hat sie sich verirrt und versucht nicht mehr das Ziel zu erreichen, sondern kehrt enttäuscht in die Herberge zurück.
Am nächsten Morgen (Kp. 22) fordert die „Schlaffrau“ („Die Physiognomie der Schlaffrau hingegen war jetzt und an den darauffolgenden Tagen nicht mehr als Menschengesicht zu bezeichnen“) wütend ihr Geld und attackiert Elsje mit einem Besen. Diese ergreift ein zufällig am Boden liegendes Beil, erschlägt mit mehreren Hieben die schreiende Wirtin (Kp. 24) und stößt sie in den Keller. Anschließend bricht das Mädchen die Reisekisten einiger Mieter auf, packt wahllos Kleidungsstücke in einen Koffer, wird von herbeigeeilten Nachbarn überrascht und flieht aus dem Haus. Sie springt in den Damrak, wird aber von einem Schiffer aus dem Wasser gezogen und Polizisten übergeben.
Wege des Malers durch die Stadt mini| Die Verschwörung (Bataveraufstand) des Iulius Civilis (1661/62) war für die Inneneinrichtung des Amsterdamer Paleis op de Dam gedacht. Der Maler verlässt etwa gegen zehn Uhr vormittags sein Haus in der Rozengracht (Kp. 1), um in der Warmoesstraat für das Bild eines Liebespaares, an dem er gerade arbeitet, Farben zu bestellen. Unterwegs begegnen ihm Scharen von Menschen, und er erfährt, dass um elf Uhr ein 18-jähriges Mädchen auf dem Dam hingerichtet wird. Diese Nachricht verfolgt ihn den ganzen Tag. Zugleich ist sein Weg durch die Stadt erinnerungsbeladen:
Im Rathaus (Kp. 2) musste er vor einem Jahr und neun Monaten eine für ihn beschämende Situation ertragen, als der Kunstausschuss der Stadt ein monumentales Auftragsbild zurückwies, das er dann zerschnitt und auf den Kern der Szene reduzierte.
Die Bücher im Schaufenster eines Antiquariats (Kp. 3), in dem er als Stammgast versteinerte Tiere und Skulpturen erworben hat, rufen ihm nach dem schweren Tod seiner Lebensgefährtin Ricky die Frage über die göttliche Schöpfung ins Gedächtnis. Im Gespräch mit seinem Sohn resümierte dieser die These eines jüdischen Gelehrten „Gott sei die Summe all dessen, was existiert und geschieht“ also auch des Leids.
Licht und Schatten In Kp. 6 spricht der Maler mit dem Apotheker und Farbenhersteller über die Ursachen der Pest und verbindet gedanklich die Arbeit am Liebespaarbild, für das seine Gefährtin Modell stand, mit deren Erkrankung Mitte Juni des vorigen Jahres. Es schließt sich als Hauptthema dieses Kapitels ein Dialog über die Farben und das Licht an, mit drei Schwerpunkten:
„ÜBER DEN WERT DER SONNE“ Der Apotheker blickt zurück auf die Diskussion des älteren Meistermalers Samuel, der auf den Protagonisten als Vorbild verweist, mit einem jungen Kollegen über den Unterschied zwischen dem Sonnen- und dem Stubenlicht. Der „Träumer“ möchte die Sonne malen, wovor ihn der Meister warnt: „Die Sonne ist etwas Verbotenes in der Schöpfung. Ein ganz großes Tabu, auch für uns. Ebensowenig wie deine Augenlinsen ihr gewachsen sind, sind es deine Farben. […] Laß das Licht im Haus das von draußen nie und nimmer übertreffen!“
„ÜBER DAS LICHT AUF DER FRAUENHAUT“ Der Maler erinnert sich in diesem Zusammenhang an eine Unterhaltung mit seinem Schüler Samuel in seinem Atelier, als dieser eine seiner „intimsten Arbeiten“, das Gemälde einer halbentblößten jungen Frau im Alkoven, auf der Staffelei bewundert: „Wie machen Sie das?“
„ÜBER DAS LICHT DER SCHATTEN“ Der Maler erklärte damals Samuel den Zusammenhang zwischen Hell und Dunkel: „Licht ist da, wo der Maler es hinsetzt“. Es komme bei einer Interieur-Szene auf das Wissen um die indirekte Beleuchtung an. Er demonstriert dies dem Schüler an einigen seiner Arbeiten:
Elf Glockenschläge reißen den Protagonisten aus seinen Gedanken. Zu diesem Zeitpunkt wird das Mädchen aus dem Rathaus auf den Richtplatz geführt.
Erinnerungen an Ricky mini|Die jüdische Braut (1665–69) Der Maler kehrt nach seiner Farbenbestellung in einem Wirtshaus an der Oude Eylandsgracht ein und trifft auf Minna Cloeck (Kp. 10). Vor Jahren stritt er mit ihrem Mann wegen eines Porträts, das dieser wegen mangelnder Ähnlichkeit nicht annahm. In ihre Gedanken sind die damaligen finanziellen und gesellschaftlichen Probleme des Künstlers eingeblendet: Wegen seiner nicht legalisierten Beziehung zu seiner Gefährtin und Haushälterin, die er, wie ein Kollege Cloecks erzählte, nicht standesgemäß als Göttin Juno mit Krone und Zepter malte, ist der Maler ins Gerede gekommen. Auch über den Ablauf des Konkurses „Cessio bonorum“ am 25. Juli in seinem ehemaligen Haus in der Breestraat ist Minna durch den befreundeten Sekretär der städtischen Konkursverwaltungskammer Franz Bruyningh gut informiert. Ebenso weiß sie über Elsjes Verhöre (Kp. 11) am 28. und 29. April sowie am 1. Mai Bescheid, bei denen ihr Mann als einer der neun Schöffen fungierte: Das Mädchen gab Auskunft über den Streit mit der Zimmerwirtin und den die Tat auslösenden Schlag mit dem Besen. Das Urteil lautete, dass sie „am Pfahl zu erdrosseln sei, bis der Tod einträte, dass ihr mit der Mordwaffe etliche Schläge an den Kopf zu versetzen seien und dass ihr Leichnam nicht der Erde anzuvertrauen, sondern an einem Pfahl auf dem Galgenfeld Volewijk zur Schau zu stellen sei, um im Laufe der Jahreszeiten von der Lufft unt den Vögheln verzehrt zu werden.“
Auf seinem Rückweg (Kp. 13) entwickelt der Protagonist, vor dem Hintergrund der Erinnerungen an die Epidemie des letzten Jahres, an die Pestzimmer, den physisch-psychischen Zerfall der kranken Geliebten und an die in einem Trödelladen zu Perücken verarbeiteten Haare der Toten, Ideen, das Liebespaarbild aus seinen schmerzlichen Erfahrungen heraus zu verändern. Der Erzähler schaltet hier van Goghs Bemerkungen zum Gemälde „Die jüdische Braut“ ein: „Um so malen zu können, muß man mehr als einmal gestorben sein.“