Die goldenen Berge ist ein Roman der deutschen Schriftstellerin Clara Viebig, der im Jahr 1927 in der Kulturzeitschrift Velhagen & Klasings Monatshefte vorabgedruckt wurde und 1928 bei der Deutschen Verlags-Anstalt, Stuttgart, als gebundene Buchausgabe erschien.
Thema des Romans ist die Armut der Moselwinzer in einigen Dörfern an der Mittelmosel in den 1920er Jahren, die in sozialen Protesten und der Stürmung des Finanzamtes Bernkastel gipfelt.
Handlung
In ihrem Roman schildert Clara Viebig die Armut der Moselwinzer in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Die wirtschaftliche Lage der Winzer verschlechtert sich infolge von Inflation und Geldentwertung kontinuierlich; diese Entwicklung wird auch durch die Einführung der Rentenmark nicht aufgehalten. Der Weinhandel mit dem Deutschen Reich ist durch die Besatzung quasi unterbunden, gleichzeitig entsteht in Frankreich kein neuer Markt für die lokalen Moselweine. Zudem überschwemmen billige Importweine aus dem Ausland den Markt, und die Winzer sind durch hohe Steuer- oder Kreditschulden belastet. Bereits in den vorangegangenen Jahren haben Missernten und Absatzschwierigkeiten es notwendig gemacht, sich zu verschulden. Die Armut wird nach einem Hochwasser, das vieles zerstört und insbesondere manches Weinfuder als unbrauchbar zurücklässt, unerträglich.
Die Winzer sind ratlos und suchen verzweifelt nach Mitteln und Wegen, um von den aufgelaufenen Steuerschulden befreit zu werden. Bei einer Kundgebung vor dem Finanzamt in Bernkastel kommt es zu Ausschreitungen, bei denen die Demolierung einzelner Büros zur Verhaftung einzelner Winzer führt. Letztlich werden die Winzer wieder auf freien Fuß gesetzt, und der Aktion folgt tatsächlich ein Erlass der aufgelaufenen Steuern.
Schauplatz der Handlung sind die beiden Moseldörfer Porten und Munden.Porten und Munden sind unschwer als die Gemeinden Bremm (Porten) und Neef (Munden) erkennbar, zumal es sich bei dem erwähnten „Warmenberg“ um den Bremmer Calmont handeln muss. Vgl. hierzu "Die goldenen Berge." Hintergründe und Schauplätze des Mosel- und Winzerromans von Clara Viebig, in Hermann Erschens: Literarische Schauplätze an der Mosel, Husum 1990, S. 69–76; vgl. auch die Webseite von Bremm, http://www.bremm.info/fl_xga.htm?/viebig.htm Die Schönheit der Landschaft wird im „Mosellied“ gespiegelt, das mehrfach angestimmt wird:
Trotz einer zunächst idyllischen Darstellung der Mosellandschaft fehlt von Beginn an nicht der Hinweis auf kommendes Unglück:
Insbesondere während des Hochwassers wird die sonst so sanfte Mosel zur „Löwin“, „graugelb, die wütend daherjagt, mit zornigen Pranken um sich greift, an sich reißt, was ihr in den Weg kommt, und es auffrißt.“Viebig, Clara: Die goldenen Berge, Stuttgart: DVA 1927, S. 35. Aber auch die täglichen Arbeitsbedingungen im Weinberg, mit giftiger Spritzbrühe in sengender Hitze verdeutlichen die Plage, unter der die Winzer leiden. Solche Bedingungen herrschen insbesondere in der bedeutenden Steillage des Warmenberges:
Der erzählerische Rahmen wird anhand des Schicksals einzelner Familien aus Porten und Munden gefüllt, wobei deren Wege und das Schicksal der Dorfgemeinschaft in unterschiedlichen Handlungssträngen miteinander verwoben sind. Im Mittelpunkt steht Maria, die junge, schöne Tochter des Winzerehepaares Simon und Anna Bremm. Maria hat einen langjährigen Verehrer, den besonnenen Jungwinzer Kaspar Dreis, für den sie allerdings nur freundschaftliche Gefühle hegt. Dies hängt damit zusammen, dass Maria keine Winzerfrau werden möchte, denn sie kennt die harte Arbeit der Eltern und sieht die traditionsgebundene Haltung ihrer Eltern kritisch. Simon Bremm verzichtet auf Modernisierungen, arbeitet allerdings dadurch antiquiert und unrentabel:
Einige Schicksalsschläge und der Verlust seines besten Weinfasses während des Moselhochwassers lassen Simon Bremm verzweifeln. Letztlich flüchtet er sich in den Alkohol und kann seine Funktion als Familienoberhaupt kaum mehr erfüllen. Simon wird immer mehr zur tragischen Figur, der mehrfach von seiner Ehefrau Anna gerettet wird:
Maria verlässt zunächst das familiäre Umfeld und sucht im nahe gelegenen Kreisstädtchen ihr Glück als Dienstmädchen. Der weltgewandte ehemalige Rheinschiffer Jean-Claude Dousemont nimmt sie in ihren Haushalt auf. Neben der schönen Mosellandschaft genießt er sein Rentnerdasein in vollen Zügen, auch das schöne Mädchen nimmt er gerne freundlich auf. Im Städtchen findet Maria schnell Kontakt. Bei der Anprobe eines Kleides freundet sie sich mit Nettchen Schmitz an, einer selbstständigen Näherin, die wegen ihres Aussehens – sie hat ein Bückelchen – recht einsam ist.
Mit Kaspar Dreis trifft sich Maria weiterhin, aber letztlich kann sie sich dem Charme Heinrichs, des Sohnes des Hauses Dousemont, nicht entziehen, und sie wird schwanger. Aus Scham über ihre Lage kündigt sie ihre Stelle. Maria kehrt ins Elternhaus zurück und bricht zunächst den Kontakt mit Kaspar Dreis ab. Sie erwägt Gedanken, wie sie des ungeborenen Kindes ledig werden könnte, findet sich aber letztlich doch in ihre kommende Rolle als werdende Mutter hinein. Dem geschwächten Vater hilft Maria bei der Arbeit im Weinberg. Wegen ihrer Unentbehrlichkeit im familiären Betrieb und nicht zuletzt durch die aufbauenden Worte von Nettchen Schmitz, die ebenfalls guter Hoffnung ist und sich vor lauter Glück über ihre Schwangerschaft kaum fassen kann, werden Maria und ihr Kind sowohl in ihrer Familie wie auch von Kaspar Dreis akzeptiert.
Auch Marias Bruder Joseph möchte sein Leben nicht als Winzer fristen. Er hat sich, halb aus Abenteuerlust, halb aus Begeisterung, der separatistischen Bewegung der Rheinischen Republik angeschlossen, die im Jahr 1919 von Hans Adam Dorten ausgerufen worden war.Clara Viebig wandte sich vehement gegen Dorten, als dieser zur französischen Übersetzung ihrer Romane Töchter der Hekuba und Das Rote Meer ein Vorwort beisteuerte: „Es ist traurig genug, daß ich ganz machtlos dagegen bin, überhaupt meinen Namen mit dem seinen auch nur einen Augenblick zusammen genannt zu finden“. Clara Viebig: „Vor mehr als zwei Jahren…“ Brief, Distanzierung vom Vorwort Dortens zu ›Mütter und Söhne‹, in: Die Literatur, Halbmonatsschrift für Literaturfreunde, 26. Jg. H. 10, August 1924 (637). Darüber gerät Joseph mit seinem Vater in Streit. Dieser bleibt, trotz der Versäumnisse des Staates gegenüber den Winzern, fest mit der althergebrachten Reichspolitik verbunden und empfindet Josephs Abwendung als Verrat:
Als die Auseinandersetzung zwischen Simon und Joseph eskaliert, verlässt Joseph für immer das Elternhaus. Die gewaltsame Zerschlagung der Separatistenbünde bewegt ihn, sich von den Franzosen in die Fremdenlegion anwerben zu lassen. In der Nacht seines Abschieds begegnet er zufällig Nettchen Schmitz, und die einsame junge Frau beschließt, dem Wink des Schicksals zu folgen und über ein Beisammensein mit Joseph zu dem ersehnten Kind zu kommen.
Eine Schlüsselszene des Romans ist die Stürmung des Finanzamtes durch die aufgebrachten Winzer. Während sich die einzelnen Abordnungen der Weindörfer zunächst friedlich treffen und die schwarze Winzerfahne mit der Aufschrift „Die Weinbauern müssen trauern“Viebig, Clara: Die goldenen Berge, Stuttgart: DVA 1927, S. 316. vorantragen, wird dieser Slogan bald von dem aggressiven „Gebt uns Handgranaten für das Finanzamt!“Viebig, Clara: Die goldenen Berge, Stuttgart: DVA 1927, S. 320. abgelöst. Nur wenige behalten einen kühlen Kopf, darunter auch Kaspar Dreis, der von den plötzlichen Ausschreitungen förmlich überrollt wird:
Der Frühling bringt Hoffnung und lässt die Winzer auf eine Besserung ihrer Situation hoffen, zumal die Verhafteten freigelassen und die Weinsteuer erlassen wird. Maria gibt zudem Kaspar Dreis, der ihr versichert, für sie und das Kind da zu sein, ein Eheversprechen, das sie übers Jahr einlösen will.
Zur Abrundung der Zeichnung des dörflichen, traditions- und glaubensverhafteten und Panoramas fungieren als Neben- und Kontrastfiguren Jakob Bremm, der geizige Onkel der Familie, der sein Vermögen nicht der Familie, sondern der Kirche vererbt, seine Haushaltshilfe, die alte Schommer, die in der Notzeit ebenfalls zu Tode kommt und ihr geistig zurückgebliebener Sohn Pittchen, sowie andere Winzerfamilien aus Porten.
Quellen mini|Storchenhaus Die Inspirationen zur Abfassung der „Goldenen Berge“ hat sich Clara Viebig offenbar durch persönliche Besuche in den Dörfern Bremm und Neef erworben. Die genaue Beschreibung einzelner Häuser, wie des „Storchenhauses“, verweist auf eine präzise Ortskenntnis, die sie sich während ihrer Aufenthalte im nahegelegenen Kurstädtchen Bad Bertrich erworben haben mag.Vgl. Hermann Erschens: Literarische Schauplätze an der Mosel, Husum 1990
Weiterhin hat Clara Viebig eine Fülle des vorhandenen Quellenmaterials über die Winzerunruhen jener Jahre an der Mosel durchgearbeitet, worauf sie im Wesentlichen ihre Handlungsführung stützt. Die Winzerunruhen sind historisch verbürgt, s. http://www.finanzamt-bernkastel-wittlich.de/wir_ueber_uns/chro_fa_bk.htm; auch Stefan Kritten: Winzerunruhen an der Mittelmosel und Erstürmung des Finanzamtes in Bernkastel – das Echo in Literatur, Politik, Rechtsprechung und Presse, in: Bernkastel-Kues in Geschichte und Gegenwart, hrsg. v. d. Stadt Bernkastel-Kues, Bernkastel-Kues 1991(369-387). Ursula Graf zeigt ferner auf, dass sich Clara Viebig eng an die historischen Vorlagen hält. Vgl. Ursula Graf: Nachwort, in: Clara Viebig: Die goldenen Berge, Zell 2008. Dabei nimmt sie sich dennoch die Freiheit, Figuren ihrer künstlerischen Absicht anpassend, zu verändern oder weitere, nicht-historische Figuren einzufügen.
Interpretationsansätze
Literaturgeschichtliche Einordnung
Innerhalb des Gesamtwerkes von Clara Viebig sind „Die goldenen Berge“ der Spätphase ihres Schaffens zuzuordnen, in der sie sich verstärkt historischen Stoffen zuwendet. Der vorliegende Roman kann als eine Mischform zwischen Zeit- und historischem Roman gelten, da die Autorin ein Jahr nach den Winzerunruhen die nunmehr bereits geschichtliche Stürmung des Finanzamtes Bernkastel darstellt, diese aber insgesamt in das politisch-ökonomische und soziale Panorama dieser Zeit einbindet.Nach Urszula Michalska wird zunächst in das „landschaftliche und soziale Milieu“ eingeführt, dann entfalte der Roman die Qualität eines aus soziologischen Tatsachenkomplexen „zusammengetragenen beschreibenden Berichts“. Urszula Michalska: Clara Viebig. Versuch einer Monographie, Poznań, o. V., 1968, S. 133 und S. 132.
Die idyllische Darstellung der Mosellandschaft legt zunächst eine Einordnung in die Reihe der wein- und sonnentrunkenen Mosel- bzw. Weinliteratur nahe, die ihren prominenten Anfang mit der „Mosella“ (371) des Ausonius nimmt. Sie setzt sich in zahlreichen literarischen Werken fort, von denen nur wenige genannt werden sollen: das „Mosellied“ von Georg Schmitt und Theodor Reck (1845), die weinselige Verstrilogie „Brixiade“ von Joseph Lauff (1915, 1918, 1920), Rudolf G. Bindings Novelle Moselfahrt aus Liebeskummer (1932), oder das Weinbrevier „Rhein-Ahrisches Saar-Pfalz-Mosel-Lahnisches Weinpilgerbuch“ (1951) von Stefan Andres. Kurz vor Viebigs Veröffentlichung erlangte die Darstellung glückseliger Weinlaunen bühnenwirksame Aufmerksamkeit durch Carl Zuckmayers Volksstück „Der fröhliche Weinberg“ (1925), das den trink-, feier- und rauflustigen rheinhessischen Winzern ein Denkmal setzt.