mini|Heerführer der Comitatenses und Limitanei im 5. Jahrhundert n. Chr.

mini|hochkant|Figurine eines spätrömischen Offiziers des 5. Jahrhunderts, Museum Lauriacum mini|Spätrömischer Offiziershelm (Kammhelm) aus dem 4. Jahrhundert n. Chr., gefunden in der Wertach (Germanischen Nationalmuseum Nürnberg) mini|Spätrömischer Kammhelm von Typ Intercisa II mini|Kavallerist, spätes 3. und frühes 4. Jahrhundert (Reenactment-Rekonstruktion) mini|Ein limitaneus des späten 3. Jahrhunderts n. Chr. (Reenactment-Rekonstruktion)

Die Limitanei (lateinisch für „Grenzer“) genannten Einheiten bildeten zusammen mit den Comitatenses das römische spätantike Landheer. Sie wurden im Gegensatz zu den Comitatenses (dem mobilen Feldheer) nicht an strategisch wichtigen Punkten im Hinterland, sondern direkt an der Grenze stationiert.

Entwicklung Unter Septimius Severus wurden dem Militär zahlreiche neue Privilegien gewährt, die weitreichende Konsequenzen nach sich zogen. Soldaten mit römischem Bürgerrecht war u. a. die Eheschließung noch während ihrer aktiven Zeit in der Armee erlaubt worden. Deswegen durften sie nun außerhalb ihres Dienstes bei ihren Familien in den Lagerdörfern leben. Da die Einheiten nun größtenteils lokal ergänzt wurden, förderte dies noch zusätzlich die – in früheren Jahrhunderten undenkbar gewesene – Sesshaftwerdung der Grenztruppen. Unter Severus Alexander wurden diese Privilegien noch erweitert. Die ursprünglich aus dem Staatsland (ager publicus) nur auf Widerruf zugeteilten Grundstücke wurden nun erblich.

Der Begriff Limitanei kann erstmals für das Jahr 363 nachgewiesen werden.Codex Theodosianus 12,1,56. Er bezeichnete Truppen, die an den Grenzen (limites) unter dem Kommando der duces stationiert waren. Es ist jedoch nicht klar, wann dieser Begriff erstmals verwendet wurde.B. Isaac 1988, S. 146, P. Southern 2006, S. 250. Sie müssen jedoch schon vorher im römischen Heer eingeführt worden sein. Waren die Grenzsoldaten an Flussgrenzen stationiert (z. B. die Ripa Danuvi Provinciae Norici an der Donaugrenze), benennen die Quellen sie als

ripenses oder riparienses militesUferwächter, von lat. ripa für Flussufer.,

manchmal werden sie auch als

castellani oder burgarii

bezeichnet. Über die Unterschiede zwischen diesen vier Einstufungen ist nicht viel bekannt. Aus den Namen lässt sich ableiten, dass die burgarii Wachtürme bemannten, die castellani Festungen, und die riparienses/ripenses die Ufer der Grenzflüsse bewachten.

Der erste Beleg für Landwirtschaft betreibende Limitanei datiert in das Jahr 443, wobei nicht belegt ist, dass deswegen ihre Kampfkraft abnahm. Die Vergabe von Grundbesitz garantierte auch eine bessere Versorgung der Soldaten.B. Isaac 1988, S 146, M. Whitby 2005, S. 367. Diese Ländereien mussten effektiv bebaut und geschützt werden, wodurch die Soldaten zu Bauern und Grundbesitzern wurden. Dies wird auch durch die Existenz der fundi limitrophi bestätigt (die den Garnisonen zugeteilten Ackerböden). Gemäß einem Erlass von Valentinian I. aus dem Jahre 364 hatte ein Veteran Anspruch auf vier Ochsen und 50 modii Getreide, ausreichend für die Aussaat auf 10–12 Joch, ein Veteran (protector primae) erhielt zwei Paar Ochsen und 100 modii Getreide.Codex Theodosianus 7,20,8. Dies wird auch von dem Anonymus Valesianus bestätigt.De rebus bellicis 5,4. Am Ende dieses Transformationsprozesses waren die Kastelle von Unterkünften zu reinen Dienstorten und die Soldaten zu ortsgebundenen Grenzern (limitaneus) geworden.

Die endgültige Trennung in ein Bewegungs- und Grenzheer geht auf die Kaiser Diokletian und Konstantin den Großen zurück, vor allem letzterer brachte die entsprechenden Reformen zum Abschluss. Unter Diokletian waren die Limitanei schon teilweise aus der Verfügungsgewalt der Statthalter (praeses provinciae) gelöst und den duces unterstellt worden. Ein Gesetz aus dem Jahre 372 bestimmte, dass Rekruten, die für die Feldarmee untauglich waren, stattdessen in das Grenzheer eingereiht werden sollten.Codex Theodosianus 7,22,8. Es kam auch vor, dass comitatenses als Bestrafungsmaßnahme zu limitanei degradiert wurden.Synesius, Epistel 78. Andererseits gehen Experten wie Yann Le Bohec heute davon aus, dass die ältere Forschung die Trennung und die Qualitätsunterschiede zwischen Grenz- und Feldheer zu hoch eingeschätzt habe: Es handle sich um „eine Absurdität, die im 19. Jahrhundert von in militärischen Dingen unerfahrenen Historikern erfunden wurde.“Yann Le Bohec: Africa in der späten Kaiserzeit. In: Badisches Landesmuseum (Hrsg.): Das Königreich der Vandalen. Mainz 2009, S. 66.

Nach Denis van BerchemDenis van Berchem: On some Chapters of the Notitia Dignitatum relating to the Defense of Gaul and Britain. In: American Journal of Philology. Band 76, Nr. 2, 1955, , S. 138–147. hatten die Statthalter alter Prägung noch bis in die Regierungszeit Konstantins die Verfügungsgewalt über die älteren – im Prinzipat aufgestellten – Alae und Kohorten inne, die traditionell zu den Hilfstruppen (auxilia) zählten. Alle neuen regulären Truppeneinheiten hingegen, wie z. B. die Equites und auch die Legionen, die nun weitaus zahlreicher, aber dafür kleiner waren, standen unter dem Befehl von Duces.

Ab der Mitte des 4. Jahrhunderts werden die auxilia, die in der beginnenden Spätantike insbesondere aus germanischen Kriegern bestanden hatten und bis ins 3. Jahrhundert den größten Teil der Grenztruppen an den limites gestellt hatten, in den einschlägigen Quellen dann nicht mehr erwähnt. Reichsfremde Soldaten traten nun anders als im Prinzipat direkt in das reguläre Heer ein, was die größere Zahl von Germanen auch in den höheren Rängen erklärt, die man früher mit einer „Barbarisierung“ der römischen Armee in Verbindung gebracht hat.

In Westrom hatten die Limitaneieinheiten sich im späten 5. Jahrhundert weitestgehend aufgelöst, da sie der Staat nicht mehr bezahlen konnte, oder wurden in die Heere der germanischen Nachfolgestaaten integriert (z. B. an der Rheingrenze). In Ostrom sind sie in der Kyrenaika (teils als kastresianoi/καστρεσιανοί) in PalästinaNovelle C III 3, § 1; Malalas S. 426, 3. und in den Provinzen des westlichen Nordafrikas noch bis mindestens ins späte 6. Jahrhundert nachweisbar.Codex Iustinianus 35,14. Nach der Vernichtung des Vandalenreiches stellte Justinian dort 534 umgehend neue Einheiten auf. Ihre Aufgaben hatten sich nicht geändert, sie traten dort wieder als sesshafte Garnisons- oder Grenztruppen an, deren numeri jeweils unter dem Kommando eines dux standen; der Oberbefehl lag bei einem magister militum per Africam. Ihre Steuerprivilegien dürften ebenfalls beibehalten worden sein.Codex Iustinianus 11,60,3; vgl. hierzu auch: Ludo Moritz Hartmann: Untersuchungen zur Geschichte der byzantinischen Verwaltung in Italien. (540–750). Hirzel, Leipzig 1889, S. 59. Auch die Bezeichnungen hatten sich nur wenig verändert: limitanei, castresiani, riparenses castricianiCodex Iustinianus 12,35,14. und castellani.Codex Iustinianus 11,60,2. Prokop behauptet allerdings einige Jahre später, dass Justinian den limitanei an der Perserfront den „militärischen Charakter“ genommen hätte. Falls Prokops Angaben in diesem Punkt überhaupt zu trauen sind, handelte es sich aber wohl um eine Maßnahme finanzieller Natur, die nur in einzelnen Regionen wirksam wurde, zumal Justinian nach dem Ewigen Frieden von 532 irrtümlich annahm, die Perserfront dauerhaft beruhigt zu haben. Im Zuge der massiven politischen und militärischen Umbrüche am Ende der Spätantike (um das Jahr 630) verschwanden die limitanei auch in Ostrom.

Gliederung, Funktion und Taktiken Die Teilstreitkraft war grob in zwei Gruppen unterteilt; die besser ausgebildeten und besser besoldeten Einheiten des laterculum maius besaßen höhere Kampfkraft und wurden an wichtigeren Orten und in größeren Zentren stationiert, die Einheiten des laterculum minus mit geringem Kampfwert befanden sich zumeist in Vorposten und Dörfern. Die Limitanei waren in

legiones, cohortes, alae, auxilia, equites, limites, milites, gentes (Barbarenstämme unter dem Befehl ihrer eigenen Offiziere), numeri und cunei

organisiert.

Die Aufgabe der Limitanei bestand primär in der Grenzüberwachung bzw. der Abwehr kleinerer feindlicher Übergriffe. Die Soldaten waren für die täglichen Patrouillen verantwortlich und verrichteten den in den Festungen üblichen Garnisonsdienst. Daneben wurden sie auch mit Polizeiaufgaben betraut, die der Bewahrung der inneren Sicherheit, der Überwachung der Straßen bis hin zur Unterstützung von Staatsbeamten, wie Steuereintreibern und Magistraten, umfassten. Bei einem massiveren Durchbruch sollten sie die Invasoren zumindest so lange aufhalten oder behindern, bis Hilfe durch die Comitatenses und Palatinii eintraf, oder, wenn dies nicht möglich war, wichtige Stützpunkte, Städte oder Passübergänge halten und anschließend die in ihrem Gebiet operierende Feldarmee unterstützen, bis der Feind vernichtet oder vertrieben war. Mit der Bewältigung von Invasionen ganzer Völker waren sie überfordert. Da sie im Grenzgebiet und damit nahe am Feind standen, hatten sie mehr Gelegenheit dazu, Kampferfahrung zu sammeln, wenigstens was den ständigen Kleinkrieg anging. Auf organisierten Feldzügen, bei Belagerungen und in großen Schlachten war diese Erfahrung vermutlich weniger wert, diese Aufgaben blieben größtenteils dem Feldheer vorbehalten.

Die Zerschlagung größerer Einbrüche, auch wenn sie nur wenige tausend Krieger umfassten, war ausschließlich die Angelegenheit der Comitatenses, die in Stützpunkten hinter dem Limes stationiert waren.Peter Heather: 2011, S. 236–237. Wurden diese von den Eindringlingen in die Flucht geschlagen oder vernichtet, blieb den Grenzwächtern nichts anderes übrig, als sich mit der Zivilbevölkerung und so viel Vorräten wie möglich in ihren Festungen zu verbarrikadieren und auf baldigen Entsatz durch den Anmarsch der, meist vom Kaiser persönlich oder einem seiner Heermeister (Magister militum) befehligten Palastarmee (palatini) zu hoffen, welche die Eindringlinge wieder vertrieben oder wenigstens zum Abschluss eines Friedensvertrages zwingen konnten.Peter Heather: 2011, S. 207. Wenn sie sich vorher aus ihren Kastellen hinauswagten, war ihnen meist die Vernichtung gewiss. So waren sie für erfolgreich eingedrungene feindliche Heere zwar keine unmittelbare Bedrohung mehr, konnten aber in vielen Fällen wichtige Passübergänge oder Verkehrswege blockieren oder verhindern, dass sich die Eindringlinge für längere Zeit aus dem Umland mit Nahrung versorgen konnten. Für die meisten Barbarenstämme war es im frühen 4. Jahrhundert noch mühsam und zeitraubend, ein Limeskastell erfolgreich zu belagern, wenn es von seiner Besatzung entschlossen genug verteidigt wurde. In der Regel erfüllten die Limitanei daher ihren Zweck. Wenn ihre Zahl auch meist nicht ausreichte, einen größeren Raubzug oder militärische Invasion ohne Unterstützung zurückzuschlagen, so haben sie sich bei kleineren Auseinandersetzungen oft bewährt.