Die Pappmachédynastie Adt war ein Familienunternehmen in der Gebrauchsgüterfabrikation, das in über 200 Jahren seit Mitte des 18. Jahrhunderts von kleinster manueller Fertigung zur Weltmarktführerschaft für Pappmachéprodukte gewachsen und durch die wechselvolle Geschichte und ruinöse Wirtschaftspolitik im Saargebiet in den Bankrott getrieben wurde. Mehrere Produktionsstätten in Deutschland und Frankreich sowie die Größe der Belegschaft von mehreren Tausend Mitarbeitern führten zur Gründung eigener Krankenhäuser, einer Sparkasse und einer Betriebskrankenkasse. Auf dem Höhepunkt des Erfolgs am Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte das Unternehmen zu „einem der größten Arbeitgeber in der Saarregion“.Ralf Banken: Die Industrialisierung der Saarregion 1815–1914: Take-Off-Phase und Hochindustrialisierung 1850–1914. Franz Steiner Verlag, 2000, ISBN 3-515-07828-2. Der Warenkatalog listete über 10.000 Produkte: von Knöpfen über Schnupftabakdosen bis hin zu Papphülsen für Granaten, Papier-Wagenräder und Isolationsmittel für Stromleitungen produzierte das Unternehmen nahezu alles, was aus Pappmaché hergestellt werden konnte. Es besaß etliche Patente und gilt als Erfinder des synthetischen Australits.
Im Stammwerk in Saarbrücken-Ensheim () wurde bereits 1889 mit einem eigenen Kraftwerk die elektrische Stromversorgung – sowie für den ganzen Ort die Wasserversorgung – sichergestellt. Das Unternehmen besaß seit 1849 eine eigene Dampfmaschine und hatte eine Minderheitsbeteiligung an einer Straßenbahnlinie. Das Werk in Forbach () überflügelte nach dem Deutsch-Französischen Krieg die Produktionsleistung in Ensheim und wurde bis 1918 der Firmensitz. In Forbach waren auch die Beiträge zur öffentlichen Wohlfahrt mit dem Bau von Arbeiterhäusern, einem Krankenhaus, Schulen, einer Konzerthalle, Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerk und einem Arbeiterheim bedeutender als in Ensheim, obwohl auch dort die eigenen Interessen die Triebfeder der Fürsorge gewesen sein müssten. In der Zeit um 1900 trug die Firma Adt wesentlich zur jeweiligen Stadtentwicklung bei. Sowohl in Ensheim als auch in Forbach stellte die Familie eine Zeit lang den Bürgermeister.Henri Wilmin: Les Adt et leurs Industries. In: Annales des L'Est. 5. Ausgabe, 13. Jg. 1962, S. 227–263.
Mit dem Niedergang der Firma Gebr. Adt nach dem Zweiten Weltkrieg erwuchs aus der Arbeiterschaft die Hager Group, die die innovativen Bereiche des alten Unternehmens fortführen konnte und immer noch unter anderem am alten Adt-Standort in Ensheim produziert, auch wenn der Firmensitz inzwischen ins 12 Kilometer entfernte Blieskastel verlagert wurde.
Zu den umfangreichen familiären Besitzungen gehörten zeitweise auch Energieversorgungsunternehmen und Ziegeleien.
Wappen mini|hochkant|Familienwappen Adt mini|hochkant|Memorialkarte zum 50-jährigen Firmenjubiläum der Familie Adt
Das Wappen stammt von vor 1850 und zeigt „von Blau und Rot geviert im ersten und vierten Quartier einen silbernen Balken, im zweiten und dritten Quartier einen dreiblättrigen, natürlichen, goldenen Nesselzweig. Auf dem gekrönten Spangelhelm mit rot-silbernen Decken ein hochwachsender, aufrechter Arm mit silbern-geschlitztem, blauem Ärmel und silberner Schwurhand.“ Das Wappen scheint durch seine große Ähnlichkeit, insbesondere dem zentralen, sogenannten Hildebrandthelm, vom Wappen des Grafen von Hanau inspiriert zu sein; möglicherweise sind beides Arbeiten von Adolf Matthias Hildebrandt. Der Sinnspruch lautet „Oh'ne Scheu, aber treu“.Deutsches Geschlechterbuch. Band 86, S. 1–19 (Saarländ. Zweig und Herkunft) In: Rolf Heintz: Wappen und Siegel saarländischer Familien. Band 3, 1993.
Geschichte Firmengeschichte, insbesondere die von Familiendynastien, wird maßgeblich von den Familienmitgliedern geschrieben, die an der Entwicklung des Unternehmens beteiligt waren. Diese Personen stehen im Mittelpunkt. Die Familie Adt kann für sich die gleiche industrie-historische Bedeutung wie andere saarländische Unternehmerfamilien in Anspruch nehmen, zum Beispiel Stumm, Röchling und Boch oder die lothringische Familie de Wendel.
Die Anfangsjahre Es war wohl nicht nur reiner Zeitvertreib, was den Müllersohn Mathias Adt (* 23. April 1715) dazu veranlasste, seine hohen handwerklichen Fähigkeiten dazu zu nutzen, statt simpler Holz-Schnitzereien zweckmäßige Tabaksdosen herzustellen. Sein Vater Johann Michael Adt (* 1680), der frühest-bekannte Träger dieses Familiennamens, stammte von Frauenberg am Unterlauf der Blies. Der Zweitgeborene Mathias wurde durch die Heirat mit der Müllerstochter Anna Catharina Jung,auch Junk oder Junck geschrieben deren Vater die Gassenmühle () am Saarbach bewirtschaftete, zu dessen Nachfolger als Erbhof-Bauer. Die Gassenmühle – Gassen ist abgeleitet von Wadgassen – fungierte als Bannmühle des Klosters Wadgassen.
Zunächst schnitzte Mathias nebenher kleine Behältnisse, Reliefbilder und Skulpturen. Durch einen Klosterbruder (man vermutet, dass dies ein leiblicher Bruder von ihm war) wurde er auf Pappmachédosen aufmerksam gemacht, die dem Pariser Buchbinder Martin zugeschrieben wurden, der diese in Paris aber wohl nicht erfolgreich vermarkten konnte. Ab 1739 produzierte Mathias diese nachweislich für die Propstei des Klosters Wadgassen im nahen Ensheim. Abt Michael Stein (1697–1778), der 1743 bis 1778 dem Kloster Wadgassen vorstand, erkannte das Geschick des Mannes und die profane Geschäftsidee. Wegen Verhandlungen um einen Gebietstausch zwischen der Krone Frankreichs und dem Fürsten von Nassau-Saarbrücken war er nach Paris gereist und brachte Mathias weitere Dosen zur Nachahmung mit.
Die Herstellung der Dosen erfolgte nicht mit einem Papierbrei, sondern mit geleimten Papierstreifen, die um einen massiven Holzklotz herum aufgetragen wurden. Der Holzklotz stellte den späteren Hohlraum der Dose dar und wurde nach dem Trocknen der Papierstreifen davon gelöst. Anschließend musste der Dosenrohling noch einem Härtungsprozess unterzogen werden: Er wurde mit Leinöl getränkt und dann bei kleiner bis mittlerer Hitze getrocknet. Nach dem Beseitigen von Unebenheiten trug man noch drei bis achtzehn Schichten Lack auf.Jürgen Boldorf: Gebrauchskunst aus Papier. In: Sammler Journal. 11/1998, S. 40 ff.
Die Dosen waren zunächst rund und schwarz lackiert. Im Laufe der Zeit kamen auch andere Formen und Farben hinzu, es wurde ein Scharnier für den Deckel ergänzt und dieser bemalt. Im Kloster nannte man diese Dosen Müllerdosen und veräußerte sie weiter; deren Käufer nannten sie Klosterdosen. Noch 1884, also 150 Jahre nach ihrer Erstproduktion, wurden sie so bezeichnet, auch wenn man sie inzwischen anders fertigte und schon längst kein Müller mehr seine Hand im Spiel hatte.
Der Absatz der Dosen florierte, sodass auch Mathias’ und Annas acht Söhne und später auch weitere Familien im Dorf mit der Herstellung beschäftigt waren.Chronik von Frau Marie Tochtermann, 1910. Besonders der Erstgeborene Johann Peter (1751–1808) tat sich in der Geschicklichkeit bei der Fertigung der Dosen hervor. Mit der zunehmenden Produktion wurde der Abt des Klosters besorgt um die vermehrte Konkurrenz. Er beschloss, in der Propstei eine eigene Werkstatt einzurichten, deren Leitung er Johann Peter anvertraute. Einer der Söhne Johann Peters, Peter Adt II. (1777–1849), hatte das Geschick seines Vaters geerbt und konnte mit der Herstellung der sogenannten Trophée-Dosen ein ansehnliches Vermögen zusammentragen. Diese Dosen zeigten in Gold- oder Silbergrund radierte Revolutions- und Kriegsszenen oder Porträts berühmter Zeitgenossen seiner Epoche.
Mit der Säkularisation des Klosters infolge der Französischen Revolution verlor die Ensheimer Kleinindustrie ihren Schirmherrn. Der Sturz des französischen Kaisers führte zu einer schweren Krise, die viele Dosenmacherfamilien veranlasste, aufzugeben oder sogar auszuwandern.
Industrialisierung Peter III. (1798–1879), Sohn von Peter II., gelang es, das seit der Revolution darniederliegende Kloster samt Werkstatt 1826 zu erwerben und für die Produktion herzurichten. Der noch erhaltene Mittelbau, das Herrenhaus, beherbergte die Wohnung der großen Familie, die Seitenflügel blieben Produktionsstätte.
mini|hochkant=1.5|Stammbaum der Pappmachédynastie Adt. Aufgeführt sind nur die Familienmitglieder, die im Artikel Erwähnung finden.Remigius Wüstner: Die Einwohner von Ensheim vor 1905. Selbstverlag, Saarbrücken-Ensheim 1997. Standorte: Ensheim Forbach Pont-à-Mousson Jeandelaincourt
Das Jahr 1839 gilt als Gründungsdatum der Pappmachéfabrik Adt, genau 100 Jahre nach den Anfängen Peter III. Urgroßvater Mathias. Zu dieser Zeit beschäftigte das Unternehmen etwa 40 Mitarbeiter. Gleichzeitig schloss Peter III. mit seinen Söhnen Peter IV. (1820–1900), Franz (1822–1870) und Johann Baptist (1825–1916) einen Gesellschaftsvertrag zur Gründung der Firma Gebrüder Adt.
Mit der Einführung der Dampfkraft 1849 und dem effektiveren Transport zum nächsten, etwa 12 Kilometer weit entfernten Bahnhof in St. Ingbert mithilfe einer Lokomobile 1889 zeigte sich die Unternehmensführung sehr innovativ. Ein Jahr zuvor hatte Adt bei Carl Benz in Mannheim den Benz Patent-Motorwagen Nummer 1 gekauft und gilt damit als allererster Autokäufer.Auto Motor Sport. Heft 21/1976, S. 156; in: Ensheim im Bild. Band 1 der Geschichtswerkstatt Ensheim, Eigenverlag, o. J.
Bereits 1860 waren Absatzmärkte und Handelsniederlassungen auf allen Kontinenten erschlossen. Die erfolgreichste Zeit war zwischen dem Deutsch-Französischen Krieg und dem Ersten Weltkrieg. Zum 50. Firmenjubiläum 1889 beschäftigte das Unternehmen über 2500 Arbeiter, die über sechs Millionen Artikel pro Jahr herstellten. Drei unterschiedliche Familienzweige führten die Werke in der Pfalz, in Lothringen und in Frankreich. (PDF; 12,4 MB) Katalog zur 2. Spezialauktion am 10. April 2010 in Wolfenbüttel, S. 48. Das alte Stammwerk in Ensheim stand unter der Leitung von Eduard Adt, dem 1910 die Ehrenbürgerrechte von Saarbrücken zuteilwurden. Angeschlossen waren die Papier- und Kartonfabrik Schwarzenacker und das E-Werk Bliesschweyen. Die Forbacher Gruppe in Lothringen unter der Leitung von Johann Baptist Adt und seinem Sohn Gustav umfasste die Fabrik in Forbach und die rohstoffliefernde Papier- und Kartonfabrik im nahen Marienau, heute Ortsteil von Forbach. Die für den französischen Markt installierte Fabrik in Pont-à-Mousson () mit dem Papier- und Kartonwerk Blénod () wurde von Emile Adt (Sohn von Peter Adt) geleitet.
Während Ensheim und Forbach nahezu das gleiche Sortiment führten, hatte man sich in Pont-à-Mousson ganz auf den französischen Markt ausgerichtet.
Niedergang Die Produkte der Firma Gebr. Adt hatten in der Sparte Elektrotechnik mit der Erfindung und Patentierung des Bakelits 1907 zunehmend Konkurrenz und wurden schließlich von ihm abgelöst.
Der Niedergang des Konzerns begann mit dem Ersten Weltkrieg. Die Gesellschaft kam nach dem Krieg unter französische Zwangsverwaltung, deshalb folgte 1919 eine vorübergehende Sitzverlegung nach Villingen, wo ein Teil der angeheirateten Familie herstammte, und 1920 ins hessische Wächtersbach (), wo die Kartonagen-Industrie Friedrich Christian GmbH übernommen werden konnte. Wegen der hohen Verluste aufgrund der Enteignungen fehlte der Firma das Kapital, um zu reinvestieren, und sie erreichte so nicht mehr die Stellung wie vor dem Ersten Weltkrieg. 1970/71 gab es mit dem Einstieg ins Bauträgergeschäft eine weitere Sitzverlegung nach Frankfurt am Main, außerdem wurde sie Alleingesellschafter der Allibert GmbH (Badezimmerausstattungen u. a.) und der Adt-Götze GmbH (Rollläden, Markisen). Mehrheitsaktionär war inzwischen die französische Sommer-Allibert S. A. 1985 kam ein Vergleich, der später wieder aufgehoben wurde, und das dafür ursächliche Bauträgergeschäft wurde abgestoßen.
Die Gründe für den wirtschaftlichen Abstieg sind vielfältig. Wie Hans Adt in seiner Autobiographie schreibt, liegen sie nach seiner Ansicht
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