Elisabeth Ida Marie Flickenschildt (* 16. März 1905 in Blankenese bei Hamburg; † 26. Oktober 1977 in Guderhandviertel bei Stade) war eine deutsche Bühnen- und Filmschauspielerin.
Leben Elisabeth Ida Marie Flickenschildt absolvierte in Hamburg ihr Abitur und begann eine Lehre in einem Modebetrieb. Mit 23 Jahren sah sie eine Theatervorstellung, die sie so begeisterte, dass kurze Zeit danach ihr Vater, ein Kapitän, einer Schauspielausbildung zustimmte. Robert Nhil gab der 23-Jährigen Schauspielunterricht. Mit einer Körpergröße von 1,79 Metern war sie zunächst im wörtlichen Sinn eine große Schauspielerin.THEATER: Von ferne eine Nachtigall aus Spiegel Online (Ausgabe Der Spiegel 47/1949), abgerufen am 13. Juli 2016 Flickenschildt hatte dann ihr Schauspiel-Debüt als Bäuerin Armgard in Schillers Wilhelm Tell am Hamburger Schauspielhaus. Bald war sie an verschiedenen deutschen Bühnen beschäftigt. Sie spielte jeweils drei Jahre in München und Berlin. 1936 heiratete sie den Theaterwissenschaftler, Dramaturgen und persönlichen Gründgens-Assistenten Rolf Badenhausen (1907–1987), die Ehe hielt bis 1944. Schließlich engagierte Gustaf Gründgens sie an das Staatstheater Berlin, wo sie zunächst die Hexe in Goethes Faust. Eine Tragödie verkörperte.
Flickenschildts Filmerfolge in der Zeit des Nationalsozialismus, die sie deutschlandweit bekannt machten, waren Der zerbrochene Krug (1937), Der Maulkorb (1938), Robert Koch, der Bekämpfer des Todes (1939), Trenck, der Pandur (1940), Rembrandt (1942) und Romanze in Moll (1943). Flickenschildt, die zum 1. Juli 1932 der NSDAP beitrat,Felix Moeller: Der Filmminister. Berlin 1998. S. 440 wurde in der Endphase des Zweiten Weltkriegs im August 1944 in die von Hitler genehmigte Gottbegnadeten-Liste aufgenommen – eine Liste des Reichspropagandaministeriums sogenannter unersetzlicher Schauspieler.Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, S. 157. Wegen des Verdachts der Fragebogenfälschung im Zuge ihrer Entnazifizierung war sie nach dem Zweiten Weltkrieg kurzzeitig inhaftiert und musste sich vor einem amerikanischen Militärgericht verantworten. Auch in ihrem Meldebogen bei der Gemeinde Eisenärzt, wo sie seit 1941 im Ortsteil Scharam lebte, leugnete sie eine Mitgliedschaft in der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen. Aufgrund eines Gutachtens der Kommission für Kulturschaffende des Bayerischen Staatsministers für Unterricht und Kultus stellte die Spruchkammer des Landkreises Traunstein das Verfahren gegen Flickenschildt mit dem Vermerk „Nicht betroffen“ am 19. November 1947 ein.Staatsarchiv München, Spruchkammerakten, K 2539: Flickenschildt, Elisabeth, geb. 16.03.1905.
Nachdem ihr die amerikanische Militärregierung Anfang 1946 die Berufsausübung genehmigt hatte,Laut Angabe in ihrem Meldebogen vom 25. Mai 1946 wurde ihr die Berufsausübung in Tübingen am 15. Februar 1946 genehmigt, in: Staatsarchiv München, Spruchkammerakten, K 2539: Flickenschildt, Elisabeth, geb. 16.03.1905. spielte sie weiterhin Theater, bevorzugt mit Gustaf Gründgens als Regisseur. Durch ihn wurde sie Ensemblemitglied am Düsseldorfer Schauspielhaus und folgte ihm auch nach Hamburg ans Deutsche Schauspielhaus. Unter seiner Intendanz, dabei z. T. auch unter seiner Regie, spielte Flickenschildt nahezu alle klassischen Frauenrollen der in- und ausländischen Theaterliteratur (u. a. die Marthe Schwerdtlein in Goethe, Faust I). Während dieser Zeit trat sie als Hauptdarstellerin aber auch in Erst- und Uraufführungen zeitgenössischer Stücke hervor: hier ist vor allem Friedrich Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame und Lawrence Durrells SapphoPremiere am 21. November 1959. Im Urteil des renommierten Rezensenten Willy Haas in der Zeitung Die Welt hieß es hierzu: „Keiner, keiner auf dieser Erde, glaube ich, hätte das so spielen können wie Elisabeth Flickenschildt als Sappho. Mit Recht hat dieses Drama so viele Jahre stumm auf sie gewartet, und sie auf dieses Drama. Sie ist so überaus zart darin, so leise, süß, schön und still – es läßt sich kaum sagen. Schön in einer alternden Schönheit.“ zu nennen.
mini|hochkant|Grabstätte Elisabeth Flickenschildt, Kirchhof Hittenkirchen am Chiemsee Nach Gründgens’ Tod Ende 1963 ging sie keine festen Engagements mehr ein. Sie spielte in Kriminalfilmen nach Edgar Wallace und übernahm zunehmend auch Rollen in Fernsehproduktionen (z. B. in Der Kommissar, Folge 61). Aber auch in klassischen Produktionen war sie zu sehen, wie 1959 in Die Ratten nach Gerhart Hauptmann, wo sie unter der Regie von John Olden neben Charlotte Kramm und Edith Hancke spielte. Zu ihren letzten Arbeiten zählen die Filme Als Mutter streikte (1974), MitGift (1975) und Die Nacht aus Gold (1976). Noch bis kurz vor ihrem Tod stand Flickenschildt in dem Shakespeare-Stück Coriolanus, mit Boy Gobert in der Titelrolle, als Volumnia auf der Bühne des Hamburger Thalia-Theater.
Flickenschildt erwarb den Hof „Maria Rast“ in Hittenkirchen am Chiemsee und entwickelte große Leidenschaft für die Tierhaltung. Etwa 1965 konvertierte sie zum katholischen Glauben.Ben Witter: Prominentenporträts. Fischer Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/Main 1977. S. 106.
Ihre Rückkehr nach Norddeutschland Mitte der 1970er Jahre stieß auf vielerlei Probleme, auch der Kauf eines Bauernhofes in Guderhandviertel (Landkreis Stade) im April 1976 erwies sich als wenig glücklich. Flickenschildt starb im Oktober 1977 an den Spätfolgen eines schweren Autounfalls, den sie erlitten hatte, während sie einen Rollentext lernte. Sie wurde in ihrem langjährigen Wohnort Hittenkirchen (heute Gemeinde Bernau am Chiemsee) auf dem Kirchfriedhof St. Bartholomäus beigesetzt.
Flickenschildts Bruder Karl-Heinrich (1910–1987) war von 1951 bis 1958 mit der Schauspielerin Ingrid von Bothmer verheiratet. Aus dieser Ehe entstammt die Schauspielerin Hilke Flickenschildt.
Auszeichnungen 1964 erhielt sie für ihre Rolle in der mit vielen Stars (u. a. Lilli Palmer, Hildegard Knef) besetzten deutsch-österreichischen Kinoproduktion Das große Liebesspiel das Filmband in Gold für die beste darstellerische Leistung. 1964 wurde ihr durch das Land Nordrhein-Westfalen der Titel Professor verliehen 1967 erhielt sie den Bambi. Bundespräsident Walter Scheel verlieh ihr 1975 wegen ihrer Verdienste für die Kultur das Große Bundesverdienstkreuz.
Würdigungen mini|Elisabeth-Flickenschildt-Straße in Berlin-Haselhorst (2012) Aus Anlass des 50. Geburtstages von Adolf Hitler wurde ihr am 20. April 1939 der Titel „Staatsschauspielerin“ verliehen.Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger vom 21. April 1939, S. 1. In Berlin-Haselhorst gibt es eine Elisabeth-Flickenschildt-Straße. In Hamburg gibt es, schräg gegenüber vom Ernst-Deutsch-Theater, seit mehr als drei Jahrzehnten das Lokal „Flickenschildt“, das nach ihr benannt ist.
Werke Kind mit roten Haaren – Ein Leben wie ein Traum, Droemer-Knaur, München und Zürich 1971. ISBN 3-426-00320-1. (Autobiografie) Pflaumen am Hut, Hoffmann und Campe, Hamburg 1974. ISBN 3-426-00449-6. (Roman) Pony und der liebe Gott. Geschichten aus dem Nachlass, herausgegeben von Rolf Badenhausen, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1982. ISBN 3-498-09596-X.
Filmografie (Auswahl)
Theater +SpielzeitTheaterstückRolleTheater1933Peterchens MondfahrtBitzhexeKammerspiele, München1933Hier bin ich, hier bleib ichGroßmutterKammerspiele, München1933Bund der JugendThoraKammerspiele, München1933Glück im HausAliceKammerspiele, München1934Flachsmann als ErzieherBetty SturhahnKammerspiele, München1934Goldene PfennigeMizzi BrezelKammerspiele, München1934Kann eine Frau sich ändern?(unbekannt)Kammerspiele, München1934Ein toller EinfallVeronika BenderKammerspiele, München1935Ein SchattenMutterKammerspiele, München1935Spiel an BordFräulein DistelmannKammerspiele, München1935Bianca und JuwelierBremsaKammerspiele, München1935Pension SchöllerSchriftstellerin (?)Kammerspiele, München1935AmphytrionCleanthisKammerspiele, München1935Der eingebildete KrankeBelineKammerspiele, München1936Himmel auf ErdenPeggy MacFarlandKammerspiele, München1936/37Scherz, Satire, Ironie und tiefere BedeutungDes Teufels GroßmutterDt. Theater, Berlin1936/37Die armseligen BesenbinderPrinzessin TrullDt. Theater, Berlin1936/37Hamlet in WittenbergBordellwirtinDt. Theater, Berlin1936/37Die vier GesellenFranziskaDt. Theater, Berlin1937/38Herzog und HenkerHerzogin SabineDt. Theater, Berlin1938AmphytrionCharisFestspiele Salzburg1938Mein Freund JackFrau Parker-JenningsDt. Theater, Berlin1939Der Bürger als EdelmannDorimenteFestspiele Salzburg1939/40Die lange JuleDie lange JuleDt. Theater, Berlin1940/41Das KaffeehausPlacidaDt. Theater, Berlin1941/42AbendröteSolveigStaatstheater Berlin1942/43Der BiberpelzMutter WolffenStaatstheater Berlin1945Ausflug mit DamenJunoTübingen1947/48Scherz, Satire, Ironie und tiefere BedeutungDes Teufels GroßmutterDüsseldorf1948Der FöhnGisela PitoriusDüsseldorf1948Faust IMarthe SchwerdtleinDüsseldorf1948Ausflug mit DamenJunoDüsseldorf1949/50FamilientagAmyDüsseldorf1950/51CocktailpartyJuliaDüsseldorf1950/51Dona RositaHaushälterinStaatsschauspiel, München1950/51Nicht zuhören, meine DamenJulie Bille-en-BoisDüsseldorf1951Venus im LichtRosabel FlemingDüsseldorf1951/52MedeaMedeaDüsseldorf1952Faust IMarthe SchwerdtleinDüsseldorf1952/53QuadrilleLady Octavia BonningtonDüsseldorf1952/53Die RattenFrau JohnDüsseldorf1954Der PrivatsekretärLady Elizabeth MulhammerDüsseldorf1954/55Um LucretiaPaolaDüsseldorf1956EgmontRegentinFestspiele Salzburg1956/57Der Besuch der alten DameClaire ZachanassianDeutsches Schauspielhaus, Hamburg1956/57Faust IMarthe SchwerdtleinDeutsches Schauspielhaus, Hamburg1957Emilia GalottiClaudia GalottiFestspiele Salzburg1957/58Mutter CourageMutter CourageDüsseldorf1957/58ElektraKletemnestraKammerspiele München1957–60Faust IIMutter, Erichtho, Sorge, Mata GloriosaDeutsches Schauspielhaus, Hamburg1958/59Iphigenie in DelphiIphigenieDeutsches Schauspielhaus, Hamburg1959SapphoSapphoDeutsches Schauspielhaus, Hamburg1961/62Vom Teufel geholtJuliane GihleDeutsches Schauspielhaus, Hamburg1962/63Die PhysikerDr. Mathilde v. ZahndDeutsches Schauspielhaus, Hamburg1962/63Die PerserAtossaStuttgart1964/65FamilientagAgathaMünster1965/66ColombeMadame AlexandraRenaissancetheater, Berlin1966Die TroerinnenHekubaThalia-Theater, Hamburg1966/67Die PerserAtossaMünster1967HabenKépesResidenztheater, München1968/69HabenKépesDas Junge Theater, München1969Ganze Tage in BäumenDie MutterDas Junge Theater, Hamburg1971/72Wecken Sie Madame nicht aufMutter JuliensDeutsches Schauspielhaus, Hamburg1972Richard IIIHerzogin von YorkDüsseldorf1973Der MenschenfeindArsinoeFestspiele Salzburg 1975Die Heiligen UngeheuerTheaterdirektorin EstherDeutsches Schauspielhaus, Hamburg1977CoriolanusVolumniaThalia-Theater, Hamburg
Literatur Hugo Bergham: Die „Flicki“: Elisabeth Flickenschildt (1905–1977). In: Konrad Adenauer, Hugo Bergham, Christoph Hardt, Henner Löffler: Adenauerianer. Gestalter, Macher, Zauberer – wem wir die Republik verdanken. 2. Auflage, Dittrich Verlag in der Velbrück GmbH Verlage, Weilerswist-Metternich 2025, ISBN 978-3-910732-46-9, S. 214–233. Bernd Braun: Flickenschildt, Elisabeth. In: Hamburgische Biografie. Band 5, Göttingen 2010, S. 116–118. Nicolaus Neumann, Jörn Voss, Boy Gobert: Elisabeth Flickenschildt – „Theater ist Leidenschaft“. Eine Bilddokumentation. Hoffmann und Campe, Hamburg 1978. ISBN 3-455-08915-1. Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-10-039326-5. Jörg Schöning: Elisabeth Flickenschildt – Schauspielerin. In: CineGraph – Lexikon zum deutschsprachigen Film, Lieferung 18, 1991.