Lugdunum Batavorum (auch: Brittenburg) ist der Name eines abgegangenen römischen Kastells mit Hafen und einer Zivilsiedlung zwischen Noordwijk aan Zee und Katwijk aan Zee, nordwestlich von Leiden in den Niederlanden.

Lage Lugdunum Batavorum war das westlichste Kastell des Niedergermanischen Limes. Es befand sich an der Stelle, an welcher in antiker Zeit der Oude Rijn in die Nordsee mündete. Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Platz von der Nordsee weggespült und unterhalb des Meeresspiegels mit Sand bedeckt. Die möglicherweise noch vorhandenen Reste der Befestigung befinden sich heute im Meer, etwa 500 m bis 2000 m nordwestlich der Küste und konnten auch mit modernen archäologischen Methoden bislang nicht genau lokalisiert werden.Wilfried A. M. Hessing: Das niederländische Küstengebiet. In: Tilmann Bechert, Willem J. H. Willems (Hrsg.): Die römische Reichsgrenze zwischen Mosel und Nordseeküste. Theiss, Stuttgart 1995, ISBN 3-8062-1189-2, S. 96–98.

Antike Quellen

Die Caligula-Biographie des römischen Schriftstellers Sueton beschreibt an einer StelleSueton, Caligula 46: Postremo quasi perpetraturus bellum, derecta acie in litore Oceani ac ballistis machinisque dispositis, nemine gnaro aut opinante quidnam coepturus esset, repente ut conchas legerent galeasque et sinus replerent imperavit, spolia Oceani vocans Capitolio Palatioque debita, et in indicium victoriae altissimam turrem excitavit, ex qua ut Pharo noctibus ad regendos navium cursus ignes emicarent., wie Caligula, um den erfolglosen Versuch eines Feldzugs gegen Britannien zum Abschluss zu bringen, seine Soldaten an der Küste mit allen Ballisten und anderer Artillerie habe Stellung beziehen lassen und ihnen plötzlich befahl, ihre Helme mit Muscheln zu füllen um diese als Kriegsbeute im Triumph mit nach Rom zu bringen. Nach der „Siegesverkündung“ in diesem fragwürdigen Manöver habe Caligula einen großen Leuchtturm nach dem Vorbild des Pharos von Alexandria bauen lassen. Die beschriebenen Geschehnisse sollen sich in Lugdunum Batavorum abgespielt haben.

Das früher in diesem Zusammenhang des Öfteren erwähnte Boulogne-sur-Mer scheidet vermutlich aus den Überlegungen aus, da es dort keinerlei Belege für eine römische Präsenz in der Zeit des Caligula gibt. Für Katwijk spricht hingegen zum einen der Umstand, dass das benachbarte Praetorium Agrippinae im Jahre 39 n. Chr. durch Caligula gegründet und namentlich der Mutter des Kaisers gewidmet worden sein soll. Ferner gilt die Anwesenheit des Kaisers in der Region durch die Inschrift: C(ai) Cae[s(aris) A]ug(usti) Ger(manici). eines im stromaufwärts gelegenen Fectio gefundenen Weinfasses des kaiserlichen Kellers aus dem Jahre 40 n. Chr. als mehr als wahrscheinlich.

mini|Lugduno auf der Tabula Peutingeriana

Auf der Tabula Peutingeriana ist Lugdunum Batavorum – symbolisiert durch zwei Türme – als Lugduno mit Straßenanbindungen nach Praetorium Agrippinae und Forum Hadriani verzeichnet.Tabula Peutingeriana, Pars II, Segmentum II, in einer Reproduktion des 19. Jahrhunderts. Im Itinerarium Antonini erscheint es als Lugdunum mit einer Entfernungsangabe von zehn Leugen bis Albaniana (Alphen aan den Rijn).Itinerarium Antonini 368, 3–4; Streckenverlauf ab Caput Germanorum auf der Webpräsenz tabula-peutingeriana.de. Auch in der Geographike Hyphegesis des antiken Universalgelehrten Ptolemaeus wird der Ort als Batavodurum erwähnt.Ptolemaeus, Geographike 2, 8 (online).

Mittelalterliche und neuzeitliche Urkunden Erstmals schriftlich erwähnt als borch te Bretten wird die Ruine im Jahre 1401 in einem Gedicht des Willem van Hildegaersberch. (= Nederlandse Literatuur en Cultuur in de Middeleeuwen, 18). Prometheus, Amsterdam 1991, ISBN 90-5333-036-4. (um 1350 bis um 1408), eines niederländischen Dichters und SprooksprekersIm Spätmittelalter ein umherreisender oder auch an Fürstenhöfen tätiger Gedichtrezitator im mittelniederländischen Sprachraum. am Hofe des Grafen von Holland.„… By wat saken, by wat reden Mach dat sijn, staet wel te vraghen: Tis gheschiet by ouden daghen, Dat hoer voerders waren coen, Ende alsoe pijnden wel te doen, Dat hem die heren gaven lof Enten sloetel oec daer of, Dat si bewaerden sheren palen, Ende hoer gheleide mosten halen Menich mensch op ende neder, Den enen voert, den anderen weder. Wairwaert dat si wilden sijn, Optie zee of inden Rijn, Mosten si hoer gheleide setten, Want daer stont een borch te Bretten, Daer op woonden die onbedwonghen. Ende vanden ouden totten jonghen Ist so comen vaste voort, Dat hem die sloetel toebehoert, Want si en eerst in eren creghen. Daer en mach nyemant segghen tieghen Inder waerheit openbaer, Hi en wil den rechte gaen te naer Ende daer toe die waerheit sparen; Want si bleven veel der jaren Deerste palen vanden lande, Ende ooc bewaerden sijt sonder schande …“ auf der Webpräsenz der Alumnivereniging Vrienden van de Duitse Taal en Cultuur.

Aus dem 16. Jahrhundert gibt es eine Anzahl Karten sowie das Gemälde Reproduktion des Gemäldes auf www.cultuurwijzer.nl. eines anonymen Künstlers. Unter den Landkarten dominieren verschiedene Varianten und Kopien aus dem Werk des flämischen Geographen und Kartographen Abraham Ortelius (1527–1598).Marcel P. R. van den Broecke: Ortelius' Brittenburg. In: Caert Thresoor. Tijdschrift voor Historische Kartographie in Nederland, 32, 2013, 2, , S. 42–46.

Im Jahre 1734 erschien über die so genannte Brittenburg ein Werk des Altertumswissenschaftlers und Historikers Hendrik Cannegieter (1691–1770).Henricus Cannegieter: Dissertatio de Brittenburgo, Matribus Brittis, Britannica Herba, Brittia Procopio Memorata, Britannorumque Antiquissima Per Galliam Et Germaniam Sedibus. Pierre de Hondt, Den Haag 1734 (Digitalisat).

Beobachtungen und Lokalisierungsversuche Die erste historisch gesicherte Beobachtung der Ruinen von Lugdunum Batavorum erfolgte 1520, nachdem ein Sturm die Ruine freigelegt hatte. Weitere Beobachtungen erfolgten in unregelmäßigen Abständen des Öfteren bis ins 18. Jahrhundert, vereinzelt noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts (zuletzt 1923), da das Gelände bei bestimmten Wetter- bzw. Gezeitenlagen trocken fiel, zumeist nach heftigen Stürmen. Dabei wurden römische Artefakte, hauptsächlich Steine (Tuffblöcke und Marmor), Ziegel, Keramik und Münzen von den Bewohnern Katwijks geborgen und die freiliegenden Mauern systematisch als Steinbruch genutzt.Julianus Egidius Bogaers: Katwijk-Brittenburg – Lugdunum. In: Julianus Egidius Bogaers, Christoph B. Rüger (Hrsg.): Der Niedergermanische Limes. Materialien zu seiner Geschichte. Rheinland-Verlag, Köln 1974, ISBN 3-7927-0194-4, S. 36–39.Michael Erdrich: Lugdunum Batavorum. In: Reallexikon der germanischen Altertumskunde. 2. völlig neu bearbeitete und stark erweiterte Auflage. Band 19. De Gruyter, Berlin/New York 2001, ISBN 3-11-017163-5, S. 29 f. Versuche, das Kastellgelände exakt zu lokalisieren, erfolgten bis in die heutige Zeit. Jedoch gelang es weder professionellen Archäologen mit modernen Untersuchungsmethoden noch Amateurarchäologen mittels Einsatz von Tauchern, die Ruinen wieder zu finden. Inzwischen wird vermutet, dass der heftige Wellengang der Nordsee das Kastell möglicherweise endgültig fortgespült haben könnte.

Epigraphische und sonstige Funde Aus der Zeit zwischen 138 und 161 stammt ein im 16. Jahrhundert gefundener Weihestein mit der Inschrift:

Ein weiterer Stein entstand um das Jahr 206 und trägt die Inschrift:

Im Kasteel Duivenvoorde in der südholländischen Stadt Voorschoten befinden sich zwei weitere römische Inschriftensteine. Die Vorderseite des größeren Steins datiert auf die Jahre 196/198, seine Rückseite auf 103/111.; (online). Der kleinere lässt sich der Zeit um 205 zuweisen. (online). Zumindest der zweite Stein könnte möglicherweise aus Lugdunum Batavorum stammen.Nach CIL und Julianus Egidius Bogaers: Leiden-Roomburg – Matilo. In: Julianus Egidius Bogaers, Christoph B. Rüger (Hrsg.): Der Niedergermanische Limes. Materialien zu seiner Geschichte. Rheinland-Verlag, Köln 1974, ISBN 3-7927-0194-4, S. 44 sind diese Inschriften aus Leiden-Roomburg/Matilo.

Die Münzen, die im Laufe der Jahrhunderte gefunden wurden, konnten zum Teil bestimmt werden. Die späteste datiert auf das Jahr 270.

Ziegelstempel erwähnen den exercitus Germanicus inferior (Niedergermanisches Heer), die classis Germanica pia fidelis, die legio I MinerviaIn den Variationen legio I Minervia, legio I Minervia pia fidelis und legio I Minervia Antoniniana. und die legio XXX Ulpia victrix.

Eine Anzahl der Funde aus Katwijk sowie die bildliche Darstellung der so genannten Brittenburg durch einen anonymen Künstler des 16. Jahrhunderts sind im Rijksmuseum van Oudheden in Leiden zu besichtigen und in der Sammlung des Museum Meermanno. In Den Haag befindet sich ein römischer Krug, der vermutlich aus Lugdunum Batavorum stammt.

Beobachtungs-, Fund- und Quelleninterpretation mini|Stich der Brittenburg von François van Bleyswyck (1725) mit stark interpretierender Darstellung der Grundrisse

Der auf zeitgenössische Beobachtungen basierende Grundriss auf den Karten des Geographen Ortelius kann nur mit einer gewissen Vorsicht interpretiert werden. Unbestritten ist lediglich die Tatsache, dass es sich bei dem annähernd quadratischen Gebäude mit Trennmauer um ein Doppelhorreum handelt. Analoge Befunde sind aus anderen römischen Militärlagern bekannt. Unsicher ist die Darstellung der halbrunden Türme, insbesondere der doppelten Ecktürme. Zwar gibt es halbrunde römische Türme, jedoch erst in spätantiker Zeit, aus der wiederum in Lugdunum Batavorum keine Funde vorliegen. Doppelte Ecktürme jedoch sind völlig untypisch. Es kann daher vermutet werden, dass bei der graphischen Umsetzung der gesichteten Befunde subjektive Wahrnehmungen – bedingt durch die Kenntnis des zeitgenössischen Festungsbaus der Beobachter – eine gewisse Rolle gespielt haben.Selbst in der modernen Archäologie gilt noch, dass mit der zeichnerischen Dokumentation die Interpretation beginnt. Ebenfalls in Betracht gezogen wurde die Möglichkeit, dass es sich um eine fränkische Festung des 6. Jahrhunderts handeln könne, die auf die antiken Ruinen aufgesetzt worden sei und deren Baumaterialien sich aus sekundär verwendeten römischen Steinen zusammengesetzt habe. Bei den Mauerzügen im Inneren insgesamt kann zusammenfassend gemutmaßt werden, dass es sich entweder um verschiedene Bauten oder um Bauphasen verschiedener Zeiträume oder aber um durch subjektive Wahrnehmungen bedingte Fehldarstellungen handeln könnte. auf der niederländischen Webpräsenz brittenburgnet.nl

Durch die Analyse des Fundmaterials – insbesondere die der Fundmünzen, der Inschriften und der Keramik – im Kontext der Geschichte dieses Limesabschnittes lässt sich der Ort einigermaßen datieren. Lugdunum Batavorum existierte vermutlich spätestens von hadrianischer Zeit an bis zur Aufgabe des Limes in dieser Region um die Jahre 270/275. Das Lager war als Kohortenkastell angelegt, von den dort dienenden Truppen ist namentlich die Cohors I Raetorum civium Romanorum pia fidelis belegt. Darüber hinaus dürfte der Hafen von der Classis Germanica als Basis genutzt worden sein. Der Vicus befand sich möglicherweise südöstlich des Lagers im Gebiet der heutigen Katwijker Ortsteile Cleijn Duin und Zanderij, wo Befunde und Funde aus den Jahren 50 bis 250 vorliegen. Sollten diese Befunde mit den Sichtungen an und vor der Küste in direktem Zusammenhang stehen, dürfte es sich um einen mindestens 1,5 km ausgedehnten Vicus entlang der Römerstraße handeln.

Lugdunum Batavorum – Brittenburg – Leiden: Verwirrspiel um Namen