Giovanni Mollio (* um 1500 in Montalcino bei Siena; † 5. September 1553 in Rom) war ein italienischer Reformator. Er gilt als evangelischer Märtyrer und hieß eigentlich Giovanni Buzio, „il Mollio“ war ursprünglich nur sein Beiname, der erstmals in Ludwig Rabus’ Buch „Historien der Martyrern“ (Straßburg 1555) auftaucht, nämlich in der Form Johannes Mollius Montilcinus. Daneben wird er auch Montilcinus, Montalcinus, Montalcino, Giovanni (da) Montalcino, Giovanni Montalcini, Giovanni Mollio (da) Montalcino oder Giovanni Moglio, als Mitglied des Franziskanerordens Fra Giovanni Moglio, eingedeutscht auch Johannes Mollio, Johann Mollio, Johannes Molleus, Johannes Mollius, Johann Mollius oder Johannes Montalcinus, englisch mitunter John Mollio, John Mollius oder Joannes Mollius genannt, letztere Form findet sich auch im Niederländischen. Im Spanischen finden sich die Formen Juan Mollio und Juan Buzio di Montalcino.

Leben Klosterschüler Giovanni Mollio wurde als Sohn mittelloser Eltern geboren. Wegen ihrer Armut übergaben sie Giovanni zusammen mit seinem Bruder Augustinus im Alter von zwölf Jahren der Obhut des Franziskanerordens, dem er zeitlebens angehören sollte. Da Giovanni den Ordensmitgliedern, im Gegensatz zu seinem Bruder, der niedrige Arbeiten verrichten musste, aufgrund seiner raschen Fortschritte in den Künsten, Wissenschaften und Sprachen begabt erschien, brachten sie ihm die lateinische Sprache bei.

Priesterweihe und Studium Nach zwei Jahren galt er im montalcinischen Kloster als der beste Lateinschüler. Im Alter von 18 Jahren empfing er die Priesterweihe und las seine erste Messe. Danach wurde er zur weiteren Ausbildung nach Ferrara geschickt. Dort studierte er Dialektik und Philosophie und betrieb auch Bibelstudien.

Promotion und Lektorenamt Nach sechs Jahren hatte Giovanni Mollio einen Bildungsstand erreicht, der ihn in vielen Disputen die Oberhand behalten ließ. Dadurch wurde der General und Obere der Franziskanerminoriten, Giovanni Vigerio, genannt Januensis (der Stadtname Genua wird bisweilen von lateinisch „Janua“ für „Tür“ oder „Tor“ hergeleitet; Amtszeit Vigerios war 1525–1530), auf ihn aufmerksam und ließ ihn promovieren. Danach wurde er von Vigerio als Lektor im Franziskanerkloster zu Genua eingesetzt. Zu dieser Zeit versuchte Mollio noch, argumentativ gegen die Lehren der Reformation vorzugehen.

Professur in Brescia Im Jahre 1531 wurde Mollio Professor; er lehrte erst in Brescia, im deutschsprachigen Raum damals auch Brixen genannt. Sein Wissensstand und seine Lehrfähigkeiten machten ihn bekannt. Ein damaliger Schüler Mollios war Michelangelo Florio. (Nach seiner Emigration nach England wurde Michelangelo Florio Italienischlehrer der Lady Jane Grey und der späteren Königin Elisabeth I. John Florio war sein Sohn. Sowohl John als auch Michelangelo Florio wurden in sehr umstrittenen Thesen als Autor der Werke William Shakespeares in Betracht gezogen.) Papst Sixtus IV. (Pontifikat 1471–1484), der selbst dem Franziskanerorden angehörte, hatte dafür gesorgt, dass Mitglieder dieses Ordens auch ohne Einverständnis der Ortsgeistlichen überall seelsorgerisch und lehrend tätig sein durften. Mollios Lehrtätigkeit konnte von diesem Privileg profitieren.

In Oberitalien, speziell in Brescia und der lombardischen Hauptstadt Mailand, existierten bereits im Mittelalter christliche Bewegungen wie die Waldenser, die sich von der römisch-katholischen Kirche gelöst hatten und großen Wert auf den Wortlaut und die Verbreitung des Evangeliums legten. Auch der in Brescia geborene Arnold von Brescia (um 1090–1155) wurde bisweilen, ebenso wie diese Bewegungen, als Vertreter der Vorreformation gesehen. Unter dem Eindruck der Kriege in dieser Region am Anfang des 16. Jahrhunderts entwickelten diese Strömungen die Vorstellung von der Erlösung allein durch den Glauben (Sola fide). Ferner gab es viele Kontakte zur benachbarten Schweiz und dem ebenfalls nahe gelegenen Deutschland, wo sich zur Zeit Mollios die Reformation verbreitete, mit ihren Zentren in Zürich beziehungsweise Wittenberg.

Professur in Mailand und Pavia 1532 lehrte Mollio in Mailand. In dieser Position studierte er noch intensiver die Bibel. Dabei kam er zu dem Schluss, dass der reformatorischen Lehre von der Rechtfertigung allein aus Glauben zuzustimmen sei. Ebenso wie Martin Luther bezog er sich dabei besonders auf die Epistel des Paulus. In seiner Entwicklung, bei der er zunächst die Bibel las, um die reformatorischen Schriften zu widerlegen, und dadurch nach und nach selbst zu reformatorischem Denken geführt wurde, ähnelte Giovanni Mollio Pietro Paolo Vergerio, dem Bischof von Koper.

Entscheidend für Mollios Abkehr von der römisch-katholischen Lehre war auch Heinrich Bullingers Abhandlung über die Messe und die Anrufung von Heiligen. Girolamo Zanchi schrieb am 24. Juni 1568, also nach Mollios Tod, in einem Brief an Bullinger, wie ihm Mollio dieses Buch mit dem Titel „de Origine erroris“ oder „über den Ursprung des Irrtums betreffend die Bilderverehrung und die Messe“ empfohlen habe. So habe ihm Mollio geraten, sein rechtes Auge dafür herzugeben, wenn er kein Geld dafür habe, um es dann mit dem linken zu lesen. Zanchi habe es stattdessen für eine Krone erworben und den Text gekürzt, um ihn für die Inquisition unverdächtig zu machen. Bemerkenswert an diesem Brief ist nicht nur die Bekanntschaft Mollios mit Zanchi und seine Wertschätzung für Bullinger, sondern auch, dass Mollio hier bereits als Märtyrer für das Evangelium bezeichnet wurde.

In Mailand gab es bereits seit 1524 evangelische Prediger, evangelische Gemeinden gab es in mehreren Städten, die zur Lombardei oder zu Venedig gehörten. Mollio schloss sich 1532 dieser Bewegung an, unterstützte sie mit seinem Wissen und fand seinerseits Bestätigung für seine neugewonnenen Ansichten, die auch in seinen Vorträgen immer deutlicher wurden.

Noch im Jahre 1532 wurde Francesco II. Sforza, der Herzog von Mailand, auf Mollio aufmerksam und ernannte ihn zum Ordinarius für Philosophie in Pavia. Auch dort schloss Mollio sich einem evangelischen Kreis an.

Professur in Bologna Später im Jahre 1532 erhielt Mollio von Lorenzo Spada, einem gebürtigen Bologneser und renommierten Theologen, der 1537 als 48. das Amt des Generalministers der Franziskanerminoriten, denen Mollio angehörte, übernehmen sollte (Amtszeit bis 1543), und ihn sehr zu schätzen wusste, eine Professur in Bologna.

Bischof und päpstlicher Legat in Bologna war Kardinal Lorenzo Campeggi, der bereits 1530 auf dem Reichstag zu Augsburg als scharfer Gegner der Reformation hervorgetreten war. Karl V. hatte er geraten „das giftige Gewächs der evangelischen Kirche mit Feuer und Schwert zu vertilgen“. Dieselbe Haltung vertrat er auch in seiner eigenen Diözese. Die Ereignisse in Augsburg wurden von den evangelischen Christen Italiens mit großem Interesse verfolgt. Karl V. hielt nach seiner Rückkehr aus Deutschland mit Papst Clemens VII. in Bologna eine Unterredung. Johann Planitz, ein Gesandter des Kurfürsten von Sachsen, reiste zu dieser Zeit zu Karl V. nach Bologna. In Italien verbreitete sich daraufhin das Gerücht, Planitz habe den Auftrag, den Kaiser dazu zu bringen, den Papst zu veranlassen, ein allgemeines Konzil einzuberufen, auf dem über die von den Reformatoren aufgeworfenen Glaubensfragen diskutiert werden sollte. Die evangelische Untergrundgemeinde Bolognas sandte daraufhin ein Schreiben an Planitz, von dem vermutet wird, dass es von Mollio geschrieben worden war. Zu dieser Gemeinde gehörten auch andere Professoren seiner Universität. Darin drückte sich die Hoffnung aus, der Kurfürst werde die Italiener und andere Völker dabei unterstützen, die in dem Schreiben als „Tyrannei“ bezeichnete Vorherrschaft des Papstes abzustreifen, wie es auch in Sachsen geschehen sei, und Glaubensfreiheit, freie Predigt und freie Verbreitung von Bibelübersetzungen zu ermöglichen. Die Einberufung eines Konzils wurde begrüßt.

In Bologna hielt Mollio Vorlesungen über Aristoteles’ drittes Buch über die Seele und das erste Buch des Johannes Duns Scotus. Zu dieser Zeit tendierte Mollio dazu, sich mehr auf seine biblischen Studien zu konzentrieren. Dabei kam ihm die Bitte einiger evangelisch gesinnter Ordensbrüder gelegen, künftig Vorlesungen über die Epistel des Paulus zu halten. Er kam dieser Bitte zunächst nach, indem er in seiner Zelle einem kleinen Kreis den Römerbrief auslegte. Die große Zahl der Interessenten nötigte ihn aber dazu, diese Zusammenkünfte zunächst in die Hörsäle zu verlegen, in denen er auch seine philosophischen Vorlesungen abhielt, so dass sie in aller Öffentlichkeit stattfanden. Wegen des regen Zulaufs mussten die Studenten sich eine Stunde vor der Veranstaltung einen Platz suchen.

Später musste er seine Lektionen sogar in Kirchen von der Kanzel halten. Angespornt durch das große Interesse wurde seine evangelische Überzeugung in seinen Lehrveranstaltungen immer deutlicher. Seine Meinung wurde vom Metaphysikprofessor Cornelio angefochten. Dieser war ebenfalls Franziskaner und begann als Reaktion auf Mollios populäre evangelische Auslegung, selbst die paulinischen Epistel auszulegen, und zwar im Sinne der päpstlichen Lehre von Werkgerechtigkeit, Ablass und Fegefeuer. Dies geschah im Einvernehmen mit Kardinal Campeggi. Diese Vorgehensweise steigerte aber nur noch das Interesse an Mollios Vorlesungen, während es Cornelios Gegenveranstaltungen zunehmend an Zuhörern mangelte. Rabus zufolge empfahl Cornelio Campeggi, Mollio festzunehmen und zum Tode verurteilen zu lassen, da er die Lehre der römisch-katholischen Kirche und damit auch die Position des Kardinals gefährde. Aufgrund der hohen Popularität Mollios in Bologna war eine Verhaftung und Hinrichtung aber zu diesem Zeitpunkt nicht praktikabel.

Eine Disputation zur Rechtfertigungslehre und ihre Folgen Stattdessen lud Kardinal Campeggi Mollio zu einer öffentlichen Disputation zur Rechtfertigungslehre ein, bei der er selbst zu Gast sein würde und an der neben Mollio und Cornelio noch andere Theologen teilnehmen sollten. Die Disputation zog sich bis in die dritte Stunde in der Nacht, ohne dass eine Seite die andere überzeugen konnte. Daraufhin klagte Cornelio Mollio der Ketzerei an. Noch zu Beginn des Heimwegs von der Disputation wurde er auf der Wendeltreppe von Männern des Kardinals unter Leitung von dessen Vikar festgenommen und im selben Gebäude arretiert. Einige Anhänger Mollios versuchten, ihn auf der Treppe mit Waffengewalt zu verteidigen, was aber aufgrund der Dunkelheit und Enge nicht erfolgreich verlief.