mini|Djinger-ber-Moschee (1905/06) mini|Sankóre-Moschee (1905/06) mini|Lageplan der drei Moscheen aus dem Jahr 1896; Quelle: Félix Dubois, Tombouctou la MystérieuseTombouctou la Mystérieuse

Bei den Lehmmoscheen von Timbuktu handelt es sich um drei Moscheen der Stadt Timbuktu in Mali. Es wird davon ausgegangen, dass ihre Ursprünge auf das 14. beziehungsweise 15. Jahrhundert zurückgehen. Seit 1988 gehören sie neben örtlichen Friedhöfen und Mausoleen zum Welterbe der UNESCO. Aufgrund von terroristischen Anschlägen befinden sie sich seit 2012, nachdem sie von 1990 bis 2005 bereits eingetragen waren, auf der Roten Liste des gefährdeten Welterbes.UNESCO: World Heritage List/Mali/Timbuktu

Geschichte Nach der ersten Jahrtausendwende unserer Zeitrechnung entwickelte sich Timbuktu zu einer florierenden Handelsniederlassung an der wichtigen Karawanenstraße von Ägypten über Gao ins westafrikanische, von den Soninke beherrschten Reich von Ghana. Mit dem Einfall der Almoraviden im 11. Jahrhundert begann die Islamisierung am Niger und Ghana ging nieder.

Der berühmte arabische Geograph, Abū ʿUbaid al-Bakrī, beschrieb die Eroberungsfeldzüge der Almoraviden und deren umfänglichen Moscheenbau in seinem Werk Kitāb al-masālik wa-'l-mamālik (= „Buch der Wege und Königreiche“).Nehemia Levtzion, J. F. P. Hopkins, Hrsg. und Übers. (1981): Corpus of Early Arabic Sources for West African History. Cambridge, Neuausgabe Princeton, NJ, 2000. S. 79–80.Al Bakri, Routier de l'Afrique blanche et noire du Nord-Ouest. (s. Lit.) Zwei Jahrhunderte später wurde das Malireich der Malinke zur regionalen Hegemonialmacht. Deren Zentrum lag am Oberlauf des Niger.

Berühmt wurde das Malireich nicht nur durch die Aufzeichnungen des muslimischen Forschungsreisenden Ibn Batuta. Dazu trug zuvor schon die Pilgerfahrt seines sagenhaft reichen Herrschers Mansa Musa, der den wirtschaftlichen Aufschwung und die damit verbundene kulturelle Blüte der Stadt für das 14. und 15. Jahrhundert einleitete. Ausweislich des einheimischen historischen Werkes aus dem 17. Jahrhundert, Tarikh el-Fettach, soll er sich darum bemüht haben, in Mekka Abkömmlinge des Propheten in den Sudan mitzunehmen, woraufhin sich ihm vier Männer des Stammes der Quraisch anschlossen.Rudolf Fischer, S. 95 (s. Lit.) Geistige Eliten gründeten universitätsähnliche Standorte. Unterrichtet wurde in Moscheen. Diese standen sinnbildlich für den statthabenden Wohlstand, denn sie gehörten zum Inbegriff prächtigster Lehmarchitektur in Afrika.Chris Scarre: Die Siebzig Weltwunder, Die geheimnisvollsten Bauwerke der Menschheit und wie sie errichtet wurden, S. 143–145 (s. LIT.) Mansa Musa, so wird vermutet, könnte seine Goldschatulle im Jahr seiner Rückkehr aus Mekka geöffnet haben, um die Djinger-ber-Moschee (auch Djingere-ber oder Djingereber) und die Sankóre-Moschee bauen zu lassen.

Historische Quellen Al-Bakrī und Ibn Batuta porträtieren Lebensausschnitte des Mansa Musa und geben Auskunft über die Nachwirkungen seiner Herrschaft, schweigen jedoch zu Fragen, die die Entstehung und Geschichte der Lehmmoscheen berühren.

Leo Africanus Eine erste Beschreibung der Moscheen Timbuktus geht somit auf den zum Christentum konvertierten iberischen Mauren Leo AfricanusHier wird unterstellt, dass er eine reale historische Person war. zurück. In einem seiner Standardwerke, Descrittione dell'Africa, wird in Übersetzung ausgeführt, dassRudolf Fischer, S. 197–199 (s. Lit.) 1600 wurde sein regionaler Reisebericht ins Englische übersetzt, wodurch Timbuktu zunehmend ins Bewusstsein Europas drang.The history and description of Africa and of the notable things therein contained, Written by Al-Hassan ibn-Mohammed Al-Wegaz Al-Fazi, a moor, bapticed as Giovanne Leone, but better known as Leo Africanus. Done into English in the year 1600 by John Pory. Hg. v. Robert Brown. (The Hakluyt Society) London 1896, 3 Bde. – (Lange Zeit die maßgebliche wissenschaftliche Ausgabe) Die Beschreibungen animierten dazu, Timbuktu in einem geheimnisvoll-exotischen Licht zu sehen.

Tarikh as-Sudan Das 1655 in Timbuktu abgeschlossene, in Arabisch verfasste Werk des Abderrahmane Es Saâdi mit dem Titel Tarikh as-Sudan; vgl. H. Wehr: Arabisches Wörterbuch, Wiesbaden 1968, S. 11, 401. führt zu den historischen Dimensionen der Entwicklung der Stadt aus:

mini|Porträt Mansa Musas, König des Malireichs und mutmaßlicher Bauherr der beiden Moscheen aus dem 14. Jahrhundert, Djinger-ber-Moschee (Freitagsmoschee) und Sankóre-Moschee (Katalanischer Weltatlas, 1375) Es Saâdi ergänzt noch an anderer Stelle:Rudolf Fischer, S. 201 f. (s. Lit.) Insoweit ist der Abschluss der Arbeiten an der großen Moschee, Djinger-ber, gemeint. Das Werk geht übrigens nicht, wie noch von Heinrich Barth fälschlicherweise angenommen, auf den malikitischen Rechtsgelehrten Ahmad Bābā zurück, wenngleich dessen in die Schriftensammlung eingebrachte Arbeiten den Tarikh as-Sudan nachhaltig mitprägen.

An anderer Stelle teilt es mit, dass die ersten Vorbeter der großen Moschee während der Mali-Herrschaft und teilweise noch während der Tuareg-Epoche „Schwarze“ gewesen seien, überhaupt sei Timbuktu Diese Aussage verblüffte zunächst insoweit, als in der Zusammenschau beider Bücher vornehmlich Berber und Araber als Gelehrte Timbuktus erwähnt sind. Publizist Es Saâdi, seiner Herkunft nach selbst Berber, fiel das anlässlich seiner die Regierungsgeschäfte für die Stadtverwaltung begleitenden Tätigkeit als Imam der Sankóre-Moschee, gleichsam kraft Amtes auf, denn er musste sich nicht auf eine der vielfältigen mündlichen Überlieferungen stützen, sondern war persönlich Bezeugungsquelle.

Zur später entstandenen Sidi-Yahia-Moschee hält der gleiche Chronist fest:

Tarikh el-Fettach Über den Beginn der Islamisierung der Stadt Timbuktu gibt es keine Zeugnisse. Der Tarikh as-Sudan lässt lediglich wissen, dass Za-Kosoi, der 15. Herrscher der von einem jemenitischen Flüchtling begründeten Dynastie der Za, 1009/10 zum Islam konvertiert war. Die auf die Verfasser Ibn al-Mochtar und Mahmud Kati zurückzuführende Chronik des Tarikh el-Fettach; vgl. H. Wehr: Arabisches Wörterbuch, Wiesbaden 1968, S. 11, 620. bestätigt dies. Offen bleibt, ob die Jahreszahlen korrekt sind, denn Afrikanisten und Epigraphiker wie John Hunwick oder Jean Sauvaget verlegen die Begebenheit auf einen deutlich späteren Zeitraum zwischen 1078 und 1087. Alle zusammengetragenen Informationen der beiden Chroniken beruhen hierzu auf ausschließlich mündlichen Überlieferungen. Knapp 50 Jahre zuvor jedenfalls, so führt der Tarikh el-Fettach für Gao und damit erst recht für Timbuktu sinngemäß aus:

Habhaft ist erst die Ausführung des Tarikh el-Fettach zur Sankóre-Moschee: Über diese Frauenperson ist lediglich deren Stammeszugehörigkeit zu den Aghlāl bekannt. Von diesen wird heutzutage bisweilen behauptet, dass sie auf den Kalifen Abū Bakr zurückzuführen seien; tatsächlich gehen die Aghlāl eher auf den urberberischen Stamm der Sanhadscha (Lamtuna) zurück, was einleuchtet, wenn man sich vergegenwärtigt, dass viele Angehörige dieses maghrebinischen Berbervolkes sich aus dem bedeutungsloser werdenden Handelsknotenpunkt Walatas lösten, um sich in das südlich gelegene Timbuktu zu orientierten. Angehörige der Sanhadscha Timbuktus (sog. Kunta) behaupten ihrerseits, Erben des ʿUqba ibn Nāfiʿ zu sein. Vornehmlich stellten sie in der Sankóre-Moschee die Imame, dies in abweichender Praxis zur Djinger-ber-Moschee, deren Imame sich neben Arabo-Berbern aus Fulbe und Kābarīs rekrutierten.John O. Hunwick: Sharīʿa in Songhay: The Replies of Al-Maghīlī to the questions of Askia Al-Ḥājj Muḥammad, S. 9 und 19 f.

Mansa Musa soll einen künftigen Imam der Sankóre-Moschee zur Ausbildung nach Fez geschickt haben, was den Schluss zulässt, dass der Stand der islamischen Bildung am Niger noch sehr rudimentär war.John O. Hunwick: Timbuktu & the Songhay Empire, S. 81. Nach Auskunft des Tarikh as-Sudan (ebd.) handelte es sich um keinen Einzelfall.

Mutmaßungen Bauliche Errichtung Wann die drei Moscheen errichtet wurden, kann bis heute nicht zuverlässig datiert werden. Die archäologische Forschung hat sich dieser Frage zudem noch nicht abschließend gestellt. So bestehen lediglich zeitliche Eingrenzungen, die auf wiederum auf den vagen historischen Quellen beruhen. Fest steht allerdings, dass die Moscheen mehrfach durch Um- beziehungsweise Neubau verändert wurden. Betroffen sind die verbliebenen Moscheen Djinger-ber, deren Erbauungszeit um 1325/1327 vermutet wird (1325 unterwarf Mali für kurze Zeit Songhai und besetzte Timbuktu), möglicherweise bereits in das 13. Jahrhundert zurückzudatieren ist, die Sankóre, die ebenfalls zur Zeit der Mali-Herrschaft erbaut worden sein soll, grundsätzlich also zwischen 1325 und 1433, sowie die Sidi-Yahia, die dem Jahr 1440 zugeordnet wird. Drei weitere Moscheen, die näherungsweise aus der Zeit stammen, El-Hena, Kalidi und Algourdour-Djingareye, sind zerstört.

Es liegen keine Kenntnisse darüber vor, wie der Moscheenbau geplant wurde. Die Stadt-Chronik Tarikh el-Fettach berichtet allenfalls von einem gewissen Qādī El-Aqib (Rechtsgelehrter von Timbuktu), der Ende des 16. Jahrhunderts den Auftrag erhalten haben soll, die Moscheen wiederherstellen beziehungsweise, soweit nicht zerstört, restaurieren zu lassen.

Bibliothekswesen mini|In den Moscheen wurden zahlreiche Manuskripte aus dem Mittelalter aufbewahrt; hier: Manuskript mit astronomischem und mathematischem Text. Die Moscheen sollen große Bibliotheken beherbergt haben. Aus dieser stammende Bücher werden in der Forschungseinrichtung IHERI-AB verwahrt. Von etwa 100.000 aufbewahrten Handschriften stammt die Mehrheit aus dem 13. bis 16. Jahrhundert, abgefasst bisweilen in den lokalen Sprachen Songhai, Tamascheq und Bambara. Das älteste datierbare Dokument stammt aus dem Jahr 1204.Institut des Hautes Etudes et de Recherches Islamiques Ahmed Baba (IHERI-AB)/Website Tombouctou Manuscripts (IHERI-AB) Songhai-König Mohommed Ture der Große im 16. Jahrhundert soll der Djinger-ber-Moschee kostbare Koranausgaben zugewandt haben. Um 1900 sind größere Teile des Bestandes der Sankóre verloren gegangen, als angesichts der französischen Besatzung, muslimische Gelehrte die Stadt verlassen und dabei den Bibliotheksinhalt mitgenommen hatten. Mehrfach ist davon die Rede, dass die Moscheebibliotheken zwischen 400.000 und 700.000 Bücher aufgenommen haben sollen. Der Afrikaforscher John O. Hunwick, der sich in den späten 1960er Jahren mit der Frage der Zuordnung der vorhandenen Manuskripte auseinandergesetzt hatte, musste letztlich von einem zuverlässigen Befund absehen.John O. Hunwick: „The Islamic Manuscript Heritage of Timbuktu“.

Gemeinsame Architekturmerkmale der Lehmmoscheen Klassischer Bautyp Die drei Moscheen sind im Stile klassischer Moscheen-Architektur erbaut. Es finden sich Gebetsnischen, Hauptgebetshallen mit Betraumgebäuden, galerienflankierte Innenhöfe und Minarette. Sie weisen ebenso deutlich Elemente der Region auf, die wiederum das nördliche Niger-Binnendeltas prägen. Als Baumaterial diente Lehm, der spezifisch geformt wurde. Die Moscheen veranschaulichen die Besonderheiten der Architekturprovinz des West- und Zentralsudans. Sie prägen eine selbständige Stilregion, innerhalb derer sich Formkonzeptionen und geäußerter Gestaltungswille bisweilen erheblich voneinander unterscheiden können.

Hof-Moscheen-Typ Kuppel-Moscheen, wie sie in den zentralsudanesischen Regionen Nigers und Nigerias anzutreffen sind, finden sich in Mali kaum. Ebenso wenig herrschen Doppelturm- oder Kegeldachmoscheen vor, wie man sie in der Volta-Niger-Region der Elfenbeinküste und Ghanas findet, beziehungsweise in der Region Oberniger mit Togo und Guinea. Für Timbuktu in der Region Mittelniger ist die Orientierung am frühislamischen Vorbild der Hof-Moschee festzustellen. Hof-Moscheen finden sich im gesamten Scheitel des Nigerbogens (Nigerknies) zwischen Ségou und Gao, sowie den dazugehörigen Randzonen.

Mittelnigrische (sahelische) Besonderheiten