mini|Blick in ein Berliner Frauengefängnis (1931) Frauenkriminalität bezeichnet die Gesamtheit strafbarer Handlungen von Personen des weiblichen Geschlechts, auch von Kindern und Jugendlichen.Johannes Feest: Frauenkriminalität. In: Kaiser/Kerner/Sack/Schellhoss (Hrsg.): Kleines Kriminologisches Wörterbuch. 3. Auflage. Heidelberg 1993, S. 142–146, hier S. 142. Das Thema stößt in der internationalen Kriminologie auf besonderes Interesse, weil in den Kriminalstatistiken aller Staaten erheblich weniger Frauenkriminalität ausgewiesen wird als Kriminalität von Personen männlichen Geschlechts. Der Frauenanteil der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland beträgt stabil über die Hälfte,Statistisches Bundesamt: Bevölkerung nach Geschlecht und Staatsangehörigkeit, Stand 5. August 2019. der Anteil von Frauen unter Tatverdächtigen jedoch nur ein Viertel und unter Strafgefangenen nur noch ein Zwanzigstel. Diese Diskrepanz ist in anderen Staaten noch ausgeprägter. Es gibt widerstreitende kriminologische Erklärungen für dieses weltweit verbreitete Phänomen. In einer Gruppe von Erklärungen wird die unterschiedliche Kriminalitätsbelastung von Frauen und Männern bestritten und behauptet, Frauenkriminalität sei lediglich maskiert und schlage sich deshalb nicht in Kriminalstatistiken nieder. In der zweiten Argumentationslinie werden die Unterschiede biologisch, psychologisch und soziologisch begründet. Eine allgemein akzeptierte Theorie gibt es nicht, was zeigt, „dass dieser kriminologische Forschungszweig noch in den Kinderschuhen steckt“.Gabriele Schmölzer: Geschlecht und Kriminalität: Zur kriminologischen Diskussion der Frauenkriminalität

Elsbeth Brökling hat 1980 festgestellt, dass die Kriminalität von Frauen „unter Hinweis auf den statistisch unbedeutenden Anteil an der Gesamtkriminalität zu einem Randphänomen verkommt“.Elsbeth Brökling: Frauenkriminalität: Darstellung und Kritik kriminologischer und devianzsoziologischer Theorien. Versuch einer Neubestimmung. Stuttgart 1980, S. 1 Tanja Köhler hat im Anschluss daran 2012 bemerkt, dass es offenbar wegen der geringeren Ausprägung weiblicher Kriminalität bislang kaum empirische Untersuchungen gegeben habe, die sich mit straffälligen Frauen auseinandergesetzt hätten. Es sei bezeichnend, dass sich der Begriff „Frauenkriminalität“ herausgebildet habe, während „in der Regel die Gesamtheit von Straftaten männlicher Täter“ gemeint sei, wenn von „Kriminalität“ die Rede sei.

Kriminalstatistische Aussagen Die höhere Delinquenzbelastung von Männern gegenüber Frauen ist umfassend belegt.Für Deutschland: Zweiter Periodischer Sicherheitsbericht, 2006, S. 366. Der Unterschied ist in verschiedenen Deliktbereichen laut Polizeilicher Kriminalstatistik unterschiedlich ausgeprägt und vergrößert sich mit zunehmendem Alter. Bei Bagatelldelikten im Kindesalter, wie etwa Ladendiebstahl, ist kaum eine geschlechtsspezifische Differenz erkennbar. Bei Gewaltdelikten sind jedoch bereits von Beginn an Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen ausgewiesen. Die Unterschiede werden in Dunkelfeldstudien bestätigt, fallen jedoch geringer aus. Betrachtet man indes die vorsätzlichen, vollendeten Tötungsdelikte an Kindern unter sechs Jahren im Zeitraum von 1997 bis 2006, überwiegen Frauen als Täterinnen deutlich (56,5 Prozent). mini|Zelle in einem Berliner Frauengefängnis (1931) Im Jahr 2011 wurden in Deutschland 538.044 weibliche Tatverdächtige registriert, das waren 25,5 Prozent aller Tatverdächtigen, 1993 lag der Anteil noch bei 21,4 Prozent. Leicht überdurchschnittlich sind die Anteile weiblicher Personen im Alter zwischen 12 und 16 Jahren.Vgl. , S. 34 (PDF; 4,80 MB). Noch weiter geht die Schere bei den Inhaftierungszahlen auf: Am 31. März 2011 gab es in Deutschland 60.067 Strafgefangene und Sicherungsverwahrte, davon waren 3.321 FrauenVgl. Statistisches Bundesamt: Rechtspflege Strafvollzug - Demographische und kriminologische Merkmale der Strafgefangenen zum Stichtag 31.3., die Strafvollzugsstatistik wird jeweils zum Ende des ersten Quartals eines Jahres erhoben. (5,5 Prozent).

Tendenziell werden diese Werte im internationalen Vergleich bestätigt, es gibt keine bekannte Gesellschaft, in der der Anteil der Frauenkriminalität höher ist als der der Männerkriminalität. Aber von Staat zu Staat und auch innerhalb von Staaten gibt es signifikante Differenzen in der statistischen Ausprägung weiblicher Delinquenz. Der Anteil in ländlichen Gebieten und in Entwicklungsländern liegt noch deutlich unter dem Durchschnitt. In Großstädten dagegen nähert sich die weibliche Kriminalität quantitativ der männlichen an, wobei der Unterschied dennoch erheblich bleibt. Auffällig ist, dass Frauenkriminalität in Kriegszeiten stets relativ und absolut zunimmt.Vgl. Johannes Feest: Frauenkriminalität. In: Kaiser/Kerner/Sack/Schellhoss (Hrsg.): Kleines Kriminologisches Wörterbuch. 3. Auflage. Heidelberg 1993, S. 142–146, hier S. 143 f.

Kriminologische Deutungsversuche Die kriminologische Deutung von FrauenkriminalitätDie folgende Darstellung gründet sich hauptsächlich auf Werner Maschke: Kriminalität ausgewählter Bevölkerungsgruppen, in Göppinger-Kriminologie, 6. Auflage, München 2008, S. 366–418, sowie Hans-Dieter Schwind: Kriminologie. Eine praxisorientierte Einführung mit Beispielen, 18. Auflage, Heidelberg, 2008, S. 78–84. weist zwei grundsätzliche, sich konträr gegenüberstehende, Argumentationslinien auf. Die erste Gruppe von Erklärungen stellt die geringere Kriminalitätsbelastung von Frauen in Frage und wird als Gleichverteilungsthese bezeichnet. In der zweiten Erklärungsgruppe wird die geringere Kriminalitätsbelastung von Frauen vorausgesetzt und auf spezifisch weibliche Besonderheiten zurückgeführt. Gabriele Schmölzer weist darauf hin, dass die konträren Grundpositionen nicht selten von denselben Autoren vertreten wurden.Vgl. Schmölzer: Geschlecht und Kriminalität: Zur kriminologischen Diskussion der Frauenkriminalität Beide Argumentationslinien gehen auf Cesare Lombroso zurück, den Begründer der kriminalanthropologisch ausgerichteten sogenannten Positiven Schule der Kriminologie, der den geborenen Verbrecher postuliert hatte.

Gleichverteilungsthese Die erste Version der Gleichverteilungsthese schrieb Lombroso 1891 zusammen mit seinem Schwiegersohn Guglielmo Ferrero nieder,Erste Übersetzung ins Deutsche: Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte. Anthropologische Studien, gegründet auf eine Darstellung der Biologie und Psychologie des normalen Weibes, Hamburg 1894 sie ist auch unter der Bezeichnung Prostitutionstheorie bekannt und wurde noch 1975 von Helga Einsele in der deutschen Fachwissenschaft vertreten.Helga Einsele: Weibliche Kriminalität und Frauenstrafvollzug, in: Rudolf Sieverts und Hans Joachim Schneider (Hrsg.), Handwörterbuch der Kriminologie, Band 3, 2. Auflage, Berlin 1975, S. 608–656, hier S. 631. Dabei wird davon ausgegangen (ohne es zu belegen), dass bei weiblichen Kriminellen und bei weiblichen Prostituierten vergleichbare körperliche und seelische Anlagen gegeben sind. Die geborene Verbrecherin sei damit eine geborene Prostituierte. Folglich müssten beide Formen der Devianz addiert werden, wonach nicht mehr von einer geringeren Kriminalitätsbelastung von Frauen die Rede sein könne. Die sich daraus ergebende Gleichverteilungsannahme gilt inzwischen als unwissenschaftlich, weil sie erstens von einer Gleichsetzung unterschiedlichen Verhaltens ausgeht und zweitens statistisch nie bewiesen wurde.Vgl. Werner Maschke: Kriminalität ausgewählter Bevölkerungsgruppen, in Göppinger-Kriminologie, 6. Auflage, München 2008, S. 413. Im Zusammenhang der Drogenbeschaffungskriminalität werden jedoch Tendenzen zur Prostitutionstheorie erkannt: Männliche Drogenabhängige begehen eher Straftaten, weibliche Drogenabhängige weichen eher in die Beschaffungsprostitution aus.So die übereinstimmende Einschätzung von Schwind (Kriminologie. Eine praxisorientierte Einführung mit Beispielen, 2008, S. 80) und Maschke (Kriminalität ausgewählter Bevölkerungsgruppen, 2008, S. 413).

In einem weiteren Erklärungsversuch wird auf den maskierten Charakter von Frauenkriminalität abgehoben. Frauen seien Männern an physischer Stärke unterlegen und glichen dies durch Täuschungen aus. Das fiele ihnen wegen ihrer grundsätzlichen Falschheit leicht. Frauen begingen sehr viel mehr Straftaten als bekannt, könnten diese aber gegenüber den Strafverfolgungsbehörden kaschieren. Eine Variante dieser Argumentation besagt, Frauen stünden – als Ehefrau, Geliebte oder Mutter – häufig hinter den Verbrechen ihrer Männer und seien Nutznießerinnen davon. Für alle Behauptungen zum maskierten Charakter der Frauenkriminalität fehlen empirische Belege.Vgl. Werner Maschke: Kriminalität ausgewählter Bevölkerungsgruppen, in Göppinger-Kriminologie, 6. Auflage, München 2008, S. 414.

Eine dritte Gleichverteilungsannahme steht im Zusammenhang einer geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Kriminalisierung und damit des Etikettierungsansatzes. Sie wird in der kriminologischen Literatur als Ritterlichkeitsthese oder Kavaliersthese bezeichnet und besagt, dass die Normdurchsetzer (Polizei, Staatsanwaltschaften, Gerichte), die früher fast ausschließlich Männer waren, Frauen gegenüber weniger rigide agieren. Diese Annahme wirkt bis in die kontroversen Diskussionen um häusliche Gewalt hinein.

Spezifisch weibliche Besonderheiten Auch der biologistische Erklärungsansatz geht auf Lombroso zurück, der mit einem (gemeinsam mit Guglielmo Ferrero verfassten) BuchCesare Lombroso und Guglielmo Ferrero: Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte. Anthropologische Studien, gegründet auf eine Darstellung der Biologie und Psychologie des normalen Weibes. Hamburg 1894 (Reprint 2008, ISBN 978-3-8364-3623-6) zwei konträre Argumentationslinien begründete, darunter auch die sogenannte Schwächetheorie. Lombroso verglich die beweglichen männlichen Samenzellen mit den unbeweglichen weiblichen Eizellen und schloss daraus auf eine grundsätzliche Passivität der Frau, die mit einem Hang zur Akzeptanz der gegebenen Ordnung einhergehe. Dazu kämen mangelnde Intelligenz und Leidenschaft, was es Frauen fast unmöglich mache, Straftaten zu begehen. Dieser überkommene Theorieansatz wurde später von der Annahme angeborener mangelnder Aggressivität von Frauen ersetzt.

Rollen- und sozialisationstheoretische Kriminalitätserklärungen besagen, dass Frauen in ihrem Verhalten eher an idealistischen als an materialistischen Werten orientiert sind, das Sanktionsrisiko höher einschätzen als Männer, eine größere Normtreue zeigen und über einen besseren sozialen Halt verfügen. Zudem wird eine Einschränkung des Handlungsspielraumes registriert, weil selbst voll berufstätige Frauen stärkere familiäre Verpflichtungen verspüren als Männer (doppeltes Joch).

Hier setzt die von der US-amerikanischen Kriminologin Freda Adler erstmals formulierte Emanzipationsthese ein. Sie besagt, dass sich die Kriminalitätsbelastung der Frauen derjenigen der Männer (insbesondere auch bei Gewaltdelikten) angleichen wird, je mehr sich Frauen vom doppelten Joch befreien. Diese Annahme wird durch den „alarmierenden“ Anstieg der „Tatverdächtigenbelastung bei weiblichen Jugendlichen“ bestätigt,Vgl. Schmölzer: Geschlecht und Kriminalität: Zur kriminologischen Diskussion der Frauenkriminalität jedoch dadurch in Zweifel gezogen, dass der weibliche Kriminalitätsanteil im 19. Jahrhundert erheblich höher war als heute.Vgl. Johannes Feest: Frauenkriminalität. In: Kaiser/Kerner/Sack/Schellhoss (Hrsg.): Kleines Kriminologisches Wörterbuch. Heidelberg ³1993, S. 142–146, hier S. 144.

Erkenntnisse der Angewandten Kriminologie