Außerchristliche antike Quellen zu Jesus von Nazaret finden sich im 1. und 2. Jahrhundert. Sie erwähnen Jesus und/oder seine Anhänger beiläufig und mit verschiedenen Haltungen, die von Sympathie und neutraler Distanz bis zu Ablehnung und Verachtung reichen.
Die historische Jesusforschung zieht sie heran, um die inner- und außerbiblischen Quellen des Urchristentums kritisch zu prüfen. Ihre Relevanz ist umstritten: Einige werden als außerchristliche Belege für die Existenz Jesu gewertet. Bei anderen ist unsicher, ob sie sich auf Jesus von Nazaret beziehen, ob sie von den angegebenen Autoren stammen, ob diese eigene Nachforschungen anstellten oder auf urchristliche Überlieferung reagierten. Zumindest geben diese Erwähnungen Aufschluss über die Wahrnehmung der urchristlichen Überlieferung in der damaligen nichtchristlichen Geschichtsschreibung.
Jüdische Notizen Fehlende Erwähnung Zur Zeit Jesu gab es einige jüdische Autoren, die über die damaligen Zeitumstände berichteten. Philon von Alexandria beschrieb die verschiedenen jüdischen Gruppen im Judäa des 1. Jahrhunderts, ohne Jesus zu erwähnen. Justus von Tiberias aus Galiläa war Chronist der jüdischen Königsgeschichte bis zu Herodes Agrippa II. Sein Werk ist verschollen und wird nur noch in zwei späteren christlichen Werken knapp erwähnt.Theißen/Merz, Göttingen 2011, S. 98–101 Um 75 bis 79 verfasste der Historiker Flavius Josephus sein Hauptwerk Bellum Judaicum, um das im jüdischen Aufstand unterlegene Judentum auf Kosten der Zeloten zu entlasten.Martin Hengel, Anna Maria Schwemer: Jesus und das Judentum. Mohr/Siebeck, Tübingen 2007, ISBN 3-16-149359-1, S. 39 Auch darin wird Jesus nicht erwähnt.
Der Befund wird unterschiedlich erklärt: Philo und Josephus hätten nur wenig Kenntnisse oder originale Quellen über Palästina zur Zeit Jesu gehabt.Marian Hillar: From Logos to Trinity: The evolution of religious beliefs from Pythagoras to Tertullian. Cambridge University Press, Cambridge 2012, ISBN 1-107-01330-5, S. 39; Christfried Böttrich, Jens Herzer, Torsten Reiprich: Josephus und das Neue Testament: wechselseitige Wahrnehmungen. Mohr Siebeck, Tübingen 2007, S. 127 und 437. Das verlorene originale Werk des Justus von Tiberias könnte bei Josephus unerwähnte oppositionelle jüdische Gruppen Palästinas erwähnt haben,Martin Hengel: Die Zeloten: Untersuchungen zur jüdischen Freiheitsbewegung in der Zeit von Herodes I. bis 70 n. Chr. (Neuausgabe) Mohr/Siebeck, Tübingen 2011, ISBN 3-16-150776-2, S. 19 darunter die Jesusbewegung.Thorsten Scherer: Ein Bild von Welt: Glaubenssuche zwischen Physik und Metaphysik. 2009, ISBN 3-8370-8217-2, S. 289 Justus habe nichts von Jesus und seinen Anhängern gehört und ihn darum nicht erwähnt. Dies überlieferte der christliche Bischof Photios I. im 9. Jahrhundert, der das Werk des Tiberius offenbar noch erwähnt. Für damalige jüdische Historiker seien Jesus und seine Anhängerschar bis etwa 90 n. Chr. noch zu unbedeutend gewesen. Der Befund müsse nicht Unkenntnis seiner Person bedeuten, da sie auch einige andere, zweifelsfrei historische Personen ihrer Zeit nicht erwähnten. Sie hätten die Jesusbewegung als häretische Minderheit im Judentum abgelehnt und Jesus deshalb absichtlich ignoriert.Robert E. Van Voorst: Jesus Outside the New Testament: An Introduction to the Ancient Evidence. 2000, S. 130.
Testimonium Flavianum
Als Testimonium Flavianum bezeichnet man den 93 n. Chr. verfassten Abschnitt im Buch 18, Verse 63–64 aus den Antiquitates Judaicae des Flavius Josephus:
Frühe Kirchenväter wie Justin der Märtyrer, Tertullian und Cyprian von Karthago zitierten diesen Text nicht, obwohl sie Josephus sonst zur Bestätigung ihrer Auslegung des Alten Testaments (AT) heranzogen. Origenes (um 185–254) schrieb in Contra Celsum sogar ausdrücklich, Josephus habe nicht geglaubt, Jesus sei der Christus.Origenes: Gegen Celsus (Contra Celsum), Erstes Buch, Abschnitt 47. Bibliothek der Kirchenväter, deutsch Er kann die Aussage in der obigen Form also noch nicht vorgefunden haben. Der älteste bekannte Beleg für die zitierte Textfassung stammt aus dem 4. Jahrhundert und ist ein Zitat des Eusebius von Caesarea (260–339) in dessen Kirchengeschichte.
Dieser Textabschnitt galt in der Christentumsgeschichte lange Zeit unbestritten als Beweis einer Kenntnis des Josephus von Jesu Existenz und Messianität. Vertreter der Reformation im 16. Jahrhundert dagegen vermuteten erstmals, es könne sich um eine christliche Fälschung handeln. Lucas Osiander der Ältere wandte ein: Der Satz „Dieser war der Christus“ könne nicht von Josephus stammen, da dieser sonst Christ geworden wäre. Der Satz sei nur als christliches Glaubensbekenntnis verständlich, wie es in Lk 23,35, Apg 9,22 und anderen Stellen im Neuen Testament (NT) vorkommt.
Seit Beginn der historischen Jesusforschung wird der Josephustext untersucht und diskutiert. Im 19. Jahrhundert wurde er oft insgesamt als Einfügung (Interpolation) christlicher Kopisten beurteilt, die irgendwann zwischen Origines und Eusebius vorgenommen worden sei. Argumente dafür waren: Der zweifelnde Relativsatz „wenn man ihn überhaupt einen Menschen nennen darf“ sei nur als dogmatische Richtigstellung verständlich, die Jesu Göttlichkeit voraussetze. Auch die Aussagen über Jesus „Er erschien ihnen am dritten Tage wieder lebend …“, sei ein „Lehrer aller Menschen“, habe „unglaubliche Taten“ vollbracht, dessen Wahrheit von allen „mit Lust aufgenommen“ und auch Heiden „an sich gezogen“ habe, seien nur als Zeugnis von Christen zu verstehen. Der Textabschnitt unterbreche den Kontext, in dem Josephus die Amtszeit des Pontius Pilatus vor- und nachher als Folge von Aufständen darstellte. Er wirke als Einschub, weil dieses Thema und Stichwort hier fehlt (so Eduard Norden). Nach dieser Position hat Josephus den Textabschnitt nicht verfasst, also Jesus im Zusammenhang mit der Amtszeit des Pilatus nicht erwähnt.
Demgegenüber beurteilen andere Historiker den Text nicht als komplette Fälschung, sondern nehmen an, dass Josephus einen Kern des Textabschnitts verfasste, in dem er Jesus tatsächlich erwähnte. Christen hätten diesen Text später ergänzt oder überarbeitet. Diese Autoren versuchen auf verschiedene Weise, einen als authentisch angesehenen Kerntext zu rekonstruieren. John P. Meier entfernte einfach die drei mutmaßlich von Christen ergänzten Sätze zur Messianität Jesu, Infragestellung seines Menschseins und Erscheinung nach seinem Tod.John P. Meier: A Marginal Jew: Rethinking the Historical Jesus, Volume One: The Roots of the Problem and the Person, New Haven 1991, ISBN 0-300-14018-5 (englisch). Walther Bienert, Samuel G. Brandon und andere vermuteten, Josephus habe wie im Kontext ursprünglich mit einer etwas anderen Wortwahl über einen Aufstandsversuch Jesu berichtet. Er habe Jesus ursprünglich analog zu den „Räubern“, „Zauberern“ und „Volksverführern“ der jüdischen Widerstandsbewegung als „redegewandten Unruhestifter“ gezeichnet, der „sonderbare“ Taten vollbracht und viele „auf seine Seite“ gezogen habe. Christen hätten diese negativ wertenden Ausdrücke durch wenige Eingriffe in neutrale oder positive verwandelt.Alice Whealey: Josephus on Jesus: the testimonium Flavianum controversy from late antiquity to modern times. New York/Frankfurt 2003, ISBN 0-8204-5241-6.
Auch der Neutestamentler Frederick Fyvie Bruce vertrat diese Ansicht seit 1943 und argumentierte: Spätere Textversionen hätten eher kleine Auslassungen als absichtliche Einfügungen enthalten, sofern diese Veränderungen für Kopisten plausibel gewesen seien. Dabei könnten sie einzelne Ausdrücke, etwa „alethe“ (Wahrheit) und „aethe“ (seltsame Dinge), verwechselt haben. Demnach könne Josephus ursprünglich geschrieben haben (Einfügungen kursiv):
Dieser Text habe nichts dem jüdischen Glauben Widersprechendes ausgesagt, und die Textveränderungen seien als Werk christlicher Kopisten plausibel.Frederick Fyvie Bruce: The New Testament Documents: Are They Reliable? Wm. B. Eerdmans, 2003, ISBN 0-8028-2219-3, 9. Kapitel.
Die jüdischen Historiker Joseph Klausner, Paul Winter, Geza Vermes und andere nahmen dagegen einen Originaltext mit positiver Tendenz an: Josephus habe Jesu Kreuzigung wie im Kontext (Ant 18,65: „zu dieser Zeit erregte auch noch ein weiteres Unglück die Juden …“) als Unglück dargestellt. Christliche Aussagen seien ursprünglich als Jüngermeinung über Jesus eingeführt worden: „Sie sagten, er sei der Christus.“
Shlomo Pines veröffentlichte 1971 eine bis dahin unbeachtete arabische Version, die Bischof Agapios von Hierapolis in seiner christlichen Universalgeschichte im 10. Jahrhundert zitiert hatte, ohne Josephus zu erwähnen.Shlomo Pines: An Arabic version of the Testimonium Flavianum and its implications. Israel Academy of Sciences and Humanities, Jerusalem 1971. Sie lautet auf Deutsch:
Alice Whealey wies auf eine syrische Version des Testimoniums in der Weltchronik hin, die Michael der Syrer im 12. Jahrhundert anhand weit älterer Quellen verfasste. Whealey führte diese Version ebenso wie die arabische Agapios-Version auf eine syrische Übersetzung der Kirchengeschichte des Eusebius zurück. Die Version der Weltchronik sei der von Eusebius überlieferten Standardfassung (textus receptus) sprachlich näher und somit authentischer. Da beide Versionen Jesus nur indirekt mit dem Messias identifizierten, stützten sie die Annahme eines Originals, das christliche Glaubensaussagen nur als vom Autor nicht geteilte Erwägung der Jünger Jesu zitiert habe.Alice Whealey: The Testimonium Flavianum in Syriac and Arabic. New Testament Studies 54 (2008), S. 573–590.
Jakobusnotiz Flavius Josephus (Ant. 20,200) erwähnt die Hinrichtung des Jakobus (62) unter dem sadduzäischen Hohenpriester Hannas der Jüngere:
Earl Doherty (1999) meinte, Josephus habe hier nicht Jesus von Nazaret, sondern den vorher in seinem Werk erwähnten Jesus ben Damneus gemeint. Denn dieser sei Machtkämpfen um das Hohepriesteramt zum Opfer gefallen, an die Josephus im Kontext dieser Stelle erinnert habe. Der Nebensatz „…der Christus genannt wird“ sei ein christlicher Zusatz.Earl Doherty: The Jesus Puzzle: Did Christianity Begin with a Mythical Christ? (1999) 4. Ausgabe, Age of Reason Publications, 2005, ISBN 0-9689259-1-X, S. 216.
Die meisten Historiker halten diese Stelle dagegen für authentisch.Gunther Wenz: Christus. Jesus und die Anfänge der Christologie. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, ISBN 978-3-525-56708-1, S. 130 Der Neutestamentler Gerd Theißen sieht den Satzteil „Bruder des Jesus, der Christus genannt wird“ nicht als Einfügung, da dieser nicht primär Jesus, sondern nur seinen Bruder Jakobus näher bestimmen solle. Auch der Christustitel erscheine nur, um Jesus von vielen anderen, im selben Werk erwähnten Juden dieses Namens zu unterscheiden. Der Titel sei hier nicht zum Eigennamen geworden und zeige demnach jüdischen, nicht christlichen Sprachgebrauch. Jede inhaltliche Begründung dafür fehle: Das wirke, als sei vorher schon ausführlicher von Jesus berichtet worden und hier werde nur daran erinnert.Theißen/Merz, Göttingen 2011, S. 74f. Auch andere Autoren argumentieren, die Voranstellung des Objekts „der Bruder Jesu“ sei nicht als Einschub erklärbar und mache den folgenden Nebensatz als Näherbestimmung dieses Bruders plausibel.Paul R. Eddy, Gregory A. Boyd: Jesus and Ancient non-Christian Writers. In: The Jesus legend: a case for the historical reliability of the synoptic Jesus tradition. Grand Rapids 2007, S. 188 „Der […] genannt wird“ (griech. legomenos) oder „der sogenannte […]“ sei auch im NT selbst eine sprachliche Wendung im Munde von Nichtchristen und drücke in Verbindung mit dem Christustitel deren Zweifel an Jesu Messianität aus. Deshalb sei es weit wahrscheinlicher, dass der Nebensatz zu Jakobus von Josephus selbst stamme und auf Jesus von Nazaret bezogen sei.James Patrick Holding: Shattering the Christ Myth. Xulon Press, 2008, ISBN 1-60647-271-2, S. 48
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