mini|Vorderseite der Klosterkirche Die Klosterkirche St. Martin ist das Kirchengebäude des Klosters Muri, einer ehemaligen Benediktinerabtei in Muri im Kanton Aargau (Schweiz). Sie ist dem Heiligen Martin von Tours geweiht und steht im Winkel zwischen Kreuzgang und Ostflügel. Kloster und Klosterkirche sind zusammen ein Kulturgut von nationaler Bedeutung.
Die Kirche entstand Mitte des 11. Jahrhunderts im romanischen Stil, rund drei Jahrzehnte nach der Klostergründung durch die Habsburger. Aus dieser Zeit erhalten geblieben sind der Unterbau der zwei Kirchtürme, die Mauern des Querschiffs und des Chors sowie die Krypta. Brände und Plünderungen im 14. Jahrhundert hatten grosse Schäden zur Folge und führten zu einer allmählichen Anpassung der Bausubstanz an die Gotik.
Im Auftrag von Abt Plazidus Zurlauben und nach Plänen des Baumeisters Giovanni Battista Bettini wurde das Kirchenschiff zwischen 1694 und 1697 durch ein barockes Oktogon ersetzt. Auf diese Weise entstand der grösste Kuppelzentralbau der Schweiz. Zwischen 1743 und 1750 erhielt die Klosterkirche den grössten Teil ihrer heutigen Ausstattung im Rokoko-Stil. Nach der Aufhebung des Klosters im Jahr 1841 blieb die Kirche fast ein Jahrzehnt lang ungenutzt. Ab 1850 verwendete die römisch-katholische Kirchgemeinde Muri sie für Gottesdienste, 1941 ging das Gebäude in ihren Besitz über. Die Klosterkirche verfügt über fünf Orgeln (die älteste aus dem Jahr 1630), weshalb hier häufig Konzerte durchgeführt werden.
Geschichte
Romanisch-gotischer Vorgängerbau mini|Dieses Antiphonar aus dem Jahr 1617 zeigt das Kloster vor dem barocken Umbau, inkl. Bibliothek über der Vorhalle Gemäss den Acta Murensia stifteten Ita von Lothringen und Radbot von Habsburg das Kloster im Jahr 1027. Fünf Jahre später begann unter Propst Reginbold der Bau der Klosterkirche, wobei zunächst eine bereits bestehende Kirche abgebrochen und an anderer Stelle neu errichtet werden musste (die heutige Pfarrkirche St. Goar). Die Bauarbeiten zogen sich über drei Jahrzehnte hin und waren unter Abt Burkard beendet. Rumold von Bonstetten, der Bischof von Konstanz, nahm am 11. Oktober 1064 die Kirchweihe zu Ehren des Heiligen Martin von Tours vor. Die Acta Murensia erwähnen neben dem Hauptaltar einen Marien- und einen Petrusaltar im Querschiff, einen Mauritiusaltar in der Krypta sowie einen Benediktaltar. Hinzu kam eine Johanneskapelle, die vermutlich ausserhalb der Klosterkirche stand.Georg Germann: Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau, Bezirk Muri. S. 223.
Durch die Ausnutzung einer Geländestufe war für die Krypta nur wenig Aushub erforderlich. Das etwa 20 Meter lange Laienhaus war dreischiffig, gegliedert durch je drei Bögen. Daran schloss sich im Westen eine eingeschossige Vorhalle mit den beiden Kirchtürmen an. Dieser Teil diente als Begräbnisstätte, nachgewiesen durch einen im Jahr 1674 gefundenen Grabstein mit dem Wappen der Lenzburger. Östlich des Querschiffes schloss sich das Altarhaus an, das leicht nach Osten geknickt war.Georg Germann: Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau, Bezirk Muri. S. 223–226. Die Anlage des 11. Jahrhunderts machte einen kurzen und gedrungenen Eindruck. Es dürfte sich um eine flach gedeckte Basilika ohne Emporen gehandelt haben.Georg Germann: Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau, Bezirk Muri. S. 229–230. Von der romanischen Kirche sind der Unterbau der Türme, die Mauern des Querschiffs und des Chors sowie die Krypta erhalten geblieben.
Laut der zwischen 1683 und 1693 von Pater Anselm Weissenbach verfassten Klosterchronik richteten Brände in den Jahren 1300 und 1363 grosse Schäden an, ebenso Plünderungen durch die Eidgenossen während des Sempacherkriegs im Jahr 1386. Aus diesen Gründen ging die ursprüngliche Ausstattung der Klosterkirche vollständig verloren. Allmählich veränderte sich das Äussere der Kirche durch das Hinzufügen gotischer Stilelemente. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts diente die Krypta als Kapitelsaal. Im Jahr 1491 entstand über der Vierung ein Dachreiter, der «Güggelturm». 1509 liess Abt Laurentius von Heidegg an der Epistelseite des Chors eine Abtskapelle anfügen, ein Jahr später ein neues Gewölbe über dem Altarhaus errichten. 1528 gab er einen steinernen Lettner zwischen Vierung und Laienhaus in Auftrag.Georg Germann: Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau, Bezirk Muri. S. 231–232.
Truppen aus dem reformierten Bern, die zu spät zur Schlacht bei Kappel erschienen waren, richteten Mitte Oktober 1531 bei einem Bildersturm abermals grosse Schäden an; dabei zerstörten sie auch Chorgestühl und Fenster. Melchior, der Suffraganbischof von Konstanz, weihte die Kirche am 11. und 12. Oktober 1532 neu ein. Neun Jahre später folgte die Rekonziliation dreier weiterer Altäre in der Krypta, in der Abtskapelle und vor dem Chor. Laurentius von Heidegg finanzierte die Instandsetzung der Kirche und der übrigen Klosteranlagen zum Teil aus seinem Privatvermögen. 1558 wurden der Nord- und der Südturm erneuert. 1575 entstand eine neue Vorhalle, von den beiden Portalen blieb das äussere erhalten.Georg Germann: Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau, Bezirk Muri. S. 233–234. Die Vorhalle besass von 1609 bis 1810 ein aufgesetztes Stockwerk, in dem die Klosterbibliothek untergebracht war. Für die Reliquien der Katakombenheiligen Leontius und Benedikt Martyr wurden 1648 neue Altäre errichtet, 1673/74 folgte ein neuer Hochaltar. Während der Amtszeit von Abt Hieronymus Troger wurde das Innere der Klosterkirche (mit Ausnahme des Altarhauses) mit Stuck ausgeschmückt, dem Geschmack der damaligen Zeit entsprechend.Georg Germann: Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau, Bezirk Muri. S. 237–240.
Barocker Umbau mini|links|Hauptportal Wenige Monate nach Amtsantritt präsentierte Abt Plazidus Zurlauben im Jahr 1685 dem Konvent ein umfangreiches Umbauvorhaben. Nach Plänen des Vorarlberger Baumeisters Caspar Moosbrugger entstanden mehrere neue Konventgebäude. An die Klosterkirche wurden zwischen 1686 und 1690 eine Sakristei und eine neue Abtskapelle angefügt, während die Krypta neue Korridore erhielt.Georg Germann: Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau, Bezirk Muri. S. 240–241. Trotz der verschiedenen kleineren Baumassnahmen war das Gebäude in seinen Grundzügen noch immer romanisch geprägt, die Mönche empfanden es als kalt und feucht. Ende Mai 1694 legte Abt Plazidus einen Plan vor, der den teilweisen Umbau der Klosterkirche vorsah. Gemäss dem Entwurf des Tessiner Stuckateurs Giovanni Battista Bettini sollte das Kirchenschiff vollständig durch ein Oktogon ersetzt werden, die übrigen Gebäudeteile erhalten bleiben und renoviert werden. Caspar Moosbrugger und Hieronymus Schmid, ein weiterer Baumeister, kamen im November nach Muri, um Gutachten zu Bettinis Entwurf zu erstellen. Schliesslich erteilte das Kapitel am 6. Dezember 1694 seine Zustimmung.Bruno Meier: Das Kloster Muri, Geschichte und Gegenwart der Benediktinerabtei. S. 87.
mini|Wappen von Fürstabt Placidus Zurlauben im Oktogon, mit steigendem Habsburger Löwen und österreichischem Bindenschild Die Bauleitung hatte Bettini inne, der auch die Stuckaturarbeiten übernahm. Am 10. April 1695 segnete der Abt den Eckstein. Im zweiten Baujahr brach man die Vorhalle ab und errichtete sie weiter westlich, gleichzeitig wurden die Türme ausgebessert. Den Lettner brach man ebenfalls ab und ersetzte ihn durch ein Chorgitter, ausserdem erstellte man die Altäre der Katakombenheiligen neu. Francesco Antonio Giorgioli malte die Kuppelfresken und neue Altarbilder, während Johann Baptist Wickart verschiedene Bildhauerarbeiten durchführte und einheimische Künstler die bestehende Ausstattung umarbeiteten oder ergänzten. Nuntius Michelangelo Conti (der spätere Papst Innozenz XIII.) weihte die Klosterkirche am 5. Mai 1697. Um Platz für das Oktogon zu schaffen, musste der grösste Teil des Nordtraktes des Kreuzgangs abgerissen werden; im verbliebenen Teil liess Abt Plazidus im Jahr 1698 die Loretokapelle einrichten. Die Kosten für den Umbau der Klosterkirche beliefen sich auf 27'565 Gulden. Im Jahr 1700 waren die letzten Dekorationsarbeiten vollendet.Georg Germann: Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau, Bezirk Muri. S. 244–245.Bruno Meier: Das Kloster Muri, Geschichte und Gegenwart der Benediktinerabtei. S. 89.
In den nächsten Jahrzehnten folgten einige Ausbesserungen in den übrigen Teilen der Klosterkirche; beispielsweise überholte Giorgioli 1718 die Fresken im Chor. Fürstabt Gerold Haimb liess zwischen 1743 und 1750 fast die gesamte hölzerne Innenausstattung im Rokoko-Stil erneuern. Diese Arbeiten standen unter der Leitung zweier süddeutscher Meister, des fürstenbergischen Hofschreiners Matthäus Baisch und des Allgäuer Malers Franz Joseph Spiegler. Erneuert wurden das Altarhaus mit dem Hochaltar und dem Abtsthron, die Querschiffaltäre, die vier Altäre im Mönchschor, die beiden Altäre der Katakombenheiligen sowie die Abtskapelle. Hinzu kamen ein neues Chorgitter, eine Kanzel und ein Epitaph zum Gedenken an die Stifterfamilie der Habsburger. Die ebenfalls geplante Erneuerung der Aussenfassade unterblieb.Bruno Meier: Das Kloster Muri, Geschichte und Gegenwart der Benediktinerabtei. S. 89–91. Ebenfalls nicht zur Ausführung gelangte die in den 1790er Jahren geplante Erweiterung der Klosterkirche nach Plänen von Valentin Lehmann, da sich die politischen Ereignisse überschlugen und die Abtei einen grossen Teil ihres Besitzes verlor. Das Gebäude wäre in einen neuen monumentalen Nordflügel mit 46 Achsen integriert worden. Geplant war auch ein Kirchturm, dessen Turmerdgeschoss allein die drei Stockwerke des Klosters überragt hätte.Georg Germann: Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau, Bezirk Muri. S. 252–253.
Weitere Entwicklung mini|hochkant|Südturm und Kuppel der Klosterkirche, vom Kreuzgangshof aus gesehen Nach bürgerkriegsähnlichen Unruhen im Freiamt beschloss der Grosse Rat des Kantons Aargau am 13. Januar 1841 die Aufhebung aller Klöster. Von dieser Massnahme war auch das Kloster Muri betroffen. In der Folge blieb die Klosterkirche zunächst mehrere Jahre geschlossen und ungenutzt. Der erste Gottesdienst fand erst wieder am Martinstag (11. November) 1850 statt. Die katholische Kirchgemeinde Muri anerkannte 1863 die Klosterkirche neben St. Goar als zweite Pfarrkirche. Sie blieb aber vorerst im Besitz des Kantons, der damals auch die übrigen Klosterbauten verwaltete und nur die allernötigsten Reparaturen veranlasste.Bruno Meier: Das Kloster Muri, Geschichte und Gegenwart der Benediktinerabtei. S. 135.
Bei einem verheerenden Brand am 21. August 1889 brannte der Ostflügel des Klosters aus. Das Feuer beschädigte die angrenzende Abtskapelle derart stark, dass sie zusammen mit der darunter liegenden Sakristei abgebrochen werden musste. Ein Übergreifen der Flammen auf den Chor der Klosterkirche konnte knapp abgewendet werden, jedoch erlitt der Hochaltar erhebliche Schäden.Bruno Meier: Das Kloster Muri, Geschichte und Gegenwart der Benediktinerabtei. S. 140. Ende November 1928 fielen Stuckteile von der Kuppeldecke, was den Kanton dazu bewog, zwischen 1929 und 1933 eine erste grössere Innenrestaurierung durchzuführen. Diese stand unter der Leitung des Kunsthistorikers Josef Zemp. Unter anderem legte man Giorgiolis Fresken wieder frei, die 100 Jahre zuvor von Pater Leodegar Kretz übermalt worden waren. Ausserdem entfeuchtete man die Ostwand, die bei den Löscharbeiten von 1889 viel Wasser aufgesogen hatte. Eine am Nordturm angebrachte Tafel erinnert an Zemps Verdienste.Georg Germann: Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau, Bezirk Muri. S. 234.