Der in den 1990er Jahren in Ungarn wiederentdeckte Mediterrane Medizinische Blutegel (Hirudo verbana, Carena 1820, auch Ungarischer Blutegel genannt) wurde bis in diese Zeit als Farb-Variante der Typus-Art des Europäischen Medizinischen Blutegels (H. medicinalis) Linnaeus 1758 angesehenUlrich Kutschera: Hilfreiche Blutsauger in der Medizin und ihre Systematik. In: Biologie in unserer Zeit. Bd. 42, Nr. 6, 2012, S. 352–353, , (Digitalisat (PDF; 109 kB)). und auch mit dem Artnamen Hirudo officinalis von diesem unterschieden.Vg. auch Ernst Gilg: Lehrbuch der Pharmakognosie. 2. Auflage. Berlin 1910, S. 367 f. (Sanguisuga medicinalis Savigny „Deutscher Blutegel“, und Sanguisuga officinalis Savigny „Ungarischer Blutegel“). Im Gegensatz zum Europäischen Medizinischen Blutegel, der nur selten in der Naturheilkunde eingesetzt wird, sind in Deutschland über 95 % aller zur therapeutischen Blutentnahme verwendeter Egel Mediterrane Blutegel (H. verbana), die aus der Türkei oder Russland importiert werdenAndreas Michalsen, Manfred Roth (Hrsg.): Blutegeltherapie. Haug, Stuttgart 2006, ISBN 3-8304-7169-6.. Die Egel haben, im Gegensatz zur Schwesterart H. medicinalis, eine gelb-grüne, unpigmentierte Bauchseite mit zwei Seitenstreifen.
Systematische Stellung In seinem Standardwerk zur Biologie der Egel vertrat der Zoologe Konrad Herter (1891–1980) die Ansicht, der Europäische Medizinische Blutegel (H. medicinalis) sei eine variable SpeziesKonrad Herter: Der medizinische Blutegel und seine Verwandten (= Die neue Brehm-Bücherei. Bd. 381, ). Ziemsen, Wittenberg-Lutherstadt 1968.. Daher unterschied er zwischen verschiedenen Farb-Varietäten. Es war somit bis in die 1990er Jahre üblich, unterschiedlich gemusterte Medizinische Blutegel unter dem Artnamen H. medicinalis L. 1758 (= H. officinalis Savigny 1822) zusammenzufassenRoy T. Sawyer: Leech Biology and Behaviour. 3 Bände. Clarendon Press, Oxford 1968.. Morphologische Untersuchungen der verschiedenen „Blutegel-Typen“, verbunden mit DNA-Sequenz-Analysen, und Kreuzungsexperimente haben jedoch gezeigt, dass H. medicinalis und „Farbvarianten“, die in Ungarn gesammelt worden sind, zwei verschiedene Arten darstellenUlrich Kutschera: The infamous bloodsuckers from Lacus Verbanus. In: Lauterbornia. Bd. 56, 2006, , S. 1–4, (Digitalisat PDF; 150 kB).Ulrich Kutschera, Manfred Roth: Cocoon deposition and cluster formation in populations of the leech Hirudo verbana (Hirudinea: Hirudinidae). In: Lauterbornia. Bd. 56, 2006, S. 5–8, (Digitalisat PDF; 222 kB).. Der Mediterrane Medizinische Blutegel konnten dem Taxon Hirudo verbana Carena 1820 zugeordnet werdenUlrich Kutschera: Leeches underline the need for Linnaean taxonomy. In: Nature. Bd. 447, Nr. 7146, 2007, S. 775, , (Digitalisat (PDF; 133 kB))..
Vorkommen Die Egel wurden um 1818 im Lacus Verbanus (Lago Maggiore) entdeckt und als eigenständige Art beschrieben. Im Gegensatz zum nördlich verbreiteten Europäischen Medizinischen Blutegel sind die „Mittelmeer-Blutsauger“ in wärmeren, südlicheren Regionen zu finden (z. B. Türkei, südliche Schweiz, Italien). Die Verbreitungsgebiete überschneiden sich nur geringfügig, sodass von einer geographischen Separation der Arten H. medicinalis und H. verbana ausgegangen werden mussUlrich Kutschera: The Hirudo medicinalis species complex. In: Naturwissenschaften. Bd. 99, Nr. 5, 2012, S. 433–434, , (Digitalisat PDF; 114 kB).. Beide Arten sind bunt gefärbt und erreichen als adulte Tiere Körperlängen von bis zu 10 cm. Die Kieferegel ernähren sich als Ektoparasiten vom Blut von Fischen, Amphibien (Molche, Frösche) und Säugetieren (z. B. Wildschweine). In der Natur werden nur ausnahmsweise Menschen angefallenJ. Malcolm Elliott, Ulrich Kutschera: Medicinal leeches: historical use, ecology, genetics and conservation. In: Freshwater Reviews. Bd. 4, Nr. 1, 2011, , S. 21–41, , (Digitalisat PDF; 1,6 MB)..
Sowohl H. medicinalis als auch H. verbana sind infolge systematischer Vernichtungen ihrer natürlichen Lebensräume (warme, amphibienreiche Tümpel mit Flachwasserzonen) und des Abfischens ganzer Populationen für den Verbrauch in der Blutegeltherapie durch Ärzte und Heilpraktiker vom Aussterben bedroht.
Einzelnachweise
Kategorie:Egel Kategorie:Blut