Der Britisch-Amerikanische Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und dem Vereinigten Königreich, auch bekannt als Krieg von 1812, Zweiter Unabhängigkeitskrieg oder Mr. Madisons Krieg, begann mit der Kriegserklärung der Vereinigten Staaten am 18. Juni 1812 und wurde durch den Frieden von Gent vom 24. Dezember 1814 beendet, auf den jedoch weitere Kämpfe folgten, die bis in das Jahr 1815 dauerten. Als Ergebnis des Krieges wurde im Wesentlichen der Status quo ante bellum wiederhergestellt.
Hintergrund Im Krieg von 1812 kulminierten jahrelange Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten (USA) und dem Vereinigten Königreich. In einer Rede vom 1. Juni 1812 nannte US-Präsident James Madison seine Gründe, die eine Kriegserklärung rechtfertigten: Die Zwangsrekrutierung (impressment) von US-Seeleuten für die Royal Navy. Übergriffe britischer Kriegsschiffe gegen Schiffe der USA Die Weigerung der Briten, das Verbot aufzuheben, das den neutralen USA angesichts der Kontinentalsperre den Handel mit dem von Napoleon besetzten Europa untersagte. Die britische Blockade von US-Häfen, um den Handel mit Europa zu unterbinden. Die angebliche Aufstachelung von Indianervölkern zu Gewaltakten gegen die USA.siehe u. a. Hugh Brogan: The Penguin History of the USA. 2. Auflage, London 2002, S. 251 ff.
Tatsächlich hatten diese Punkte zu teils erheblichen Spannungen zwischen beiden Ländern geführt, insbesondere die Zwangsrekrutierung von Seeleuten und die Übergriffe auf US-Handelsschiffe.
Auf den britischen Kriegsschiffen diente – ob freiwillig oder gezwungen – eine erhebliche Anzahl von US-Amerikanern. So waren 22 der 663 Besatzungsmitglieder der Victory während der Schlacht von Trafalgar 1805 Bürger der Vereinigten Staaten.Dudley Pope: Life in Nelson’s Navy. 5. Auflage. London 2005, S. 109. Das Vorgehen der Briten löste in den USA immer wieder Empörung aus. Angeblich wurden jedes Jahr etwa 1000 Seeleute von US-Schiffen – Briten, aber vielfach auch US-Amerikaner – Opfer von Zwangsrekrutierungen.Theodore Roosevelt: The War with the United States, 1812–1815. In: William Laird Clowes: The Royal Navy. A History from the Earliest Times to 1900. Band 6, London 1997, S. 16. Es soll häufig vorgekommen sein, dass britische Offiziere so viele Männer von amerikanischen Handelsschiffen holten, dass diese kaum noch in der Lage waren, einen Hafen anzusteuern. Allerdings ließ sich die Frage, wer US-Bürger war, nicht so einfach beantworten, wie dies aus heutiger Sicht naheliegend wäre. Aus britischer Perspektive war das Verfahren zur Erteilung eines amerikanischen Staatsbürgerschaftsnachweises so oberflächlich, dass es Missbrauch geradezu herausforderte. Zum einen war zur Ausstellung eines solchen lediglich eine eidesstattliche Erklärung vor einem Notar ausreichend, in den USA geboren zu sein, zum anderen waren die Personenbeschreibungen so vage, dass sie auf viele Männer zutreffen konnten. Für britische Seeleute war es deshalb leicht, sich formal echte, aber inhaltlich falsche Ausweise zu verschaffen.Dudley Pope: Life in Nelson’s Navy. 5. Auflage. London 2005, S. 109 ff. Ein Beispiel hierfür ist der Fall des 1797 an der Meuterei an Bord der HMS Hermione beteiligten Iren Thomas Nash, dessen formal echter US-amerikanischer Ausweis auf den Namen Nathan Robbins 1795 in New York City ausgestellt worden war, als er sich nachweislich an Bord eines Schiffes in der Karibik aufhielt.
Nachforschungen im angeblichen Geburtsort ergaben wenig überraschend, dass ein Nathan Robbins dort nicht bekannt war. Nash wurde 1799 in den USA verhaftet, trotz öffentlicher Proteste an die Royal Navy ausgeliefert und nach einem Prozess in Port Royal wegen seiner Rolle bei der Ermordung der Offiziere der Hermione hingerichtet. Vgl. Dudley Pope: The Black Ship. Barnsley 2003, S. 277 ff. Angesichts dieses Missbrauchs und des chronischen Mangels an Seeleuten war es für viele britische Offiziere naheliegend, US-Ausweisen grundsätzlich zu misstrauen.
Ein weiterer Grund für ein hartes Vorgehen war, dass jährlich bis zu 2500 britische Seeleute auf amerikanischen Schiffen anheuerten. Diese Männer waren aus britischer Sicht zum Dienst in der Royal Navy verpflichtet, weshalb man auch das Recht für sich in Anspruch nahm, sie diesem Dienst zuzuführen.Theodore Roosevelt: The War with the United States, 1812–1815. In: William Laird Clowes: The Royal Navy. A History from the Earliest Times to 1900. Band 6, London 1997, S. 12.
Massive Behinderungen und Schädigungen des amerikanischen Seehandels ergaben sich daraus, dass britische Kriegsschiffe nach dem Beginn der Koalitionskriege mit Frankreich de facto eine Blockade der Häfen an der Atlantikküste der Vereinigten Staaten einrichteten. Sie durchsuchten alle Handelsschiffe, derer sie habhaft werden konnten, auf Konterbande und beschlagnahmten hunderte von ihnen, vielfach in Sichtweite der Küste. Was aus britischer Sicht ein legitimes Mittel zur Verhinderung des Handels mit den Kriegsgegnern war, empfanden die Amerikaner als Willkür und fortgesetzten Angriff auf ihre staatliche Souveränität, zumal die britischen Kriegsschiffe teilweise direkt vor den amerikanischen Häfen lagen; außerdem wogen die wirtschaftlichen Schäden schwer.Theodore Roosevelt: The War with the United States, 1812–1815. In: William Laird Clowes: The Royal Navy. A History from the Earliest Times to 1900. Band 6, London 1997, S. 14–17, S. 14–16 bieten eine offenherzige Schilderung eines an dieser Blockade beteiligten Offiziers der Royal Navy, der vollstes Verständnis dafür äußerte, dass der Name seines Schiffs (der HMS Leander) noch 20 Jahre später in New York heftige Aversionen auslöste. Für die Vereinigten Staaten waren diese Einschränkungen ein Verstoß gegen internationales Recht.
Ein aus amerikanischer Sicht besonders skandalöser Fall ereignete sich 1807, als das britische Kriegsschiff HMS Leopard die Fregatte USS Chesapeake mit Waffengewalt zwang, eine Durchsuchung nach Deserteuren der Royal Navy zu erdulden, wobei 21 Seeleute getötet, verwundet oder verschleppt wurden. Dieser Gewaltakt erzeugte in den Vereinigten Staaten einen Sturm der Entrüstung, Präsident Thomas Jefferson zog jedoch ein (wirkungsloses) Handelsembargo einer Kriegserklärung vor.
Tatsächlich war es im Vorfeld des Krieges auch zu erheblichen Spannungen mit den Indianern gekommen, die 1811 in der Schlacht bei Tippecanoe zwischen US-Truppen unter William Henry Harrison und den Shawnee gipfelten. Zwar hatten die Briten durchaus ein Interesse daran, Kanada durch eine Pufferzone aus befreundeten Indianervölkern zu schützen, doch die Feindseligkeiten waren nicht – wie die Amerikaner behaupteten – auf britische Einflüsse zurückzuführen. Auslöser waren vielmehr Übergriffe und Vertragsbrüche, die viele Indianervölker zu Feinden der Amerikaner machten.
Dass es daneben auch andere nationalistische und imperialistische Kriegsgründe gab, zeigte sich daran, dass der Krieg in den von britischen Übergriffen am stärksten betroffenen Küstenstaaten relativ unpopulär war (bis zu den ersten amerikanischen Erfolgen), denn sowohl das Vereinigte Königreich als auch Kanada waren wichtige Handelspartner. Die Kriegserklärung vom 18. Juni wurde im Repräsentantenhaus mit 79 zu 49 und im Senat mit lediglich 19 gegen 13 Stimmen durchgesetzt. Hauptsächliche Verfechter der Kriegserklärung waren die Vertreter der Staaten im Landesinneren (der Frontier States), die sogenannten war hawks („Kriegsfalken“). Für sie waren die britischen Übergriffe ein willkommener Vorwand für die Eroberung Kanadas, wobei man wenig Widerstand erwartete, da der größte Teil der britischen Armee durch die Kämpfe in Spanien gebunden war. Diese Expansionspläne werden häufig in den Kontext der erst später ausformulierten Manifest Destiny-Ideologie (der Glaube an ein gottgegebenes Recht zur Eroberung des gesamten Kontinents) gestellt. Andere Historiker lehnen dies ab und sehen darin den Versuch, durch die Beseitigung der britischen Kolonien in Nordamerika die Gefahr von Angriffen auf die Vereinigten Staaten zu beseitigen, also eine eher defensive Motivation.Siehe hierzu den englischen Wikipedia-Artikel Manifest Destiny
Ein weiterer Aspekt war die Hoffnung der war hawks, dass zukünftig auf kanadischem Boden entstehende Staaten die politische Färbung der Frontier States übernehmen und so dem empfundenen politischen Übergewicht der Südstaaten etwas entgegensetzen würden. Hier zeichnete sich bereits die inneramerikanische Spaltung ab, die schließlich 1861 in den Sezessionskrieg mündete. In jedem Falle sind für die Auslassungen der Kriegspartei ein aggressiver Nationalismus und starke antibritische Ressentiments charakteristisch. Viscount Robert Stuart Castlereagh, der britische Außenminister zur Zeit des Krieges, wollte diesen vermeiden.Johannes Reiling: Deutschland, safe for democracy? Franz Steiner Verlag, 1997, ISBN 3-515-07213-6, S. 25. Ein ansehnlicher Teil der Bevölkerung, vor allem in Neuengland, war gegen den Krieg.Steve Wiegand: Die Geschichte der USA für Dummies. John Wiley & Sons, 2010, ISBN 978-3-527-70605-1, S. 138.
Militärische Ausgangslage mini|300px|Karte des Kriegsverlaufs
Trotz der vorausgegangenen jahrelangen diplomatischen Spannungen war keine Seite auf den Krieg vorbereitet. Die US Navy bestand aus lediglich 16 kampftauglichen Schiffen, bei denen es sich um sieben Fregatten, eine Korvette und eine Reihe kleinerer Kriegsschiffe handelte. Weitere Einheiten waren zu dem Zeitpunkt entweder aufgelegt oder seeuntauglich. Die Kongressabgeordneten, die den Krieg befürworteten, hatten ein Flottenbauprogramm für zwölf Linienschiffe und 20 Fregatten jedoch abgelehnt. Der spätere Präsident Theodore Roosevelt, Verfasser einer Geschichte des Seekriegs 1812–1815 (The Naval War of 1812), bezeichnete dieses inkonsequente Verhalten als kriminelle Dummheit und nationale Schande. Mit einer Flotte dieser Größe konnten die Amerikaner gegen die Royal Navy, die kampfstärkste Marine der Welt, allenfalls auf symbolische Erfolge ohne Auswirkung auf den Kriegsverlauf hoffen.
Umgekehrt war das Verhältnis bei den Truppen an Land. Die Vereinigten Staaten verfügten über eine Armee mit der nominellen Stärke von 35.000 Mann, zu der noch zusätzlich Milizen aufgeboten werden konnten. Die regulären Truppen wiesen bei Kriegsbeginn tatsächlich jedoch nur ein Drittel ihrer angeblichen Stärke auf und litten unter einem Mangel an kompetenten Offizieren. Einige von ihnen verdankten zudem ihre Ränge noch Verdiensten aus dem Unabhängigkeitskrieg, andere hatten ihre Positionen durch politische Protektion erlangt. Die (zusätzlichen) Milizen erwiesen sich außerdem vielfach als undiszipliniert und nur zu einem gewissen Grade zuverlässig und verweigerten (wie auch bereits im Unabhängigkeitskrieg) teilweise den Dienst außerhalb ihres Heimatstaates. Die Briten verfügten demgegenüber über lediglich 5.000 Soldaten in Kanada, bei denen es sich auch nur teilweise um reguläre Truppen, ansonsten aber um Territorialeinheiten (im Land aufgestellte Truppenteile) und Milizen handelte. Ein gewisser Ausgleich zur zahlenmäßigen Unterlegenheit der Briten waren die gute Ausbildung und Disziplin ihrer Linientruppen und professionelle, kriegserfahrene Offiziere, wofür John Harvey, Joseph Wanton Morrison und Charles-Michel de Salaberry herausragende Beispiele sind.