Die Anhaltische Kohlenwerke AG (AKW) war ein börsennotiertes Unternehmen der deutschen Montanindustrie im Mitteldeutschen Braunkohlerevier. Das Restvermögen der Aktiengesellschaft wird heute von einer Vermögensgesellschaft verwaltet.
Gründung Die Vorgeschichte des Unternehmens geht bis auf das Jahr 1867 zurück, als die eigens dafür gegründete Froser Braunkohlen-Bergbau AG nach der Verleihung von Grubenfeldern in Frose die Braunkohlengrube Ludwig aufschloss, die später in Zeche Anhalt umbenannt wurde. Aus deren Betreibergesellschaft, der Gewerkschaft Zeche Anhalt entstand 1881 die Anhaltische Kohlenwerke AG mit Sitz in Berlin. In den Folgejahren expandierte die AKW durch den Zukauf und den Aufschluss zahlreicher weiterer Braunkohlegruben in der Region. 1908 verlegte das Unternehmen seinen Sitz von Berlin in die preußische Provinz Sachsen, nach Halle an der Saale.Anhaltische Kohlenwerke AG Auszug aus der Beständeübersicht des Landesarchivs Berlin, abgerufen am 18. Mai 2019
Übernahmen mini|Zierbrikett aus der Brikettfabrik Mariengrube der Anhaltische Kohlenwerke AG Im Jahr 1918 erwarb der jüdische Unternehmer Julius Petschek (Prag) die Aktienmehrheit der Anhaltische Kohlenwerke AG.Ingolf Strassmann: Jüdische Arbeit und jüdisches Kapital im Braunkohlenrevier in und um das Herzogtum Sachsen-Altenburg. S. 9. (auf juedische-geschichte.de, abgerufen am 18. Mai 2019) Nach Verabschiedung des Kohlenwirtschaftsgesetzes (1919) wurden die AKW Pflichtmitglied im Mitteldeutschen Braunkohlen-Syndikat.
Ab dem 1. Oktober 1924 arbeitete das Unternehmen im Rahmen einer Verwaltungsgemeinschaft mit der Werschen-Weißenfelser Braunkohlen AG zusammen, deren Aktienmehrheit sich ebenfalls im Besitz von Julius Petschek befand.Anhaltische Kohlenwerke AG, Halle (Saale) Deutsche Digitale Bibliothek, abgerufen am 18. Mai 2019 Bis zum Ende der 1920er Jahre entwickelten sich die faktisch bereits zusammengehörenden Unternehmen zu den größten Braunkohlenförderern in Mitteldeutschland.Günter Ogger: Friedrich Flick der Große. Scherz Verlag, Bern / München / Wien 1971, S. 481.
Nach dem Tod von Julius Petschek im Jahr 1932 entschieden seine Erben, die Geschäfte in Deutschland aufzugeben und übertrugen die Aktien der Anhaltische Kohlenwerke AG und der Werschen-Weißenfelser Braunkohlen AG über eine britische Zwischenholding auf den US-amerikanischen Konzern United Continental Corporation (UCC).Günter Ogger: Friedrich Flick der Große. (Taschenbuch-Ausgabe der Erstauflage von 1971) Droemer-Knaur, München / Zürich 1973, ISBN 3-426-00330-9, S. 149. Im Oktober 1934 erwarb die Gesellschaft zehn Prozent der Aktien der Braunkohle-Benzin AG (BRABAG).Wissenschaftliche Zeitschrift der Humboldt-Universität zu Berlin, Gesellschafts- und sprachwissenschaftliche Reihe, Band 15. Berlin 1966, S. 214. Am 15. Mai 1938 kaufte der Industrielle Friedrich Flick den Prager Petscheks ihre 67 Prozent Aktienanteile an der Anhaltische Kohlenwerke AG und ihre 88 Prozent an der Werschen-Weißenfelser Braunkohlen AG für zusammen 6.325.000 US-Dollar ab.Tim Schanetzky: Regierungsunternehmer. Henry J. Kaiser, Friedrich Flick und die Staatskonjunkturen in den USA und Deutschland. Wallstein Verlag, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8353-1767-3, S. 313 f.Günter Ogger: Friedrich Flick der Große. (Taschenbuch-Ausgabe der Erstauflage von 1971) Droemer-Knaur, München / Zürich 1973, ISBN 3-426-00330-9, S. 163.
Dabei hatte die New Yorker Petschek-Holding UCC zu Beginn der Verhandlungen 18 Millionen US-Dollar für beide Aktienpakete gefordert, eine Summe die Flick nicht aufbringen konnte, und die das Reichswirtschaftsministerium aufgrund der Devisenverkehrsbeschränkung unter keinen Umständen genehmigt hätte.Johannes Bähr et al.: Der Flick-Konzern im Dritten Reich. Oldenbourg, München 2008, ISBN 978-3-486-58683-1, S. 336. Tatsächlich lag das Anlagevermögen der Werschen-Weißenfelser Braunkohlen AG im Jahr 1937 bei umgerechnet rund 10 Millionen Dollar und bei der Anhaltische Kohlenwerke AG bei rund 15 Millionen Dollar, woraus sich entsprechend ihren prozentualen Aktienanteilen rund 8,8 Millionen Dollar bei der Werschen-Weißenfelser Braunkohlen AG und 9,9 Millionen Dollar bei der Anhaltische Kohlenwerke AG ergaben.Geschäftsberichte 1936 bis 1938 Hamburgisches Welt-Wirtschafts-Archiv, abgerufen am 14. Mai 2019 Deutsche Bundesbank, abgerufen am 14. Mai 2019 In der NS-Presse wurde über die „Rückführung der Aktienmehrheit beider Gesellschaften in deutsche Hände“ und über „die Maßnahmen, die bei der Arisierung notwendig waren“, detailliert berichtet.Geschäftsberichte 1936 bis 1938 Hamburgisches Welt-Wirtschafts-Archiv, abgerufen am 14. Mai 2019 Das Reichspropagandaministerium sprach von einem „wichtigen Schritt bei der Entjudung der Kohlewirtschaft“.Andrea Löw: Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Band 3, Deutsches Reich und Protektorat Böhmen und Mähren, September 1939 - September 1941.Oldenbourg, München 2012, ISBN 978-3-486-58524-7, S. 221 f.
Anfang Juni 1938 erwarb die Werschen-Weißenfelser Braunkohlen AG die Aktienmehrheit der AKW. Am 16. April 1940 erfolgte die vollständige Eingliederung der Werschen-Weißenfelser AG in die Anhaltische Kohlenwerke AG.Geschäftsbericht 1939 vom 16. April 1940 Hamburgisches Welt-Wirtschafts-Archiv, abgerufen am 17. Mai 2019 Zeitgleich wurde der Sitz des Unternehmens von Halle zurück nach Berlin verlegt. 1940 erlangten die AKW von den Reichswerken Hermann Göring nach einem Bieterverfahren Aktienanteile von Gruben aus dem enteigneten Besitz der Ignaz-Petschek-Gruppe (Aussiger Petscheks) im Geiseltal und Oberschlesien sowie die Aktienmehrheit an der Eintracht Braunkohlenwerke und Brikettfabriken AG in Welzow. Brandenburgisches Landeshauptarchiv, abgerufen am 17. Mai 2019Petschek, Ignaz Deutsche Biographie, abgerufen am 17. Mai 2019 1941 übernahm die Harpener Bergbau AG 25 Prozent der AKW-Aktien. Ihrerseits erwarb die AKW ein Jahr später 12 Prozent an der Hochofenwerk Lübeck AG.Johannes Bähr et al.: Der Flick-Konzern im Dritten Reich. Oldenbourg, München 2008, ISBN 978-3-486-58683-1, S. 501.
Während des Zweiten Weltkriegs war die Anhaltische Kohlenwerke AG der größte und bedeutendste Brikettproduzent in Deutschland.Deutsche Allgemeine Zeitung vom 24. März 1941 (Doc 00095) Hamburgisches Welt-Wirtschafts-Archiv, abgerufen am 19. Mai 2019 Von Januar 1940 bis Dezember 1944 gab die Geschäftsleitung in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Arbeitspädagogik und technische Arbeitsforschung die Werkszeitschrift der Anhaltische Kohlenwerke AG Der Braunkohlenbergmann heraus. Dieses Periodikum stellt ein wichtiges Zeitdokument der AKW, aber auch der technischen Forschung und Entwicklung allgemein der Braunkohlenindustrie dar.Der Braunkohlenbergmann Deutsche Nationalbibliothek, abgerufen am 20. Mai 2019
Nachkriegszeit mini|Vorzugsaktie über 1000 Mark der Anhaltischen Kohlenwerke vom 26. April 1909 Nach der Besetzung Mitteldeutschlands durch die Rote Armee begannen ab Juni 1945 sowjetische Kommandos unter dem Mantel der Reparation mit der Demontage von Anlagen und Maschinen. Nicht wenige Gruben und Fabriken der Anhaltische Kohlenwerke AG verloren bis zu 100 Prozent ihres Maschinenparks. Eine Anrechnung auf das sowjetische Reparationskonto fand für diese Beutetransporte nicht statt.Klaus Neitmann, Jochen Laufer (Hrsg.): Demontagen in der Sowjetischen Besatzungszone und in Berlin 1945 bis 1948. BWV Verlag, Berlin 2014, ISBN 978-3-8305-1899-0, S. 258 f.
Die anschließende Enteignung erfolgte formal nicht durch die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD), sondern durch eingesetzte kommunistische deutsche Handlanger. Zunächst ordnete der Präsident der neu gegründeten Provinz Sachsen am 3. Oktober 1945 an, „zur Sicherung der Wirtschaft“ die Anhaltische Kohlenwerke AG in die Verfügungsgewalt des Landes zu übernehmen. Kurz darauf erließ das Präsidium der Landesverwaltung auf der Grundlage eines „Volksentscheids“ eine Verordnung über die Verstaatlichung sämtlicher Bergbauunternehmen. Am 29. Oktober 1945 folgte der Beschluss, „zur Sicherung der Demokratie und des Friedens die dem Kriegsverbrecher Flick gehörigen und in der Provinz Sachsen gelegenen Unternehmungen mit allen ihren Beteiligungen und Rechten, sowie allen sonstigen im Besitz des Kriegsverbrechers Flicks befindlichen Vermögenswerte“ zu enteignen und in den Besitz des Landes zu überführen.Clemens Vollnhals, Jörg Osterloh: NS-Prozesse und deutsche Öffentlichkeit. Besatzungszeit, frühe Bundesrepublik und DDR. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, ISBN 978-3-525-36921-0, S. 118.
Dieser Beschluss bildete den sowjetischen propagandistischen Auftakt zum Flick-Prozess. Bis zu dessen Beginn hielt sich die Moskauer Regierung mit der Enteignung von Unternehmen in der SBZ zurück. Für die Sowjets war Flick lediglich pars pro toto. Denn dieser „Volksentscheid“ diente fortan als Legitimation für Enteignungen in der gesamten Sowjetzone. Die verstaatlichten Unternehmen wurden in sogenannte Volkseigene Betriebe oder in Sowjetische Aktiengesellschaften (SAG) umgewandelt. Am 16. November 1946 erfolgte die Eingliederung der Anhaltische Kohlenwerke AG nebst der angeschlossenen Tagebaue und sämtlicher Fabriken in die SAG Maslo (deutsch Sowjetische Aktiengesellschaft für Öl und Fett).Wolfgang Blöß: Grenzen und Reformen in einer Umbruchgesellschaft. Vom Land Brandenburg zu den Bezirken 1945–1952. BWV Verlag, Berlin 2014, ISBN 978-3-8305-3248-4, S. 185 f. Die Betriebe der SAG Maslo produzierten für die folgenden sechs Jahre nahezu ausschließlich für die UdSSR. Im April 1952 gestattete die SMAD der DDR den etappenweisen „Rückkauf“ von Braunkohlewerken. Jedoch wurden erst nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 die Reparationsleistungen vollständig eingestellt.Mitteldeutsches Braunkohlenrevier, Wandlungen und Perspektiven, Heft 19, Profen, S. 6 f. LMBV, abgerufen am 19. Mai 2019Christiane Künzel: Verwaltung Sowjetische [Staatliche] Aktiengesellschaften in Deutschland (SAG). In: Horst Möller, Alexandr O. Tschubarjan (Hrsg.): SMAD-Handbuch. Die Sowjetische Militäradministration in Deutschland 1945–1949. Oldenbourg, München 2009, ISBN 978-3-486-58696-1, S. 388–395.
Die früheren Hauptaktionäre sowie mehrere Direktoren und Werksleiter der Anhaltische Kohlenwerke AG konnten 1945 und 1946 rechtzeitig nach Westdeutschland entkommen. Tatsächlich wurden nicht wenige leitende Angestellte und Bergingenieure verschiedener Braunkohlenwerke von Angehörigen der Roten Armee verhaftet und im Speziallager Nr. 2 in Buchenwald wegen angeblicher Kriegsverbrechen erschossen. Die Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation erklärte 1994 fast alle diese Urteile für Unrecht und rehabilitierte die betroffenen Betriebsleiter.Klaus-Dieter Müller, Thomas Schaarschmidt, Andreas Weigelt, Mike Schmeitzner: Todesurteile sowjetischer Militärtribunale gegen Deutsche (1944–1947). Eine historisch-biographische Studie. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, ISBN 978-3-525-36968-5, S. 148.
Formal bestand die AKW als Aktiengesellschaft fort, ab 1950 mit Sitz in West-Berlin. Gleichfalls existierte die AKW in den Bilanzen der Anteilseigner ohne Geschäftsbetrieb weiter.Günter Ogger: Friedrich Flick der Große. Scherz Verlag, Bern / München / Wien 1971, S. 279. Im Zuge der Währungsreform erfolgte im Jahr 1952 eine offizielle Wertpapierbereinigung der AKW-Aktien. Die nachweisbar Berechtigten erhielten neue Papiere, die 1:1 von Reichsmark auf Deutsche Mark umgestellt wurden. Nominal betrug im Jahr 1957 das Anlagekapital der AKW 95 Millionen DM.Harpen erwirbt Zeche Victoria. In: Die Zeit vom 23. Mai 1957, abgerufen am 19. Mai 2019