mini|Visuelle Darstellung, in welchem Umfang die planetaren Grenzen ausgeschöpft oder überschritten sind, nach Richardson et al. (2023)
Planetare GrenzenDieter Gerten, Hans Joachim Schellnhuber: Planetare Grenzen, globale Entwicklung. In: Udo E. Simonis et al. (Hrsg.): Jahrbuch Ökologie 2016. Hirzel, 2015, S. 11–19.Vier von neun „planetaren Grenzen“ bereits überschritten. Pressemitteilung, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung vom 16. Januar 2015. (auch planetarische GrenzenChristoph Streissler: Planetarische Grenzen – ein brauchbares Konzept? (PDF; 86 kB). Wirtschaft und Gesellschaft, 42. Jahrgang (2016), Heft 2, S. 325–338.Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU): Umweltgutachten 2012. Verantwortung in einer begrenzten Welt. (PDF; 6 MB). Juni 2012. S. 41 f.Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU): Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation. Hauptgutachten 2011. (PDF; 5 MB). 2., veränderte Auflage, ISBN 978-3-936191-38-7, Berlin 2011, S. 66, abgerufen am 19. Januar 2020. oder Belastungsgrenzen der ErdeRessourcen. Menschheit treibt Natur über Belastungsgrenzen. Der Spiegel vom 15. Januar 2015.; ) sind ökologische Grenzen der Erde, deren Überschreitung die Stabilität des Ökosystems der Erde und damit das Vorankommen der Menschheit gefährdet. Derzeit werden zumeist neun planetare Grenzen diskutiert, die einen sicheren Handlungsspielraum für die Menschheit festlegen sollen. Davon sind bereits sieben überschritten und beim gegenwärtigen Trend wird eine umfassende Verschlechterung angenommen.
Das Konzept der planetaren Grenzen reiht sich in die Zukunftsszenarien bezüglich der globalen Umweltveränderungen ein. Es wurde ursprünglich von einer 29-köpfigen Gruppe von Erdsystem- und Umweltwissenschaftlern unter Leitung von Johan Rockström (Stockholm Resilience Centre) entwickelt und 2009 erstmals veröffentlicht. Zu den Verfassern gehören unter anderem Will Steffen (Australian National University), Hans-Joachim Schellnhuber (Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung) und der Nobelpreisträger Paul Crutzen.Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung: Planetarische Grenzen: Ein sicherer Handlungsraum für die Menschheit. Pressemitteilung vom 23. September 2009, abgerufen am 17. Februar 2013.
Das Konzept der planetaren Grenzen liegt auch dem Hauptgutachten des WBGU von 2011 mit dem Titel Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation zugrundeWissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU): Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation. Hauptgutachten 2011. (PDF; 5 MB). 2., veränderte Auflage, ISBN 978-3-936191-38-7, Berlin 2011, S. 34, abgerufen am 19. Januar 2020. und ist zur Grundlage des Konzepts der Planetary Health geworden.Alessandro R. Demaio, Johan Rockström: Human and planetary health: towards a common language. (PDF; 420 kB). In: The Lancet. Band 386, Nr. 10007 (2015), S. 1917–2028.
Zusammen mit dem gesellschaftlich notwendigen Fundament (social foundation) bilden die planetaren Grenzen den Kern des von Kate Raworth um 2017 entwickelten Konzepts der Donut-Ökonomie. Rockström selbst erweiterte die planetaren Grenzen 2023 mit weiteren Autoren zu den sogenannten „Erdsystemgrenzen“ (earth-system boundaries), die sämtliche Kriterien für eine speziesübergreifende Generationen- und Klimagerechtigkeit umfassen sollen.
Konzept
Hintergrund
370px|mini|Veränderung der weltweiten Masse an Landsäugetieren von vor 100.000 Jahren bis 2015 (in Tonnen Kohlenstoff; ohne Geflügel): Der starke Anstieg der Zahl von Menschen (grau) führte dazu, dass sie allein heute ein Vielfaches dessen wiegen, was alle Wildtiere (rot) zusammen gewogen haben. Die Grafik veranschaulicht, wie der Mensch mit seinen von ihm gehaltenen Nutztieren (blau) allein durch seine Anzahl die planetaren Grenzen zu überschreiten vermag.
Bereits 1713 formulierte Hans Carl von Carlowitz in seinem Werk Sylvicultura oeconomica über die Forstwirtschaft den Begriff der Nachhaltigkeit. Als Reaktion auf lokale Umweltveränderungen entstanden erste Ansätze einer Umweltbewegung.Joachim Radkau: Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte. C. H. Beck, 2011, ISBN 978-3-406-61902-1. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde hingegen begonnen, globale Umweltveränderungen und Zukunftsszenarien systematisch wissenschaftlich zu untersuchen. Im Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome wurden die Auswirkungen unbegrenzten Wirtschaftswachstums vorgestellt. Dies führte zu Konzepten wie qualitatives Wachstum,Bundeszentrale für politische Bildung: Wirtschaftswachstum. Wachstum, Quantitatives Wachstum, Qualitatives Wachstum. Lexikon der Wirtschaft, abgerufen am 14. September 2018.Herwig Büchele, Anton Pelinka (Hrsg.): Qualitatives Wirtschaftswachstum – eine Herausforderung für die Welt. Innsbruck University Press, Innsbruck 2012, ISBN 978-3-902811-65-3. Green Economy, grünes WachstumOECD: Towards Green Growth. OECD Green Growth Studies. Mai 2011, OECD Publishing. . oder Green New DealHeinrich-Böll-Stiftung: Green New Deal – Investieren in die Zukunft. 27. April 2009, abgerufen am 27. Januar 2019. und andererseits zu einer ökologisch motivierten Wachstumskritik und der Entstehung einer wachstumskritischen Bewegung.Reinhard Steurer: Die Wachstumskontroverse als Endlosschleife: Themen und Paradigmen im Rückblick. Wirtschaftspolitische Blätter 4/2010. Schwerpunkt Nachhaltigkeit: Die Wachstumskontroverse, S. 423–435.
Das Konzept der planetaren Grenzen gründet in dieser Debatte um die Grenzen der Erde und des Wachstums und beruft sich auf den Begriff des Anthropozäns, wonach durch den Einfluss des Menschen auf die Erde das erdgeschichtliche Zeitalter des Holozäns seit der industriellen Revolution von einem neuen Zeitalter abgelöst sei. In den vergangenen 10.000 Jahren des Holozäns befindet sich die Erde in einem relativ stabilen Zustand und globale Schwankungen biogeochemischer und atmosphärischer Größen fanden nur in einem schmalen Rahmen statt. Seit der industriellen Revolution haben sich jedoch einige dieser Größen außerhalb der erwarteten Varianz bewegt. Dies wird auf den Einfluss der menschlichen Spezies auf die Erdsystemprozesse zurückgeführt. Daher stellt sich die Wissenschaft die Frage nach den absoluten, nicht verhandelbaren biophysikalischen Grenzen auf planetarer Ebene, deren Einhaltung den Fortbestand der derzeitigen Zivilisation sichert und schwerwiegende globale Umweltveränderungen verhindert. Hierfür wurden, ähnlich wie bereits durch den Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) ab 1994 mit dem Begriff der planetarischen Leitplanken,Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU): Die Zukunft der Meere – zu warm, zu hoch, zu sauer. Sondergutachten 2006. (PDF; 3,3 MB). ISBN 3-936191-13-1, S. 6.Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU): Zivilisatorischer Fortschritt innerhalb planetarischer Leitplanken. Ein Beitrag zur SDG-Debatte. Politikpapier 8. (PDF; 900 kB). Juni 2014, abgerufen am 27. Januar 2019. bestehende Forschungsergebnisse aus den Erdsystemwissenschaften zusammengetragen und unter dem Begriff der planetaren Grenzen zusammengefasst.
Forschungsgeschichte Im Jahr 2009 veröffentlichte eine Gruppe von Wissenschaftlern aus den Bereichen Erdsystem- und Umweltwissenschaften eine erste Übersicht über die Grenzen der Ökosystemdienstleistungen. In der 29-köpfigen Forschungsgruppe waren neben Johan Rockström und Will Steffen unter anderem auch der Nobelpreisträger Paul Crutzen und der Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) Hans Joachim Schellnhuber beteiligt. Eine Kurzfassung wurde im September 2009 in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht. Dabei ermittelten sie neun planetare Grenzen, von denen jede unabdingbar für die zukünftige Entwicklung der menschlichen Spezies ist (). Weiterhin ermittelten sie die quantitativen Grenzen für sieben der neun Bereiche und gaben eine Abschätzung, wie weit diese schon ausgereizt sind. Dabei wurde festgestellt, dass drei Grenzen bereits zum Zeitpunkt der ersten Veröffentlichung überschritten waren.
Im Januar 2015 wurde ein aktualisierter Bericht in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht. In diesem wurden die planetaren Grenzen teilweise überarbeitet und um aktuelle Daten ergänzt. Für die Grenzen der Stickstoff- und Phosphorkreisläufe, Land- und Süßwassernutzung wählten sie eine zweistufige Herangehensweise: von regionalen zu globalen Grenzen. Damit sollte der Heterogenität der Prozesse auf regionaler Ebene wie auch den Wechselbeziehungen zwischen regionalen und globalen Veränderungen Rechnung getragen werden. Der Bericht wurde 2015 im Rahmen des Weltwirtschaftsforums in Davos vorgestellt.
Die zweite Aktualisierung im Jahr 2023 legte erstmals für alle neun betrachteten Prozesse Grenzwerte fest. Zwei weitere Grenzen wurden als überschritten bewertet: Die erstmals quantifizierte Grenze bei der Einbringung neuartiger Stoffe wurde als übertreten eingestuft. Für Süßwasser, das zuvor in einer einzigen Größe als Oberflächen- und Grundwasser definiert war, wurde eine Unterscheidung eingeführt nach (grünem) Wasser, das in Böden und Pflanzen enthalten ist und (blauem) Wasser der Flüsse und Seen. Beide Werte wurden ebenfalls als verletzt eingestuft. Damit waren sechs der neun Grenzen überschritten.Die Menschheit ruiniert ihre Lebensgrundlage, DLF, 15. September 2023.Schwindende Widerstandskraft unseres Planeten: Planetare Belastungsgrenzen erstmals vollständig beschrieben, sechs von neun bereits überschritten, PIK, 13. September 2023.
Die 2024 veröffentlichte Übersichtsarbeit Planetary Boundaries guide humanity’s future on Earth fasst die Entwicklung von Kontrollvariablen und Grenzwerten über die drei Versionen des Konzeptes hinweg tabellarisch zusammen.Table 1 Overview of definitions and quantifications in PB versions 1.0, 2.0 and 3.0. In: Rockström et al. (2024) Planetary Boundaries guide humanity’s future on Earth
Im September 2025 wurde bekannt, dass mit der Ozeanversauerung bereits sieben von neun kritischen Belastungsgrenzen des Erdsystems überschritten wurden.
Die planetaren Grenzen Beschreibung Die planetaren Grenzen sollen einen „sicheren Handlungsspielraum“ für die Menschheit auf der Erde festlegen. Dazu wurden Systeme und Prozesse identifiziert, die für die Stabilität und Widerstandsfähigkeit des Gesamtsystems Erde essentiell sind. Um das Funktionieren der Systeme bzw. Prozesse zu bewerten, wurden Indikatoren gewählt. Bestimmte Grenzwerte dürfen nicht über- oder unterschritten werden, um die Resilienz der Erde als System nicht zu gefährden. Bei einigen Prozessen gibt es Kippelemente im Erdsystem, bei denen ein Überschreiten abrupte und unumkehrbare Veränderungen hervorrufen würde. Die planetaren Grenzen sind so definiert, dass nach derzeitigem Wissensstand nur eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit besteht, Kipppunkte zu überschreiten bzw. die Widerstandsfähigkeit des Erdsystems zu überlasten.
Als planetare Grenze wird zum einen der Wert eines betrachteten Systems oder Prozesses bezeichnet, der anhand von Schwellwerten und dem Bereich substantiellen Risikos festgelegt wird und mit dessen Überschreiten die Menschheit ihren sicheren Handlungsspielraum verlässt. Zum anderen bezeichnet planetare Grenze auch oft das System oder den Prozess selbst.