Paraceratherium ist eine Gattung aus der ausgestorbenen Familie der Paraceratheriidae. Ursprünglich war sie auch unter den Bezeichnungen Baluchitherium oder Indricotherium bekannt. Umstritten bleibt in der Forschung, ob andere beschriebene Formen wie Dzungariotherium und Aralotherium ebenfalls identisch oder aber eigenständig sind. Die Paraceratherien gehören in die nähere Verwandtschaft der Nashörner. Innerhalb der Familie stellt Paraceratherium das stammesgeschichtlich jüngste Mitglied dar. Die Gattung lebte im Oligozän und im untersten Miozän vor etwa 34 bis rund 22 Millionen Jahren. Fossilreste sind von zahlreichen Fundstellen aus Ost-, Süd- und Zentralasien bekannt, die Verbreitung strahlt aber bis nach Westasien und Südosteuropa aus.

Es handelt sich um große bis sehr große Tiere, die sich durch relativ lange Beine, einen verlängerten Hals und einen vergleichsweise kleinen Schädel auszeichneten. Im Unterschied zu den Nashörnern trugen sie keine Hornbildungen. Mit einem geschätzten Körpergewicht von bis zu 20 t gehören sie zu den größten bekannten landbewohnenden Säugetieren aller Zeiten. Lediglich einige der größten Rüsseltiere könnten ähnliche Dimensionen erreicht haben. Die von Paraceratherium genutzten Habitate bestanden aus teils offenen Waldlandschaften unter subtropisch-warmem Klimaverhältnissen. Laut Untersuchungen der Backenzähne ernährten sich die Tiere hauptsächlich von weicher Pflanzenkost, die sie aufgrund ihrer Körpergröße auch in höheren Baumkronen weiden konnten.

Die ersten Funde von Paraceratherium stammen aus Südasien, von wo die Gattung im Jahr 1910 auch wissenschaftlich benannt wurde. Nahezu zeitgleich kamen Fossilreste in Zentralasien zum Vorschein, die unter der Bezeichnung Indricotherium firmierten. Die Bezeichnung Baluchitherium geht ebenfalls auf südasiatische Funde zurück, erhielt dann aber in den 1920er Jahren durch mehrere Expeditionen des American Museum of Natural History in das nördliche Ostasien eine weitere Verbreitung. Die heute großen Fundkollektionen aus den südlicher daran anschließenden Bereichen kamen erst verstärkt seit den 1960er Jahren zum Vorschein. Forschungsgeschichtlich relevant sind mehrere Revisionen der Gattung aus den Jahren 1959 und 1989, während derer die verschiedenen genutzten Namen miteinander synonymisiert wurden.

Merkmale Habitus mini|links|Neuere Lebendrekonstruktion von Paraceratherium Paraceratherium war ein sehr großer Vertreter aus dem Verwandtschaftsumfeld der Nashörner. Charakteristische Merkmale bilden die langen Gliedmaßen, ein gestreckter Hals, ein kräftiger Körperbau und ein verhältnismäßig kleiner Kopf. Anhand der gefundenen Knochen wird für mittelgroße Arten wie P. transouralicum eine Kopf-Rumpf-Länge von 7,4 bis 8,7 m und eine Schulterhöhe von 4,5 bis 5 m angenommen. Ein Individuum der ebenfalls mittelgroßen Art P. lepidum besaß eine Gesamtlänge des Körpers von 7,2 m, wovon der Kopf und der Hals 3,5 m einnahmen. Dadurch ergibt sich ein Verhältnis der Kopf/Hals- zur Rumpflänge von nahezu 1:1. Der Hals wiederum übertraf den Kopf um das Anderthalb- bis Zweifache an Länge, ersterer maß rund 2,2 m. Das Körpervolumen des Brustkorbs und des Bauchraums betrug gemäß der Länge der Wirbelsäule und der Rippen schätzungsweise 3,6 m³. Die größten Formen kamen auf ein Gewicht von vermutlich 15 bis 20 t, möglicherweise bestand aber zwischen weiblichen und männlichen Individuen ein Geschlechtsdimorphismus. Kleinere Arten wie etwa P. prohovori wurden rund 6,2 m lang und besaßen ein Gewicht von etwa 6 bis 9 t. Die Größenunterschiede zwischen kleineren und größeren Arten verdeutlichen sich unter anderem in der Länge des Oberarmknochens. Dieser maß bei P. prohovori gut 63 cm, bei P. bugtiense und P. lepidum 84 cm sowie bei P. transouralicum 93 bis 102 cm.

Schädel- und Gebissmerkmale mini|Schädel von Paraceratherium mini|links|Schädel und Unterkiefer von Paraceratherium Der größte vollständig erhaltene Schädel war 129 cm lang, an den Jochbögen bis zu 61 cm breit und am Hinterhaupt 22 cm hoch. Einige fragmentierte Stücke lassen jedoch noch größere Exemplare annehmen. Dabei war der Schädel ausgesprochen langgestreckt und im Bereich des Gehirnschädels schmal und niedrig. Vor allem bei großen und kräftig gebauten Exemplaren wölbte der Oberschädel in der Mitte leicht kuppelartig auf. Bei anderen verlief die Stirnlinie eher gerade. In Relation zum gesamten Körper war der Schädel verglichen mit jenem der heutigen Nashörner eher klein. Das Nasenbein zeigte eine nur schwache Entwicklung und wies auf der Oberseite keine Aufrauungen auf, was belegt, dass die Tiere keine Hörner trugen. Der vordere Abschnitt hing frei über dem Naseninnenraum und endete bereits auf Höhe des Diastemas im oberen Gebiss oder der ersten Prämolaren. Der Naseninnenraum selbst reichte weit zurück, häufig bis zum letzten Prämolar, teilweise aber auch bis zu den letzten beiden Molaren. Oberhalb dieser befand sich auch der Ansatz der Orbita. Kurz davor gelegen, öffnete sich das Foramen infraorbitale auf Höhe der hinteren Prämolaren. Die Jochbögen waren bei robusten Formen nach oben gewölbt, nahmen bei grazileren dagegen eine eher horizontale Position ein. Auf dem Schädeldach fehlte ein Scheitelkamm. Das Hinterhauptsbein war schmal und lang und nicht so breit gebaut wie bei den heutigen Nashörnern. Es besaß lediglich einen schwach ausgeprägten Hinterhauptswulst. Dies kann als ein weiterer Hinweis auf die Abwesenheit eines Horns interpretiert werden, da bei den Nashörnern mit entsprechender Hornbildung das Hinterhauptsbein zumeist massiv für die dafür notwendige Halsmuskulatur entwickelt ist. Allerdings waren die Gelenkansätze am Hinterhaupt für die Wirbelsäule enorm groß und beanspruchten 30 bis 40 % der Höhe des Hinterhaupts. Der Unterkiefer besaß eine lange und schmale Form, war aber recht kräftig gebaut. Seine Länge variierte zwischen 63 und 83 cm, die Höhe des horizontalen Knochenkörpers unterhalb des ersten Mahlzahns betrug 10 bis 12 cm. Der Kronenfortsatz ragte hingegen zwischen 45 und 55 cm auf. Unterhalb der Prämolaren bauchte die Unterkante teils deutlich aus. Die Symphyse, welche die beiden Unterkieferhälften an deren jeweiligen vorderen Enden miteinander verbindet, reichte bis zum dritten Prämolaren und mitunter bis zum ersten Molar zurück. Sie war damit ebenfalls recht lang und robust. In einzelnen Fällen bog der vordere Abschnitt nach oben auf, in anderen verlief er gerade.

mini|Oberkieferzähne von Paraceratherium Paraceratherium verfügte über ein teilweise reduziertes Gebiss mit folgender Zahnformel: . Gegenüber stammesgeschichtlich älteren Formen wie Juxia und Urtinotherium hatte vor allem das vordere Gebiss an Zähnen eingebüßt. Dort besaß Paraceratherium oben und unten jeweils ein Paar Schneidezähne, die eine konische Form aufwiesen und mit einer Länge von 6 bis 7 cm an der Zahnkrone kleinen Stoßzähnen ähnelten. Es gab aber auch Vertreter, bei denen die Schneidezähne mit 2 bis 3 cm Kronenhöhe deutlich kleiner ausgebildet waren und nicht so auffallend hervortraten. Im oberen Gebiss formten die jeweils zweiten Schneidezähne (I2) das entsprechende Paar. Sie standen senkrecht im Kiefer oder waren leicht schräg nach vorn gerichtet. Das Paar im Unterkiefer umfasste dagegen den jeweils ersten Schneidezahn (I1). Sie orientierten sich nach vorn oder nahmen eine leicht schräg aufsteigender Position ein. Ein mitunter berichtetes weiteres kleines, äußeres Schneidezahnpaar im Unterkiefer geht allerdings auf eine Fehlbildung zurück. In der oberen Gebissreihe blieb zusätzlich ein rudimentärer Eckzahn erhalten. Zwischen vorderem und hinterem Gebiss befand sich ein großes Diastema. Das hintere Gebiss bestand im Oberkiefer aus vier Prämolaren und drei Molaren, im Unterkiefer fehlte der erste Prämolar. In Einzelfällen war auch im Oberkiefer der erste Backenzahn reduziert. Die vorderen Prämolaren waren sehr klein, während die hinteren fast die Größe der folgenden Molaren erreichten. Die Molaren selbst ähnelten jenen der Nashörner, was sich durch ein π-förmiges Zahnschmelzmuster auf den Kauflächen der oberen und ein L-förmiges auf denen der unteren ausdrückt. Abweichend zu den Nashörnern waren die Schmelzfalten bei Paraceratherium weniger geschwungen und mit 4 mm sehr dick. Allgemein zeichneten sich die Mahlzähne durch moderat hohe (hypsodonte) Zahnkronen aus. In der Regel wies der letzte Molar die größten Dimensionen auf und besaß Längen im Oberkiefer von 7,4 bis 11,3 cm, im Unterkiefer von 6,8 bis 10,1 cm. Bezogen auf die generelle Größe der Tiere waren die Molaren aber verhältnismäßig klein, die Gesamtlänge der unteren Backenzahnreihe betrug zwischen 32 und mehr als 43 cm.

Körperskelett mini|hochkant|Wirbel von Paraceratherium Die am Schädel ansetzenden Halswirbel erreichten eine enorme Größe und waren in der Länge gestreckt. So wurden bei einigen mittelgroßen Formen für den ersten Halswirbel Längen von 47 cm und Breiten an den Flügeln von 66 cm gemessen, während die Werte für den zweiten Halswirbel entsprechend 59 und 42 cm lauten. An den nachfolgenden Halswirbeln waren vor allem die Wirbelkörper gestreckt, was den langen Hals von Paraceratherium bewirkte. Diese maßen bei mittelgroßen Vertretern zwischen 30 und 37 cm in der Länge, während die Querfortsätze 48 bis 58 cm auseinanderragten. Bei den Brustwirbeln wiesen die Wirbelkörper dagegen nur die Hälfte bis ein Drittel der Länge auf und waren somit deutlich kürzer. An den vorderen setzten aber extrem lange Dornfortsätze an mit Höhen bis über 60 cm, was einen kleinen Buckel direkt hinter dem Nacken indiziert. Sie wirkten als Ankerpunkt für die Muskulatur, die kräftig genug war, den schweren Kopf zu halten. Seitlich an den Körpern der Wirbel vor dem Kreuzbein bestanden kleine, rundliche Aushöhlungen (Pleurocoele oder Luftsäcke), die denen der großen Sauropoden ähneln, es ist aber unbekannt, womit diese gefüllt waren. Der genaue Aufbau der Wirbelsäule anschließend an den Hals ist noch nicht genau geklärt, Angaben zur Anzahl der Lendenwirbel schwanken zwischen drei und vier.