mini|Teile des Sion-Schatzes in Dumbarton Oaks mini|Teile des Sion-Schatzes im Archäologischen Museum Antalya Der Sion-Schatz, der aufgrund seines Fundortes auch Kumluca-Schatz genannt wird, wurde im Jahr 1963 in Kumluca in der Türkei (dem antiken Korydalla in Lykien) gefunden. Er ist neben dem Schatz von Kaper Koraon der größte frühbyzantinische Silberschatzfund. Der Schatzfund besteht aus 53 bis 58 Objekten, sowie 22 Abdeckungen und diversen Nägeln, Ketten, als auch einer Kupfermünze. Heute befinden sich die Objekte teilweise in der Dumbarton Oaks Collection in Washington, D.C. und teilweise im Archäologischen Museum in Antalya.
Fundgeschichte mini|Karte Lykiens. Rot markiert sind die Städte Kumluca (Fundort) und Myra Die Fundgeschichte ist nicht exakt zu rekonstruieren. Der Hort wurde von Anwohnern Kumlucas entdeckt und Teile des Schatzes verkaufte der Antikenhändler Georges Zacos 1963 an Mrs Robert Woods Bliss (für ca. 1 Mio. US$). Diese stiftete die Antiquitäten an das Museum Dumbarton Oaks, dessen Kurator John Seymour Thacher die Stücke bei Zacos in der Schweiz gesehen hatte.Sion Treasure, Stanford Archaeology Center
Zur gleichen Zeit führten türkische Archäologen Grabungen in dem Gebiet durch und förderten weitere Silberobjekte zu Tage, die sich mittlerweile in der Sammlung des Archäologischen Museums Antalya befinden. Aufgrund erster Publikationen der Objekte aus der Dumbarton Oaks Collection wurde das Archäologische Museum Antalya auf diese aufmerksam und erkannte den Zusammenhang zwischen den 38 Objekten in Washington und den 13–18 Objekten in türkischem Besitz. Daraufhin kam es zu einem bis heute andauernden Rechtsstreit zwischen den beiden Museen über den Besitzanspruch des Schatzes.Sion Treasures to return home. In: Hürriyet Daily News, Istanbul, 3. Dezember 2012
Als gesichert gilt, dass sich zwei Objekte in Privatbesitz in England und der Schweiz befinden, ob es sich dabei um die einzigen Objekte in Privatbesitz handelt, ist unklar.
Objektübersicht Der Umfang des Sion-Schatzes beläuft sich auf rund 53 bis 58 Objekte, zuzüglich 22 Abdeckungen, sowie einiger Nägel, Ketten und einer Kupfermünze. Bis auf die Münze sind alle Teile aus Silber gearbeitet, beziehungsweise waren mit Silber überzogen.
Neben 46 Inschriften, die sich in Fürbitten, Schwüre und Formeln gruppieren lassen, finden sich auch 12 Monogramme. Es werden 16 – 18 Personen genannt, darunter neun Stifter. Aufgrund der Anzahl ihrer Stiftungen lassen sich fünf Hauptstifter ausmachen: drei Bischöfe, ein Priester, ein Kleriker und zwei Diakone. Die größte Stiftung ging von einem der Bischöfe (Eutychianos) aus, der mit 29 Objekten die größte Stiftung darbrachte.
Die Inschriften sind in fünf Techniken ausgeführt: mit Nielloeinlagerungen, in à-jour-, Treib- und Ziselierarbeit, sowie mit Gravur.
Im Schatz befinden sich, laut Susan A. Boyd: Objektart Anzahl Dekoration technische Daten ErhaltungszustandPatenen 6 3 × Christogramm; 3 × Kreuz ⌀ 58–77,5 cm gut bis leicht beschädigt Asterisk 1 - ⌀ 50,5 cm;Höhe 28,7 cm nicht bekannt Kelche 6 Inschriften, Schmuckbänder, Kreuze ⌀ 14,5–22,5 cm;Höhe: 9–16 cm stark beschädigt; z. T. nur fragmentiert erhalten Amphoren 3 Henkel in Widderhornoptik, Inschriften nicht bekannt 2 × gut; 1 × fragmentiert Kanne 1 vergoldetes Schmuckband Höhe ca. 36 cm beschädigt Weihrauchgefäße 2 Inschriften, Medaillons mit Heiligenporträts, Marienzyklus ⌀ 17–20,2 cm; Höhe: 9,8–15,2 cm stark beschädigt Buchdeckelpaare 3 Kreuz, Christus zwischen Aposteln 23,8 × 25 cm; 30 × 37 cm 2 × gut; 1 × fragmentiert Polykandela 12 Delphine, Kreuz, Kleeblatt, Kreise, floral 3 × rund: ca. ⌀ 56 cm; 3 × kreuzförmig: ca. 56 × 56 bis 59 × 59 cm; 6 × rechteckig: ca. 20 cm × 30 cm gut Lampen 13 Kreuz, Arkanthusblatt, Herz, Dreieck, Inschrift Höhe: 3,3–18,5 cm; ⌀ 8,3–21,4 cm z. T. eingerollt und flachgewalzt Weitere kleine Objekte 5 (Bronze), Münze (Kupfer, zeigt Leo I oder Zeno); Ringe (nicht bekannt); Schmuckbänder Zange: 13,8 cm; Münze: 0,85 g; Ringe: ⌀ 2 cm fragmentiert bis gut Abdeckungen 22 Inschriften, Arkanthusblatt Höhe: 7,9–100 cm; ⌀ 2–11,2 cm; Länge: 64–116 cm fragmentiert bis gut
Neben den Stifterinschriften treten ebenfalls Ortsbezeichnungen auf. Häufig wird auf „Hagios Sion“, einmalig auf „Tessai“ verwiesen. Die Bedeutung jener Bezeichnungen kann nicht eindeutig geklärt werden. Die häufige Erwähnung „Hagios Sion“ weist auf einen Zusammenhang zwischen den Objekten, bereits vor dem Zeitpunkt der Vergrabung, hin.
Durch Größe, Anzahl der Inschriften, als auch Dekoration der Objekte hebt sich der Sion-Schatz von weiteren Silberschätzen der frühbyzantinischen Epoche ab.
Vorstellung einzelner Objekte
Buchdeckel Im Sion-Schatz finden sich insgesamt drei Buchdeckelpaare, von denen eines nur noch fragmentiert erhalten ist. Dieses und ein zweites zeigen das Motiv „Christus flankiert von Aposteln“.
Das andere gut erhaltenen Buchdeckelpaar, weist auf einem rechteckigen Grund (30 × 37 cm) ein zentrales Kreuzmotiv auf, welches von einem Mäander-Band gerahmt wird in dessen Ecken je ein florales Motiv erkennbar ist. Das lateinische Kreuz mit geschweiften Armen, wird zur rechten und linken Seite von je einem vergoldeten Pflanzenmotiv sowie einer Säule flankiert. Die Säulen enden in einem korinthischen Kapitell, auf dem ein das Kreuz überspannender Bogen ruht. Zur Rechten und Linken des Bogens sind je vier vergoldete Palmwedel dargestellt. Der innere Bereich des Bogens ist oberhalb des Kreuzes von einer Muschel ausgefüllt. Vorder- und Rückseite weisen identische Motive auf silbernem Grund mit vergoldeten Partien auf. Die Motivteile sind einheitlich in Treibarbeit geformt und werden zum Teil durch einen ziselierten Perlrand gesäumt.Book Cover with a Cross Flanked by Cypress Trees Kombiniert man die ikonographischen Attribute des Buchdeckels entsteht der Eindruck einer Lebensbaumikonographie des Kreuzes, die seit dem 5. Jahrhundert besteht.
Runde und kreuzförmige Polykandela mini|Kreisrunder Polykandelon in ajour-Arbeit. Teil des Sion-Schatzes. Ein großer Teil der Stiftungen des Schatzes stellen Leuchtelemente dar. Zu diesen zählen unter anderem die Polykandela von denen an dieser Stelle zwei exemplarisch vorgestellt werden.
Der runde, silberne Polykandelon ist in à-jour-Technik gearbeitet und hat einen Durchmesser von 55,8 cm. Das Zentrum bildet ein kreuzförmiges Element in einem offenen Kreis. Die vier Kreuzarme enden in je einem Kreismotiv, das jeweils von zwei Delphinen flankiert wird. Oberhalb der vier kreisrunden Aussparungen findet sich je ein Monogramm (2 von Eutychianos, 2 von weiteren Bischöfen), das zum zentralen Kreuzmotiv hin durch ein florales Zierelement vom Kreismotiv getrennt wird. Es folgt ein kreisrundes, nielliertes Band mit einer griechischen Inschrift, das das innere Motiv des Polykandelons vom äußeren trennt. Das äußere Motiv wird abermals von kreisrunden Aussparungen, kreuzförmigen Motiven sowie herzförmigen Elementen geziert. miniatur|Kreuzförmiges Polykandelon, Archäologisches Museum Antalya Eine weitere Gruppe bilden die kreuzförmigen Polykandela. Diese sind, wie alle Polykandela des Fundes, flach aus Silber gefertigt und haben die Form eines griechischen Kreuzes. Einer jener kreuzförmigen Polykandelaber stellt das materialstärkste Objekt des Fundes dar, mit einer Stärke von 2,1 bis 3,8 mm. Jeder enthält ein zentral gelegenes Monogramm, welches in Durchbrucharbeit gefertigt ist und als „Eutychianos, Bischof“ aufzulösen ist. Umgeben ist das Monogramm von einem umlaufenden Band mit einer niellierten Inschrift, die um die Hilfe des dreiheiligen Herrn bittet. An der Basis jedes Kreuzarmes ist ein Paar Delphine zu erkennen, welche jeweils zu einem offenen Kreis überleiten. Flankiert werden die Kreise von floralen Ornamenten, deren grobe Form in der à-jour-Technik herausgearbeitet wurde. Die feinen Innenzeichnungen sind eingraviert. Über die äußere Kontur der Blätter weiten sich die Kreuzarme nach außen hin auf und enden in je zwei offenen Kreisen pro Arm. Die drei kreuzförmigen Polykandela weisen alle die gleiche Formel auf und sind annähernd identisch gearbeitet. Auffälligerweise tragen sie verschiedene Monogramme desselben Bischofs.
Die Delphine, die auf allen Polykandela zu finden sind, können als christliches Symbol aufgefasst werden. Allgemein gilt der Delphin als Symbol für Sicherheit, Rettung und Geborgenheit. Im christlichen Verständnis steht er für Christus selbst, der als „Seelenretter“ fungiert. In den Rahmen dieser Interpretation passt die Verbindung mit einem Leuchtelement, kann das Licht doch als Symbol des Lebens selbst bzw. des ewigen Lebens interpretiert werden.
Patenen mit Christogramm und Kreuzmotiv mini|Silberne Patene mit Christusmonogramm und Inschrift Eine Patene mit Christusmonogramm ist mit einem Durchmesser von 60,5 cm verhältnismäßig groß; sie ist aus Silber gearbeitet und zum Teil vergoldet. Als zentrales Symbol ist ein vergoldetes Christogramm zu sehen, das eine doppelte Außenlinie trägt. Es ist umgeben von zwei dünnen, vergoldeten Bändern, die eine eingravierte Inschrift begrenzen. Jene Inschrift enthält Nielloeinlagerungen und besagt, dass die Patene zur Zeit des Eutychianos gestiftet wurde. Der leicht erhöhte Rand ist in 24 „Zungen“ eingeteilt, die wiederum vergoldete Medaillons in Repousse-Technik aufweisen. Innerhalb der Medaillons sind florale Muster abgebildet. Als abschließendes Motiv sind Blätter zu erkennen, die ebenso wie die „Zungen“ in Repousse-Technik gestaltet und vergoldet sind. Es handelt sich hierbei um abwechselnd auftretende Palmetten und Akanthusblätter. Die Patene steht auf einem flachen, erhaltenen Standring. Stempel sind nicht nachweisbar.
Die Übersetzung der Inschrift lautet: „Dies wurde gestiftet in der Zeit unseres heiligsten und gesegneten Bischofs Eutychianos.“ Diese Formel tritt innerhalb des Schatzes zweimal auf, und man kann mit relativer Sicherheit sagen, dass sie bereits während des 4.–7. Jahrhunderts zur Datierung verwendet wurde. In diesem Fall jedoch steht man vor dem Problem, dass der genannte Bischof Eutychianos historisch nicht greifbar ist und die Inschrift somit keinen klaren Anhaltspunkt für eine Datierung gibt.
Andere Patenen sind mit einem Kreuz dekoriert. Zu der Gruppe gehört eine Patene mit einem Durchmesser von 58,5 cm. Diese ist ebenfalls aus Silber gearbeitet und teilvergoldet. Als zentrales Element ist ein lateinisches Kreuz mit geschweiften Armen eingraviert. Das Kreuz wird umgeben von zwei vergoldeten, schmucklosen Bändern, die eine Inschrift tragen, die auf die Erinnerung an einen Johannes und dessen Tochter Procle verweist. Der Rand ist auch hier in „Zungen“ eingeteilt, von denen jede zweite vergoldet ist. Die „Zungen“ sind in Treibarbeit entstanden.Paten with Cross and Inscription Diese Patene bildet ein Paar mit einer zweiten, die annähernd identisch ist und sich nur im Durchmesser um 0,5 cm unterscheidet.
Datierung Die Datierung erfolgt in erster Linie über die Stempel auf den Objekten, nur sekundär über stilistische und epigraphische Vergleiche. Zuletzt kann auch die bei dem Schatz gefundene Münze zu Rate gezogen werden. Da sie auf ein sehr viel früheres Datum verweist als die übrigen Datierungsfaktoren, kann sie nur als terminus post quem für den Sion-Schatz gewertet werden. Stilistisch und epigraphisch betrachtet gibt es eine Vielzahl von Vergleichsstücken wie beispielsweise die Patenen des Kaper Koraon- und des Beth-Misona-Schatzes. Diese verweisen auf eine Datierung ins 6. Jahrhundert n. Chr.