Als „Schienenfreunde“ (später auch Schienenkartell) wurde ein Kartell bezeichnet, das bis 2011 Preise und Mengen auf dem deutschen Markt für Eisenbahnschienen absprach.
Laut Ermittlungsakten soll das Kartell seit Anfang der 1980er Jahre bestanden haben. Laut Angaben der Deutschen Bahn seien die rechtswidrigen Absprachen zwischen 2001 und 2010/11 erfolgt. Es wurde Anfang Juli 2011 öffentlich bekannt.Martin Murphy: Das Schienenkartell betrügt die Bahn. In: Handelsblatt, Nr. 125, 1. Juli 2011, S. 1. Allein die Deutsche Bahn habe nach eigenen internen Unterlagen aufgrund des Kartells eine Milliarde Euro zu viel bezahlt.Martin Murphy: Kartell des Schweigens. In: Handelsblatt. Nr. 239, 10. Dezember 2012, S. 10 (ähnliche Version handelsblatt.com). Auch zahlreiche kommunale Verkehrsbetriebe wurden geschädigt.
Die DB machte Schadenersatzansprüche in Höhe von 376 Millionen Euro (zuzüglich Zinsen) geltend. Offen waren Stand 2022 Forderungen gegen das Unternehmen Moravia Steel in Höhe von 133 Millionen Euro (zuzüglich Zinsen).
Struktur Als Führer des Kartells, das in eine Händler- und eine Produzentenebene unterteilt war, galt Voestalpine. Die Zusammensetzung des Kartells veränderte sich im Laufe der Jahre. Wesentliche Spieler blieben Voestalpine, Thyssenkrupp und Corus (später Tata Steel).Martin Murphy: Die Schienenfreunde und ihr böses Spiel. In: Handelsblatt, Nr. 125, 1. Juli 2011, S. 18.
Die Kartellteilnehmer trafen sich mehrfach im Jahr an wechselnden Orten. Das Kartell war in vier Zonen (Nord, Süd, Ost, West) aufgeteilt. Im Westen Deutschlands hätten sich die Kartellbrüder laut Ermittlungsergebnissen 15- bis 20-mal jährlich getroffen. Im Norden hätten Thyssenkrupp, Klöckner Bahntechnik und ein weiteres Unternehmen drei bis vier Großaufträge pro Jahr unter sich aufgeteilt. Neben Treffen in gehobenen Restaurants sind für die Zeit von 2005 bis 2009 wenigstens 35 Besuche in Bordellen dokumentiert.Martin Murphy: Die Rotlicht-Freunde. In: Handelsblatt, 11. September 2012, S. 18 (ähnliche Fassung handelsblatt.com). Als weitere Treffpunkte sind der Hamburger Flughafen und ein Hotel in Bottrop dokumentiert. Ein Geschäftsführer der beteiligten Voestalpine habe diese Besuche über Firmenkonten der Voestalpine abgerechnet. Zusätzlich hätten weitere Mitarbeiter dieser Firma Bordellbesuche als Bewirtungen verrechnet. Zu den Teilnehmern der Sexorgien sollen neben Kartellmitgliedern auch Mitarbeiter kommunaler Betriebe gehört haben. In Excel-Tabellen hatten die Beteiligten die untereinander abgesprochenen Mengen und Preise festgehalten. Laut Aussagen Beteiligter seien in regelmäßigen Treffen Details verhandelt und Maßnahmen besprochen worden, Wettbewerber vom Markt fernzuhalten. Das Bündnis soll mehrere Jahrzehnte bestanden haben.
Das Kartell wurde 2008 gebrochen, als ArcelorMittal in Lieferungen für die Deutsche Bahn die Preise des Kartells deutlich unterbot und zum größten Schienenlieferanten der Deutschen Bahn wurde. Die Preise für Eisenbahnschienen sanken in den Folgejahren. Bis zur Aufdeckung des Kartells wurden Preise und Mengen zulasten weiterer Eisenbahninfrastrukturunternehmen abgesprochen. Zu den geschädigten kommunalen Verkehrsbetrieben zählen insbesondere die Stadtwerke München, die Bremer Straßenbahn, die Hamburger Hochbahn sowie die Berliner und die Leipziger Verkehrsbetriebe. Zu den weiteren geschädigten Betrieben zählten unter anderem die kommunalen Verkehrsunternehmen in Erfurt, Gotha, Halle (Saale), Jena, Magdeburg, Rostock und Schwerin. Auch die Harzer Schmalspurbahn wurde geschädigt.
Allein der Schaden der Deutschen Bahn soll, bei einem Umsatz von 200 bis 300 Millionen Euro pro Jahr, jährlich 100 Millionen betragen haben. Das Unternehmen ist der größte Abnehmer von Schienen in Europa.
Geschichte Laut einem Medienbericht habe das Kartell seit den 1950er Jahren existiert. Habe es sich anfangs um ein loses Bündnis gehandelt, in dem lediglich Liefermengen abgesprochen worden seien, seien später auch Preise festgelegt worden.Martin Murphy: Die Bahn verzeiht Voestalpine. In: Handelsblatt, Nr. 202, 19. Oktober 2011, S. 22. Laut Ermittlungsakten habe das Kartell dagegen seit Anfang der 1980er Jahre bestanden. Das Kartell bestand im Kern aus Thyssenkrupp und Voestalpine. Seit wenigstens mindestens Mitte der 1990er Jahre seien Preise und Mengen auf dem deutschen Schienenmarkt abgesprochen worden. Laut einem Medienbericht seien auch Preise für Weichen abgestimmt worden.
Voestalpine war Anfang der 2000er Jahre mit dem Kauf von Klöckner Bahntechnik zu einem großen Schienenlieferanten auf dem deutschen Markt geworden. Noch 2010 soll Thyssenkrupp versucht haben, in den Markt drängende neue Anbieter in das Kartell mit einzubinden.
Es wurde durch eine anonyme Anzeige und eine Selbstanzeige der Voestalpine (Anfang März 2011) aufgedeckt.Martin Murphy: Bahn muss um Schadenersatz bangen. In: Handelsblatt. Nr. 147, 1. August 2012, S. 18 (ähnliche Fassung handelsblatt.com). Voestalpine hatte zunächst intern ermittelt und anschließend das Bundeskartellamt informiert.
Am 11. und 12. Mai 2011 durchsuchten 43 Ermittler der Staatsanwaltschaft Bochum, des Bundeskartellamts und der Kriminalpolizei gleichzeitig die Büroräume von zehn Stahlfirmen. Betroffen waren unter anderem Voestalpine, Thyssenkrupp, Stahlberg Roensch und CMC Trinec. Mitte August 2011 folgten weitere Durchsuchungen in drei Privatwohnungen. Zu diesem Zeitpunkt wurde gegen 30 Firmen und 90 Personen ermittelt.Schienenkartell: Weitere Razzien geplant. In: Handelsblatt, Nr. 159, 18. August 2011, S. 4.
Anfang Juli 2012 schloss das Bundeskartellamt das Verfahren des zu Lasten der Deutschen Bahn gebildeten Kartells ab. Die Behörde verhängte dabei Bußgelder in Höhe von 124,5 Millionen Euro. 103 Millionen Euro entfielen dabei auf Thyssenkrupp, auf Vossloh 13 Millionen Euro sowie auf zwei Töchter der Voestalpine insgesamt 8,5 Millionen Euro. Das Strafmaß wurde aufgrund der Kooperation der beteiligten Unternehmen mit der Behörde vermindert. Voestalpine profitierte von seiner Stellung als Kronzeuge. Darüber hinaus läuft ein zweites Verfahren zu Absprachen, die den übrigen Markt betroffen hatten.Martin Murphy: Schienenfreunde müssen Zahlen. In: Handelsblatt. Nr. 129, 6., 7., 8. Juli 2012, S. 26. Aufgrund der von Thyssenkrupp beigesteuerten Informationen wurde das Bußgeld des Unternehmens deutlich gesenkt. Laut späteren DB-Angaben seien Bußgelder in Höhe von 134,5 Millionen verhängt worden.
Juristische Aufarbeitung Thyssenkrupp kündigte im Dezember 2012 an, den ehemals verantwortlichen Spartenvorstand auf 103 Millionen Euro zu verklagen. Der Manager, der nach eigenen Angaben von dem Kartell nichts gewusst habe, wurde infolge des Kartells 2011 vorzeitig gegen eine Abfindung von 2,5 Millionen Euro in den Ruhestand entlassen.Klaus Ott: Thyssen will 100 Millionen Euro – von einem Manager. In: Süddeutsche Zeitung, 10. Dezember 2012, S. 17. Das Unternehmen entließ insgesamt mehr als ein Dutzend in die Preisabsprachen einbezogene Mitarbeiter und verklagte sie. Die Forderung gegenüber zwei ehemaligen Bereichsvorständen lag 2015 bei 300 Millionen Euro. Einer der beiden sei bereits in den 2000er Jahren wegen Bestechung eines für den Schieneneinkauf verantwortlichen Bahnmitarbeiters verurteilt worden und war anschließend als Bereichsvorstand weiterhin (unter anderem) für Geschäfte mit der Bahn zuständig.
Aus dem Kartell haben die Deutsche Bahn und die betroffenen Nahverkehrsbetriebe Schadenersatzansprüche.Martin Murphy: Ungleiche Behandlung. In: Handelsblatt. Nr. 152, 8. August 2012, S. 18. Laut Schätzungen der Deutschen Bahn betrage der Schadenersatzanspruch des Unternehmens 500 Millionen Euro. Mitte 2012 liefen bereits seit mehreren Monaten entsprechende Verhandlungen. Die kommunalen Verkehrsbetriebe sprechen sich über den Verband Deutscher Verkehrsunternehmen ab.
Die Deutsche Bahn erhob im Dezember 2012 vor dem Landgericht Frankfurt am Main eine Schadenersatzklage in Höhe von 550 Millionen Euro (zuzüglich 300 Millionen Euro Zinsen) gegen drei am Kartell beteiligte Unternehmen (Thyssenkrupp, Moravia Steel, Vossloh). Gespräche über eine außergerichtliche Einigung mit den drei Unternehmen seien laut Angaben der Deutschen Bahn ergebnislos geblieben und teilweise von den Unternehmen abgebrochen worden (Stand Dezember 2012). Zwischen Voestalpine und der Deutschen Bahn liefen dagegen weiter Gespräche über Schadenersatz.Martin Murphy: Thyssen-Krupp soll für Schienenkartell zahlen. In: Handelsblatt. Nr. 248, 21. bis 26. Dezember 2012, S. 10. Der Großteil des möglichen Schadenersatzes soll in die öffentlichen Haushalte zurückfließen.DB Mobility Logistics AG (Hrsg.): DB reicht Klage gegen Schienenkartell ein. Presseinformation vom 20. Dezember 2012.
Die Deutsche Bahn führte ab Ende 2011 vertrauliche Gespräche mit Thyssenkrupp. Der Stahlkonzern hatte eine Rückstellung in Höhe von 30 Millionen Euro für über die zunächst gezahlten 103 Millionen Euro hinausgehende Forderungen gebildet.Bahn bereitet Klage gegen Thyssen-Krupp vor. Handelsblatt online, 25. November 2012. Thyssenkrupp wolle nach eigenen Angaben bei den Schadenersatzansprüchen für bestimmte Zeiträume keine Verjährung geltend machen. Voestalpine bildete eine Rückstellung von 200 Millionen Euro. Thyssen-Krupp bildete in Zusammenhang mit dem Kartell 2013 eine Rückstellung von 207 Millionen Euro.
Nach einer im April 2013 bekannt gewordenen Einigung zahlte Voestalpine der Deutschen Bahn im Rahmen einer außergerichtlichen Einigung rund 50 Millionen Euro Schadenersatz. Später wurde eine Summe von 46 Millionen Euro genannt. Laut einem Medienbericht sei die Höhe der Zahlung des Unternehmens aufgrund seiner Kronzeugenrolle gegenüber der ursprünglichen Forderung reduziert worden. Die Zahlung fließt an Bund und Länder zurück. Anfang September 2013 schlossen der Bund und die Deutsche Bahn eine Vereinbarung, wonach der Bund der Bahn seine Ansprüche gegen die Kartellanten abtritt, die Einnahmen aus dem Schadenersatz jedoch an den Bund fließen sollen.
Mitte November 2013 einigten sich DB und Thyssenkrupp auf eine Schadenersatzzahlung in Höhe von rund 150 Millionen Euro. Die Summe fließt in den allgemeinen Bundeshaushalt zurück. Nach späteren Berichten zahlte Thyssenkrupp letztlich im Jahr 2014 insgesamt 160 Millionen Euro. Nach eigenen Angaben von 2015 habe Thyssenkrupp durch das Kartell einen Schaden von mehr als 300 Millionen Euro erlitten.
Im Zuge der juristischen Aufarbeitung wurden 14 hochrangige Manager von Thyssenkrupp und Voestalpine angeklagt. Zahlreiche der angeklagten Manager wurden von den betroffenen Firmen vorher bereits freigestellt bzw. das Arbeitsverhältnis durch außergerichtliche Einigung beendet.
Im Strafverfahren vor dem Landgericht Bochum wurden die persönlich angeklagten Manager durch eine Vielzahl renommierter und hochrangig besetzter Kanzleien vertreten. Zehn der 14 Angeklagten haben ihre Teilnahme am Schienenkartell während des Prozesses eingestanden und hoffen, durch ihr Geständnis im Strafmaß reduzierte Urteile zu erhalten.
Mit der Verhängung eines Bußgelds in Höhe von zehn Millionen Euro gegen die deutsche Tochter der tschechischen Moravia Steel wurde im Juli 2013 auch das Verfahren zu Absprachen zulasten der Deutschen Bahn abgeschlossen.Schienenkartell: Millionen-Buße für Moravia Steel. In: Handelsblatt online, 11. Juli 2013.
Im März 2015 liefen noch Verhandlungen zwischen der Deutschen Bahn und zwei weiteren an dem Kartell beteiligten Unternehmen. Die Schadenersatzforderungen der Deutschen Bahn wurden in einem internen Projekt namens „Bruno“ koordiniert, an dem mehr als 100 Mitarbeiter beteiligt sind. Der Name ist an die Duisburger Pizzeria „Da Bruno“ angelehnt, in der sich die Kartellanten regelmäßig trafen.