Eine Kindheit auf dem Montmartre ist eine dreiteilige Literaturverfilmung nach der Vorlage einer Romanreihe des französischen Schriftstellers Robert Sabatier, die mit dem Band Les allumettes suédoises (1969) ihren Anfang nahm. Der Autor tritt zu Beginn des ersten Teils selbst auf und leitet mit den Worten „Ich erlebe noch einmal die Geschichte von Olivier… meine Geschichte“ in die Haupthandlung ein, die etwas mehr als 60 Jahre zurückliegt. Dadurch wird dem Zuschauer suggeriert, dass es sich bei dem erzählten Stoff weniger um Fiktion als um ein autobiografisches Nachempfinden handelt.
Produktion und Ausstrahlung mini|Die Pathé-Studios in der Rue Francœur (18. Arrondissement), zu sehen im zweiten Teil. mini|Das Lycée Jean-Baptiste-Say in der Rue d’Auteuil (16. Arrondissement), zu sehen im zweiten und dritten Teil. mini|Die Gemeinde Saugues (Département Haute-Loire), zu sehen im ersten und dritten Teil.
Trotz des großen Erfolgs seiner mehrteiligen, in 14 Sprachen übersetzten Romanreihe, von der mehr als sechs Millionen Exemplare verkauft wurden, sträubte sich Sabatier lange dagegen, sie für eine Adaption freizugeben, da ihm die Geschichte, die auf seinem Leben basiert, zu intim und sentimental dargestellt erschien, um sie sich als Filmmotiv vorstellen zu können.Interview mit Robert Sabatier, in: Dossier des Senders Arte, S. 8.
Der entscheidende Anstoß gelang dem befreundeten Produzenten Pierre Grimblat, der 15 Jahre lang davon träumte, Sabatiers Bücher auf die Leinwand zu bringen.Interview mit Pierre Grimblat, in: Dossier des Senders Arte, S. 4. Er war es auch, der einen persönlichen Kontakt zu Regisseur Jacques Ertaud herstellte, welcher wiederum eine ähnliche Adoleszenz verlebt hatte wie Sabatier: Im Alter von dreizehn Jahren bereits verwaist, wuchs er im Pariser Arrondissement de l’Observatoire bei wohlhabenden Verwandten auf, deren familiäre Ursprünge auf dem Land, im Département Ariège, verwurzelt waren.Interview mit Jacques Ertaud, in: Dossier des Senders Arte, S. 6. Die Fernsehpremiere erlebte Ertaud allerdings nicht mehr, er starb am 18. November 1995 an seinem 71. Geburtstag. Dem Abspann des letzten Teils geht daher eine persönliche Danksagung voran. Das Drehbuch, an dem Sabatier lediglich kleine Änderungen vornahm, entstand in Zusammenarbeit der Autoren Bernard Revon und François Velle innerhalb zweier Jahre.
Für die Titelrolle Olivier Châteauneuf wurde der damals 13-jährige Naël Marandin aus ungefähr 60 Kindern ausgewählt, da Ertaud in ihm die nötige Reife erkannte, um das Wechselspiel von unbeschwerten und emotional belastenden Szenen, die er mehr leben als darstellen sollte, glaubhaft vermitteln zu können. Diesem feinen Gespür bei der Auswahl seiner Besetzung war es auch zu verdanken, dass Sabatier während des ersten Setbesuchs in den Akteuren nicht allein die Figuren aus seinen Romanen, sondern auch die Wegbegleiter seiner Kindheit wiedererkannte und die Fernsehrollen schließlich immer stärker zu den realen Persönlichkeiten seiner Geschichte avancierten.Interview mit Robert Sabatier, in: Dossier des Senders Arte, S. 9.
Realisiert wurde das Projekt durch Grimblats Filmunternehmen Hamster Productions in Kooperation mit den Sendern France 2, Arte, ZDF und Rai. Während für die Innendekorationen errichtete Kulissen dienten, entstanden die Außenaufnahmen größtenteils an Originalschauplätzen in Paris und der Auvergne. So dienten beispielsweise die Pathé-Studios als Motiv für Jeans Arbeitsplatz und das Lycée Jean-Baptiste-Say als Internat, das Olivier ab Sommer 1932 besucht. Ebenfalls zu sehen sind die Ecole maternelle Constantin Pecqueur und die sich anschließende Rue Saint-Vincent am Montmartre, an deren Kreuzung zur Rue des Saules sich mit dem Square Roland Dorgelès sowie dem Kabarett Au Lapin Agile zwei weitere Szenerien befinden. Der Straßenzug der Rue Labat dagegen wurde für die Produktion in Pontoise im Stil der 1930er Jahre auf einer Fläche von einem Hektar nachempfunden.
In Frankreich wurde die Trilogie erstmals am 4., 11. und 18. März 1996 auf France 2 gezeigt, eine große Werbekampagne generierte 16 Millionen interessierte Fernsehzuschauer. Die Ausstrahlung in Deutschland erfolgte ein Jahr später am 5., 12. und 19. September 1997 im Zweitonkanal, also in deutscher und französischer Sprache, auf Arte. Wiederholungen haben allerdings Seltenheitswert: Diese waren bisher lediglich vom 27. bis 29. Dezember 1997 im ZDF, vom 24. März bis 7. April 2001 wiederum auf Arte und mehrmals zwischen dem 19. August und 20. Oktober 2011 sowie dem 8. Juni und 31. August 2013 auf Sky Emotion zu sehen.
Die einzelnen Folgenbezeichnungen entsprechen jeweils dem Titel eines der fünf bis dahin erschienenen Romane: David et Olivier (1986), deren innige Freundschaft anfangs stark im Mittelpunkt steht, Trois sucettes à la menthe (1972), die Olivier immer wieder von Onkel Henri angeboten bekommt, und Les noisettes sauvages (1974) als Sinnbild für seinen Aufenthalt in der Auvergne.
Handlung Teil 1 – David und Olivier Paris im Frühjahr 1932: Der zwölfjährige Olivier Châteauneuf lebt mit seiner Mutter Virginie, einer Kurzwarenhändlerin, in der Rue Labat auf dem Montmartre, dem Viertel der Künstler und kleinen Leute. Virginie ist seit zehn Jahren verwitwet und wird von diversen Verehrern umworben, was Olivier ein Dorn im Auge ist. Besonders der Hausarzt Dr. Lehmann bemüht sich um die junge Mutter, verschweigt ihr jedoch den eigentlichen Grund dafür. Als er von Olivier erfährt, dass Virginie angeblich eine Freundin im Krankenhaus besucht, eilt er sofort ins La Salle Pétrière, doch seine Patientin wurde bereits von einem unabhängigen Arzt über ihren wahren Gesundheitszustand aufgeklärt. Virginie ist schockiert darüber, dass jederzeit das Risiko eines Herzversagens bei ihr bestehe, und macht Dr. Lehmann schwere Vorwürfe, sie – vor allem ihres Sohnes wegen – im Unklaren gelassen zu haben. Der versucht ihr begreiflich zu machen, dass ihre Situation nicht ausweglos ist, und beruhigt sie schließlich mit dem Versprechen, Olivier im Falle ihres Todes zu adoptieren und aufzuziehen.
Dieser ist weiterhin ahnungslos und muss die schreckliche Wahrheit ausgerechnet von Salzkorn, einem der beiden Rädelsführer der verfeindeten „Knallärsche“ aus der Rue Bachelet, erfahren, dessen Mutter bei Dr. Lehmann arbeitet und Virginies Krankenblatt gelesen hat. Da Olivier an einen geschmacklosen Scherz glaubt, lässt er sich zu einer Prügelei hinreißen, in deren Verlauf ein Einarmiger eingreift, der Oliviers Namen kennt. Zunächst wundert sich der Junge über die seltsame Begegnung, hat wegen seiner zerrissenen Hose allerdings dringendere Sorgen. Da das Kleidungsstück noch fast ein Jahr halten sollte, lässt er sie in der Schneiderei Zober & Sohn nähen, die dem Vater seines besten Freundes David gehört. Wieder zu Hause, spricht er seine Mutter auf Salzkorns Behauptung an. Da sie Olivier nicht beunruhigen möchte, gibt Virginie vor, lediglich Digitalis für ihr Herz zu nehmen. Um ihm die letzten Zweifel zu nehmen, bringt sie ihrem Sohn Tangoschritte bei, um zu demonstrieren, keine Todkranke zu sein. Um Oliviers Tanzkünste zu verfeinern, gehen beide abends gemeinsam in das Kabarett Lapin Agile. Dort stellt Olivier seiner Mutter offen die Frage, ob sie sich gerne mit Männern verabreden würde, und macht ihr das Zugeständnis, nichts dagegen zu haben, solange sie es nicht heimlich tue. Als Olivier nachts wach wird, Virginie aber nicht zu Hause ist, findet er einen Strauß roter Rosen mit einer Karte von Dr. Lehmann. Der aufgebrachte Olivier findet seine Mutter in der Wohnung des Arztes vor, macht seinem Ärger Luft und läuft davon. Die entsetzte Virginie eilt ihm hinterher und erleidet einen leichten Schwächeanfall. Daraufhin gesteht sie ihm, doch nicht so gesund zu sein, wie er glaubt, verheimlicht ihm aber weiterhin, dass der Verlauf ihrer Krankheit tödlich enden könnte.
Am nächsten Morgen berichten Olivier und David von der Begegnung mit dem geheimnisvollen Einarmigen, worauf Virginie überrascht reagiert. Sie wendet sich an ihre Cousine Elodie, die mit ihrem Mann Jeanneau – von allen „Jean“ genannt – ebenfalls auf dem Montmartre lebt, und äußert die Vermutung, dass es sich nur um einen gewissen André Privat handeln könne. Dieser sollte eigentlich noch zwei Jahre im Gefängnis sitzen, doch im Zuge der Präsidentschaftswahlen wurden viele Häftlinge begnadigt. Obwohl Privat für seine Tat gebüßt habe, fürchtet sich Virginie vor einer Wiederbegegnung, zu der es schließlich an Oliviers 13. Geburtstag während eines Theaterbesuchs kommt. Privat gesteht offen heraus, während der Zeit im Gefängnis nur an sie gedacht zu haben, und gibt zu bedenken, dass nur sie beide sich die Geschehnisse der Vergangenheit verzeihen könnten. Als er schließlich seiner Hoffnung Ausdruck verleiht, wieder mit ihr zusammenzukommen, schiebt Virginie ihre Hochzeit mit Dr. Lehmann vor und bricht überfordert zusammen. Der herbeigeeilte Arzt sieht sich nun mit einem Kontrahenten konfrontiert, den Virginie als alten Freund vorstellt. Tatsächlich gibt sie ihrem Vertrauten unter vier Augen zu verstehen, sich mit der Hochzeit nicht mehr sicher zu sein. Am späten Abend taucht Privat bei den Châteauneufs auf und erweckt Oliviers Interesse, als er ihm als bester Freund seines Vaters Pierre vorgestellt wird, der zudem aus demselben Dorf stammt. Privat offenbart Olivier sofort, lange Zeit im Gefängnis gewesen zu sein, und schenkt ihm zum Geburtstag einen Napoleon – eine wertvolle Goldmünze, die den Grundstock seines Vermögens darstellen soll.
Tags darauf besuchen Virginie und Olivier dessen vermögende Tante Victoria, die Schwester seines verstorbenen Vaters. Dort trifft Olivier auch seinen Onkel Henri und Cousin Marceau wieder und lernt außerdem Julienne, Victorias Patentochter, kennen. Victoria ist in großer Sorge um ihren Sohn, der an Tuberkulose erkrankt ist und in einem Sanatorium behandelt werden soll. Als Marceau seinen Cousin als ungebildeten Proletarier neckt, da diesem ein Klavierstück von Frédéric Chopin unbekannt ist, das er zusammen mit Julienne spielt, und darüber hinaus scherzt, lieber krank als arm zu sein, fühlt sich Olivier herausgefordert und zeigt dem verdutzten Marceau seinen Napoleon. Als Victoria dessen Herkunft hinterfragt, gibt Virginie unumwunden zu, von wem das Geschenk stammt. Victoria ist entsetzt darüber, Privat aus dem Gefängnis entlassen zu wissen, was einen Streit zwischen ihr und Virginie entfacht. Olivier versteht die Aufregung nicht, die Victoria um Privat macht, weshalb Virginie ihm erklärt, ihre Schwägerin habe durch den ehelichen Milieuaufstieg vergessen, woher sie kommt. Abends bittet Olivier seine Mutter, sich zu ihr legen zu dürfen, da er nicht schlafen könne. Als am folgenden Tag eine Kundin drängend auf die Öffnung des Stoffladens wartet, wacht Virginie nicht mehr auf. Während Victoria mit dem Gedanken spielt, das Inventar versiegeln zu lassen, sorgt sich Elodie um Oliviers Zukunft. Zu Virginies Beerdigung reist die Trauergemeinde nach Saugues in die Auvergne, wo auch Pierre begraben liegt. Dort lernt Olivier seine Großeltern und Onkel Victor kennen, von dem Victoria erfahren muss, dass sich der Pfarrer weigert, für Virginie eine Messe zu lesen. Sie versucht sich Zutritt in die Kirche zu verschaffen, um ein anständiges Begräbnis einzufordern, doch der Kirchendiener muss ihr erklären, dass sich Pater Villeneuve in einer Unterredung befindet. Aufgebracht erfährt Victoria, dass André Privat zugegen ist, und kann ihren Ärger darüber, dass ausgerechnet er den Priester dazu gebracht hat, auf dem Friedhof den Segen zu sprechen, kaum zurückhalten. Aus Rücksicht auf Pierres Familie erweist Privat Virginie aus einiger Entfernung die letzte Ehre. Als Olivier ihn erblickt, wirft er den Napoleon in das offene Grab seiner Mutter. Ein direktes Aufeinandertreffen der beiden wird allerdings von Victoria verhindert, indem sie Olivier jeglichen Kontakt zu André untersagt, woraufhin dieser den Friedhof verlässt.