Der Zweikampf Fischer–Spasski 1992 war ein schachlicher Zweikampf zwischen Bobby Fischer und Boris Spasski, der fälschlicherweiseRoger Cohen: Bobby Fischer Ends Silence With Rancor. In: New York Times. 2. September 1992, abgerufen am 1. März 2025. als Rückkampf um die Schachweltmeisterschaft 1972 tituliert wurde. Da Fischer bereits 1975 kampflos seinen Weltmeistertitel verloren hatte, hatte das Duell jedoch keinen Einfluss auf die Schachkrone. Durch mehrere Umstände erhielt der Zweikampf dennoch besondere mediale Aufmerksamkeit. Durch den mutmaßlichen Bruch eines UN-Embargos führte die Annahme des Preisgelds zur Strafverfolgung Bobby Fischers durch die Vereinigten Staaten.
Vorgeschichte Personalia Bobby Fischer galt als Wunderkind, seit er 1956 eine spektakuläre Partie im Rosenwald-Gedenkturnier gegen Donald Byrne gewonnen hatte. 1958 wurde er der seinerzeit jüngste Schachgroßmeister, vertrat danach die Vereinigten Staaten bei mehreren Schacholympiaden und wurde mehrfach US-amerikanischer Meister. Er galt durch seine spektakulären Erfolge als einer der besten Spieler aller Zeiten, jedoch auch durch seine Äußerungen und Verhaltensweisen als schwieriger Exzentriker.. In: Chicago Tribune. 25. Juli 1992. abgerufen am 1. März 2025.
Boris Spasski hingegen hatte zwar auch früh Erfolge gefeiert, so auch den Titel des Internationalen Meisters im Alter von 16 Jahren und Großmeister als 18-Jähriger, galt jedoch eher als „normaler“ Mensch. 1969 besiegte er Tigran Petrosjan und wurde so zehnter Schachweltmeister.
Schachweltmeisterschaft 1972
Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges traten 1972 in der isländischen Hauptstadt Reykjavík die beiden stärksten Schachgroßmeister aus West und Ost gegeneinander an: Der US-Amerikaner Bobby Fischer und der sowjetische Titelverteidiger Boris Spasski führten einen medial weitbeachteten Zweikampf um den Titel des Schachweltmeisters. Fischers Persönlichkeit sowie das politische Moment im Zweikampf machten diesen in der Presse zum Match des Jahrhunderts. Bobby Fischer weigerte sich nach einer heftig diskutierten Niederlage in der ersten Partie weiterzuspielen, wodurch Spasski die zweite Partie kampflos gewann. Fischer entschied sich überraschend noch zur Fortsetzung des Duells, das er schließlich mit 12,5:8,5 Punkten gewann, wodurch er der elfte Schachweltmeister wurde. Der Titel war seit 1948 von sowjetischen Spielern verteidigt worden, gehörte nun jedoch einem US-Amerikaner. Fischer beendete jedoch mit dem Gewinn des Titels seine Schachkarriere und trat auch drei Jahre später nicht zur Titelverteidigung an, sodass am 3. April 1975 der Sowjetrusse Anatoli Karpow den Titel zuerkannt bekam. Fischer verschwand von der Bildfläche der Schachöffentlichkeit. Spasski hingegen nahm weiterhin an Schachturnieren teil.
Fischer 1972 bis 1992 Nach 1972 spielte Fischer keine ernsthaften Partien mehr. Nach Aussagen von Arnold Denker und Shelby Lyman war er sich daher über seine Spielstärke unsicher, als er 1975 den Titel verteidigen sollte. Er habe daher den Zweikampf mit Karpow vermieden, damit sein Mythos nicht durch eine Niederlage zerstört würde.
Fischer trat der Sekte Worldwide Church of God bei, die ihn finanziell ausnahm und ihm dafür Aufmerksamkeit widmete. 1977 trat Fischer dort wieder aus. Er fürchtete später eine Vergiftung durch Sowjets, der er mit esoterischen Medikamenten, Orangensaft und Vitaminpillen entgegenwirkte. Er ließ sich aus Angst vor Gedankenkontrolle seine Zahnfüllungen entfernen. In späteren Analysen wurde dies als mögliche Anzeichen für mentale Krankheiten gewertet.
Nach zwei Banküberfällen wurde er am 26. Mai 1981 als Verdächtiger festgenommen, da er unter falscher Identität lebend Polizisten keinen Ausweis zeigte. Seine Unschuld erwies sich erst zwei Tage später, da sich Fischer weigerte, die Behörden über seine wahre Identität aufzuklären. Anschließend veröffentlichte er das Pamphlet I was tortured in Pasadena Jailhouse.
Anfang der 1980er Jahre erhielt Fischer mehrere lukrative Angebote zu Schachkämpfen bis hin zu vier Millionen US-Dollar für ein Turnier, lehnte jedoch ab, da ihm die Summe zu niedrig war. Sein Einkommen machte er zu dieser Zeit mit Dienstleistungen für Schachspieler, beispielsweise Telefongespräche für 2.500 US-Dollar pro Stunde. Dennoch geriet er unter finanziellen Druck, der ihn 1992 zwang, aus der weitgehenden Anonymität herauszukommen.
Fischer–Spasski 1992 Fischers Rückkehr Bobby Fischer hatte eine Brieffreundschaft mit dem ungarischen Schachtalent Zita Rajcsanyi. Um sie, mit der ihn romantische Gefühle verbanden, zu beeindrucken und gleichzeitig seine finanziellen Probleme loszuwerden, beschloss Fischer, einen weiteren Zweikampf gegen Boris Spasski zu spielen. Zusätzlich wurde zur selben Zeit seine Wohnung in Los Angeles, in der Orange Street inmitten eines jüdischen Viertels gelegen, von Reportern entdeckt, sodass Fischer beschlossen hatte, von dort zu fliehen.
Im Juli 1992 wurde durch Robert Byrne bekannt, dass Fischer eine inoffizielle Weltmeisterschaft gegen Boris Spasski in Jugoslawien spielen würde. Es wurde ein Vorschuss in unbekannter Höhe gezahlt.
Organisation 110 Kilometer entfernt von Montenegro und 200 Kilometer von Sarajevo liegt die damals jugoslawische Insel Sveti Stefan, auf der 1992 neben Belgrad der Zweikampf zwischen Fischer und Spasski stattfand. Es bestand aufgrund der Jugoslawienkriege ein Embargo der Vereinten Nationen gegen Jugoslawien. Des Weiteren bestand mit Executive Order 12810 ein Verbot des US-Finanzministeriums, Geschäfte in Jugoslawien abzuschließen. Das Verbot wurde strikt durchgesetzt, so erhielten selbst Jugoslawen mit Anspruch auf US-amerikanische Sozialhilfe diese nicht.
Embargo und Executive Order ignorierend trat Fischer am 1. September 1992 zu dem von Jezdimir Vasiljević, dem Präsidenten der Bankengesellschaft Jugoskandik, gesponserten Zweikampf an.Dunkle Mächte am Werk. In: Der Spiegel. 32/1992, 3. August 1992, abgerufen am 1. März 2025. Vasiljević beschäftigte für das Duell einen als übereifrig wahrgenommenen Sicherheitsdienst. So wurde etwa der Schachjournalist Dagobert Kohlmeyer festgenommen und mehrere Stunden lang gefangengehalten.
Das Hotel Maestral wurde als Austragungsort gewählt, der Preisfonds belief sich auf fünf Millionen US-Dollar, von denen der Sieger 3,35 Millionen und der Verlierer 1,65 Millionen US-Dollar erhalten sollte. Sieger sollte derjenige sein, der zuerst zehn Partien gewinnt. Nach fünf Gewinnpartien wechselte man den Spielort. Bei einem 9:9 würde Fischer ebenfalls den Titel „unbesiegter Weltmeister“ behalten, der Zweikampf würde jedoch unentschieden gewertet und das Preisgeld geteilt.
Schiedsrichter war wie bereits 1972 Lothar Schmid. Nach seiner Abreise wurde das Match von Nikola Karaklajić geleitet. Fischers Sekundant war Eugenio Torre, während Spasski dafür Borislav Ivkov verpflichtete.
Bei der Bedenkzeitregelung kam eine Erfindung Fischers zum Einsatz. Die Fischer-Schachuhr erlaubte die Addition von Bedenkzeit nach jedem einzelnen Zug. Die Bedenkzeit zu Beginn der Partie betrug 111 Minuten, zuzüglich einer Minute pro Zug, sowie zusätzlichen 40 Minuten nach den ersten 40 Zügen, 30 Minuten nach dem 60. Zug und 20 Minuten nach dem 80. Zug. Somit war die Bedenkzeitregelung ähnlich jener für übliche Weltklasseturniere.Mark Weeks: 1992 Fischer – Spassky Rematch, Highlights. Abgerufen am 1. März 2025.
Es besteht inzwischen der Verdacht, dass der Sponsor Vasiljević Anfang der 1990er Jahre mit einem Schneeballsystem über 130 Millionen US-Dollar ergaunert hat.Fischer-Spassky 1992 sponsor extradited to Serbia. In: chessbase.com. 6. April 2010, abgerufen am 1. März 2025 (englisch).
Pressekonferenz am 1. September 1992 Am 1. September 1992 gaben Bobby Fischer und Boris Spasski eine Pressekonferenz. Für Fischer war es die erste Pressekonferenz seit ungefähr 20 Jahren. Bei dieser beschimpfte er das Profischach, sowjetische Verlage, Pressezensur, Kommunisten, Juden, Israel und die Vereinten Nationen. Dann beleidigte er Schachweltmeister Garri Kasparow und sah sich selbst als den einzigen Weltmeister an. Demonstrativ spuckte Fischer auf einen Brief vom US-Finanzministerium vom 21. August 1992, in dem ihm zehn Jahre Haft und 250.000 US-Dollar Strafe für die Verletzung von US-Sanktionen gegen Jugoslawien angedroht wurden, falls er spiele. Er vermied Äußerungen zum Balkankrieg, gab jedoch an, die Vereinten Nationen und ihre Sanktionen nicht zu unterstützen. Anschließend äußerte er mehrere antijüdische Meinungen und nannte Kommunismus als eine Maske für Bolschewismus, der seinerseits eine Maske für das Judentum sei. Sowjetische Spieler wie Anatoli Karpow, Garri Kasparow und Viktor Kortschnoi seien Betrüger, so hätten Kasparow und Karpow ihre Weltmeisterschaften abgesprochen.
Spasski schloss sich der Meinung an, die Schachweltmeisterschaft 1990 sei abgesprochen gewesen und benannte konkret die 19. Partie.Schachweltmeisterschaft 1990, 19. Matchpartie Diese war in vermutlich schwarzer Gewinnstellung als remis vereinbart worden.Mark Weeks: World Chess Championship, 1990 Kasparov – Karpov Title Match, Highlights. Abgerufen am 26. August 2012. Kasparow hatte schwere Erschöpfung als Grund für das Remis angegeben. Spasski gab zudem an, ebenfalls Sanktionen Frankreichs zu riskieren. Dennoch werde er spielen, um gute Politik für das Schachspiel zu machen.
Fischers Äußerungen im Interview wurden allgemein als unpassend empfunden. So schrieb ein Leser in der Chess Life: „Fischer ist zurück! Das haben wir uns alle 20 Jahre lang gewünscht. Und nun, da er wieder da ist, wünschte ich, er würde wieder gehen.“Original: „Fischer is back! It's an event we have all eagerly awaited for 20 years. And now that he's back, I already wish he would go away again.“ Zitiert nach: Mark Weeks: 1992 Fischer – Spassky Rematch, Highlights. Abgerufen am 1. März 2025.
Am folgenden Tag veröffentlichte die New York Times ein Editorial, in dem im Titel die „Tragödien Bosniens und Fischers“ angeschnitten wurden, dessen Text sich jedoch nur mit Fischer beschäftigte. Der Autor setzte sich aufgrund der von US-Präsident Bush erlassenen Direktive gegen Geschäfte von US-Bürgern in Jugoslawien für eine Strafverfolgung ein, falls Fischer spielen sollte.Bosnia's Tragedy, and Bobby's. 2. September 1992, abgerufen am 1. März 2025. In Jugoslawien eröffnete Bobby Fischer den Zweikampf unbeeindruckt von Kritikern mit 1. e4.
Schachlicher Verlauf Bobby Fischers Rückkehr in die internationale Schacharena galt als Sensation, der Wettkampf als Rückkampf des 20. Jahrhunderts.
+Fischer–Spasski 1992 Rückkampf 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 Gewinnpartien 1 ½ ½ 0 0 ½ 1 1 1 ½ 1 0 ½ ½ ½ 1 1 ½ ½ 0 1 ½ ½ ½ 1 0 ½ ½ ½ 1 10 0 ½ ½ 1 1 ½ 0 0 0 ½ 0 1 ½ ½ ½ 0 0 ½ ½ 1 0 ½ ½ ½ 0 1 ½ ½ ½ 0 5
Partien 1. Partie
Fischer–Spasski 1:0 Sveti Stefan, 2. September 1992 Spanische Partie (Breyer-System), C95 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. La4 Sf6 5. 0–0 Le7 6. Te1 b5 7. Lb3 0–0 8. c3 d6 9. h3 Sb8 10. d4 Sbd7 11. Sbd2 Lb7 12. Lc2 Te8 13. Sf1 Lf8 14. Sg3 g6 15. Lg5 h6 16. Ld2 Lg7 17. a4 c5 18. d5 c4 19. b4! Fischers vorbereitete Neuerung, verhindert Sc5. Sh7 20. Le3 h5 21. Dd2 Tf8 22. Ta3 Sdf6 23. Tea1 Dd7 24. T1a2 Tfc8 25. Dc1 Lf8 26. Da1 De8 27. Sf1 Le7 28. S1d2 Kg7 29. Sb1 Sxe4 30. Lxe4 f5 31. Lc2 Lxd5 32. axb5 axb5 33. Ta7 Kf6 34. Sbd2 Txa7 35. Txa7 Ta8 36. g4 hxg4 37. hxg4 Txa7 38. Dxa7 f4 39. Lxf4 exf4 40. Sh4 Lf7 41. Dd4+ Ke6 42. Sf5 Lf8 43. Dxf4 Kd7 44. Sd4 De1+ 45. Kg2 Ld5+ 46. Le4 Lxe4+ 47. Sxe4 Le7 48. Sxb5 Sf8 49. Sbxd6 Se6 50. De5 1:0
2. Partie
Spasski–Fischer ½:½ Sveti Stefan, 3. September 1992 Königsindische Verteidigung (Sämisch-System), E80