Die Krabbenfischerei (auch Garnelenfischerei) ist ein Teilbereich der Fischerei und eine der ältesten Kulturtechniken der Fischerei in der Nordsee. Nordseegarnelen (Crangon crangon), die in Norddeutschland als Krabben oder Nordseekrabben bezeichnet werden (im Gegensatz zur Bezeichnung „Krabben“ im zoologischen Sinn), werden in vielen Küstenländern der Welt gefangen und wegen ihres hohen Proteingehalts als Nahrungsmittel genutzt.
mini|hochkant=1.7|Krabbenkutter Ivonne aus Pellworm beim Fischen
Garnelen mini|Objekt des Interesses: die Nordseegarnele (Crangon crangon, dorsal)
Unter dem Begriff Garnelen werden unterschiedliche Gruppen in der Bodenzone lebender oder freischwimmender Krebstiere zusammengefasst. Der allgemein gängige Begriff fasst nicht unmittelbar verwandte Krebse in einer Gruppe zusammen, allerdings gibt es auch Ausnahmen. Langusten, Hummerartige (beispielsweise „Scampi“ oder Kaisergranat) und in Süßwasser lebende Flusskrebse, wie der Louisiana-Flusskrebs (Procambarus clarkii), werden nicht zu den Garnelen gezählt.
Nordseegarnele
Bedeutend für die Krabbenfischerei in der Nordsee ist vor allem die Nordseegarnele (Crangon crangon). Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich vom Weißen Meer bis zur Atlantikküste Marokkos. Sie ist die am weitesten verbreitete Garnelenart der sandigen und schlickigen Küsten des Ostatlantiks und die einzige marine Garnele mit fischereiwirtschaftlicher Bedeutung für Deutschland. Weitere kleine Vorkommen finden sich auch in der Ostsee, im Mittelmeer und im Schwarzen Meer. Ihr Nordseebestand ist mit einer wirtschaftlich bedeutungslosen Anzahl Furchengarnelen Crangon allmanni untermischt. Seit 2003 wurden einzelne Exemplare, später dann größere Mengen von Nordseegarnelen in der Nähe von Reykjavík gefunden. Es wird vermutet, dass der Transport im Ballastwasser von Schiffen erfolgte und die Meereserwärmung jetzt eine Vermehrung auch in nördlicheren Breiten ermöglicht.
Nordseegarnelen bevorzugen als Habitat Flussmündungen. Mit den hier stark wechselnden Salzgehalten kommen sie gut zurecht. Der verminderte Salzgehalt schützt die Tiere sogar gegen viele marine Fischarten, außerdem liefern Flüsse große Mengen Nährstoffe. Es gibt Hinweise darauf, dass Nordseegarnelen von der unbeabsichtigten Düngung des Meeres durch eingeschwemmte Düngemittel (vor allem Phosphat) profitiert haben. Vor der Winterkälte ziehen sie sich in tieferes Wasser zurück.
Tiefseegarnele mini|Eismeergarnele Pandalus borealis
Tiere aus der Familie der Tiefseegarnelen (Pandalidae) sind die weltweit am meisten gefischten Garnelen. Anatomisch fehlt die Schere am ersten Beinpaar, die sonst so typisch für die Zehnfußkrebse (Decapoda) ist. Sie ist nur bei einigen Arten stark verkümmert vorhanden. Viele Arten der Gattung Pandalidae tragen als Anpassung an den Tiefseelebensraum Leuchtorgane. Pandalidae haben eine große wirtschaftliche Bedeutung.
Die zur Familie Pandalidae gehörenden Eismeergarnelen Pandalus borealis, Pandulus danae und Pandulus platyceros kommen im nördlichen Teilen des Atlantiks und Pazifiks vor. Den überwiegenden Teil des Fangs macht Pandalus borealis aus.
Pandalus platyceros (auch California spot prawn oder Alaskan prawn) kommt hauptsächlich im Pazifik entlang der amerikanischen Küste von Unalaska Island, Alaska bis vor San Diego vor.
Die Eismeergarnele ist ökonomisch von großer Bedeutung und wird seit dem frühen 20. Jahrhundert vor Norwegen, aber auch in anderen Regionen als Nahrungsmittel gefangen. Im Lebensmittelhandel wird häufig auch die Bezeichnung Grönland-Shrimp verwendet.
Die Art Plesionika edwardsi lebt im Mittelmeer.
Eismeergarnelen der Gattung Metapenaeus kommen vor Indien, Japan, Madagaskar und Südafrika vor. Die Arten der Gattung sind um die 20 cm lang.
Die Verbreitung reicht von Neuengland und der kanadischen Ostküste über Grönland, Island, Spitzbergen, Norwegen und die Nordsee bis südlich in den Ärmelkanal. Im Pazifik ist sie vor Japan, im Ochotskischen Meer, der Beringstraße und vor Nordamerika südlich bis zum US-Bundesstaat Washington anzutreffen. Eismeergarnelen leben in Tiefen zwischen 10 und 500 Metern, über schlammigen Weichböden, bei Wassertemperaturen zwischen 2 und 14 °C. Eismeergarnelen können bis zu 12 cm lang und drei bis vier Jahre alt werden.
Die Eismeergarnele wird nicht nur als Nahrungsmittel, sondern auch als Rohstofflieferant gefangen: Shrimp Alkaline Phosphatase (SAP) ist ein Enzym, das in der Molekularbiologie verwendet und aus Pandalus borealis gewonnen wird. Das Chitin des Körperpanzers kann zu Chitosan oder Glucosamin weiterverarbeitet werden.Fereidoon Shahidi, Jozef Synowiecki: Isolation and characterization of nutrients and value-added products from snow crab (Chionoecetes opilio) and shrimp (Pandalus borealis) processing discards. In: J. Agric. Food Chem., 1991, Band 39 (8), S. 1527–1532; doi:10.1021/jf00008a032
Krabbenfischerei in der Nordsee mini|Krabbenfischer in der Meeresbrandung am Strand von Olof Jernberg Spätestens seit dem 17. Jahrhundert wurden die Nordseegarnelen mit Netzen (auch Schiebehamen genannt) im Wattenmeer gefangen. Der erwerbsmäßige Fang der Sandgarnelen (Nordseegarnelen) begann an der Westküste Schleswig-Holsteins erst nach der Mitte des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung. Erst die Eisenbahn sowie neue Verfahren, die Krebstiere zu konservieren, ermöglichten das leichtverderbliche Lebensmittel außerhalb der unmittelbaren Fanggründe zu vermarkten. Bis dahin hatte es nur vor Ort eine Rolle gespielt. Die gefischten Krabben wurden lange lediglich als Viehfutter und Dünger genutzt. geschichte-s-h.de
Die „Pioniere“ des gewerblichen Krabbenfangs kamen jedoch nicht von der Westküste. Die Technik der Schleppnetzfischerei von Booten aus verbreitete sich von der Elbe her und kam aus Ostpreußen.
An der belgischen Küste werden auch heute noch zu touristischen Zwecken Nordseegarnelen von Fischern zu Pferde gefangen. An den flachen Nordseestränden der belgischen Küste ziehen Kaltblüter die Netze hinter sich her. Der Fang wird sofort am Strand gekocht und verkauft, beispielsweise beim Krabbenfest in Oostduinkerke/Flandern.
Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wird von Krabbenkuttern aus mit der Baumkurre gefischt. Dabei wird ein Grundschleppnetz über den Meeresboden geschleppt. Diese Technik wurde in Büsum entwickelt. Der Fang in den kalten Monaten (etwa Ende November bis Februar) fällt geringer oder ganz aus, weil die Nordseegarnelen sich dann in die tieferen Gewässer zurückziehen.
Fang- und Fischereitechniken mini|Krabbenkutter in Dorum-Neufeld
Kutter An der Nordsee entwickelte sich der Bootstyp der Krabbenkutter als ein speziell für den Fang von Nordseegarnelen ausgerüstetes flachbodiges Schiff.
Die Kutter können sowohl mit Kuttertakelung (ein Mast mit Auslegern für Großsegel, Klüver-, Fock- und/oder Großtoppsegel) oder traditionell als Gaffelketsch auf Fangreise gehen. Als Antrieb dient ein Schiffsdiesel, der einen in den meisten Fällen ummantelten Propeller antreibt. Im Wattenmeer und in den Küstengewässern wird die Krabbenfischerei von etwa 14 bis 20 Meter langen Krabbenkuttern betrieben. Die Krabben werden direkt an Bord verarbeitet.Absatz: Die Baumkurrenfischerei auf Krabben. (PDF) pdfhost.net; abgerufen am 25. August 2012.
Baumkurre
mini|hochkant|Baumkurre
Der Krabbenfang geschieht meist über zwei Ausleger, an denen die Fangnetze seitlich in das Wasser gelassen und dann an Rollen gleitend über den Meeresboden gezogen werden und dabei die Krabben aufschrecken und einfangen (Grundnetz = „Kurre“). Die Kurr ist ein beutelartiges Grundschleppnetz, das neben dem Fang von Nordseegarnelen auch für die Fischerei von Plattfischen (z. B. Schollen oder Seezungen) im Wattenmeer eingesetzt wird.
Eine 9,5 m lange Spiere, der sogenannte Kurrbaum, hält die Öffnung des Netzes unter Wasser offen. Über kufenartige Schuhe zieht der Fisch- oder Krabbenkutter das Netz über den Meeresboden. Der Unterrand des Netzes trägt eine 10,6 m lange Leine (Bleisehm), die mit Bleiknoten beschwert ist und die in neuerer Zeit auch durch eine mit altem Tauwerk (Schlatting) umwickelte Kette ersetzt wird. Jedes Ende des Kurrbaums trägt Eisenkugeln und als Gleitschuh auf dem Meeresboden ein Eisen, die Kurrklaue. Das Rollengrundtau unter der Netzöffnung beschwert die Baumkurre und löst beim Gleiten über den Meeresgrund Erschütterungen aus. Dadurch schrecken die Krabben und Plattfische vom Boden auf und können so vom Netz erfasst werden. Das Netz wird von den Fischern selbst filiert; es erfordert 22 kg Garn, und seine Länge beträgt 17 m.
Verarbeitung auf See mini|In Bangladesch werden die Garnelen nicht abgekocht und behalten ihre weißlich-durchsichtige Erscheinung
Als empfindliches Lebensmittel müssen die Garnelen schon an Bord abgekocht werden. Dies geschieht direkt im entnommenen Seewasser in einem Kochkessel, was den Tieren ihr spezielles Aroma verschafft. Die Garnelen sehen nach dem Kochen rosa bis rotbraun aus und haben sich in Richtung der Körperunterseite gekrümmt. Bei der Verarbeitung anfallender Beifang wird zumeist über Bord geworfen, weshalb Krabbenkutter meist von einem Möwenschwarm verfolgt werden.
Situation der Krabbenfischerei in Deutschland mini|Fischereiflotte in Hafen von Büsum (2008)
In Deutschland fischen heute noch rund 280 Kutter an Nord- und Ostsee nach Garnelen (davon 93 in Schleswig-Holstein, der Rest in Niedersachsen). Stationiert sind die Kutter an Nord- und Ostsee in kleinen Häfen (Kutterhäfen), die oft auch über einen Verarbeitungsbetrieb für den angelandeten Fang verfügen. Zu den bekannten Kutterhäfen gehören Husum, Pellworm, Büsum (SH) und Dorum, Wremen, wursterland.de; abgerufen am 25. August 2012. Greetsiel und Fedderwardersiel (NDS).
Der Umfang der Fänge betrug 2005 in der Nordsee etwa 38.000 Tonnen, was gegenüber früheren Jahren einen starken Anstieg bedeutete (1990er Jahre: etwa 10.000 Tonnen). Damit liegt die Garnelenfischerei in ihrer Bedeutung unter den Nordseefischereien an dritter Stelle. Etwa 85 % wurden von Deutschland und den Niederlanden erbracht. Es gibt keine Quotenregelung in der Europäischen Union. Die größten Krabbenfangstaaten sind Deutschland, die Niederlande und Dänemark.Studie Krabbenfang. (PDF) sub.uni-hamburg.de; abgerufen am 25. August 2012
Fanggebiete Die unter deutscher Flagge fahrenden Krabbenkutter fischen in der Nordsee hauptsächlich in den küstennahen Gewässern. Seewärts der 12-Meilen-Linie wird von deutschen Krabbenkuttern vergleichsweise wenig gefischt, von 2007 bis 2013 fanden dort nur rund sechs Prozent der Krabbenfischerei statt. Am stärksten ist die Befischung im Bereich des Eider- und des Elbeästuars, in den Tidebecken vor Büsum und in der Meldorfer Bucht sowie in der Osterems.
Über ein Drittel der deutschen Krabbenfischerei findet in Gebieten der Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer und Niedersächsisches Wattenmeer statt. Daher fordern Natur- und Umweltschützer immer wieder Fangverbote für diese Regionen. Einschränkungen müssen die deutschen Krabbenfischer unter anderem aufgrund von Bauarbeiten für Seekabel von Offshore-Windparks hinnehmen. Das Kabel des Windparks Riffgat bei Borkum beispielsweise verläuft durch die Fanggründe einiger Krabbenfischer.
Verarbeitung Nach dem Anlanden werden die Krabben zunächst von Zwischenhändlern aufgekauft, die die Garnelen maschinell nach der Größe sortieren. Bei diesem Verarbeitungsschritt werden die Tiere mit Kochsalz, Benzoesäure und Zitronensäure krabben.de; abgerufen am 28. August 2012. zum ersten Mal konserviert. Nur die größeren Tiere gelangen in den Handel. Kleine Tiere werden überwiegend bereits an Bord aussortiert.