mini|Illustration zu Das Geheimnis der Marie Rogêt von 1852 Das Geheimnis der Marie Rogêt (englischer Originaltitel: The Mystery of Marie Rogêt) ist eine Kurzgeschichte des amerikanischen Schriftstellers Edgar Allan Poe, die 1842 veröffentlicht wurde. Sie ist eine von Poes drei Detektivgeschichten um C. Auguste Dupin, zu denen auch Der Doppelmord in der Rue Morgue und Der entwendete Brief zählen.

Handlung Marie Rogêt, Angestellte in einem Parfumgeschäft in Paris, verschwindet spurlos. Nach vier Tagen wird ihre Leiche in der Seine gefunden. Ihre Angehörigen tappen, wie auch die Polizei, im Dunkeln. Darum bittet der Präfekt Dupin nach seinen Ermittlungserfolgen im Fall des Doppelmordes in der Rue Morgue um Hilfe. Zusammen mit seinem Partner, dem namenlosen Erzähler, analysiert Dupin Zeitungsartikel, Polizeiberichte und Zeugenaussagen rund um den Mord. Allein durch das Aufdecken von Fehlannahmen und Missdeutungen in den Berichten kommt Dupin zu dem Schluss, dass es sich um einen einzelnen Täter handeln muss und nicht wie bisher angenommen um eine Gruppe. Der Mörder muss das Mädchen an einer Stoffschlinge zum Ufer geschleppt und mit Hilfe eines Bootes in den Fluss geworfen haben. Das Auffinden dieses Bootes werde die Polizei zum Mörder führen.

Realgeschichtlicher Hintergrund und Intention Poes Die Geschichte basiert auf dem tatsächlichen Mord an Mary Cecilia Rogers in New York City. Rogers war eine sehr hübsche, beliebte junge Frau und durch ihre Stelle in einem Zigarrenladen in der Stadt bekannt. Wenige Tage nach ihrem Verschwinden im Juli 1841 wurde ihre Leiche im Hudson River gefunden.Stashower: The Beautiful Cigar Girl. 2006, S. 4. Die äußeren Umstände wie ihre zerrissene Kleidung und ihre zahlreichen Verletzungen deuteten auf einen Mord hin. Die Ermittlungen der Polizei zogen sich monatelang hin und blieben letztlich ohne Ergebnis. Der Fall erregte als einer der ersten Mordfälle nationales Aufsehen und wurde in zahlreichen Zeitungen beschrieben.Stashower: The Beautiful Cigar Girl. 2006, S. 5.

Poe nutzte dieses Ereignis wie in einem Schlüsselroman als Grundlage für „Das Geheimnis der Marie Rogêt“.Paul Gerhard Buchloh, Jens P. Becker: Der Detektivroman. 2., überarb. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1978, ISBN 3-534-05379-6, S. 41 f. Er verlegte die Handlung nach Paris und änderte den Namen des Opfers leicht. Wesentliche Details des Mordes übernahm er originalgetreu, um der Geschichte Authentizität zu verleihen. Durch Dupins Kommentare versuchte er den Anschein zu erwecken, zur Aufklärung des realen Mordes beitragen zu können.Smuda: Variation und Innovation. In: Vogt (Hrsg.): Der Kriminalroman: Poetik, Theorie, Geschichte. 1998, S. 126. Dementsprechend erklärte Poe in den Vorbemerkungen zu der Geschichte: „In vorliegender Erzählung folgt der Autor unter dem Vorgeben, das tragische Geschick einer Pariser Grisette zu berichten, bis in die kleinsten Einzelheiten den wesentlichen Tatsachen des wirklichen Mordes an der Mary Rogers, während er die unwesentlichen nur parallel stellte. So ist also jede auf die Fiktion gegründete Schlußfolgerung auf das wahre Ereignis anwendbar, und der Zweck der Geschichte war die Ergründung der Wahrheit.“ Siehe die deutsche Textausgabe in der Übersetzung von Gisela Etzel, online auf Projekt Gutenberg-DE projekt-gutenberg.org

Nachdem Poe bereits in anderen Erzählungen den Anspruch erhoben hatte, jedes Kryptogramm und jedes Rätsel sei durch eine Perfektionierung der geistigen Erkenntnisfähigkeiten des Menschen und die von ihm als ratiocination bezeichnete Vorgehensweise lösbar, verfiel er möglicherweise zum Teil seiner eigenen Erzählsuggestion, die Elemente der Fiktion auf die Wirklichkeit übertragen zu können, und fühlte sich nach dem Scheitern der polizeilichen Ermittlungen berufen oder herausgefordert, Hinweise zur Klärung des damals aktuellen Mordfalls zu liefern. Andererseits versuchte er jedoch ebenso die Sensationsgier des zeitgenössischen Lesepublikums in einer Zeit auszunützen, in der er in chronischen Geldnöten war.Paul G. Buchloh, Jens P. Becker: Der Detektivroman. 2. überarb. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1978, ISBN 3-534-05379-6, S. 41f.

Werkgeschichtlicher Zusammenhang und Variation des Erzählmodells Mit seiner ersten Erzählung um die Gestalt des herausragenden Analytikers C. Auguste Dupin etablierte Poe in Der Doppelmord in der Rue Morgue gleichsam archepytisch das Grundmuster der klassischen Detektivgeschichte, das in seiner Nachfolge lange Zeit erfolgreich als Erzählmodell genutzt und bis hin zur Trivialisierung immer wieder mit neuen Inhalten gefüllt oder ausgeschmückt wurde. Vermittelt durch Dupins Freund, der als Erzähler fungiert, werden die beiden gewaltsamen Todesfälle in der Rue Morgue zunächst als ein anscheinend unlösbares Rätsel präsentiert, um in der anschließenden Aufklärung der Tat die Leistungsfähigkeit des Verfahrens der ratiocination und der analytischen detection zu demonstrieren. Dabei wird der Prozess der Auflösung des Falles vom Erzähler so dargeboten, dass zunehmend das Unwahrscheinliche wahrscheinlicher wird und in einem Indiziengefüge aus Zeitungsberichten, Zeugenaussagen und weiteren Ermittlungsdetails schließlich als das Wirkliche erscheint. Ein hinsichtlich seiner Erkennbarkeit paradoxes Phänomen löst die detection aus; die Wahrheit kommt im Sinne einer verisimilitude zu Tage, wird mithin als Wirklichkeit verbürgt.

In Das Geheimnis der Marie Rogêt wird dieses Erzählmodell der ersten Dupin-Geschichte einerseits in zentralen Strukturmomenten kopiert, um so für die Leser an Bekanntes anzuknüpfen, andererseits jedoch durch Variation zugleich kritisch in Frage gestellt.Manfred Smuda: Variation und Innovation: Modelle literarischer Möglichkeiten der Prosa in der Nachfolge Edgar Allan Poes. In: Poetica, 1970, Vol. 3, S. 165–187, hier S. 172. Der Artikel ist auch abgedruckt in Jochen Vogt (Hrsg.): Der Kriminalroman: Poetik. Theorie. Geschichte. Fink Verlag, München 1998, ISBN 3-7705-3226-0, S. 121–142.

Der Protagonist der ratiocination und die Figur des befreundeten namenlosen Erzählers, der dessen Analysen vermittelt, bleiben erhalten. Wie in Der Doppelmord in der Rue Morgue wird das Problem der detection durch ein vorangestelltes Zitat als Motto der eigentlichen Erzählung vorgegeben; hier zitiert Poe Novalis: „Es gibt eine Reihe idealischer Begebenheiten, die der Wirklichkeit parallel läuft. Selten fallen sie zusammen. Menschen und Zufälle modificiren gewöhnlich die idealische Begebenheit, so daß sie unvollkommen erscheint, und ihre Folgen gleichfalls unvollkommen sind. So bei der Reformation; statt des Protestantismus kam das Luthertum hervor. Novalis, Moral. Ansichten“.Vgl. die Textausgabe in der deutschen Übersetzung von Christel und Helmut Wiemken. In: Günter Blöckler (Hrsg.): Edgar Allan Poe – Meistererzählungen. Deutsche Buch-Gemeinschaft, Berlin / Darmstadt / Wien 1960, S. 419. Siehe dazu Manfred Smuda: Variation und Innovation: Modelle literarischer Möglichkeiten der Prosa in der Nachfolge Edgar Allan Poes. In: Poetica, 1970, Vol. 3, S. 165–187, hier S. 172 f.

Mit dem Zitat wird eine Parallelität von Fällen angedeutet, die Poe für diese Erzählung bewusst konstruiert. Der Erzähler präsentiert als Chronist des Detektivs den Aufklärungsversuch eines weiteren Falls von Dupin, der Ermordung der Marie Rogêt, und berichtet von einem parallelen Fall, der sich einige Zeit später als Fall der Mary Cecilia Rogers in New York tatsächlich ereignete. Durch wiederholte Fußnotenhinweise wird dieser Fall in der Erzählung simuliert und durchgängig zum Vergleich herangezogen. Der Erzähler zieht aus seinem Bericht über den Fall der Marie Rogêt, den er aus der Distanz weit entfernt vom Tatort niedergeschrieben habe und der lediglich auf Zeitungsberichten basiere, bereits zu Beginn in einer Fußnote den folgenden Schluss: „So wird jede Folgerung, die sich auf die Fiktion gründet, zugleich auf die Wahrheit anwendbar.“Vgl. die Textausgabe in der deutschen Übersetzung von Christel und Helmut Wiemken. In: Günter Blöckler (Hrsg.): Edgar Allan Poe – Meistererzählungen. Deutsche Buch-Gemeinschaft, Berlin / Darmstadt / Wien 1960, S. 420. Im Original lautet die Stelle: . Zitiert nach der Ausgabe in: The Complete Tales and Poems of Edgar Allan Poe. Penguin Books, London 1982, ISBN 0-14-010384-8, S. 169–207, hier S. 169. Siehe dazu Manfred Smuda: Variation und Innovation: Modelle literarischer Möglichkeiten der Prosa in der Nachfolge Edgar Allan Poes. In: Poetica, 1970, Vol. 3, S. 165–187, hier S. 173.

Damit wird dem Leser von vornherein suggeriert, dass die Wahrheit der fiktiven Geschichte in der historischen Realität an dem parallelen Fall in New York überprüft werden könne, der in der Erzählung als Simulation des wirklichen Fall nachgebildet wird. Gleichzeitig wird mit mehreren intertextuellen Rückbezügen auf den Fall der Rue Morgue verwiesen, über den der Erzähler ein Jahr zuvor in einem „Artikel“ berichtet habe.Bereits der Untertitel der Geschichte A Sequel to The Murders in the Rue Morgue spielt auf die erste Dupin-Geschichte an. Zudem bezieht sich der Erzähler im Anfangsteil seines Berichts explizit auf , in dem er versucht habe, die bemerkenswerten Eigenschaften und Fähigkeiten (“remarkable features”) seines Freundes Dupin darzustellen, und deutet ebenso auf die erfolgreiche Aufklärung der tragischen Todesfälle der Madame L’Espanaye und ihrer Tochter (“the winding up of the tragedy involved in the deaths of Madame L’Espanaye and her daughter”). The Complete Tales and Poems of Edgar Allan Poe. Penguin Books, London 1982, ISBN 0-14-010384-8, S. 169–207, hier S. 169 und S. 170. Der Text der vorangegangenen Erzählung wird derart zu einem scheinbar realistischen Bezugsdokument, das jetzt wiederum genutzt wird, um auch in der neuen Geschichte von Anfang an die Illusion eines dokumentarischen Berichtcharakters zu erzeugen. Die nunmehr präsentierte detection erscheint so vor allem deshalb glaubhaft und authentisch, weil die Methoden Dupins sich schon zuvor bei der Lösung eines schwierigen Falls bewährt haben. Dupin tritt auf diese Weise gleichsam als reale Gestalt in der neuen Erzählung auf.Manfred Smuda: Variation und Innovation: Modelle literarischer Möglichkeiten der Prosa in der Nachfolge Edgar Allan Poes. In: Poetica, 1970, Vol. 3, S. 165–187, hier S. 173.

Im weiteren Verlauf der Geschichte äußert sich Dupin selbst zu der Problematik der detection im Fall der Mary Rogêt: „Ich brauche Ihnen wohl kaum zu erläutern, […] daß dies ein weit schwierigerer Fall ist als der Mord in der Rue Morgue, von dem er sich in einem wesentlichen Punkt unterscheidet. Hier handelt es sich um ein gewöhnliches, wenngleich grauenhaftes Verbrechen, das nichts übertrieben Maßloses an sich hat. Sie werden sehen, daß man gerade deshalb glaubte, das Geheimnis wäre leicht zu lösen, anstatt seine Schwierigkeit einzusehen.“Vgl. die Textausgabe in der deutschen Übersetzung von Christel und Helmut Wiemken. In: Günter Blöckler (Hrsg.): Edgar Allan Poe – Meistererzählungen. Deutsche Buch-Gemeinschaft, Berlin / Darmstadt / Wien 1960, S. 437 f. Die Originalpassage lautet: Zitiert nach der Ausgabe in: The Complete Tales and Poems of Edgar Allan Poe. Penguin Books, London 1982, ISBN 0-14-010384-8, S. 169–207, hier S. 180. Siehe auch die Textausgabe auf wikisource, S. 165.

Poe konstruiert auf diese Weise eine Problematik der detection, die im Gegensatz zu der des ersten Dupin-Falls steht: Die Möglichkeit der Lösung des Falles durch das Verfahren der ratiocination wird anders als in der vorangegangenen Geschichte, in der der Erzähler nicht den geringsten Zweifel an der Aufklärung des Falles hatte, hier als grundsätzlich problematisch dargestellt.