mini|Émile Erckmann und Alexandre Chatrian mini|Émile Erckmann und Alexandre Chatrian, Doppelbüste aus Gips von Frédéric-Auguste Bartholdi, Colmar, Musée Bartholdi (Inv. SB 348). Die endgültige Fassung aus Marmor befand sich in der Comédie-Française und ist heute verschollen.
Erckmann-Chatrian ist der gemeinsame Künstlername der französischen Autoren Émile Erckmann (* 21. Mai 1822 in Phalsbourg; † 14. März 1899 in Lunéville) und Alexandre Chatrian (* 18. Dezember 1826 in Soldatenthal/Grand Soldat, heute Ortsteil von Abreschviller; † 3. September 1890 in Villemomble).
Leben Beide stammten aus Phalsbourg (Département Moselle; dt. Pfalzburg) bzw. dessen näherer Umgebung, also aus der Grenzregion zwischen dem Elsass und Lothringen. Der Jurastudent Erckmann und der Buchhalter Chatrian lernten sich 1847 an ihrer ehemaligen Schule, dem Collège von Phalsbourg, kennen, entdeckten ihre gemeinsamen literarischen und politischen Interessen und unternahmen lange Wanderungen in den Nordvogesen. Erckmann, der 1848 in Paris die Februarrevolution teilweise als Augenzeuge und als Sekretär eines republikanischen Studentenclubs miterlebte, begann Erzählungen und Theaterstücke zu verfassen, die teilweise und ohne großen Erfolg in elsässischen Zeitungen erschienen, und wurde im gleichen Jahr in Straßburg kurzzeitig Redakteur einer republikanischen Zeitung. Er und Chatrian freundeten sich in dieser Zeit mit den ebenfalls aus dem Elsass stammenden Malern Théophile Schuler und Gustave Doré an, die später auch ihre Werke illustrierten.Georges Benoit-Guyod: La vie et l'œuvre d'Erckmann-Chatrian. In: Jean-Jacques Pauvert (Hrsg.): Erckmann-Chatrian, Contes et romans nationaux et populaires. Band XIV. Pauvert & Hachette, Paris 1962, S. 33–68.
Die Zusammenarbeit der beiden Autoren verlief in der Weise, dass Emile Erckmann praktisch alle Texte eigenständig erstellte und Alexandre Chatrian nach Lektüre Verbesserungsvorschläge machte, aber kaum je selbst zur Feder griff. Die Werke erschienen jedoch unter dem Autorennamen Erckmann-Chatrian. 1850 ließ Chatrian sich in Paris nieder und arbeitete ab 1852 als Angestellter bei der Eisenbahngesellschaft Compagnie des chemins de fer de l'Est. Sein Beitrag lag vor allem auf der kommerziellen Seite, denn er kümmerte sich um die Veröffentlichung der Manuskripte in Zeitungen der Hauptstadt, zog die fälligen Honorare ein und verteilte sie. Mit zunehmendem Erfolg gab Erckmann 1856 endgültig sein Studium auf, um nur noch zu schreiben. 1859 erschien L'Illustre Docteur Mathéus als erstes eigenständiges Werk in einem Buchverlag. 1860 folgten die Erzählungssammlungen Contes de la montagne und Contes fantastiques, 1861 als erster größerer Roman Maître Daniel Rock. 1864 erschien der Roman Histoire d'un conscrit de 1813, von dem in wenigen Monaten mehr als 100.000 Exemplare abgesetzt wurden und bis 1885 noch etliche Neuauflagen erlebte. Auch in den folgenden Jahren erlebten weitere Werke Erckmann-Chatrians hohe Auflagen.Georges Benoit-Guyod: La vie et l'œuvre d'Erckmann-Chatrian. In: Jean-Jacques Pauvert (Hrsg.): Erckmann-Chatrian, Contes et romans nationaux et populaires. Band XIV. Pauvert & Hachette, Paris 1962, S. 69–104.
Erckmann flüchtete nach Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges im August 1870 vor den heranrückenden deutschen Truppen aus Phalsbourg nach Paris, wo er erfolglos versuchte, Unterstützung für einen Volksaufstand und einen Guerilla-Krieg in den Vogesen zu finden. Nach Kriegsende ließ sich Erckmann schließlich für einige Jahre in St. Dié, Département Vosges nieder. Seit diesem Jahr erschien der gemeinsame Autorennamen auf getrennt verfassten Werken: während Erckmann weiter die Prosaarbeiten verfasste, übernahm Chatrian die Theaterwerke. 1882 kehrte Erckmann mit Erlaubnis der Behörden des Reichslandes Elsaß-Lothringen nach Phalsbourg zurück, wo er jedoch unter Polizeiaufsicht stand.Georges Benoit-Guyod: La vie et l'œuvre d'Erckmann-Chatrian. In: Jean-Jacques Pauvert (Hrsg.): Erckmann-Chatrian, Contes et romans nationaux et populaires. Band XIV. Pauvert & Hachette, Paris 1962, S. 147–191.
Ab 1885 entzweiten sich die beiden zunehmend wegen Urheberrechts- und Honorar-Angelegenheiten. Im Verlauf der Streitigkeiten wurde Erckmann wegen seiner Rückkehr nach Phalsbourg in Le Figaro als Vaterlandsverräter beschimpft. Die Auseinandersetzungen mündeten schließlich in einen Zivilprozess, der wegen Chatrians Tod aber letztlich nicht mehr entschieden wurde. Nach dem Entzug der Aufenthaltsgenehmigung durch die deutschen Behörden ließ sich Erckmann bis zu seinem Tod in Lunéville, Département Meurthe-et-Moselle nieder.Georges Benoit-Guyod: La vie et l'œuvre d'Erckmann-Chatrian. In: Jean-Jacques Pauvert (Hrsg.): Erckmann-Chatrian. Contes et romans nationaux et populaires. Band XIV. Pauvert & Hachette, Paris 1962, S. 211–260.
Literarisches Werk Die histoires et contes fantastiques Erste Erfolge erzielten Erckmann-Chatrian zwischen 1856 und Anfang der 1860er Jahre mit fantastischen Erzählungen, die in verschiedenen Pariser Zeitungen (u. a. La Revue des Deux Mondes, Le Constitutionel, Le Figaro) erschienen, wie z. B. Le bourgmestre en bouteille (1856), Requiem du corbeau (1856), L’Oeil invisible (1857), Le Cabaliste Hans Weinland (1860) und der fantastische Kurzroman Hugues-le-Loup (1860). Dieser Roman schilderte eine Wolfsverwandlung in der unmittelbaren Vergangenheit und geht gleichzeitig der Geschichte der Lykanthropie bis ins Mittelalter nach. Auf Grund von Äußerungen Chatrians, der den Absatz der frühen Geschichten mit entsprechenden Äußerungen zu fördern suchte, wurden Erckmann-Chatrian lange als französische Epigonen von E.T.A. Hoffmann angesehen, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich hohes literarisches Ansehen genoss. Die jüngere französische Literaturwissenschaft bezweifelt dies jedoch und vermutet vielmehr Einflüsse von Edgar Allan Poe, der in Frankreich nach 1850 durch die Übersetzungen von Charles Baudelaire bekannt wurde. Erckmann-Chatrians phantastische Geschichten lassen häufig etwas in der Realität latent Vorhandenes kurzzeitig auftauchen und entlarven so die heile Welt des Alltags. Das Unheimliche, das genauso so schnell auftaucht, wie es wieder verschwindet, ist oft das Tier im Menschen.Helga Abret: Das Tier im Menschen. Bemerkungen zu den phantastischen Erzählungen Erckmann-Chatrians. In: Franz Rottensteiner (Hrsg.): Die dunkle Seite der Wirklichkeit. Aufsätze zur Phantastik. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1987, S. 177.; Helga Abret: Erckmann et Chatrian, disciples fidèles d'Hoffmann? In: Ellen Constans; François Marotin (Hrsg.): Erckmann-Chatrian. Entre imagination, fantaisie et réalisme. Du conte au conte de l'histoire. Éditions du musée de Phalsbourg, Phalsbourg 1999, S. 219–230; Ferdinand Stoll: Les Contes des bords du Rhin: carrefour du fantastique. In: Eric Lysøe (Hrsg.): Erckmann-Chatrian au carrefour du fantastique. Presses Universitaire de Strasbourg, Strasbourg 2004, S. 211–213.
Nach dem Erfolg von Hugues-le-Loup erschienen die Werke Erckmann-Chatrians auch in Buchform, vor allem im Verlag von Pierre-Jules Hetzel, der auch die Werke von Honoré de Balzac, Schriften von Victor Hugo und seit 1856 mit großem Erfolg die Werke von Jules Verne herausgab. Hetzel bot alle Werke Erckmann-Chatrians in günstigen Volksausgaben an, was zu ihrem großen Erfolg beitrug.Helga Abret: Das Tier im Menschen. Bemerkungen zu den phantastischen Erzählungen Erckmann-Chatrians. In: Franz Rottensteiner (Hrsg.): Die dunkle Seite der Wirklichkeit. Aufsätze zur Phantastik. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-518-37944-5, S. 179.
Die romans populaires Erckmann-Chatrian hatten neben den fantastischen Erzählungen noch eine zweite Werklinie, die sie als romans populaires bezeichneten. Dafür schöpften sie aus zeitgenössischen Almanachen, volkstümlichen Erzählungen oder Volkssagen. Das Geschehen dieser romantischen, oft wie dokumentiert erscheinenden Romane und Kurzgeschichten ist in die Zeit zwischen 1800 und 1846 datiert. Die Ereignisse spielen unter anderem in Mainz, Heidelberg, Tübingen, Pirmasens oder Nürnberg, aber auch in romantischen Waldgegenden wie dem Hunsrück oder dem Schwarzwald. Unter den romans populaires ist insbesondere L’ami Fritz aus dem Jahr 1864 hervorzuheben – dieser (in der Südpfalz spielende) Roman ist auch heute noch im Elsass in vielen Buchhandlungen in neuerer Auflage erhältlich.
Die beiden Autoren machten kein Hehl aus ihrem Wohlwollen gegenüber Deutschland, das vor allem Emile Erckmann gut kannte und hoch schätzte. Diese Haltung änderte sich jedoch nach dem Deutsch-Französischen Krieg. In den Contes vosgiens (1877) erscheinen die Deutschen (wobei hier vor allem die Preußen gemeint sind), als Spione, rohe Schurken und grausame Unmenschen.Wolfgang Leiner: Das Deutschlandbild in der französischen Literatur. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1989, ISBN 3-534-08793-3, S. 325. Auch in anderen Werken der Folgezeit finden sich chauvinistische Ausfälle.
Die romans nationaux Zu den romans nationaux gehören u. a. L'invasion ou Le fou Yégof (1862), Madame Thérèse (1863), Histoire d’un conscrit de 1813 (1864), Waterloo (1865), Le Blocus, épisode de la fin de l'Empire (1866) und Histoire d'un paysan (1869/70). Mit diesen Werken dokumentierten die Autoren ein Jahrhundert französischer Geschichte von 1775 bis 1875. Beide kannten aus ihren Familien und deren Bekanntenkreisen zahlreiche Veteranen der Koalitionskriege. Aus den Erinnerungen und Erzählungen dieser Bauern und Handwerker schöpften die beiden Autoren die Stoffe für ihre historischen Erzählungen und Romane. Gegen den zeitgenössischen französischen Feuilletonroman, in dem Geschichte nur als Quelle für spannende Anekdoten und interessante Persönlichkeiten benutzt wurde, und gegen den Anspruch des Zweiten Kaiserreichs unter Napoleon III., das Zeitalter der Revolutionen beendet zu haben, wollten Erckmann-Chatrian die anhaltende Bedeutung der Ereignisse zu Beginn des 19. Jahrhunderts verdeutlichen. Ihre immer wiederkehrenden Themen waren Demokratie, Menschenrechte, Glaubensfreiheit, Standesgleichheit, die Behebung der Armut und die Volksbildung. In bewusst einfach gehaltener Sprache wandten sie sich gegen alle Formen von Unterdrückung und Ungerechtigkeit. Für die Autoren war die Revolution von 1789 als gemeinsame Aktion von Volk (peuple) und Bürgertum das bleibende große Vorbild für politisches Handeln. Einige Werke haben auch die späteren gesellschaftlichen Umbrüche des 19. Jahrhunderts zum Thema (Histoire d'un homme du peuple, 1865 und Maître Gaspard Fix, histoire d’un conservateur, 1875), ohne dabei das Auseinanderbrechen der Allianz von Volk und Bürgertum zu erkennen oder gar zu thematisieren. Bei der Darstellung der revolutionären Ereignisse von 1848 in der Histoire d'un homme du peuple wurde lediglich die bürgerlich-demokratische Februarrevolution geschildert, jedoch nicht der Juniaufstand der Pariser Arbeiterschaft.
Erckmann-Chatrian sahen das Volk selbst als handelndes Subjekt der Geschichte, weswegen sie in den meisten Romanen einfache Menschen (Bauern, Handwerker) den Verlauf historischer Ereignisse aus ihrer Sicht erzählen lassen.Karlheinrich Biermann: Vom Ende der großen Revolution zur Kommune: Romantik und Realismus. In: Jürgen Grimm: Französische Literaturgeschichte. J. B. Metzler, Stuttgart 1991, ISBN 3-476-00766-9, S. 271–272.
Rezeption mini|Erckmann-Chatrian-Denkmal in Phalsbourg