mini|hochkant|Paul von Thurn und Taxis in der Uniform eines bayerischen Leutnants

Paul Maximilian Lamoral Fürst/PrinzIn allen amtlichen Quellen zur Person Pauls, die im Bayerischen Hauptstaatsarchiv München vorliegen, wird für ihn der Titel „Fürst“ verwendet. Seine Briefe unterzeichnet er, solange er diesen Titel trägt, stets mit „Fürst“, auch diejenigen, die er an das Fürstenhaus in Regensburg richtet. In den zahlreichen Artikeln in der bayerischen Presse, die ihn als Begleitperson Ludwigs II. erwähnen, wird er immer „Fürst Paul von Thurn und Taxis“ oder „Fürst Taxis“ genannt. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts führt das Fürstenhaus die Unterscheidung „Fürst“ für den Regierenden Chef des Hauses und „Prinz“/„Prinzessin“ für die übrigen Nachkommen ein. Die quellenbasierte Biographie über Paul von Thurn und Taxis von Sylvia Alphéus und Lothar Jegensdorf (Fürst Paul von Thurn und Taxis. Ein eigensinniges Leben. Allitera, München 2017) bietet entsprechende Belege für den damaligen Gebrauch des Fürstentitels für Paul von Thurn und Taxis. von Thurn und Taxis (* 27. Mai 1843 auf Schloss Donaustauf bei Regensburg; † 10. März 1879 in Cannes, Frankreich), ab 1868 Paul Freiherr von Fels, war das dritte Kind von Fürst Maximilian Karl von Thurn und Taxis (1802–1871) und dessen zweiter Frau, Mathilde Sophie zu Oettingen-Oettingen und Oettingen-Spielberg (1816–1886).

Kindheit und Jugend Paul von Thurn und Taxis verbrachte seine Kindheit und Jugend, abgesehen von Sommeraufenthalten auf Schloss Donaustauf und Schloss Taxis (Schwäbische Alb), auf Schloss St. Emmeram in Regensburg, dem Hauptsitz der fürstlichen Familie. Dort erhielt er wie die anderen fürstlichen Nachkommen Unterricht von Privatlehrern. Im Rahmen einer mehrtägigen Separatprüfung im Juli 1861 am Regensburger Gymnasium schloss er seine schulische Ausbildung mit dem „Gymnasial-Absolutorium“ (Abitur) und der Endnote „Sehr gut“ ab. Er habe, so heißt es in der Begründung, „durch seine reiche geistige Begabung, durch seine allseitige und gründliche wissenschaftliche Bildung, und überhaupt durch seine ganze, von den trefflichsten Eigenschaften getragenen Persönlichkeit den vortheilhaftesten Eindruck gemacht“. Er war musisch begabt, hatte eine sehr gute Stimme und lernte hervorragend Klavierspielen.

Freund König Ludwigs II. von Bayern Unter Bezugnahme auf das traditionell gute Verhältnis des Hauses Thurn und Taxis mit dem Wittelsbacher Königshaus bat sein Vater Maximilian Karl bei König Maximilian II. von Bayern für seinen Sohn um eine Offiziersstelle.Vgl. Alphéus, Sylvia/Jegensdorf, Lothar: Fürst Paul von Thurn und Taxis. Ein eigensinniges Leben. Allitera, München 2017, S. 60. Nachdem Paul bereits in Regensburg militärischen Privatunterricht erhalten hatte, trat er am 15. November 1861 mit 18 Jahren als Unterleutnant (Junior-Leutnant) in das 2. Artillerie-Regiment der Bayerischen Armee (Garnison Würzburg) ein. Am 1. November 1863 wurde er Ordonnanzoffizier Maximilians II. und nach dessen unerwartetem Tod am 10. März 1864 Adjutant seines Freundes, des nunmehrigen bayerischen Königs Ludwig II. Am 18. Januar 1865 wurde er mit 20 Jahren bei gleichzeitiger Beförderung zum Oberleutnant zum persönlichen Flügeladjutanten des Königs ernannt.

Während eines dreiwöchigen gemeinsamen Aufenthaltes in der Königlichen Villa in Berchtesgaden (September 1863), den die beiderseitigen Eltern arrangiert hatten, schlossen er und Kronprinz Ludwig eine enge Freundschaft. Die beiden jungen Männer begeisterten sich für Kunst, Musik, Theater und Literatur. Sie liebten Aufenthalte in der Gebirgswelt und waren hervorragende Reiter. Sie hatten beide eine humanistische Schulbildung durchlaufen, waren im katholischen Glauben verwurzelt und nahmen ihre religiösen Pflichten ernst. Äußerlich sahen sie sich zum Verwechseln ähnlich.

Paul von Thurn und Taxis wuchs im Kreis einer großen Familie unter zahlreichen Halbgeschwistern und Geschwistern auf. Das erforderte Anpassung und Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen anderer. Ludwig dagegen hatte nie die Möglichkeit, vergleichbare soziale Erfahrungen zu machen. Seine Erziehung war darauf angelegt, ihn in die Rolle des Kronprinzen einzuüben, so dass er bereits in frühen Jahren von anderen ein unterwürfiges Verhalten erwartete. In seiner herausgehobenen Position war er sozial isoliert. Eigenes Fehlverhalten einzugestehen, sich zu entschuldigen oder konstruktiv mit Kritik umzugehen waren Verhaltensweisen, die er nie lernte. In der Person Pauls begegnete ihm ein fast Gleichaltriger, der seinen Einsamkeitsgefühlen entgegenzuwirken vermochte.

Wie man Ludwigs TagebuchaufzeichnungenNäheres über Auszüge aus Ludwigs bisher unveröffentlichten Tagebüchern bei Alphéus/Jegensdorf, S. 316. und Pauls Briefen an Ludwig entnehmen kann, erlebten sie intensive Phasen einer hochgestimmten, zuweilen ekstatisch gesteigerten Freundschaft mit homoerotischer Konnotation.Vgl. die Erörterung dieses Themenkomplexes bei Alphéus/Jegensdorf (s. Einzelnachweis Nr. 3) unter Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstandes, S. 109–126; hier auch Abdruck und Interpretation von sechs Briefen Pauls an Ludwig aus den Monaten April/Mai 1866. Die erhaltenen Briefe an Ludwig können sowohl als Freundschafts- wie als Liebesbriefe interpretiert werden. Sie lassen aber keinen eindeutigen Schluss auf tatsächlich vollzogenen homosexuellen Verkehr zu. Die von Paul brieflich mitgeteilten zärtlichen Verhaltensweisen wie Küsse, Umarmungen, Treue- und Liebesschwüre bewegen sich historisch gesehen im Rahmen, ggf. im Randbereich empfindsamer Freundschaften unter Männern im 19. Jahrhundert. Paul von Thurn und Taxis war für Ludwig trotz aller späteren bedauerlichen Ereignisse der einzige kongeniale Freund.

Adjutant Ludwigs II. mini|links|Ludwig II. mit Mutter Marie, Bruder Otto und Gefolge (Fürst Paul stehend ganz rechts)

Fürst Paul stand an der Seite eines Königs, den sein unvorbereiteter Regierungsantritt im Alter von 18 Jahren überforderte. Dessen Selbstbild als König „von Gottes Gnaden“ widersprach der Verfassung Bayerns als einer konstitutionellen Monarchie. Scheu vor der Öffentlichkeit und menschliche Defizite beeinträchtigten seine Regentschaft. Er erlebte und erlitt die Folgen von Ludwigs Verkennung politischer Realitäten. Obwohl er ihm in dienstlichen Angelegenheiten unterstellt war, übernahm er gegenüber dem vielfach unentschlossenen und von Stimmungen beeinflussten König die Rolle des Ratgebers, der bestrebt war, ihn vor unbedachten Handlungen zu bewahren.

Vom 18. Juni bis 15. Juli 1864 hielt sich Ludwig mit Begleitung im Kurort Kissingen auf, ein gesellschaftliches Ereignis von europäischem Rang. In Begleitung seines Flügeladjutanten begrüßte er den österreichischen Kaiser Franz Joseph I. und Kaiserin Elisabeth, Zar Alexander II. von Russland und Zarin Maria Alexandrowna. Anwesend waren ebenfalls Pauls Mutter Mathilde Sophie und Helene in Bayern, verheiratete Fürstin von Thurn und Taxis. Damit war er wenige Monate nach seinem Dienstantritt auf internationalem Parkett angekommen.

Zum Abschluss des Herbstmanövers 1864 nahm Ludwig als Oberbefehlshaber der bayerischen Armee am 17. September seine erste Militärparade ab. Beteiligt waren 5700 Soldaten aller Ränge und 1600 Pferde. Zur militärischen Entourage des Königs, an der die Truppen vorbeizogen, gehörte auch der Fürst in farbiger Paradeuniform, denn als Verbindungsoffizier des Königs zur Armee war er Angehöriger der obersten militärischen Ebene.

miniatur|hochkant|Paul von Thurn und Taxis als Lohengrin

Den 20. Geburtstag Ludwigs am 25. August 1865 krönten Paul von Thurn und Taxis und Richard Wagner mit einer theatralischen Aktion. Während ein elektrisch beleuchteter Kahn in Form eines Schwans von einem unsichtbaren Drahtseil über den Alpsee in Richtung Schloss Hohenschwangau gezogen wurde, sang Paul in einem Lohengrin-Kostüm Arien aus der gleichnamigen Wagner-Oper, begleitet von 30 Militärmusikern, die sich, von Wagner dirigiert, am Ufer versteckt hielten. Der Komponist hatte ihn persönlich auf diesen Auftritt vorbereitet. Er wurde von Ludwig für diese bis November dreimal wiederholten Auftritte überschwänglich gelobt. Die bayerische Presse hingegen kommentierte sie höhnisch als skurrile Kindereien, unwürdig eines Staatsoberhauptes. Sie schadeten dem Ansehen Pauls bei seiner Familie und beim gesamten bayerischen Adel.

Die Beziehung zwischen Paul von Thurn und Taxis und Ludwig erreichte ihre größte Intensität in jenen Monaten des Jahres 1866, in denen der Krieg des Deutschen Bundes gegen Preußen vorbereitet, geführt und verloren wurde. Bis zuletzt wollte Ludwig seinem Volk einen Krieg ersparen. Er gab schließlich dem politischen Druck nach, zog sich aber ab Juni wochenlang in Begleitung Pauls nach Schloss Berg und auf die Roseninsel im Starnberger See zurück. Die Bayern sahen sich von ihrem König im Stich gelassen. Paul erkannte das politisch unkluge Verhalten Ludwigs. Dennoch fühlte er sich verpflichtet, an seiner Seite zu bleiben und den Freund in seiner depressiven Phase aufzuheitern. Es gelang ihm, zusammen mit Richard Wagner im Hintergrund, den König von seiner Rücktrittsabsicht abzubringen.Sämtliche Belege für Ludwigs Rücktrittsabsichten und die Verhinderung seines Rücktritts bei Alphéus/Jegensdorf, S. 165–167. Die öffentliche Berichterstattung über die Rückzüge Ludwigs in Begleitung seines Flügeladjutanten und Freundes war verheerend.

Spannungen und Krisen Die Beziehung zwischen Paul und Ludwig war immer wieder Krisen ausgesetzt. Von Anfang an regte sich unter den Hofbeamten Widerstand gegen ihn, weil er in seiner Schlüsselposition zur rechten Hand des Königs und zu dessen Sprachrohr avanciert war: An die Stelle der Herren von Pfistermeister, Lutz und Hoffmann [hochrangige Beamte des königlichen Kabinetts] aber ist der blutjunge, gleich unerfahrene Flügel-Adjutant Fürst Taxis getreten. Er vermittelt jetzt die Gnaden allein.Landshuter Zeitung vom 25. September 1866. Er wurde mehrfach bei Ludwig durch Zuträger denunziert, erstmals im Herbst 1863.Vgl. BayHStA-GHA: Kabinettsakten Ludwigs II. 66. Hinzu kamen die unberechenbaren Gefühlsschwankungen Ludwigs und dessen Unfähigkeit, mit Kritik umzugehen. Vermutlich war er der Einzige im Umfeld des Königs, der es wagte, ihm zu widersprechen. Ihr trotz aller Treuebekundungen krisenanfälliges Verhältnis eskalierte im Frühjahr 1866, doch noch einmal kam es zur Versöhnung.Ebendort.

Das Spannungsverhältnis zwischen zärtlicher Freundschaft auf Augenhöhe und abhängiger dienstlicher Stellung charakterisierte seine Situation von Anfang an. Die mit diesem Konfliktpotenzial gegebene Brisanz unterschätzte er. Da sich in seiner Doppelfunktion Privates und Dienstliches unentwirrbar mischten, war er unentwegt im Einsatz. Ludwig verlangte die sofortige Umsetzung seiner privaten Wünsche und dienstlichen Anweisungen. Gleichzeitig neigte er zur Nachtarbeit und legte mit Paul weite Entfernungen per Pferd auch nachts zurück, so dass sich bei ihm tagsüber Ermüdungsphasen einstellten.Ludwig notiert z. B. am 1. September in seinem Tagebuch: „Friedrich sehr müde“.

Während eines mehrtägigen Gebirgsausfluges stürzte Ludwig am 7. September 1866 mit seinem Pferd bei Böbing/Oberbayern auf den neben ihm reitenden Fürsten Paul, der eine nicht unbedeutende Kopfverletzung erlitt,Neuer Bayerischer Kurier vom 12. September 1866. vermutlich eine schwere Gehirnerschütterung und weitere Verletzungen. Ludwig fürchtete in den folgenden schwarzumflorten StundenLudwig II.: BayHStA-GHA, Kabinettsakten Ludwigs II. 68. um dessen Leben, begleitete seinen Transport per Zug bis Starnberg und besuchte den langsam Genesenden täglich in seiner Münchener Wohnung in der Türkenstraße 82. Nach drei Wochen nahm Paul seinen Dienst wieder auf, er kam aber auf Grund seiner geschwächten Konstitution mit der Erledigung von Aufträgen Ludwigs in Verzug.

Paul – Ludwig II. – Richard Wagner – Cosima von Bülow