Abtötung, auch MortifikationDuden: Stichwort Mortifikation., ist ein traditioneller, bildhafter und mehrdeutiger Ausdruck vor allem im Bereich der christlichen Theologie.
Nach dem christlichen Glauben steht der Mensch als Sünder vor Gott. Durch Tod und Auferstehung Jesu Christi wurden die Menschen von der Sünde befreit („erlöst“). Für den einzelnen Menschen bedeutet dies im Bild von Paulus seinen Tod als sündiger Mensch und die Teilhabe „am neuen Leben Jesu“. Abtötung zielt in der Sprache dieses Bildes daher auf den Tod des „alten“, d. h. sündigen Menschen. Es besteht nicht nur eine anfängliche Störung der Beziehung des Menschen zu Gott (Erbsünde). Als Folge der Erbsünde und als Folge persönlicher Sünden verbleibt trotz Taufe im Verhältnis des Menschen in/zu sich selbst, zu anderen Menschen und zu Gott eine Unordnung und Neigung zur Sünde (Konkupiszenz). Auch nach der Taufe bedarf es daher eines anhaltenden Prozesses der Umgestaltung des Gläubigen (Abtötung im weiteren Sinn) und einer aktiven Mitwirkung daran (Abtötung im engeren Sinn).
Biblische Sprachwelt Von mehreren Stellen im Neuen Testament zum Thema Abtötung werden hier nur drei prominente angeführt:Adolphe Tanquerey: Grundriss der aszetischen und mystischen Theologie. Desclée; Paris, Tournau, Rom 1935, Nr. 752 führt an (Zitierung nach der Einheitsübersetzung, für andere Übersetzungen siehe Deutsche Bibelgesellschaft (evangelisch)) „Darum kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet“ „Zu allen sagte er: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ „Alle, die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt.“ „Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue gehalten.“ Emmerich Raitz von Frentz: Abtötung. In: Josef Höfer; Karl Rahner (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche (LThK). Herder, Freiburg. Bd. 1. 2. Auflage 1957 (Sonderausgabe 1986), Sp. 95 f. nennt: (mit dem Zusatz: „falsche Askese!“); ; ; ; ; ; ;
Auf Grund dieser und ähnlicher Textstellen wurde der asketische Begriff der Abtötung entwickelt. Um dessen spirituelle Einbettung zu betonen, wurde diesem noch ein Begriff der Abtötung in einem weiteren Sinn vorangestellt.So Emmerich Raitz von Frentz: Abtötung. In: Josef Höfer; Karl Rahner (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche (LThK). Herder, Freiburg. Bd. 1. 2. Auflage 1957 (Sonderausgabe 1986), Sp. 95. Anders die 1. Auflage des LThK, die nur auf eine rein asketische Bedeutung des Ausdrucks eingeht.
Aussagen in Katechismen Im Katechismus der Katholischen Kirche (römisch-katholisch) wird der Ausdruck Abtötung an zwei Stellen erwähnt:
Der Katholische Erwachsenen-Katechismus enthält den Ausdruck „Abtötung“ nicht.Deutsche Bischofskonferenz (Hrsg.): Katholischer Erwachsenenkatechismus. Das Glaubensbekenntnis der Kirche. (KEK) - 4. Aufl. - Butzon & Bercker, Kevelaer, 1989, S. 333 f. Volltextsuche
Weitere Rezeption Elisabeth Cruciger (ca. 1500–1535) formuliert im protestantischen Chióral Herr Christ, der einig Gotts Sohn im Anschluss an Römer 6 zusammenfassend „Ertöt uns durch dein Güte, / erweck uns durch dein Gnad. / Den alten Menschen kränke, / dass der neu’ leben mag…“ Diesen Vers nimmt Johann Sebastian Bach auf in den Kantaten Jesus nahm zu sich die Zwölfe (BWV 22, Choral 5) sowie Herr Christ, der einge Gottessohn (BWV 96, Choral 6).
Abtötung im weiteren Sinn In einem weiten paulinischen Sinn bedeutet Abtötung das „grundsätzliche sakramentale Sterben bei der Taufe dauernd im Leben (vgl. auch ), indem sich die Tötung der todmachenden Sünde durch den Glauben und die Taufe im realen Leid und Tod des Lebens und (wohl auch nach Paulus) durch aktives Übernehmen des Verzichts (als eine Einübung des christlichen Sterbens) auf das ganze Dasein des Menschen in allen seinen Dimensionen ausbreitet“.So Emmerich Raitz von Frentz: Abtötung. In: Josef Höfer; Karl Rahner (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche (LThK). Herder, Freiburg. Bd. 1. 2. Auflage 1957 (Sonderausgabe 1986), Sp. 95
Abtötung im engeren Sinn Im engeren, herrschenden Sinn ist Abtötung ein „Leitbegriff der katholischenZu unterscheiden ist die Frage der Verwendung des Terminus Abtötung von der Sachfrage, ob die Notwendigkeit eines asketischen Bemühens für ein christliches Leben bejaht wird. Auch wenn die reformatorischen Theologien den Ausdruck Abtötung nicht verwenden sollten, kann in der Sache dasselbe oder ähnliches gemeint sein, vgl. den Artikel Askese. Askese“.Brockhaus Enzyklopädie. 17. Auflage. Brockhaus, Wiesbaden 1966: Abtötung.
Der Ausdruck Abtötung wird heute vielfach durch gemilderte Ausdrücke ersetzt. „Man spricht von Veränderung der Lebensweise, von Selbstbeherrschung, Willensbildung, Richtung der Seele auf Gott.“Adolphe Tanquerey: Grundriss der aszetischen und mystischen Theologie. Desclée; Paris, Tournau, Rom 1935, Nr. 753 (auch online (französisch))
Definition Definiert werden Abtötungen unter anderem als „aktive (initiativ geübte) innere und äußere Verzichtsleistungen und Bußwerke, die das Triebleben (Selbsterhaltungs- und Geschlechtstrieb) in das eine Ganze des christlichen Lebens einordnen sollen.“Emmerich Raitz von Frentz: Abtötung. In: Josef Höfer; Karl Rahner (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche (LThK). Herder, Freiburg. Bd. 1. 2. Auflage 1957 (Sonderausgabe 1986), Sp. 95 f. In klassischer Manier wird Abtötung definiert als „Kampf gegen die bösen Neigungen, um sie dem Willen und diesen Gott zu unterwerfen“.Adolphe Tanquerey: Grundriss der aszetischen und mystischen Theologie. Desclée; Paris, Tournau, Rom 1935, Nr. 754 Eingängiger als „die verschiedenen Einschränkungen, die sich der Christ – wie übrigens jeder andere auch – auferlegen muß, wenn er leben und gut leben will“.Gustave Thils: Christliche Heiligkeit. Handbuch der aszetischen Theologie für Ordensleute, Priester und Laien. Manz, München 1961, S. 354
Abgrenzungen Buße Die Abtötung ist von der Buße abzugrenzen. Geht es bei der Abtötung um Sühne für begangene Sünden, so ist sie BußeSo Adolphe Tanquerey: Grundriss der aszetischen und mystischen Theologie. Desclée; Paris, Tournau, Rom 1935, Nr. 652, genauer (möglicher) „Ausdruck und Steigerung der Bußgesinnung“.A.M. Henry: Die Theologie des Bußsakramentes. In: Arbeitsgemeinschaft von Theologen (Hrsg.): Die Katholische Glaubenswelt. Bd. 3, 3. Auflage. Herder, Freiburg/Basel/Wien 1961: Die Heilsökonomie., S. 536
Abtötung „im eigentlichen Sinne“ sei aber die „zur Verminderung gegenwärtiger und zukünftiger Fehler“.Adolphe Tanquerey: Grundriss der aszetischen und mystischen Theologie. Nr. 652, Desclée, Paris/Tournau/Rom 1935.
Betont wird (auch) in der katholischen Theologie, dass Buße im Sinne von Umkehr und Bekehrung zwar nicht ohne „äußere Akte und Werke“ auskomme, „die Buße [aber] nicht durch solche Akte definiert werden kann“: „Die Buße ist im wesentlichen weder Askese noch Werk der Abtötung, noch Genugtuung; sie ist ein innerlicher und geistiger Akt, eine Bekehrung des Herzens. Sie kann wohl Abtötung, Wiedergutmachung und sakramentales Bekenntnis einschließen, aber dies ist alles zweitrangig oder kommt doch erst an zweiter Stelle.“A.M. Henry: Die Theologie des Bußsakramentes. In: Arbeitsgemeinschaft von Theologen (Hrsg.): Die Katholische Glaubenswelt. - Herder; Freiburg, Basel, Wien. - 3. Auflage. - Bd. 3, 1961: Die Heilsökonomie., S. 535
Tugend Die traditionelle katholische Ethik ist tugendethisch ausgerichtet. Die Abtötung „ist weniger eine einzelne Tugend, als eine Gesamtheit von Tugenden, die erste Stufe aller Tugenden, welche zwecks Wiederherstellung des Gleichgewichtes und rechtmäßiger Rangordnung der Fähigkeiten in der Überwindung der Hindernisse besteht.“
Ziel der Abtötung Das Ziel der Abtötung ist in der Perspektive der katholischen Theologie die „Vereinigung mit Gott“. Abtötungen haben nur einen Wert, wenn sie „Akte der Liebe“Gustave Thils: Christliche Heiligkeit. Handbuch der aszetischen Theologie für Ordensleute, Priester und Laien. Manz, München 1961, S. 34 sind: „... die Abtötung ist nicht Ziel, sondern nur Mittel. Man tötet sich ab, nur um eines höheren Lebens teilhaftig zu werden. Man entledigt sich der äußeren Güter, nur um die geistlichen Güter besser zu genießen. Man verzichtet auf sich selbst, nur um Gott zu besitzen. Nur um Frieden zu genießen, kämpft man.“ Ziel des christlichen Lebens ist in katholischen Termini die „Heiligkeit“ und es gilt: „Alle Heiligen haben sich abgetötet“ sowie: „Ohne Abtötung ist Nachfolge Christi nicht möglich.“Karl Hilgenreiner: Abtötung. In: Michael Buchberger (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche (LThK). Herder, Freiburg. - Bd. 1, 1930, Sp. 54.
Abtötung und Askese Die Abtötung ist im Zusammenhang mit der allgemeinen Askese zu sehen. Röm 6, 3-5 anführend heißt es im KEK: „Das ganze christliche Leben muß deshalb eine ständige Bekehrung und ein ständiger Kampf mit den Mächten der Sünde sein wie ein beständiges Wachsen im neuen Leben, in Glaube, Hoffnung und Liebe. Dazu gehören auch Askese, d. h. das beharrliche Bemühen, alles abzulegen, was nicht dem Geist Jesu Christi entspricht, und die Einübung ins Christsein, d. h. das Bemühen, dem Bild Jesu Christi gleichgestaltet zu werden und in seiner Kraft zu erstarken (vgl. ; , ). Als Mittel dazu nennt die kirchliche Überlieferung Fasten, Gebet und Almosen (vgl. ; ).“
Kritik der Abtötung Die Abtötung sieht sich Kritik, Missverständnissen und Missbräuchen ausgesetzt:
Zum einen besteht – insbesondere aus protestantischer Sicht – die Gefahr einer Werkgerechtigkeit. Unabhängig von der Frage des Verhältnisses von Gnade und Freiheit bei der Rechtfertigung besteht praktisch die Gefahr der Selbstgerechtigkeit, Selbstgefälligkeit und geistlichen Stolzes.
Die christliche Lehre von der Abtötung wird kritisiert als lust-, leib- und lebensfeindlich.Zur Theorie und Praxis der Leibfeindlichkeit siehe auch: Heribert Jone Katholische Moraltheologie, 1940, Ziff. 234 ff. Fritz Leist Der sexuelle Notstand und die Kirchen, Herder-Bd.Nr. 423, 1972, ISBN 3-451-01923-X Die christliche Theologie sieht diesen Vorwurf als ungerechtfertigt an und betont, dass Lust – auch sexuelle Lust –, der menschliche Leib und das Leben in sich gut seien: „Diese christliche Auffassung [von der Abtötung] ist gleich entfernt von sektenmäßigem Haß und Verachtung des Leibes wie von seiner Vergötterung im Sinne des modernen Heidentums.“ Die Abtötung bekämpfe nicht den Leib, sondern die Sünde im Leib (AugustinusSo Augustinus: De doctrina christiana 1, 24, nach Karl Hilgenreiner: Abtötung. In: Michael Buchberger (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche (LThK). Herder, Freiburg. - Bd. 1, 1930, Sp. 54.).
Die christliche Lehre von der Abtötung macht nur Sinn auf der Grundlage der Prämisse des Bestehens einer Erbsünde vor der Taufe und einer verbleibenden Sündenneigung (Konkupiszenz) trotz Taufe. Sieht man den Menschen und jede seiner Regungen und Neigungen als natürlich gut und in sich harmonisch an (vgl. etwa Rousseau), gibt es nichts, was zu kultivieren oder einzuschränken ist.
Abtötung ist nicht nur etwas für Ordensleute oder Kleriker, sondern auch für Laien. Die Abtötungen einer Familienmutter sind andere als die eines Kartäusermönchs.Vgl. Gustave Thils: Christliche Heiligkeit. Handbuch der aszetischen Theologie für Ordensleute, Priester und Laien. Manz, München 1961, S. 34: „Aber welch ein Unterschied der ‚Form‘ und ‚Färbung‘ z. B. besteht in den Abtötungen, die sich aus den Standespflichten ergeben.“ Abtötungen von Laien sollten in der Regel unspektakulär sein und der Verbesserung der sozialen, familiären und beruflichen Kompetenzen dienen.