mini|Königreich East Anglia während der frühen Anglo/Angle-Saxon-Periode, mit Sutton Hoo im Südosten nahe der Küste Bei den Silberfunden des Schiffsgrabs von Sutton Hoo handelt es sich um 16 Silberobjekte, die im Jahr 1939 im Grabhügel (tumulus) eines angelsächsischen Bootsgrabes aus dem 7. Jahrhundert auf der archäologischen Fundstätte von Sutton Hoo gefunden wurden. Das Bootsgrab wurde durch den Amateurarchäologen und Ausgräber Basil Brown (22. Januar 1888–12. März 1977) entdeckt, der im Auftrag der Grundstücksbesitzerin Edith Pretty an den Grabhügeln erste Ausgrabungen vornahm. Es handelt sich bei dem Fund um das Grab mit den reichsten Grabbeigaben, die bisher in England gefunden wurden. Die Silberobjekte befinden sich heute im British Museum in London, an das Edith Pretty die Funde gestiftet hatte.

Fundgeschichte Das Schiffsgrab von Sutton Hoo ist ein Grabhügel auf einem Gräberfeld von insgesamt 18 Grabhügeln, die sich auf dem Heideland in Suffolk gegenüber der kleinen Stadt Woodbridge befinden. Auf Veranlassung der Grundstücksbesitzerin wurden 1938 Ausgrabungen in die Wege geleitet, welche bis in die 1980er Jahre anhielten. Die Ausgräber entdeckten reiche Grabbeigaben und eine gemischte Bestattungspraxis, deren charakteristisches Merkmal in Sutton Hoo sowohl Bestattungen als auch Verbrennungen waren.

Ort des Silberfundes im Schiffsgrab Nr. 1 mini|Rekonstruktion der Grabkammer mit der Anastasius-Schale Von besonderer Bedeutung erwies sich das im Jahr 1939 ausgegrabene Schiffsgrab unter Hügel 1, der einst ein 27 m langes Holzschiff bedeckte. Die von diesem Schiff erhaltenen Eisenniete sowie deutliche Abdrücke im feuchten Sand erlauben einen Einblick in die einstigen Dimensionen dieses Schiffes. In dessen Mitte befand sich eine hölzerne Grabkammer, in der sich reiche Grabbeigaben in einem guten Zustand erhalten haben. Es handelt sich hierbei um die größte Entdeckung der englischen Archäologie. So wurden neben den Silberobjekten ein Eisenhelm, ein Schild, Reste eines Schwertes sowie Textilreste, Goldschmuck, ein Zepter und 37 merowingische Goldmünzen zu Tage gefördert.

Zuordnung als Grab Rædwalds In der Wissenschaft wird die Ansicht vertreten, dass es sich bei dem Bestatteten um ein Mitglied der königlichen Dynastie der Wuffinger handeln könnte, die im 7. Jahrhundert über das Königreich East Anglia in England herrschten. Diese Vermutung wurde gestützt durch numismatische Untersuchungen der 37 merowingischen Goldmünzen, welche eine Datierung des Grabes in das erste Viertel des 7. Jahrhunderts erlauben. Wer jedoch in dem Grab bestattet liegt, ist ungeklärt, zumal keine menschlichen Überreste gefunden wurden. Chemische Analysen der Grabkammer legen jedoch nahe, dass dort ein Mensch bestattet worden sein könnte. Es wird in der Forschung nahezu einstimmig die Ansicht vertreten, dass es sich um das Grab von König Rædwald aus der Dynastie der Wuffinger handelt. Als Begründung für diese Vermutung werden die Angaben der von Beda Venerabilis verfassten Kirchengeschichte des Volkes der Angeln herangezogen, der zufolge Rædwald sowohl heidnische als auch christliche Bräuche praktizierte. Diese spiegelt sich danach in dem Grab wider – so werden in der Bestattungspraxis und einigen Grabbeigaben, wie dem Eisenhelm und dem Zepter, heidnische und in den Silberobjekten christliche Bezüge gesehen. Überdies wird Rædwald, so die Forschungsmeinungen, um 624/25 verstorben sein, was genau zur Grabdatierung passen würde.Einen vertiefenden Einblick in die Wuffinga-Dynastie ermöglicht Karl Hauck: Zum ersten Band der Sutton-Hoo-Edition. In: Frühmittelalterliche Studien 12 (1978), S. 438–456; siehe hierzu auch: Joachim Werner: Das Schiffsgrab von Sutton Hoo. Forschungsgeschichte und Informationsstand zwischen 1939 und 1980. In: Germania 60 (1982), S. 193–209. Einen Überblick zu den Angelsachsen mit einem kurzen Exkurs auf das Schiffsgrab von Sutton Hoo bietet Harald Kleinschmidt: Die Angelsachsen. München 2011, ISBN 978-3-406-62137-6.

Zusammensetzung des Silberfundes Die 16 Silberobjekte setzen sich aus einer großen Silberplatte, einem gerippten Silberbecken sowie zehn Silberschalen und zwei Löffeln zusammen. Darüber hinaus wurden ein Silberbecher sowie ein Schöpflöffel entdeckt. Gemeinsam ist allen Silberobjekten, dass sie aus dem mediterranen Raum stammen.

Die Anastasius-Platte Die Anastasius-PlatteRupert Bruce-Mitford: The Sutton Hoo Ship-burial. Bd. 3. London 1983, S. 4–45; zur Herstellung der Anastasius-Platte siehe S. 166–178; Josef Engemann: Ein Missorium des Anastasius. Überlegungen zum ikonographischen Programm der „Anastasius“-Platte aus dem Sutton Hoo Ship-Burial. In: Marcell Restle (Hrsg.): Festschrift für Klaus Wessel zum 70. Geburtstag. München 1988 (Münchner Arbeiten zur Kunstgeschichte und Archäologie, 2), S. 103–115. ist mit einem Durchmesser von 72 cm und einer Höhe von 9,8 cm die größte Platte der Silberobjekte aus dem Schiffsgrab von Sutton Hoo. Fußring und Platte sind aus einem Stück gefertigt. Der Rand der Platte ist erhöht, hat eine Breite von 35 cm und weist am oberen Ende einen Riss auf. Auf der vom Fußring umschlossenen Fläche auf der Rückseite der Platte befinden sich vier Kontrollstempel, von denen zwei Stempel eindeutig den Namen „Anastasius“ in lateinischen Buchstaben tragen. Dies erlaubt eine Datierung dieser Platte in seine Regierungszeit zwischen 491 und 518.Mit dem Kontrollstempelsystem beschäftigt sich ausführlich: Erica Cruikshank Dodd: Byzantine silver stamps. Washington 1961 (Dumbarton Oaks Studies, 7), S. 1–59. Die Platte besteht aus drei Verzierungszonen: einem zentralen Rondell, welches ein Medaillon enthält, einem darum laufenden verzierten Ring sowie einem ebenfalls verzierten Rand. Die Verzierungen aller drei Zonen setzen sich aus Ovalformen, Lyrenmotiven, Zickzack – und Hakenkreuzmustern sowie sich überschneidenden Kreisen zusammen.

Im zentralen Rondell der Platte befindet sich in einem kleinen Medaillon relativ mittig ein Vogel. Er steht aufrecht im Halbprofil und blickt hinter den linken der beiden ausgestreckten Flügel. Das Medaillon wird eingefasst von einem Achteck, welches aus zwei sich überlagernden Quadraten besteht. Die acht Ecken werden von einem Kreis umschlossen, der ebenfalls von einem Achteck umgeben wird. Die jeweiligen Ecken beinhalten florale Verzierungselemente. Das eben besprochene zentrale Rondell ist von einem Ornamentring mit einem Durchmesser von 31,5 cm umgeben. Auf diesem Ring sind vier Medaillons dargestellt. In Medaillon A und B befinden sich jeweils eine vollbekleidete, sitzende, weibliche Gestalt, die in der rechten Hand einen Speer hält und in der Linken einen Globus. Beide Figuren tragen einen Helm mit Helmbusch. Die zwei Figuren in den Medaillons C und D laufen in entgegengesetzte Richtungen mit flatternden Gewändern und einer Krone auf dem Kopf. Ihre Arme haben sie jeweils ausgestreckt. Dabei hält die Figur in Medaillon C einen annähernd runden Gegenstand in ihrer Hand, vielleicht ein Globus, die Figur in Medaillon D hingegen ein Objekt, das ein Boot mit Mast darstellen könnte. Der Rand der Anastasius-Platte wird ebenfalls von vier Medaillons geschmückt. Von den in den Rahmenmedaillons dargestellten Putti laufen diejenigen in Medaillon E und F nach links, die zwei anderen nach rechts. Drei von ihnen sind bis auf eine Art wehenden Schal nackt, die Figur in Medaillon G hingegen ist voll bekleidet. Alle Putti halten ihre Hände ausgestreckt und tragen jeweils einen Gegenstand.

Weitergehende Überlegungen zur Deutung des ikonographischen Programms auf der Anastasius-Platte unternahm Josef Engemann. Für ihn stellt die Figur in Medaillon A die Tyche Roms dar, die Figur in Medaillon B die Stadtpersonifikation von Konstantinopel. Die Figur in Medaillon C könnte Alexandria sein und entsprechend die Figur in Medaillon D Antiochia. Engemann bezieht sich dabei auf die in der Tabula Peutingeriana gezeigten Stadtpersonifikationen. In den Knaben der Medaillons auf dem Rand der Platte sieht Engemann Gaben-Bringer. Dabei hat der voll bekleidete Knabe sogar seine Hände verhüllt, ein Zeichen der Huldigung. Als Adressaten der Huldigung sieht Engemann den Vogel im zentralen Rondell der Platte, den er als Adler identifiziert. Bei dem Adler handelt es sich um das Symboltier des Kaisers. Laut Engemann besteht zwischen den Stadtpersonifikationen und dem Adler ebenfalls eine Verbindung, wobei er sich auf das Barberini-Diptychon in Paris bezieht. Dieses zeigt einen reitenden Kaiser, der die Huldigung von einem Barbaren-Herrscher und einem Konsul empfängt, während über ihm Engel das Clipeusbild des segnenden Christus tragen. In ähnlicher Weise erscheint über der Roma in Medaillon A der Adler als Zeichen des Kaisers. Die in den Medaillons auf dem Rand der Anastasius-Platte dargestellten Gaben-Bringer sind als Hinweis auf die zu erwartende felicitas temporum (= Glück der Zeiten) und die felicia tempora (= die glücklichen Zeiten) zu sehen. Die Stadtpersonifikationen Rom und Konstantinopel weisen auf die gloria romanorum (= Ruhm der Römer) und die gloria rei publicae (= Ruhm des Staates) hin. Der gesamte figürliche Dekor der Anastasius-Platte bezieht sich auf den Adler, so dass Engemann zufolge „die Platte als kaiserliches Missorium angesehen werden muss.“Engemann, Ein Missorium des Anastasius, S. 112. Als Beispiel für eine weitere Kaiserplatte sei auf das Theodosius-Missorium hingewiesen.Richard Delbrueck: Die Consulardiptychen und verwandte Denkmäler. Berlin, Leipzig 1929 (Studien zur spätantiken Kunstgeschichte), S. 235–242. Für dieses wird eine Datierung auf 388 n. Chr. angenommen. Es hat einen Durchmesser von 74 cm und ist damit noch größer als die Anastasius-Platte. Auf der Platte ist im Vordergrund Kaiser Theodosius I. dargestellt, der von 379 bis 395 regierte. Er kann mittels einer umlaufenden Inschrift auf der Bildseite identifiziert werden. Theodosius wird hier als prunkvoll gekleidete Person, frontal sitzend mit einem Diadem auf dem Kopf und einem ihn überragenden Nimbus dargestellt, während sich hinter ihm seine zwei Mitregenten, ebenfalls sitzend, befinden. Wie bei der Anastasius-Platte bewegen sich auch hier Genien mit ausgestreckten Händen auf den Kaiser zu. In Anbetracht der Tatsache, dass die Anastasius-Platte rund zwei Jahrhunderte älter ist als das Schiffsgrab, liegt die Vermutung nahe, dass die Platte länger in Familienbesitz gewesen sein muss und wohl an die jeweils nächste Generation weitervererbt wurde. Demnach wird die Anastasius-Platte eine hohe Wertschätzung erfahren haben.

Das gerippte Silberbecken Da das SilberbeckenBruce-Mitford, Sutton Hoo, S. 45–69; zur Herstellung siehe S. 178–184. stark deformiert ist, schwankt sein Durchmesser zwischen 39 und 41 cm. Es hat eine Höhe von ungefähr 15 cm. Die gleichmäßig gearbeiteten 53 Rippen wurden herausgetrieben, das Becken selbst geschmiedet. Die Rückseite ist schlicht. Auf der dünnsten Stelle drückt sich das Medaillon durch. Ein Fußring von 1,9 cm Durchmesser wurde an das Becken angelötet, ebenso die zwei tropfenförmigen Griffe.