Die Frau im Tal ist ein Roman von Ketil Bjørnstad, erschienen 2009 bei Aschehoug unter dem norwegische Originaltitel Damen i dalen (deutschsprachige Erstausgabe 2010 im Insel Verlag). Dabei handelt es sich um den dritten und abschließenden Band einer Romantrilogie, die das Leben des Jungpianisten Aksel Vinding im Alter von 15 bis 20 beschreibt (Band 1: Vindings Spiel; Band 2: Der Fluss).

Das autobiographische Moment dieses Romanwerks besteht hauptsächlich in den auf die Klaviermusik gerichteten Schilderungen und Reflexionen und in den Osloer Schauplätzen sowie im Eingehen auf Leben und Landschaft in der Finnmark, der Wahlheimat von Sigrun Liljerot, der Frau im Tal. Verhältnisse und Hauptpersonen im Umfeld des Ich-Erzählers sind aber mit deutlich anderen Zügen ausgestattet als die von Björnstad in seiner sechsbändigen Autobiographie Die Welt, die meine war eingehend dargestellten Milieuerfahrungen und Personen seines näheren Umfelds. Die Romanhandlung begleitet mit teils drastischen Mitteln und Einschnitten Axel Vindings Selbstfindungsprozess als Mensch und Künstler in annähernd chronologischer Parallelität zu Björnstads Werdegang.

Gliederung und Gestaltung

Der Roman Die Frau im Tal ist formal in drei Teile und einen Epilog gegliedert, jeweils durch eine ganze Reihe von kurzen, inhaltsbezogenen Überschriften aufgelockert. Teil 1 behandelt Aksel Vindings Suizidversuch und Rückkehr ins Leben; Teil 2 schildert sein Ankommen in der Finnmark, seine Annäherung an die verheiratete Distriktsärztin Sigrun Liljerot und seine Konzerttour in Nordnorwegen; im dritten Teil kommt es zu einer Reihe von Klärungsprozessen bezüglich Aksels musikalischer Ausrichtung und persönlicher Lebenseinstellung. Der Epilog rückt Aksels Abschiede von der titelgebenden Frau im Tal, von Nordnorwegen und vom Osloer Skoog-Haus in den Blickpunkt und eröffnet Perspektiven für ein selbstbestimmtes Leben des Protagonisten.

Erzählt ist dieser Band wie seine beiden Vorläufer aus der Perspektive des jungen Pianisten Aksel Vinding. Neben die Darstellung seiner Erlebnisse, Gefühle und Reflexionen treten zahlreiche Dialoge Aksels mit Personen seines sozialen Umfelds sowie eine Reihe von Traumsequenzen, in denen es außer den erotischen Frauenbeziehungen unter anderem um Aksels künstlerisches Fortkommen in Auseinandersetzung mit bedeutenden Komponisten und Künstlern der Vergangenheit geht.

Romaninhalt und -personal

Zurück im Leben

Den Auftakt dieses dritten Folgeromans bildet eine Dialogszene, in der zunächst offenbleibt, wem Aksel Vinding so überaus detailgenau seine Nahtod-Erfahrung beim Suizidversuch just in jener Flussströmung schildert, in der eingangs des ersten Romanbandes seine Mutter zu Tode kam. Aksel bekennt, es sei ihm darum gegangen zu schaffen, was Anja Skoog und ihre Mutter Marianne, seine schwangere Ehefrau, geschafft hätten: Er wollte den Tod finden, um ihnen wieder nahe zu sein. Beim Angeln – beiderseits unverhofft – vor dem Ertrinken gerettet hat den bereits Bewusstlosen Gabriel Holst, der sich als Jazzmusiker zu erkennen gibt. Gegenüber dem Psychiater Gudvin Säffle reklamiert Aksel vorerst weiter ein Recht auf den eigenen Suizid und wird auf der geschlossenen Station entsprechend therapiert. Säffle sucht nach Angehörigen und Besuchern, die Aksels Lebensmut anfachen sollen. Dem erscheint im Traum sein Künstleragent W. Gude, der ihm als allein dazu Befähigtem eine Neubelebung des 2. Klavierkonzerts von Rachmaninow anträgt. Tatsächlich lässt Aksel nur den Besuch seiner besten Freundin Rebecca Frost zu, die auf eine Lösung seiner Bindung zu den Skoog-Frauen zielt. Schließlich gibt Säffle nach ein paar Tagen Aksels Forderung nach, rechtzeitig vor der Beerdigung seiner Frau Marianne entlassen zu werden. (S. 11–36)

Weichenstellende Trauerfeier

Die Beisetzung im Juni 1971 findet wegen der Bekanntheit der auch politisch engagierten Ärztin Marianne Skoog unter einiger gesellschaftlicher Anteilnahme statt. Für viele überraschend präsentiert sich dabei der 17 Jahre jüngere Aksel Vinding als ihr Ehemann. Vor dem Sarg begegnet Aksel erstmals der aus Nordnorwegen angereisten Schwester Mariannes, die ebenfalls Ärztin ist, Sigrun Liljerot, begleitet von ihrem Ehemann Eirik Kjosen. Die Ähnlichkeit Sigruns mit Anja und Marianne Skoog frappiert Aksel. Erst am Sarg bemerkt Sigrun, dass ihre Schwester schwanger war. Aksel nimmt Abschied von Mutter und Kind. Mariannes und Sigruns Mutter, die Psychiaterin Ida Marie Liljerot, hat im Vorfeld auf Aksel eingewirkt, dass er als Pianist weitermachen müsse und dass er auch bei Mariannes Beisetzung spielen solle. Daran hält er sich, indem er die Eigenkomposition „Elven“ (Der Fluss) darbietet – wie bereits bei seinem Konzertdebüt. Während des Anschlussbegängnisses in einem Lokal will Aksel von Sigrun wissen, warum sie nicht auch zur Beerdigung ihrer Nichte Anja angereist ist, und hört von Sigruns Fehlgeburt just zu dieser Zeit. Sowohl Eirik, der als Sport- und Musiklehrer in einer Internatsschule arbeitet, als auch Sigrun selbst, die Distriktärztin für Sør-Varanger, laden den jungen Witwer zu einem Erholungsurlaub zu sich ins Pasvikdalen nahe der russischen Grenze ein. Als die Stimmung unter den Gästen der Beisetzungsfeier allzu gelöst wird, verlässt Aksel gemeinsam mit Gabriel Holst und seiner Freundin Jeanette, einer Schauspiel-Schülerin, die Veranstaltung zugunsten eines Musikkeller-Besuchs, in dem der von Holst selbst praktizierte Free Jazz erklingt und in dem Aksel zu seiner Überraschung die eigene Schwester Catherine als Bedienung antrifft. Am Ende des Tages besteht Aksel darauf, allein mit der Tram in das Skoog-Haus zurückzukehren und beschließt, Gespräche mit seiner Musiklehrerin Selma Lynge und seinem Impresario W. Gude, um seinem Leben eine neue Richtung zu geben. (S. 40–63)

Aufbruch gegen Widerstände

Bei einer gemeinsamen Wanderung auf den Brunkollen, einem Berg nordwestlich von Oslo, bemüht sich Rebecca Frost, ihm Perspektiven zur Abkürzung seiner Trauer aufzuzeigen. Gabriel Holst wiederum wirkt auf ihn ein, sich von den Toten, den toten Komponisten, zu lösen: „Egal, wie du Beethovens op. 110 spielst, du hast ihn überliefert bekommen. Du hast Dich entschieden, zu den Überlieferern zu gehören.“ (S. 79) Stattdessen solle Aksel es ihm gleichtun und seine eigenen Wege in der Musik gehen. Der fasst einen Plan, den er gegen die Widerstände Selma Lynges und W. Gudes zur Geltung bringen will, die den erfolgreichen Debütanten für ein fortgesetztes Musikstudium in Wien und für Auftritte in großen internationalen Konzertsälen vorgesehen haben. Als Lynge von ihm hört, dass er nicht mit dem B-Dur-Klavierkonzert von Brahms auf die von W. Gude und ihr geplante Tournee gehen will, sondern in Kirkenes das 2. Klavierkonzert von Rachmaninow einüben will, das dieser in düsterer Stimmung komponiert hatte, wird sie beinahe handgreiflich, kann seinen Abschied von ihr aber nicht verhindern. Von W. Gude verlangt Aksel, dass der ihm eine Konzerttour in Nordnorwegen zusammenstelle. Gegen dessen Einwände führt er den eigenen Traum an, wonach ihn W. Gude selbst zu Rachmaninows 2. Klavierkonzert inspiriert habe habe, das er hoffe, dort in Ruhe einüben zu können. Der erwidert: „Du hast selbst gesagt, daß Brahms für dich der Größte ist. Das B-Dur-Konzert. Für mich bist du im Moment der talentierteste Springer. Die Holmenkollenschanze steht zu deiner Verfügung. Aber du stehst oben und verzichtest auf den Sprung. Nicht aus Angst, denn die Schanze meisterst du. Sondern weil es dich nicht interessiert. Weil du lieber einen Spaziergang im Wald machen möchtest.“ (S. 94 f.) Das Motiv Sigrun Liljerot erwähnt Aksel nicht; und W. Gude versteht nicht, dass die Gemeindesäle der Eismeerküste attraktiver sein sollen als etwa der Herkulessaal in München. Resigniert sagt er Aksel schließlich zu, die Konzerte in Nordnorwegen für ihn zu organisieren. Vor der Abreise verabschiedet sich Aksel von seinem Bekannten im Musikverlag Kjell Hillveg, der ob besagter Pläne ebenfalls die Stirn runzelt und empfiehlt, lieber das A-Dur-Konzert von Mozart einzustudieren. Aksels Entschlossenheit spürend, setzt er auf Vertagung des eigenen Vorschlags: In jedem Leben finde sich einmal die Zeit für Mozart. (S. 66–99)

Im Vollrausch

Auf den Flug via Tromsø nach Kirkenes nimmt Aksel ausgewählte Noten von Rachmaninow, Brahms, Chopin und Mozart mit – und was er eben im Kopf hat. Am Ziel fängt ihn der Direktor der Aktiengesellschaft Sydvaranger (Eisenerz und Pellets) Gunnar Hoegh ab und engagiert den ansonsten für Auftritte an den örtlichen Volkshochschulen Gebuchten gegen ein Essen als Honorar für ein Privatkonzert unter lokalen Honoratioren. Zu einer weiteren Begegnung kommt es abends im Hotelrestaurant, wo Aksel sich ungeachtet der Missbilligung Hoeghs mit teuren Weinen gezielt einen Rausch antrinkt nach der Devise: „Wenn Schriftsteller zu Alkoholikern werden können, warum dann nicht auch Pianisten? Rubinstein sprach viel vom Wein. Er trank ihn auch. Und man konnte es hören, wenn er spielte. Ein Patzer hier, einer dort. Was ist schon dabei?“ (S. 110 f.) Damit ist der Ton für Aksels Finnmark-Aufenthalt gesetzt. Nachdem die saftige Rechnung seine Geldmittel bereits deutlich reduziert hat, beschließt er im Vollrausch, sich in Kirkenes umgehend nach einem Klavier umzutun. Nach missglückter Kommunikation mit einer Gruppe Jugendlicher findet er sich zusammengeschlagen bei strömendem Regen am Boden liegend wieder, wird von der Polizei aufgegriffen und ins Krankenhaus gebracht. Hier ist es Sigrun Liljerot, die Frau im Tal, wie sie in Oslo teils bekannt ist, die seine Platzwunde am Kopf ärztlich versorgt, was ihm beinahe wie bestellt vorkommt. Sigrun wundert sich über Aksels selbstverordneten Karriere-Knick: „In allen großen Zeitungen wurde über dich berichtet. Du warst eine Sensation. Dann kommst du hierher. Wir hier oben sind so etwas nicht gewohnt. Das überfordert uns ein bißchen.“ (S. 118) Sie bringt ihn – nach ihrem Nachtdienst und vor der Weiterfahrt zu ihrem Mann Eirik und ins Schülerinternat im Pasvikdalen – noch kurzzeitig in ihre Dienstwohnung in Kirkenes, wo Aksel überrascht erkennt, dass sie eine ambitionierte Amateur-Violinistin ist, der ihre Eltern eine professionelle Ausbildung versagt hatten. (S. 101–127)

Annäherung an Rachmaninows Russland

Als beide sich in Sigruns Dienstwagen, einen Lada, auf den Weg in die Nähe der russischen Grenze machen, fragt sie, warum er sich so Extremes vorgenommen habe, indem er Rachmaninow hier im hohen Norden einüben wolle, und erhält zur Antwort: „Um eine schreckliche Geschichte zu erzählen, ohne die Schönheit zu vergessen. Besteht darin nicht die Hauptaufgabe der Kunst? Ich hatte instinktiv das Gefühl, ich müsste Rußlands Atem spüren, um Rachmaninow richtig verstehen zu können.“ (S. 130) Auf der Weiterfahrt stimmt Sigrun Aksel auf die besonderen Verhältnisse vor Ort ein: anhaltende Wintertemperaturen von unter −40° Celsius, die seinen Pianistenfingern unzuträglich sein könnten; Pasvik mit der größten Bärenpopulation in Norwegen, weshalb bestimmte Ausflüge in die Natur nur mit Gewehr gingen. Ihren Mann Eirik habe sie bei einem Kurs für Kammermusik an der Volkshochschule kennengelernt, wo der die Klavierstimme in César Francks Klavierquintett gespielt habe. Nichts sei leichter, als einander in der Musik zu finden. (S. 127–133)

Pianist im Schülerinternat