Richard McKay Rorty (* 4. Oktober 1931 in New York City; † 8. Juni 2007 in Palo Alto, Kalifornien) war ein amerikanischer Philosoph und Komparatist. Rorty gilt als ein Vertreter des Neo-Pragmatismus und eines minimalen Liberalismus.
Leben
Familie und Privates Richard Rorty war das einzige Kind von James Rorty, Sohn eines irischen Einwanderers, und von Winifred Raushenbush, Tochter deutscher Immigranten. Ihr Vater Walter Rauschenbusch war einer der Wortführer des Social Gospel. Ihr Großvater August Rauschenbusch – also einer von Richard Rortys Urgroßvätern mütterlicherseits – war in den USA und in Deutschland ein prominenter Vertreter seiner baptistischen Freikirche und hatte wie ihr Vater am theologischen Seminar in Rochester gelehrt.Neill Gross: Richard Rorty. Chicago 2008, S. 16f.
Der Vater James Rorty war von Thorstein Veblen beeinflusst. Die Mutter Winifred Rorty betrieb als Assistentin von Robert Ezra Park empirische Sozialforschung. Die Eltern arbeiteten als freie Journalisten, waren bekannte Intellektuelle und sympathisierten mit dem Kommunismus. Sie distanzierten sich jedoch 1932 von der Kommunistischen Partei der USA (CPUSA), die von der KPdSU dominiert war. James Rorty engagierte sich im Zusammenhang mit den Moskauer Schauprozessen für die Dewey-Untersuchungskommission der Trotzki-Affäre. Anfang der 1940er Jahre unterstützten die Eltern den sozialistischen Präsidentschaftskandidaten Norman Thomas und arbeiteten für die Workers' Defence League, der Liga zur Verteidigung der Arbeiter. – Richard Rorty widmete 1989 das Werk Contingency, Irony, and Solidarity seiner Familie. In der deutschen Übersetzung lautet die Widmung:
Richard Rorty beschrieb sich selbst als schüchternes und a-soziales Kind; er wechselte nach eigener Aussage sieben- bis achtmal die Grundschule (primary school) und brachte sich selbst im Alter von vier Jahren das Lesen bei.
James Rorty hatte als Folge traumatischer Kriegserlebnisse zwei Nervenzusammenbrüche. Den schlimmeren von beiden erlebte er in den frühen 1960er Jahren. Unter anderem glaubte er daran, göttliche Allwissenheit zu besitzen.Bruce Kuklick: Neil Gross, Richard Rorty: The Making of an American Philosopher. In: Transactions of the Charles S. Peirce Society. 47.1 (2011), S. 36. Richard Rorty selbst wurde in den frühen 1960ern daraufhin psychiatrisch behandelt.
Aus Richard Rortys erster Ehe mit Amélie Oksenberg, seiner Kommilitonin an der Yale University, stammt ein Sohn. Nach der Scheidung 1972 heirateten Richard Rorty und Mary Varney. In dieser Ehe wurde er der Vater von zwei weiteren Kindern. Mary Varney Rorty hatte an der Johns Hopkins University in Philosophie promoviert; sie arbeitet am Zentrum für biomedizinische Ethik der Universität Stanford.Neill Gross: Richard Rorty. Chicago 2008. Mary Varney war praktizierende Mormonin, während Richard Rorty Atheist war.
Richard Rorty starb 2007 in Palo Alto an Pankreaskrebs.Referenzseite der Familie Rorty für Richard Rorty.
Laufbahn Haupt- und Lieblingsbeschäftigung des jungen Richard Rorty war das Lesen von Büchern; nur Naturbeobachtungen faszinierten ihn zeitlebens ähnlich. Er war scheu und zurückhaltend. Er fand keinen Zugang zu den Aktivitäten seiner Mitschüler und es zählte zu seinen kontinuierlichen Schulerfahrungen, von „Rabauken“ („bullies“) verprügelt zu werden. Bis er auf das Hutchins-College kam, hatte er ungefähr sieben Schulwechsel hinter sich.
Er bezeichnete es als Glück, mit fünfzehn Jahren an das Hutchins-College wechseln zu können. Text auch in Rorty: Philosophy and Social Hope. Penguin Books, 1999. An dieser Schule für Hochbegabte der University of Chicago erreichte er 1949 mit achtzehn Jahren seinen Bachelor und drei Jahre später 1952 seinen Master-Abschluss mit einer Arbeit über „Whitehead's Use of the Concept of Potentiality“ in Philosophie. Zu seinen Lehrern gehörten u. a. Rudolf Carnap, Charles Hartshorne und Richard McKeon. Von 1952 bis 1956 studierte er an der Yale University, 1956 wurde er dort mit der Arbeit „The Concept of Potentiality“ promoviert. Sein Doktorvater war Paul Weiss.
Nachdem er seinen zweijährigen Wehrdienst bei der US Army (1957/58) abgeleistet hatte, war er von 1958 bis 1961 Assistant Professor am Wellesley College. Im Anschluss daran – ab 1981 als „Stuart Professor of Philosophy“ – hatte er bis 1982 eine Professur für Analytische Philosophie an der Princeton University. 1967 plädierte er in der Einleitung von „The Linguistic Turn“ – eine Sammlung von Essays von Vertretern der Analytischen Philosophie – für eine Wiederaufnahme von erkenntnistheoretischen Fragen, die seit der Antike ungeklärt sind. Mit der Veröffentlichung des Aufsatzes „World well lost“ 1972 pointierte er weitergehend, dass Wahrheit, objektive Realität und konzeptuelle Rahmen sich philosophisch gleichermaßen überflüssig machen dürften wie die alten Fetische Gott, Vernunft und Geist.„World well lost“, 1972 in Rorty, 1982: Consequences of Pragmatism. Minnesota University press. 1973–74 erhielt er ein Guggenheim-Stipendium. 1979 erschien „Philosophy and the Mirror of Nature“ (dt. „Der Spiegel der Natur“, 1987). Er stellte darin die historisch bedingte Entstehung philosophischer Probleme wie Wahrheit, Objektivität und Erkenntnistheorie dar, zeigte an der Philosophie der Gegenwart auf, wie unergiebig eine weitere Beschäftigung damit sein dürfte, und schlug vor, stattdessen „bildende“ Philosophie zu betreiben. Für die Jahre 1981–86 erhielt er ein MacArthur-Stipendium.
1982 gab er im Hinblick auf seine Forschungsergebnisse seine Tätigkeit innerhalb der universitären Philosophie auf und verließ seinen Lehrstuhl in Princeton. 1982 wurde er „Kenan-Professor für Humanities“ an der University of Virginia, die er bis 1998 innehatte. Er war u. a. Gastprofessor am University College London (1986) und am Trinity College (Cambridge) (1987). 1989 veröffentlichte er „Contingency, Irony, and Solidarity“ (dt. „Kontingenz, Ironie und Solidarität“, 1992) über Möglichkeiten der Selbsterschaffung und Solidarität in einer kontingenten Gesellschaft. 1997 war er Gastdozent in Harvard und erhielt den Ehrendoktor der Universität von Paris. Seit 1998 lehrte Rorty Komparatistik an der Stanford University.
Im selben Jahr erschienen „Achieving Our Country. Leftist Thought in Twentieth Century America“ (dt. „Stolz auf unser Land. Die amerikanische Linke und der Patriotismus“, 1999) und „Truth and Progress. Philosophical Papers III“ (dt. „Wahrheit und Fortschritt“, 2000) und er hielt Vorlesungen am Trinity College Dublin. Es folgten weitere Gastvorlesungen an den Universitäten Frankfurt, Heidelberg, Berlin, Münster, Turin, Girona und Amsterdam. Er wurde Doctor honoris causa der Johannes Pannonius Universität, Pécs in Ungarn (2000), Babeș-Bolyai-Universität Cluj in Rumänien (2001) und der Freien Universität Brüssel in Belgien (2001). Seit 2005 war er Professor Emeritus.
Wirken Rorty diskutierte mit anderen zeitlebens die Frage: Ist die Welt, in der wir leben, eine objektive oder eine konstruierte Wirklichkeit? Philosophen können diese Frage nicht entscheiden, aber sie treten für die eine bzw. die andere Antwort ein.
Außer zu philosophischen Fragen äußerte er sich zur politischen Theorie, Geschichtsschreibung, Literaturwissenschaft und weniger typisch akademischen Themen wie Terrorismus, Menschenrechte und evolutionäre Biologie. Sowohl seine Politische Philosophie als auch seine Moralphilosophie wurden von der politischen Rechten wie der Linken angegriffen. Die einen hielten ihn für einen akademischen Linken und die anderen für naiv.vgl. Charles B. Guignon, David R. Hiley: Richard Rorty. Cambridge Press, New York 2003, S. 1. Die Rechte warf ihm insbesondere Relativismus und Unverantwortlichkeit vor, die Linke sowohl eine mangelnde Fundierung für ein Konzept der sozialen Gerechtigkeit als auch in letzter Zeit eine zu starke Parteinahme für die Außenpolitik der Vereinigten Staaten.Rorty hinterließ Krümel. In: Ian Bogost: We think public. Mai 2010. Ebenfalls weit verbreitet ist der Einwand, Rorty widerspreche sich.
Er gilt zusammen mit Hilary Putnam als Hauptvertreter des amerikanischen Neo-Pragmatismus. Rorty behauptete mit seinen Forschungsergebnissen gegen die Analytische Philosophie, sie sei geprägt von traditionellen empirischen und erkenntnistheoretisch-fundamentalistischen Konzepten, die ein Philosophieren im Zusammenhang mit Gegenwartsproblemen verhindere. Er plädierte dafür, sich vom Wahrheitsbegriff und von Objektivität zu verabschieden.Richard Rorty: Der Spiegel der Natur. Frankfurt am Main 1987, S. 221–224. Diese Begriffe seien kontingent, hätten nicht zu den in Aussicht gestellten Ergebnissen geführt und seien daher verzichtbar. Er forderte „eine konsequente Historisierung epistemologischer Problemstellungen“.Schneider: Erkenntnistheorie im 20. Jahrhundert. Stuttgart 1998, S. 159. Aus Sicht der Philosophie des Geistes vertrat Rorty einen Eliminativismus, der besagt, dass es keine mentalen Phänomene gibt.
Sein Vorschlag war, anstatt weitere philosophische Systeme zu entwerfen, Solidarität und Handeln zum Ausgangspunkt eines gesellschaftweiten, offenen, philosophischen Diskurses zu nehmen. Diese „edifying philosophy“ sollte es Menschen ermöglichen, neue Sichten zu entwickeln.Richard Rorty: Der Spiegel der Natur. Frankfurt am Main 1987, S. 391 ff. Solidarität zwischen Menschen, die durch die westliche Kultur geprägt sind, entstehe aus der gemeinsam geteilten Erfahrung von Grausamkeit. Sie ist in der Sphäre der Öffentlichkeit, der Gesellschaft angesiedelt, für die es gelte, Grausamkeit und Leiden zu minimieren bzw. zu vermeiden. Dieses gemeinsam geteilte Empfinden, das Einfühlungsvermögen, Empathie der Menschen, könne jeder Einzelne z. B. mit Hilfe der Literatur und Poesie weiterentwickeln. Rorty soll diese Idee auch mit der Anekdote erläutert haben, dass Abraham Lincoln in einem Gespräch mit Harriet Beecher-Stowe gesagt habe, die massenhafte Lektüre ihres Romans „Onkel Toms Hütte“ habe den Bürgerkrieg zwischen Süd- und Nordstaaten eigentlich erst möglich gemacht.Vortrag von Stephan Nehrkorn in der Humboldt-Gesellschaft. Ein moralischer Fortschritt bestand für Rorty in der Ausweitung des „Wir“, der Gemeinschaft, die diese Empathie füreinander aufbringt.
Seine umfassende Kritik der Analytischen Philosophie rief teilweise heftige kollegiale Kritik an ihm persönlich hervor. Rorty wurde wiederholt vorgeworfen, er könne nicht zugleich mit seiner Kritik die „Philosophie beerdigen“ und Philosophie lehren. 1982 verließ Rorty seinen Lehrstuhl für Philosophie an der Princeton University, der Hochburg analytischer Philosophie, und war bis zu seinem Tod Kenan-Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Stanford University. Ausführliche und zusammenhängende Darstellungen seiner Analyse der gegenwärtigen Philosophie und seiner Idee einer „bildenden Philosophie“ finden sich in Philosophy and the Mirror of Nature (1979), Consequences of Pragmatism (1982) und Contingency, Irony, and Solidarity (1988).
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