mini|Marsch für das Leben 2012 in Berlin Der Marsch für das Leben ist eine Demonstration der Lebensrechtsbewegung in Berlin. Veranstalter ist der Bundesverband Lebensrecht. Sie richtet sich gegen Schwangerschaftsabbrüche und Praktiken der Sterbehilfe, Stammzellforschung und Präimplantationsdiagnostik.

Die Demonstration fand 2002 zum ersten Mal statt. Danach folgten Märsche 2004 und 2006. Seit 2008 findet der Marsch jährlich statt. Die Teilnehmerzahl des Marsches stieg über die Jahre an; 2016 beteiligten sich nach Polizeiangaben 6000 Menschen.Tausende Teilnehmer beim „Marsch für das Leben“. rbb, zuletzt gesehen am 17. September 2016. Bis 2006 hatte der Marsch den Namen 1000 Kreuze für das Leben.

Seit 2008 wird der Marsch von Gegenprotesten begleitet. Jedes Jahr rufen linke und linksextremistische Gruppen zu Blockaden der Demonstration der Abtreibungsgegner auf.

2025 waren etwa 1200 Abtreibungsgegner bei der Demo in Köln. 2026 waren es 2100 statt der angekündigten 3000 Besucher.

Inhalte und Unterstützer Inhaltliche Basis des Marsches ist die vom Bundesverband Lebensrecht verfasste Berliner Erklärung zum Schutz des ungeborenen Lebens. Kernthese ist, dass menschliches Leben und die Menschenwürde mit der Zeugung beginne. In diesem Sinne sei ein Schwangerschaftsabbruch eine Tötung Ungeborener und als schweres Unrecht zu betrachten. Vom Gesetzgeber wird gefordert, „die geltenden Abtreibungsgesetze und ihre Praxis einer gründlichen und umfassenden Prüfung und Korrektur zu unterziehen.“Berliner Erklärung, zitiert von Gisela Notz: Die neue Radikalität der Abtreibungsgegner_innen (2012) S. 49. Weitere Forderungen sind ein Verbot der Präimplantationsdiagnostik und die Strafbarkeit jeder Form der Beihilfe zur Selbsttötung (Sterbehilfe).

Die als Schweigemarsch angelegte Demonstration beginnt mit einer Auftakt-Kundgebung vor dem Bundeskanzleramt und zieht anschließend durch die Berliner Innenstadt. In der Demonstration werden 1000 weiße Kreuze mitgeführt, die symbolisch für die abgetriebenen Föten stehen, um die während der Demonstration getrauert wird.Anne Wizorek: Weil ein Aufschrei nicht reicht. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-596-03066-8, S. 42 ff. Die Anzahl der Kreuze orientiert sich an der in der Lebensrechtsbewegung weit verbreiteten Annahme, in Deutschland würden täglich rund 1.000 Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt.Abtreibungsgegner protestieren mit Schweigemarsch. In: Der Tagesspiegel, 20. September 2008. Hartwig Hohnsbein: Einfluss und Aktivitäten fundamentalistisch-christlicher selbsternannter Lebensschutzorganisationen. In: Kirsten Achtelik, Familienplanungszentrum Balance (Hrsg.): Die neue Radikalität der Abtreibungsgegner_innen im (inter-)nationalen Raum: Ist die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen heute in Gefahr? AG SPAK Bücher, Neu-Ulm 2012, ISBN 978-3-940865-32-8, S. 31–37, hier S. 34 f. Oda Lambrecht und Christian Baars: Mission Gottesreich: Fundamentalistische Christen in Deutschland. Ch. Links Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-86153-512-6, S. 83 f. Weiteres optisches Merkmal sind grüne Luftballons und vorgefertigte Schilder im Erscheinungsbild des Veranstalters. Die Demonstration endet mit einem ökumenischen Gottesdienst.

Der Marsch für das Leben wird von dem Bundesverband Lebensrecht, einem Zusammenschluss von 16 Organisationen der Lebensrechtsbewegung in Deutschland, organisiert. Diese sind:

Ärztevereinigung St. Lukas e. V., Essen Aktion Lebensrecht für Alle e. V. (ALfA), Augsburg Ärzte für das Leben e. V., Marktoberdorf Christdemokraten für das Leben e. V. (CDL), Münster Durchblick e. V., Östringen Europäische Ärzteaktion in den deutschsprachigen Ländern e. V., Salzburg Institut für Ethik & Werte, Gießen Juristen-Vereinigung Lebensrecht e. V. (JVL), Köln Kooperative Arbeit Leben Ehrfürchtig Bewahren e. V. (KALEB), Berlin Lebensrecht Sachsen e. V., Zwönitz Pro Conscientia e. V., Heidelberg Rahel e. V. – Erfahrungen nach Abtreibung, Rheinstetten Stiftung Ja zum Leben, Meschede sundaysforlife e. V., Augsburg Treffen Christlicher Lebensrecht-Gruppen e. V. (TCLG), Stuttgart Weißes Kreuz e. V., Kassel

Auch einzelne Politiker der CDU/CSU und der AfD unterstützen durch Teilnahme oder Grußworte den Marsch. So hatte der frühere Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Volker Kauder, mehrfach ein Grußwort gesendet.Umstrittener „Marsch für das Leben“ – Abtreibungsgegner demonstrieren vor dem Kanzleramt, RBB online, 20. September 2014Demo von Abtreibungsgegnern: Grußwort von der CDU, taz.de vom 22. September 2013; abgerufen am 28. September 2018., fr-online vom 23. September 2018; abgerufen am 28. September 2018 Die AfD-Abgeordnete im Europaparlament Beatrix von Storch trug 2014 das Fronttransparent und führte 2015 den Marsch zusammen mit Martin Lohmann an.Kaja Klapsa: „Willkommenskultur auch für Babys“. In: Die Welt, 19. September 2015. Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke und die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen beteiligen sich im Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung an den Gegenprotesten. Die Regierenden Bürgermeister von Berlin unterstützen die Gegenproteste seit 2014 regelmäßig mit Grußworten.

Unterstützung erhält der Marsch auch von der römisch-katholischen Kirche. So sandten 2014 Papst Franziskus und Kardinal Reinhard Marx Grußworte. 2022 nahmen der Erzbischof von Berlin, Heiner Koch, der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer und der Rottenburger Weihbischof Thomas Maria Renz an der Veranstaltung teil.katholisch.de: Tausende Abtreibungsgegner bei "Marsch für das Leben" in Berlin, 17. September 2022 . Die Deutsche Bischofskonferenz grenzte sich im Februar 2024 deutlich von der Alternative für Deutschland (AfD) ab. Im Anschluss daran wies der Passauer Bischof Stefan Oster, der 2019 am Marsch für das Leben in Berlin teilgenommen hatte, darauf hin, dass das Anliegen des Marsches für das Leben von der AfD und anderen Kräften „gekapert und für die eigenen Interessen instrumentalisiert“ werde; er ließ offen, ob er unter diesen Umständen noch einmal bei dem Marsch mitgehen werde. Zur Diskrepanz zwischen dem Lebensschutz für alle und der Programmatik der AfD sagte Oster: „Wenn versucht wird, in der Würde des Menschen zu unterscheiden, Minderwertigkeiten auszumachen, eine vermeintlich homogene völkische Gemeinschaft schaffen zu können, dann halten wir das für gefährlich.“

Das Verhältnis der evangelischen Landeskirchen zum Marsch für das Leben ist uneinheitlich. Während einige evangelische Bischöfe weiterhin Grußworte schicken, stieß er in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) in den letzten Jahren auf Kritik. Die EKBO betont die „inhaltliche Differenz“ zum Veranstalter, dem Bundesverband Lebensrecht. Diese bestehe hauptsächlich darin, dass die Kirche Schwangere „ergebnisoffen“ berate, während der Bundesverband Lebensrecht sich grundsätzlich gegen Schwangerschaftsabbrüche wende.Gunnar Schupelius: Dröge distanziert sich von Abtreibungsgegnern, B.Z., 18. September 2014

Die Frankfurter Rundschau berichtete, dass auch 2018 wieder AfD-Vertreter – mobilisiert per Facebook unter dem Motto „Bleibt standhaft“ der parteiinternen Vereinigung „Christen in der AfD“ (ChrAfD) – unter den Marschteilnehmern waren wie etwa ihr Vorsitzender Joachim Kuhs sowie der Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann und Thomas Damson, stellvertretender Kreisvorsitzender der AfD Mayen-Koblenz. Auch der ehemalige Diakon, Rechtsextremist und Holocaustleugner Ralf Löhnert, der auch an „Gedenkmärschen“ für den Hitler-Stellvertreter und Kriegsverbrecher Rudolf Heß 2017 und 2018 in Berlin teilgenommen hatte, war wiederholt unter den Teilnehmern – laut apabiz „oft in den ersten Reihen“.Mit Holzkreuz und Reichsfahne, apabiz.de vom 21. September 2018; abgerufen am 29. September 2018 Der Berliner Landesbischof Markus Dröge äußerte auf diesem Hintergrund, der Marsch sei „rechtspopulistisch unterwandert“, und die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz verweigerte im Vorfeld ihre Unterstützung für den Marsch 2018. Hartmut Steeb, Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, bedauerte dies; nach seiner Einschätzung sei die Veranstaltung nicht rechtspopulistisch unterwandert; man könne „ja nicht vermeiden, dass auch Menschen unsere Positionen im Lebensschutz übernehmen, die sonst Positionen haben, die man nicht gut findet.“Simon Berninger: , fr-online vom 23. September 2018; abgerufen am 28. September 2018

Die AfD-Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch beteiligte sich auch 2024 und 2025.

2026 hat der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki ein Grußwort für die Demo gegen Abtreibung beigetragen.

Kritik Nach Auffassung der Historikerin und früheren Bundesvorsitzenden von pro familia Gisela Notz werden in dem Motto „Ja zum Leben – für ein Europa ohne Abtreibung und Euthanasie“, unter dem der Marsch für das Leben 2011 stattfand, Sterbehilfe, Euthanasie, Schwangerschaftsabbruch und Mord gleichgesetzt. Sie kritisiert insbesondere die Rhetorik der Veranstalter der Märsche in verschiedenen Ländern, so z. B. die Aussagen des evangelischen Pfarrers Philipp Vulff, der den französischen „Marche pour la vie“ organisiert, oder Bryan Kemper von den Stand True Ministries, der vom „Abortion Holocaust“ spreche. Die internationalen Vertreter der Lebensrechtsbewegung würden durch ihre Verweise auf den Nationalsozialismus diesen relativieren. In ihrer Argumentation werde „das Recht der Frau auf Selbstbestimmung darüber, ob sie ein Kind austragen will oder nicht, gleichgesetzt mit den NS-Verbrechen, die sich aus der Vernichtungsideologie der Nazis speisten“, so Notz.Gisela Notz: Alle Jahre wieder: Die Märsche der Abtreibungsgegner. In: Kirsten Achtelik, Balance (Hrsg.): Die neue Radikalität der Abtreibungsgegner_innen im (inter-)nationalen Raum: Ist die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen heute in Gefahr? AG SPAK Bücher, Neu-Ulm 2012, ISBN 978-3-940865-32-8, S. 49 ff.

Im Buch »Deutschland treibt sich ab« Organisierter «Lebensschutz», christlicher Fundamentalismus und Antifeminismus vom Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin (apabiz e. V.) wird der Marsch für das Leben als wichtigste öffentliche Aktionsform der Lebensrechtsbewegung beschrieben. Anhand dieser werde die Kampagnenfähigkeit der Lebensrechtsbewegung, vor allem unter der Dachorganisation Bundesverband Lebensrecht, am deutlichsten. Liberale und reaktionäre Teile des Spektrums stünden hier unwidersprochen nebeneinander auf der Bühne und könnten ihre jeweiligen Botschaften verkünden.Eike Sanders, Ulli Jentsch, Felix Hansen: »Deutschland treibt sich ab«. Organisierter »Lebensschutz«, christlicher Fundamentalismus und Antifeminismus. Münster 2014, ISBN 978-3-89771-121-1, S. 48 f.

Kritiker weisen darüber hinaus darauf hin, dass die von den Veranstaltern behauptete, aber nicht belegte Zahl von Schwangerschaftsabbrüchen (1000 pro Werktag) sich von den Angaben des Statistischen Bundesamtes deutlich unterscheide (ca. 328 pro Werktag99.237 Schwangerschaftsabbrüche im Jahr 2015 bei durchschnittlich angenommenen 302,6 Werktagen; Schwangerschaftsabbrüche. Destatis, abgerufen am 26. September 2016.).Hartwig Hohnsbein: Einfluss und Aktivitäten fundamentalistisch-christlicher selbsternannter Lebensschutzorganisationen. In: Kirsten Achtelik, Familienplanungszentrum Balance (Hrsg.): Die neue Radikalität der Abtreibungsgegner_innen im (inter-)nationalen Raum: Ist die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen heute in Gefahr? AG SPAK Bücher, Neu-Ulm 2012, ISBN 978-3-940865-32-8, S. 31–37, hier S. 34 f.Oda Lambrecht und Christian Baars: Mission Gottesreich: Fundamentalistische Christen in Deutschland. Ch. Links Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-86153-512-6, S. 83 f.Stefan Lauer: Abtreibungsgegner, Fundamentalisten, Homo-Hasser. In: Vice, 22. September 2014.