Bronislaw Ritter von Pozniak (polnisch Bronisław Poźniak, [pɔʑɲ̩ak]), (* 26. August 1887 in Lemberg, Österreich-Ungarn; † 20. April 1953 in Halle (Saale)) war ein österreichisch-deutscher Pianist polnischer Abstammung, Klavierpädagoge, Musikschriftsteller und Herausgeber. mini|Bronisław Poźniak (vor 1913) mini|Wappen der polnischen Adelsfamilie Poźniak Leben und Wirken Bronislaw von PozniakIn der deutschsprachigen Literatur werden die polnischen Buchstaben ł und ź meist ohne die diakritischen Zeichen, als l und z geschrieben. Die Aussprache des Familiennamens bleibt aber wie angegeben. wurde als österreichischer StaatsbürgerLemberg gehörte seit der ersten polnischen Teilung von 1772 zur Habsburgermonarchie. in Lemberg geboren. Er war das siebte Kind eines aus polnischem Adel stammenden Ingenieurs und österreichischen Staatsbeamten. Die Mutter kam aus einfachen Verhältnissen. Ihr Vater war Zollbeamter. Das frühe Interesse des jungen Bronislaw für Musik stieß bei den Eltern zuerst auf wenig Gegenliebe, da man für ihn die Beamtenlaufbahn vorgesehen hatte. Da sich aber sein Talent für die Musik, insbesondere für das Klavierspiel, immer stärker zeigte, gaben die Eltern den Widerstand allmählich auf. Nach dem Umzug der Familie nach Krakau erhielt er Unterricht bei renommierten Pädagogen des Konservatoriums wie Felicjan Szopski (1865–1939), Jerzy Lalewicz (1875–1951)s. die polnischsprachige Wikipedia und Władysław Żeleński (1837–1921).Maria Zduniak: Bronisław Poźniak (1887–1953). In: Karlheinz Schlager (Hrsg.): Festschrift Hubert Unverricht zum 65. Geburtstag. Verlag Hans Schneider, Tutzing 1992. S. 339. Nach dem Abitur besuchte er in Krakau eine neu gegründete Handelshochschule, an der die Möglichkeit bestand, nach einem Studium von nur zwei Semestern die Staatsprüfung abzulegen. Nur unter dieser Bedingung stimmte der Vater der Künstlerlaufbahn zu.
Nach ersten künstlerischen Erfolgen in Lemberg und später in Krakau setzte Pozniak sein Studium unter finanziellen Opfern des Vaters in Berlin fort. Arthur Rubinstein hatte Pozniak seinen eigenen Lehrer Heinrich Barth empfohlen, einen unerbittlichen, von vielen gefürchteten Klavierprofessor an der Königlichen akademischen Hochschule für Musik,Linde Großmann: Zur Geschichte der Klavierabteilung an der UdK Berlin. In: https://www.udk-berlin.de : Universitätsgeschichte der so bedeutende Schüler wie Wilhelm Kempff und Heinrich Neuhaus hatte.Wolfgang Rattert und Dietmar Schenk (Hrsg.): Pianisten in Berlin. Klavier und Klavierausbildung seit dem 19. Jahrhundert. HdK-Archiv, Bd. 3. Hochschule der Künste, Berlin 1999. S. 51. Hier in Berlin wurden die Grundlagen für die wichtigsten Komponenten von Pozniaks späterem Wirken gelegt. Neben dem solistischen Konzertieren waren dies vor allem sein großes Interesse für pädagogische Betätigung (er begann schon während des Studiums am Ochs-Eichelberg-Konservatorium in Berlin zu unterrichten) und seine Leidenschaft für die Kammermusik, die dann zur Gründung eines Klaviertrios führte. Materielle Not begleitete die künstlerischen Aktivitäten des nun selbständigen Musikers in Berlin.
Im Jahre 1915 übernahm Pozniak eine Klavierklasse am Konservatorium in Breslau, das sich in einem ziemlich desolaten Zustand befand. Die schlesische Hauptstadt blieb für die nächsten 30 Jahre bis zur Flucht am 3. Februar 1945 die Hauptwirkungsstätte Pozniaks.
Von 1918 bis 1936 war Pozniak am Schlesischen Konservatorium Breslau tätig und er übernahm auch die Meisterklasse für Pianisten, als diese Institution 1936 in die Schlesische Landesmusikschule umgewandelt wurde.
Von 1919 bis 1925 unterrichtete Pozniak außerdem am Cieplik-Konservatorium im oberschlesischen Beuthen und von 1929 bis 1931 hatte er die Leitung der Meisterklasse am Konservatorium des Polnischen Musikvereins in Lemberg, die er einmal monatlich von Breslau aus versorgte.Maria Zduniak (1992) S. 340. Die Berufung auf diesen Posten war eine besondere Ehrung, war es doch die Klasse, die einst der Chopinschüler Karol Mikuli betreute.
Zusammen mit dem Ordinarius für Musikwissenschaft an der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau Arnold SchmitzSchmitz, Franz Arnold. In: MGG (2005). Personenteil. Bd. 14. S. 1479 b. (1893–1980) setzte sich Pozniak für die Schaffung des Hochschulinstituts für Musikerziehung und Kirchenmusik, einer Erweiterung des von Schmitz geleiteten, der Universität angegliederten Instituts für Kirchenmusik, ein und wurde auch dort Leiter der Klavierabteilung.
Das ausgedehnte pädagogische Wirken Pozniaks, speziell in Breslau, aber auch in anderen Teilen Schlesiens und der große Erfolg seiner Schüler bei regelmäßig veranstalteten Vorspielen und Konzertens. das Kapitel Meine Schüler in den Lebenserinnerungen. machten ihn zu einem gesuchten Klavierpädagogen, zu dem Schüler aus allen Teilen des Landes und besonders der östlichen Länder strömten.
Von den zahlreichen Schülern war der erfolgreichste der Pianist Josef Wagner (1900–1947),Horst Weber, Stefan Dress (Hrsg.): Quellen zur Geschichte emigrierter Musiker (1933–1950). Bd. 2: New York. K.G. Saur, München 2005. Preisträger des 2. Internationalen Chopinwettbewerbs 1932 in Warschau.Sekretariat des V. Internationalen Fryderik Chopin Klavierwettbewerbs (Hrsg.): Die internationalen Chopin Klavierwettbewerbe in Polen. Warschau 1954. S. 33.<br/ >https://konkursy.nifc.pl/pl Auch Dagmar von PannwitzDagmar von Pannwitz, geb. von Dankelmann, geb. 9. Oktober 1890 in Groß-Peterwitz, Schlesien, gest. 9. Juni 1935, Liebenberg, Brandenburg. Sie war auch Schülerin von Emil von Sauer., Hans Otte, Hans Pischner, Gerhard Wohlgemuth, Edmund von Borck, Hans-Georg Burghardt und viele andere namhafte Musiker waren Schüler Pozniaks.Aufzählung weiterer Schüler in: Bronislaw v. Pozniak: Chopin. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale)1949. S. 160. (Nachwort). (In späteren Nachdrucken ist diese Seite nicht mehr enthalten), außerdem in dem Kapitel Meine Schüler der Lebenserinnerungen.
Zu diesem pädagogischen Wirken kamen eine intensive solistische Betätigung, Auftritte in KlavierduosMaria Zduniak (1992) S. 342 und vor allem Konzertreisen mit seinem Trio in die wichtigsten Städte Europas.
Das Pozniak-Trio, das schon in der Berliner Studienzeit Pozniaks gegründet wurde, spielte in den langen Jahren seines Bestehens in wechselnden Besetzungens. Kapitel Mein Trio in den Lebenserinnerungen. Siehe auch das Altenberg Trio-Archiv unter https://www.altenbergtrio.at mit nicht immer zuverlässigen Daten.. Es zählte zu den führenden Kammermusikvereinigungen Europas. Zu den Triopartnern Pozniaks gehörten in der Streichergruppe u. a. die Geiger Hugo Birkigt (1885–1944), Hugo Kortschak (1884–1957), Rudolf Deman (1880–1960), Géza de Kresz (1882–1959), Karl Freund (1904–1955), Hans Dünschede (1907–1999), Eugen Forster, Hans Bassermann (1888–1978), Hans Bastiaan (1911–2012)Hans Bastiaan (* 1911 in Nürnberg; † 11. Oktober 2012) wurde in jüngerer Zeit bekannt durch seine Mitwirkung als Zeitzeuge in dem Film Das Reichsorchester. Die Berliner Philharmoniker und der Nationalsozialismus. Dokumentarfilm von Enrique Sánchez Lansch. Ausstrahlung am 29. November 2007, 23:00 Uhr in der ARD. sowie die Cellisten Hugo Dechert (1860–1923), Hans Kindler (1892–1949), Heinz Beyer, Joseph Schuster (1903–1969), Jascha Bernstein, Bernhard Günther, Gregor Piatigorsky (1903–1976) und die Cellistin Sigrid Succo (1903–1984).s. https://klassik-begeistert.de/lieses-klassikwelt-47-violoncello/#more-20281.
Das Pozniak-Trio widmete sich neben dem (vor)klassisch-romantischen Repertoire auch intensiv zeitgenössischen Komponisten, wie z. B. Hans Pfitzner, Hans Gál, Paul Juon, Paul Kletzki, Egon Kornauth, Ludomir Różycki und Hans-Georg Burghardt.
Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurde Pozniak, obwohl er inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten hatte, als 'Pole' und 'Ausländer' von den Nationalsozialisten schikaniert. Weil er mit jüdischen Künstlern musizierte, kam er auf die Schwarze Liste der nationalsozialistischen Machthaber, wurde ein Jahr lang vom Dienst am Hochschulinstitut suspendiert, dann aber wieder eingestellt. Auch seine solistische Tätigkeit und die Auftritte mit dem Pozniak-Trio wurden aus demselben Grund in Schlesien boykottiert, und er musste sich nach einer Denunziation in zwei Gestapo-Prozessen verantworten. Pozniak stand laut Theodor Kellenter: Die Gottbegnadeten : Hitlers Liste unersetzbarer Künstler. Kiel: Arndt-Verlag 2020, ISBN 978-3-88741-290-6, S. 479f auf der Liste der im Rüstungseinsatz tätigen aber für Stunden in Rundfunk und Konzert gelegentlich beschäftigten Künstler (Bundesarchiv Berlin, R 55/20252a, S. 33 bis 38).
Die Flucht vor der russischen Armee aus Breslau am 3. Februar 1945 führte Pozniak mit der Familie zunächst nach Markranstädt, dann im August 1945 nach Leipzig, wo er dreieinhalb Jahre blieb und später nach Halle (Saale). In seinen LebenserinnerungenKapitel Der Zusammenbruch. beschreibt der nun heimat-, arbeits- und fast mittellose Pozniak, mit welchen Schwierigkeiten die unwillkommenen und schlecht behandelten Flüchtlinge zu kämpfen hatten und wie sich er, der einst gefeierte und beliebte Pianist und Pädagoge, gegen die geschlossene Front der feindlich gesinnten Kollegen behaupten musste. Die Bemühungen, das Pozniak-Trio wieder aufleben zu lassen, scheiterten zunächst an administrativen Schikanen. Gezielt negative Konzertkritiken der Presse kamen hinzu. Eine kleine Gruppe von Musikern, wie Günther Ramin, Walter Niemann, Wilhelm Weismann, und seine Schüler hielten zu ihm, dessen Familie von dem geringen Verdienst des jüngeren Sohnes Andreas leben musste. Aber trotz aller Widerstände, gelang es im pädagogischen wie auch im künstlerischen Bereich wieder Fuß zu fassen. Wilhelm Weismann, damals Lektor bei der Edition Peters, setzte durch, die aus Anlass des 100. Todestages von Frédéric Chopin 1949 veranstaltete Neuausgabe der Klavierwerke Frédéric Chopins Pozniak anzuvertrauen und unterstützte ihn auch bei der Fertigstellung des Buches Chopin. Praktische Anweisungen für das Studium der Chopin-Werke, das dann im Mitteldeutschen Verlag 1949 in Halle (Saale) erschien.
Pozniak wurde von Hans Stieber, dem ersten Rektor der 1947 neu gegründeten Staatlichen Hochschule für Theater und Musik, nach Halle als Professor berufen, ebenso wie der als Lisztspieler bekannte Sigfrid Grundeis, mit dem er freundschaftlich verbunden war.Diese Hochschule (mit Sitz in der Villa Lehmann, Burgstraße 46) bestand von 1947 bis 1955.Klaus Suckel: Musikalische Wurzeln. Staatliche Hochschule für Theater und Musik Halle. In: scientia halensis. 7. Jg. 1999/4. Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 1999. S. 26. Klaus Suckel: Die Staatliche Hochschule für Theater und Musik Halle. Erinnerung an ein Musikstudium in Halle. In: Händel-Hausmitteilungen, Freundes- u. Förderkreis des Händel-Hauses zu Halle, Halle, 1/1999, S. 32–37. Gleichzeitig unterrichtete Pozniak am Institut für Musikerziehung, das am 1. Januar 1950 an der Pädagogischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle gegründet worden war.Siehe https://www.musikpaed.uni-halle.de Die Zahl der Schüler in Leipzig und Halle wuchs, so dass die Arbeit nur schwer bewältigt werden konnte.