Christian Kluttig (* 17. August 1943 in Dresden) ist ein deutscher Dirigent, Pianist und Hochschullehrer. Von 1979 bis 1990 war er Chefdirigent des Händelfestspielorchesters. Im Jahr 1983 in Halle zum Generalmusikdirektor ernannt, wirkte er als solcher am Theater Halle und am Theater Koblenz. Besondere Verdienste erwarb sich der Händel-Interpret um die Implementierung der historischen Aufführungspraxis in der Saalestadt, was ihn zu einem der wichtigsten Protagonisten auf diesem Gebiet in der DDR machte. Darüber hinaus widmete er sich der zeitgenössischen Musik.

Leben Christian Kluttig wurde als SohnJens Fritzsche: Eine musikalische Heimkehr. Am Sonntag ist in Radeberg ein ungewöhnlicher Liederabend zu erleben. Und ein ungewöhnliches Grammophon. In: Sächsische Zeitung, 19. Oktober 2017, S. 16. des Kantors und nachmaligen Kirchenmusikdirektors Gottfried Kluttig (1913–2004) geboren und besuchte die Dresdner Kreuzschule. Von 1961 bis 1967 studierte er Dirigieren bei Rudolf Neuhaus und Horst Förster an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber.Peter Gülke: Mit Bescheidenheit und Herzlichkeit – Christian Kluttig wird 70. In: Musik in Dresden, 3. September 2013. Ferner nahm er an Dirigierkursen von Arvīd Jansons und Igor Markevitch in Weimar sowie Hans Swarowsky und Witold Rowicki in Wien teil.Christian Kluttig, Wolfgang Lange: Auftakt. Gespräche mit Dirigenten: Christian Kluttig im Gespräch mit Wolfgang Lange. In: Theater der Zeit 10/1985, S. 28–30, hier: S. 28.

Nachdem er in Dresden ebenso eine Klavierausbildung bei Ingeborg Finke-Siegmund durchlaufen hatte, erhielt er 1967 sein erstes Engagement als Solorepetitor mit Dirigierverpflichtung an der Sächsischen Staatsoper.Andreas Baumann: . In: Dresdner Neueste Nachrichten, 17. August 2013, S. 9. Hier wirkte er mit Le postillon de Lonjumeau von Adolphe Adam, Der Freischütz von Carl Maria von Weber und Die Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart erstmals als Operndirigent. 1969 dirigierte er mit Deidamia auch seine erste Händel-Oper.Manfred Rätzer: Die halleschen Händel-Opern-Pioniere sollen im Gedächtnis bleiben. Prof. Christian Kluttig zum 70. Geburtstag. In: Mitteilungen des Freundes- und Förderkreises des Händel-Hauses zu Halle e. V. 1/2014, S. 33–35, hier: S. 34. In Dresden lernte er bei den Orchesterarbeiten viel von Gastdirigenten wie Rudolf Kempe und Igor Markevitch.

1969 wurde er Erster Kapellmeister am Städtischen Theater Chemnitz. In dieser Funktion studierte er u. a. die Opern Simon Boccanegra von Giuseppe Verdi und Pique Dame von Pjotr Tschaikowski ein. Am Opernhaus leitete er 1974 die Premiere der Carl-Riha-Inszenierung von Wagners Meistersinger von Nürnberg mit Konrad Rupf als Hans Sachs.„Meistersinger“-Premiere in Karl-Marx-Stadt. In: Neues Deutschland, 14. Oktober 1974, Jg. 29, Ausgabe 284, S. 4. In einem späteren Interview (1985) gab er an, dass sich seine bisherige Wagner-Arbeit für ihn als „eine große Beglückung“ erwies. Gleichsam bedauerte er, dass er kaum Gelegenheit fand, ihn zu interpretieren.Christian Kluttig, Wolfgang Lange: Auftakt. Gespräche mit Dirigenten: Christian Kluttig im Gespräch mit Wolfgang Lange. In: Theater der Zeit 10/1985, S. 28–30, hier: S. 29. 1975 stieg er zum Musikalischen Oberleiter auf. Im Jahr 1979 eröffnete er in der Stadthalle Chemnitz mit Schumanns Oratorium Das Paradies und die Peri die Robert-Schumann-Tage.Günther Wendekamm: Festliches Konzert zum Beginn der Schumann-Tage. In: Neues Deutschland, 9. Juni 1979, Jg. 34, Ausgabe 134, S. 4. Daneben widmete er sich in Chemnitz der sinfonischen Arbeit von Dmitri Schostakowitsch und Gustav Mahler.

mini|Theater des Friedens, Landestheater Halle (1986) Schließlich holte ihn 1979 der Intendant Ulf Keyn als Musikalischen Oberleiter an das Landestheater Halle. Damaliger Operndirektor war Martin Schneider.Georg Antosch: Stück-Anregungen von den Bühnen der Welt. Bemühungen um anspruchsvolle Bühnenkunst. In: Neue Zeit, 1. März 1980, Jg. 36, Ausgabe 52, S. 4. Außerdem wurde er Chefdirigent des HändelfestspielorchestersKarin Zauft: Händel und die Händel-Festspiele in Halle. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2001, ISBN 978-3-89812-085-2, S. 57. und übernahm von 1979 bis 1990 alle Händel-Produktionen in Halle.Axel Schiederjürgen (Red.): Kürschners Musiker-Handbuch. Solisten, Dirigenten, Komponisten, Hochschullehrer. 5. Ausgabe, Saur, München 2006, ISBN 3-598-24212-3, S. 239. So leitete er Ezio (1979), Agrippina (1980), Poro (1981), Alessandro (1983), Floridante (1984), Il pastor fido und Terpsichore (1985), Partenope (1985), Rinaldo (1987), Oreste (1988) und Tamerlano (1990). Die Oper Rinaldo war mit 41 Aufführungen die zweitmeistgespielte Händel-Inszenierung in Halle.Manfred Rätzer: Die halleschen Händel-Opern-Pioniere sollen im Gedächtnis bleiben. Prof. Christian Kluttig zum 70. Geburtstag. In: Mitteilungen des Freundes- und Förderkreises des Händel-Hauses zu Halle e. V. 1/2014, S. 33–35, hier: S. 35. Unterstützung hinsichtlich der Aufführungspraxis erhielt Kluttig durch den Musikwissenschaftler Bernd Baselt.Wir gratulieren Christian Kluttig. In: Magazin der Händel-Festspiele (2014), S. 25. Kluttig hatte „ein immenses Arbeitspensum und verkrustete Strukturen“ im Zusammenhang mit der Georg-Friedrich-Händel-Gesellschaft zu bewältigen, so der Opernregisseur Andreas Baumann. Neben Baumann arbeitete er in Halle ab 1986 eng mit Peter Konwitschny zusammen. So hatte Kluttig seinen Anteil an der Öffnung der Festspiele für das Regietheater.Johannes Killyen: Zur Geschichte der Händel-Pflege in Halle Wiederentdeckung des historischen Klanges. In: Mitteldeutsche Zeitung, 5. Mai 2001. Kluttig verhalf vor allem auf Empfehlung der Gesangspädagogin Helga Forner mehreren in Leipzig sozialisierten Sängern zu Engagements in der Saalestadt.Christian Kluttig, Heike Bronn: Das Dirigieren lässt mich nicht los – Interview mit Prof. Christian Kluttig. In: MT-Journal. Zeitschrift der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" Leipzig, Nr. 25 (2008), S. 44–46, hier: S. 45. Unter den Neuverpflichteten waren Annette Markert, Juliane Claus, Hendrikje Wangemann, Jürgen Trekel und Tomas Möwes. Wiederholt lud er Simone Kermes als Gast ein. Besondere Förderung erhielt der erste „hauseigene“ Countertenor Axel Köhler. Kluttig stand nach Baumann für die „Beibehaltung der Händelschen Dramaturgie“ und ließ „am Originaltext orientierte Neuübersetzungen herstellen“. So gab er wesentliche Anregungen für einen „Neuen Händelstil Halle“. Halle avancierte zu einem „ostdeutschen Zentrum der historischen Spielpraxis“, wie der Musikjournalist Michael Struck-Schloen formulierte.Michael Struck-Schloen: Aller Glamour kommt von oben. Musikalische Qualität und szenische Routine bei den 47. Händel-Festspielen in Halle. In: Süddeutsche Zeitung, 1. Juli 1998, S. 14. Für die Musikwissenschaftlerin Karin Zauft war Kluttig „einer der Vorreiter für die historische Aufführungspraxis in der DDR“.Karin Zauft: Die Suche nach dem authentischen Klang – Balanceakt zwischen Subjektivität, Zeitempfinden und historischer Kenntnis. In: Boje E. Hans Schmuhl (Hrsg.): Historische Aufführungspraxis und ihre Perspektiven. XXX. wissenschaftliche Arbeitstagung, Michaelstein, 10. bis 12. Mai 2002 (= Michaelsteiner Konferenzberichte. Bd. 67). Wißner, Augsburg 2007, ISBN 978-3-89639-545-0, S. 55–58, hier: S. 56. Das Opernensemble gastierte sowohl im sogenannten Ostblock (Tschechoslowakei, Polen, Ungarn) als auch in der Bundesrepublik Deutschland, in Österreich und in der Schweiz. Nach Aufführungen 1985 beim Prager FrühlingMit „Flondante“ beim Prager Frühling zu Gast. In: Neues Deutschland, 25. Mai 1985, Jg. 40, Ausgabe 121, S. 6. und bei den Dresdner Musikfestspielen führten ihn Gastspiele noch vor dem Mauerfall zu dem Kissinger Sommer (1989–1993, 1995, 2000/01)Stadt Bad Kissingen (Hrsg.): 25. Kissinger Sommer. Bad Kissingen o. J., S. 75. und zu den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik.

In Halle verantwortete Kluttig nach Gilbert Stöck auch „zwei landesweit beachtete Produktionen zeitgenössischer und zugleich gesellschaftskritischer Opern“:Gilbert Stöck: Neue Musik in den Bezirken Halle und Magdeburg zur Zeit der DDR. Kompositionen, Politik, Institutionen. Schröder, Leipzig 2008, ISBN 978-3-926196-50-7, S. 269/Fn. 496. 1984 wurde Der Preis von Karl Ottomar Treibmann inszeniert und 1986 Candide von Reiner Bredemeyer uraufgeführt.Nina Noeske: Die beste aller möglichen Welten: Bredemeyers Candide (1981/82). In: Michael Berg, Albrecht von Massow, Nina Noeske: Zwischen Macht und Freiheit. Neue Musik in der DDR. Böhlau Verlag, Weimar 2004, ISBN 3-412-10804-9, S. 141–156, auf S. 142. Anlässlich der Hallischen Musiktage brachte er mit dem Händelfestspielorchester wiederholt Werke ausländischer Komponisten zur Uraufführung, so 1980 Awet Terterjans Sinfonie Nr. 5 und 1985 Primož Ramovš’ Dialog für Klavier und Orchester (Solistin: Bettina Otto).Mantred Meier: Experimentierlust und Phantasie im Einsatz für neue Musik. Begegnung mit Unionsfreundin Bettina Otto, Cembalistin und Pianistin. In: Neue Zeit, 6. April 1985, Jg. 41, Ausgabe 81, S. 10. Wie Gilbert Stöck feststellte, stand Kluttig auch Werken von Gerd Domhardt „offen gegenüber“. So verhalf er 1982Wilhelm Buschkötter, Hansjürgen Schaefer: Handbuch der internationalen Konzertliteratur. Instrumental- und Vokalmusik = Manual of international concert literature. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage, de Gruyter, Berlin u. a. 1996, ISBN 3-11-013905-7, S. 247. dessen Sinfonie II zur Uraufführung. 1990 führte er Günter Neuberts Orchestermusik „Das verschenkte Weinen“ urauf. Im Jahr 1990 gehörte er im Händel-Haus zu den Mitbegründern des Halleschen Musikrates, als dessen stellvertreter Vorsitzender er fortan fungierte.Hallescher Musikrat wurde gegründet. In: Mitteldeutsche Zeitung, 28. März 1990, S. 2. Die abnehmenden Besucherzahlen am Landestheater Halle im Zuge der Wende führten wohl letzten Endes zum Rücktritt des Gespanns Kluttig und Baumann.thg.: In Zuerich getroffen. Christian Kluttig – Haendel-Spezialist nach der Wende. In: Neue Zürcher Zeitung, 2. April 1993.

Nach einem Gastspiel war Kluttig von 1991 bis 1998Staatsorchester Rheinische Philharmonie, lmr-rp.de, Zugriff: 8. April 2020. in der Nachfolge von James Lockhart Chefdirigent des Staatsorchesters Rheinische Philharmonie und gleichsam Musikalischer Oberleiter des Theaters Koblenz.Chefdirigent aus Halle geht nach Koblenz. In: Berliner Zeitung, 21. März 1991, Jg. 47, Ausgabe 68, S. 13. Hier pflegte er sowohl das Opern- als auch das Konzertrepertoire. So dirigierte er einerseits die Händel-Opern Giulio Cesare (1989), Serse (1993), Alcina (1997) und Tamerlano (1999), andererseits führte er alle Mahler-Sinfonien auf. Anlässlich der 2000-Jahr-Feier der Stadt gab er mit Mahlers 8. Sinfonie ein Festkonzert in der Sporthalle Oberwerth.Chronik, musik-institut-koblenz.de, Zugriff: 10. April 2020. Mit dem Orchester oblag ihm die Uraufführung von Róbert Wittingers Sinfonia no. 5. Während Kluttigs Amtszeit erhielt der Klangkörper vom Deutschen Musikverleger-Verband den Preis „Bestes Konzertprogramm der Spielzeit“ 1995/96., dmv-online.com, Zugriff: 9. April 2020.