Frauen im deutschen Rechtsextremismus betätigen sich in rechtsextremen Parteien, Organisationen und der Neonazi-Szene. Seit den 1990er Jahren organisieren sich rechtsextreme Frauen vermehrt eigenständig. Geschichte
Nationalistisch und völkisch gesinnte Frauen betätigten sich nach Ende des Zweiten Weltkriegs vor allem in rechten Hintergrundorganisationen, wie beispielsweise in der „Artgemeinschaft – Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung“ oder der „Gesellschaft für freie Publizistik“. In der 1952 gegründeten neonazistischen „Wiking-Jugend“ gab es die nach dem Führerprinzip organisierten „Mädelschaften“. Bis zu ihrem Verbot 1994 hatte die „Wiking-Jugend“ einen Frauen- und Mädchenanteil von 40 Prozent. Die Anschlussorganisation war bis zu ihrem Verbot 2009 die „Heimattreue Deutsche Jugend“. In der 1964 gegründeten Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) waren von Anfang an auch Frauen aktiv, jedoch meist abseits der Öffentlichkeit und kaum wahrgenommen. Einige von ihnen, wie die niedersächsische Medizinerin Wilhelmine Steffens oder Marie–Adelheid Reuß zur Lippe aus Oldenburg, genannt „Mariadel“, hatten bereits im „Dritten Reich“ NS-Organisationen angehört.Andrea Röpke, Andreas Speit: Mädelsache! Frauen in der Neonazi-Szene. Herder, Freiburg 2015, ISBN 978-3-451-06751-8, S. 151 Frauen im Rechtsextremismus in West- und Ostdeutschland nach 1945 ist ein wenig erforschtes Gebiet, für die DDR könne man, so Esther Lehnert und Heike Radvan, von einer Leerstelle sprechen.Esther Lehnert, Heike Radvan: Rechtsextreme Frauen. Analysen und Handlungsempfehlungen für Soziale Arbeit und Pädagogik, Barbara Budrich Verlag, Opladen 2016 ISBN 978-3-8474-0846-8, S. 41
Bald nach der Wiedervereinigung wurden in den 1990er Jahren innerhalb der extremen Rechten eigenständige Frauen-Organisationen gegründet. Während Frauen bis dahin eher als „Anhängsel“ männlicher Rechtsextremisten galten, wurde deutlich, dass sich rechtsextreme Frauen in eigenen ideologisch gefestigten Kreisen aktiv engagieren. Die Journalistin und Politologin Andrea Röpke sagte 2012 gegenüber der Frankfurter Rundschau über Frauen in der Neonazi-Szene: „Die Rolle der Frauen wurde in den letzten Jahrzehnten unterschätzt, weil sie als Heimchen am Herd oder als unpolitische Freundin eines Skinheads wahrgenommen wurden. In den Medien und auch der breiten Öffentlichkeit wird immer davon ausgegangen, dass Frauen in die Szene nur reinrutschen, weil sie die Freundin eines Rechten sind und sie auch fast nichts über dessen Ansichten wissen. Es fällt uns schwer, einzugestehen, dass Frauen fanatisch sein können, dass sie die Strategien der Nazis ganz bewusst mittragen und mit dieser Einstellung sogar in sensiblen Bereichen wie Schulen und Kindergärten arbeiten.“Frauen in der Neonazi-Szene. Heimchen und der Hitlergruß, Interview von Natascha Mahle mit Andrea Röpke, Frankfurter Rundschau, 20. August 2012
Soziale Hintergründe Eine Analyse von Karin Priester der sozialen Hintergründe von 500 Frauen, die für die drei rechtsextremen Parteien DVU, NPD und Die Republikaner zwischen 1998 und 2008 kandidiert hatten, ergab, dass der Anteil von Wahlbewerberinnen zunahm und sich zunehmend junge Frauen engagierten, gleichermaßen in den alten und neuen Bundesländern. Vor allem Frauen aus dem selbständigen Mittelstand sowie dem Niedriglohnsektor bildeten das rechtsextreme Potential. Überproportional vertreten waren bildungsschwache Frauen in schlecht bezahlten ausführenden Dienstleistungsberufen mit dem Schwerpunkt bei Verkäuferinnen und in medizinisch-pflegerischen Berufen. Fast die Hälfte aller Wahlbewerberinnen waren im kleingewerblichen oder kaufmännischen Sektor tätig.Karin Priester: Die unterschätzte Rolle der Frauen im Rechtsextremismus. Wahlbewerberinnen für rechtsextreme Parteien und Wahlbündnisse. In: Leviathan – Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft, 37/2009, S. 77–94, doi:10.1007/s11578-009-0002-0 35 der Wahlbewerberinnen waren Akademikerinnen und Studentinnen. Sieben Frauen waren arbeitslos. Frauen in freien kulturellen Berufen fehlten völlig.Priester, S. 87 Man könne jedoch nicht von einem Determinismus ausgehen, wonach Frauen aus dem Kleinbürgertum eher zum Rechtsextremismus neigten. Vielmehr lasse sich auf einer mikrosoziologischen Ebene der Einfluss von innerfamiliären Konstellationen und milieubedingten Faktoren auf die Hinwendung zum Rechtsextremismus zeigen.Priester, S. 93
Quantitativer Frauenanteil in der extremen Rechten Rechtsextremismus ist traditionell männlich geprägt. Die ideologisch-programmatischen Aussagen der rechtsextremen Parteien sprechen ebenso dafür wie die innerparteiischen Hierarchien sowie die von Männern beherrschten freien Kameradschaften. Doch der Anteil von Frauen als politische Funktionsträgerinnen, vor allem auf der kommunalen Ebene, und als Aktivistinnen wächst ständigKarin Priester: Die unterschätzte Rolle der Frauen im Rechtsextremismus (2009), S. 85 und wird nach Studien auf ca. 20 Prozent geschätzt. Bei Wahlen kommen für rechtsextreme Parteien ein Drittel der Stimmen von Frauen, zwei Drittel von Männern. Bei den rechtsextremen Einstellungen ist das Verhältnis von Frauen und Männer ausgewogen. Laut der Sozialwissenschaftlerin Renate Bitzan setzen Männer jedoch häufiger als Frauen ihre rechtsextremen Einstellungen in Handlungen um.Renate Bitzan: Kann es einen "Feminismus von rechts" geben?, Bundeszentrale für politische Bildung, 29. Januar 2014 Der Anteil junger Mädchen und Frauen der Szene, die gewalttätig oder gewaltbereit sind, wurde von den Expertinnen des Forschungsnetzwerkes Frauen und Rechtsextremismus auf rund zehn Prozent geschätzt. Ihr Hass richtet sich wie bei den Männern gegen Migranten, Obdachlose, politische Gegner und Homosexuelle.Andrea Röpke: Die Radikalisierung der "Nazi-Mädels", Süddeutsche Zeitung, 2. November 2011 Rechtsextreme Gewalttäter sind überwiegend männlich.Judith Rahner: Tödlicher Antifeminismus. Antisemitismus, Rassismus und Frauenfeindlichkeit als Motivkomplex rechtsterroristischer Attacken. In: Ursula Birsl, Anette Henniger (Hrsg.): Antifeminismen. ‚Krisen’-Diskurse mit gesellschaftsspaltendem Potential? Transcript Verlag, Bielefeld 2020, ISBN 978-3-8376-4844-7, S. 285–300. Zu etwa fünf bis zehn Prozent waren Frauen an rechtsextrem motivierten Straftaten beteiligt.Julia Haas: "Anständige Mädchen" und "selbstbewusste Rebellinnen". Aktuelle Selbstbilder identitärer Frauen, Marta Press, Hamburg 2020, ISBN 978-3-944442-95-2, S. 34 Beispielsweise gab es in Berlin 2019 insgesamt 77 rechtsextrem motivierte Gewaltdelikte, davon wurden 66 männliche Tatverdächtige ermittelt.Gesine Agena, Judith Rahner: Antifeminismus, gewaltbereiter Rechtsextremismus und Geschlecht, Heinrich-Böll-Stiftung/Gunda Werner Institut, 14. April 2021
Geschlechterrollen Die Gleichberechtigung von Mann und Frau wird meist aufgrund der ideologisch vorgegebenen Rollenverteilung der Geschlechter relativiert bis abgelehnt. Gender Mainstreaming mit dem Ziel der Gleichstellung von Menschen unterschiedlichen Geschlechts in ihrer jeweils spezifischen Lebenssituation lehnen die meisten rechtsextremistischen Frauen als „gegen das Wesen der Frau“ ab. Gleichzeitig kommt den Frauen in der Szene inzwischen eine strategische Schlüsselrolle zu, vor allem als Türöffner in die demokratische Alltagskultur. Sie sind vor allem in sozialen Berufen wie dem Kindergarten aktiv, aber auch als Elternvertreterinnen, um so unterschwellig die Akzeptanz gegenüber rechtsextremen Gedanken zu erhöhen. In der ideologischen Festigung und der aktionistischen Orientierung stehen sie ihren männlichen Pendants in nichts nach, es lassen sich inzwischen auch Frauen-Kameradschaften nachweisen. Auch in der Kommunalpolitik sind rechtsextreme Frauen inzwischen sehr aktiv. Tagesschau.de am 6. Mai 2014. Markus Decker, FR-Online vom 5. Mai 2014. Diese Tätigkeiten sind für die rechtsextreme Szene im Gesamten nicht zu unterschätzen. Vor allem mit der Kindererziehung wird rechtsextremes Gedankengut an die nächste Generation herangetragen. Dadurch, dass die Frauen bewusst sanfter und friedfertiger als ihre männlichen Gegenstücke auftreten, erregen sie weniger Misstrauen als die oftmals martialisch auftretenden männlichen Rechtsextremisten und finden dadurch in der Gesellschaft mehr Anknüpfungspunkte.Weder naiv noch harmlos: Rechtsextreme Frauen netz-gegen-nazis am 6. Mai 2014.
Zwar sind in der NPD inzwischen Frauen auf der Führungsebene und als Mandatsträgerinnen aktiv, sowohl in der Kommunalpolitik als auch auf der Bundesebene, doch komme es laut der Journalistin Andrea Röpke immer wieder vor, dass Frauen zugunsten eines Mannes auf ihren Listenplatz oder ein Amt verzichten müssten. Die sächsische NPD-Landtagsabgeordnete Gitta Schüßler kritisierte 2009 als Vorsitzende der Partei-Frauenorganisation Ring Nationaler Frauen (RNF) diese Praxis und musste daraufhin von diesem Amt zurücktreten.
Bei der rechtsextremen Identitären Bewegung, die in Deutschland erst seit 2012 entstand, ist einerseits das Auftreten weiblicher Akteure selbstbewusst und bestimmt. Von ihnen wird beispielsweise die völkisch-rassistische Kampagne „120 Dezibel“ getragen, die eine Gewalt gegen Frauen durch Muslime und Zuwanderer anprangert und nach Einschätzung von Wissenschaftlern durch die Ausblendung anderer Strukturen von sexueller Gewalt gezielt Ängste schürt und diese zur Stimmungsmache instrumentalisiert. Andererseits vermitteln auch die identitären Aktivistinnen auf ihren Postings und Videos traditionelle und konventionelle Werte sowie die klassische Rollenverteilung. Bei den Identitären werde, so die Rechtsextremismus-Expertin Heike Radvan, Frauen die Verantwortung für den Erhalt der „Volksgemeinschaft“ übertragen.Maria Fiedler: Frauen bei der Identitären Bewegung: Rechte Schwestern ganz vorn. www.tagesspiegel.de, 28. Februar 2018 Die Literatur- und Politikwissenschaftlerin Judith Goetz verwies auf die Ideologie der Identitären Bewegung, der zufolge „Menschen, Kulturen, Völker zwar gleichwertig seien, aber nicht gleichartig“. Entsprechend bedürften auch „Mann und Frau […] aufgrund ihrer Verschiedenartigkeit unterschiedlicher Behandlung“. Migranten und Linke würden pauschal als frauenfeindlich diffamiert, wohingegen man sich selbst als Verteidiger von Frauenrechten inszeniere. Gleichberechtigung werde als „unser Wert“ verkauft, aber auch einem „anerzogenen Geschlechterkampf“ gegenübergestellt, der die „natürliche“ Beziehung zwischen Männern und Frauen zerstören und Frauen nach Ansicht der Gruppierung Identitäre Mädels und Frauen eine „Opferidentität aufzwäng[en]“ würde.Judith Goetz: „‚Aber wir haben die wahre Natur der Geschlechter erkannt ...‘. Geschlechterpolitiken, Antifeminismus und Homofeindlichkeit im Denken der ‚Identitären‘“. In: Judith Goetz, Joseph Maria Sedlacek, Alexander Winkler (Hrsg.): Untergangster des Abendlandes. Ideologie und Rezeption der rechtsextremen ‚Identitären‘. Marta Press, Hamburg 2018 (2. Aufl.), S. 259 f., 270
Ideologie Frauen im Rechtsextremismus vertreten eine völkisch-nationale Einstellung und lehnen zum großen Teil pluralistische Gesellschaftsstrukturen ab. Sie sprechen sich für eine völkisch orientierte Familienpolitik aus. Sie sehen Frauen für die Rolle als „Garant der Familie“ vor dem Hintergrund des nationalen und „arischen“ Gedankens vorgesehen.
Bei allen Frauengruppen der rechtsextremen Szene bilden Rassismus und Nationalismus die ideologische Klammer. Neo-Artamanen