Der südafrikanische Bergarbeiterstreik 2012 war ein wilder Streik in verschiedenen südafrikanischen Erzbergwerken. Er wurde von der AMCU, der kleineren der beiden südafrikanischen Bergarbeitergewerkschaften, mit einer massiven Lohnforderung ausgelöst. Durch gewalttätige Auseinandersetzungen kamen über 40 Menschen ums Leben. Bei dem Versuch, eine Protestversammlung der Streikenden aufzulösen,Marikana: Police did not 'anticipate' reaction Mail & Guardian am 29. April 2013 (englisch), abgerufen am 28. Juli 2013 wurden am 16. August 34 Bergleute durch Schüsse der Polizei getötet. Dieses Ereignis wird häufig als „Massaker von Marikana“ bezeichnet.Über 30 Tote in Südafrika – Ein Massaker wie zu Zeiten der Apartheid. In: faz.net vom 17. August 2012, abgerufen am 17. August 2012., abgerufen am 17. August 2012. Trotz der Zusage einer Lohnerhöhung von bis zu 22 % zuzüglich einer Einmalzahlung von je 2000 Rand für die Bergleute weiteten sich Ende September 2012 die Streiks auf weitere Bergwerke aus.

Vorgeschichte Die 2001 (englisch), abgerufen am 19. August 2012. offiziell registrierte Association of Mineworkers and Construction Union (AMCU, ) forderte für die Bohrhauer (rock drillers) eine Lohnsteigerung von bisher etwa 530 auf 1220 Euro im Monat.Die Schande von Marikana. In: Spiegel Online vom 18. August 2012, abgerufen am 18. August 2012. Die AMCU kämpfte, teilweise gewalttätig, mit der regierungsnahen National Union of Mineworkers (NUM) um die Vorherrschaft bei der Vertretung der Bergleute. Im Februar 2012 hatte ein sechswöchiger Streik im benachbarten Platinbergwerk Rustenburg zu einer 125-prozentigen Lohnsteigerung geführt.Marikana – South Africa Mine Shootings. In: CNN vom 17. August 2012, abgerufen am 18. August 2012 (englisch). Im Juli 2012 hatte das britische Bergbauunternehmen Lonmin, das mehrere Bergwerke in Südafrika besitzt, ohne Beteiligung der Gewerkschaften mit einigen Bergarbeitern höhere Löhne ausgehandelt. Als kurz darauf andere Bergleute ebenfalls höhere Löhne forderten, weigerte sich Lonmin.Lonmin caused problem at Marikana, say police Mail & Guardian am 22. Oktober 2012 (englisch), abgerufen am 29. Juli 2013

Verlauf Beginn des Streiks Im Bergwerk Marikana in Marikana, das Lonmin gehört und in dem vor allem Platin gefördert wird, schlossen sich am 10. August 2012 rund 3000 der 26.000 Bergleute dem Streik an. Die Förderung der vier Lonmin-Bergwerke wurde daraufhin eingestellt.South Africa: Lonmin Mine Clashes. In: The Guardian vom 14. August 2012, abgerufen am 17. August 2012 (englisch). Das Lonmin-Management und die NUM weigerten sich, die Forderungen der Streikenden entgegenzunehmen. Am 11. August 2012 marschierten zahlreiche Bergleute, überwiegend NUM-Mitglieder,Marikana prequel: NUM and the murders that started it all dailymaverick.co.za am 12. Oktober 2012 (englisch), abgerufen am 29. Juli 2013 zum Büro der NUM, um ihnen ein Memorandum zu übermitteln. Kurz bevor die Bergleute das Büro erreicht hatten, kamen NUM-Offizielle aus dem Büro, schossen auf sie und töteten zwei von ihnen.South Africa: Marikana massacre – a turning point? Links am 27. August 2012 (englisch), abgerufen am 29. Juli 2013NUM shot at us – witness Independent Online am 2. Oktober 2012 (englisch), abgerufen am 29. Juli 2013 Die Tötung der beiden Bergleute wurde in südafrikanischen Medien als Hauptgrund für den Vertrauensverlust der Bergleute in die NUM gesehen. Bis zum 14. August 2012 wurden bei verschiedenen Zwischenfällen vermutlich acht weitere Menschen getötet, darunter vier Bergleute sowie zwei Polizisten und zwei Wachleute die durch Streikende getötet wurden. Die beiden Polizisten wurden mit Macheten zerstückelt, die Wachleute in ihrem Auto verbrannt. Drei Bergleute wurden von der Polizei erschossen. Lonmin verlangte von den Arbeitern, dass sie am 16. August wieder zur Arbeit erscheinen sollten, und drohte anderenfalls mit Entlassungen.South African Police shoot striking miners. In: The Guardian vom 17. August 2012, abgerufen am 17. August 2012 (englisch).

Ereignisse am 16. August 2012 Ablauf vor der Eskalation Am 16. August versammelten sich die streikenden Bergleute auf dem nahegelegenen Hügel Nkaneng Hill. Sie waren mit Stöcken, Macheten und Speeren bewaffnet, einige wenige Streikende trugen Schusswaffen, darunter eine wenige Tage zuvor gestohlene Waffe. Viele Frauen zogen mit ihren Männern auf den Hügel.Miners’ wives join Lonmin protest. bei iol.co.za, abgerufen am 17. August 2012 (englisch). Die Polizei plante, die Protestversammlung aufzulösen,Marikana: Police did not 'anticipate' reaction Mail & Guardian am 29. April 2013 (englisch), abgerufen am 29. Juli 2013 und setzte fast 800 Mann,Marikana mine massacre: why British lawyer has joined fight for justice The Guardian am 6. Januar 2013 (englisch), abgerufen am 22. Juli 2013 zahlreiche gepanzerte Fahrzeuge des Typs Nyala und mehrere Hubschrauber ein,Marikana: Footage shows miners in a state of panic Mail & Guardian am 21. November 2012 (englisch), abgerufen am 22. Juli 2013 griff aber vorerst nicht ein.

Polizeischüsse – das „Massaker von Marikana“ Am Nachmittag sperrte die Polizei den Hügel mit Concertina-Draht ab, so dass die Streikenden nicht mehr zu ihren Unterkünften gelangen konnten. Mit Tränengas und Wasserwerfern trieben sie die Streikenden auseinander. Ein Teil der Streikenden bewegte sich daraufhin in unklarer Absicht auf bewaffnete Polizisten zu, wo es keinen Stacheldraht gab.Tote in Marikana – Streik in Platinmine in Südafrika eskaliert. In: Spiegel Online vom 17. August 2012, abgerufen am 17. August 2012. Aus der Menge der Streikenden heraus wurde möglicherweise ein Schuss abgegeben.Youtube-Video von eNCA am 20. August 2012 (englisch; beschränkter Zugriff), abgerufen am 30. Juli 2013 Nach anderen Angaben eröffnete die Polizei das Feuer auf die Gruppe.Marikana: South Africa Mine Shootings bei cnn.com am 14. September 2012 (englisch), abgerufen am 19. Juli 2013 Die Polizisten schossen rund zehn Sekunden lang mit automatischen Waffen auf die Menge. Mehrere Videoaufnahmen von Fernsehstationen zeigen die Polizeischüsse und den Tod mehrerer Streikender an diesem später als Scene One bezeichneten Ort.South African Police shoot miners – Lonmin The Guardian am 17. August 2012 (Video, englisch), abgerufen am 20. Juli 2013Youtube-Video, Zusammenschnitt mehrerer Reportagen vom 16. August 2012 (englisch), abgerufen am 22. Juli 2013 Wenige Minuten später wurden rund 300 Meter entfernt auf dem Hügel Small Koppie (später bezeichnet als Scene Two) etwa ebenso viele Streikende getötet. Sie wurden offensichtlich aus kurzer Distanz erschossen oder von Polizeifahrzeugen überfahren. bei dailymaverick.co.za am 27. August 2012 (englisch), abgerufen am 22. Juli 2013Marikana: The miners were hunted like beasts Mail & Guardian am 31. August 2012 (englisch), abgerufen am 22. Juli 2013

Insgesamt tötete die Polizei 34 Bergarbeiter und verletzte 78.South Africa: Mine Violence cnn.com am 17. August 2012 (englisch), abgerufen am 19. Juli 2013 Laut Angaben der Opferanwälte wurden mindestens 14 Getötete im Rücken getroffen,Jean Liou: S. Africa police admit possible mistakes in Marikana deaths Agence France Press (englisch), abgerufen am 17. Februar 2016 nach anderen Angaben die Mehrheit der Getöteten.Striking South African Miners were shot in the back telegraph.co.uk am 27. August 2012 (englisch), abgerufen am 21. Juli 2013'Autopsies show miners were fleeing The Star am 27. August 2012 (englisch), abgerufen am 29. Juli 2013 Elf der Getöteten gehörten der NUM an, 17 der AMCU, die übrigen gehörten keiner Gewerkschaft an.The Marikana massacre in the words of the victims bei thebureauinvestigates.com am 7. Dezember 2012 (englisch), abgerufen am 30. Juli 2013 259 Streikende wurden festgenommen.In Südafrika schlägt die Stunde der Populisten. In: Welt Online vom 18. August 2012, abgerufen am 18. August 2012 Die Polizei gab 900 Schüsse ab, davon 400 mit scharfer Munition.Marikana massacre Saturday Star (englisch), abgerufen am 21. Juli 2013 Die übrigen Streikenden verließen den Hügel; Polizisten wurden nicht verletzt. Anschließend fand die Polizei fünf oder sechs Schusswaffen, darunter ein einige Tage zuvor gestohlenes Polizeigewehr.South Africa to charge Marikana miners in deadly unrest New York Times am 31. August 2012 (englisch), abgerufen am 20. Juli 2013

Folgen der Polizeischüsse In Scene Two von der Polizei fotografierte Szenen wurden nachträglich verändert. Am 16. August aufgenommene Fotos zeigen Tote und daneben wenige traditionelle Waffen. Am Folgetag aufgenommene Fotos derselben Personen zeigen eine erheblich größere Zahl an Waffen. Der SAPS musste zugeben, die Szene gefälscht zu haben.Marikana Cover-Up The Guardian am 6. November 2012 (englisch), abgerufen am 20. Juli 2013

Die SAPS-Kommandeurin, Generälin Victoria Mangwashi Phiyagi, interpretierte am 17. August die Polizeischüsse als Notwehr, da die Polizisten mit Waffen angegriffen worden seien.

Das Vorgehen der Polizei wurde bereits am 17. August von zahlreichen Medien als „Massaker von Marikana“ bezeichnet.Union leader cries over Marikana massacre Business Report am 17. August 2012 (englisch), abgerufen am 22. Juli 2013 Präsident Jacob Zuma drückte „Schock und Entsetzen“ über die tödlichen Schüsse aus. Er forderte die Gewerkschaften auf, mit der Regierung zusammenzuarbeiten, um die Spirale der Gewalt zu stoppen. Er brach seinen Aufenthalt bei einer SADC-Konferenz in Maputo ab und besuchte verletzte Bergleute im Krankenhaus. Die SAPS-Offiziellen berieten sich nach den Schüssen neun Tage lang in Potchefstroom, um eine gemeinsame Linie abzusprechen. 194 der inhaftierten Bergleute gaben an, in der Haft gefoltert worden zu sein. City Press am 25. August 2012 (englisch), abgerufen am 28. Juli 2013

Festnahmen und Reaktionen Am 30. August wurde bekannt, dass die festgenommenen Streikenden des Mordes an den 34 durch die Polizei getöteten Bergarbeitern angeklagt werden sollten. Die Justiz berief sich dabei auf ein Gesetz aus der Zeit der Apartheid, dem zufolge bei einer Schießerei unter Beteiligung der Polizei alle vor Ort festgenommenen Menschen angeklagt werden. Anwälte protestierten am 1. September bei Präsident Zuma gegen dieses Vorgehen, der jedoch verlauten ließ, sich nicht in die Arbeit der Justiz einmischen zu wollen. Die Staatsanwaltschaft gab kurze Zeit später an, die Anklagen gegen die inhaftierten Bergarbeiter beim nächsten Gerichtstermin „vorläufig“ zurückziehen zu wollen und diese unter Auflagen freizulassen. Erst nach Beendigung der Ermittlungen werde darüber entschieden, ob Anklagen eingeleitet würden. Kurz darauf wurden 162 der 270 inhaftierten Bergleute entlassen.

Der Polizeiminister des Landes, Nathi Mthethwa, erklärte, die Polizisten hätten „in legitimer Selbstverteidigung“ das Feuer auf eine Gruppe von Arbeitern eröffnet, als die Beamten angegriffen wurden. Der Generalsekretär des regierungsnahen Gewerkschaftsdachverbands COSATU, zu dem die NUM gehört, verteidigte ebenfalls das Vorgehen der Polizei. Die Oppositionsführerin Helen Zille forderte die Konfliktparteien auf, aufeinander zuzugehen.

Das South African Institute of Race Relations forderte die Suspendierung aller beteiligten Polizisten. Der Börsenwert von Lonmin fiel wegen des durch den Streik verursachten Produktionsausfalls um rund 20 Prozent.

Julius Malema, ehemaliger Vorsitzender der ANC Youth League, besuchte am 18. August 2012 die Streikenden, die sich wieder auf dem Nkaneng Hill eingefunden hatten, und hielt eine Rede, in der er die Polizeikräfte und den verantwortlichen Minister Nathi Mthethwa vom African National Congress (ANC) scharf kritisierte.

Ausweitung des Streiks