mini|hochkant|Michail Jefimowitsch Kolzow (1938) Michail Jefimowitsch Kolzow (; * Die Geburtsgeschichte von Moses Fridland im metrischen Buch des Kiewer Rabbinats für 1898 (ЦГИАК Украины. Ф. 1164. Оп. 1. Д. 442. Л. 138об—139.) in Kiew; † 2. Februar 1940 in Moskau) war ein sowjetischer Feuilletonist und Journalist. Bekannt, aber als historische Quelle umstritten, sind unter anderem seine Reportagen aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Er war der ältere Bruder des Karikaturisten Boris Jefimowitsch Jefimow. Als führender Propagandist Stalins wurde er selbst Opfer des Großen Terrors.
Leben Jugend Michail Jefimowitsch Kolzow wurde unter dem Namen Moisej Chaimowitsch Friedland (Моисе́й Ха́имович Фри́длянд) als erster Sohn eines jüdischen Schuhmachers in Kiew geboren. Als er zwei Jahre alt war, siedelte seine Familie in die damals zum Zarenreich gehörende Stadt Białystok über. Dort besuchte er die Realschule. Gemeinsam mit seinem Bruder Boris, der später Karikaturist wurde, gab er eine Schülerzeitung heraus.
1915 kehrte die Familie nach Kiew zurück. 1916 begann er eine Ausbildung am Psychoneurologischen Institut von Petrograd. In der Hauptstadt des Zarenreichs fing er an, für verschiedene Zeitungen zu schreiben. In Kommentaren verurteilte er jegliche Erscheinungsform des Antisemitismus.
Nach der Februarrevolution 1917, die Kolzow begrüßte, arbeitete er als Redakteur für eine Kinozeitschrift, die das Volkskommissariat für Bildung herausgab.Angaben über Kolzows Jugendzeit laut: Kol‘cov Michail Efimovic (Biografie auf Webseite des Moskauer Sacharow-Zentrums).
„Journalist Nr. 1“ 1918 wurde Friedland auf Empfehlung des Volkskommissars für Bildung Anatoli Lunatscharski in die bolschewistische Arbeiterpartei aufgenommen. Im selben Jahr begann er, unter dem Pseudonym „Michail Kolzow“ zu publizieren. 1921 berichtete er als Reporter über die Niederschlagung des Kronstädter Matrosenaufstandes. Wenige Monate später trat er in die Redaktion des Parteiorgans Prawda ein und wurde dort von Anfang an als Reporter eingesetzt.
In den folgenden Jahren war er auch an der Gründung mehrerer Zeitschriften beteiligt, darunter Im Ausland (За рубежом), Hinter dem Steuer (За рулём) und Sowjetisches Foto (Советское фото). Überdies gründete er die Satirezeitschrift Kauz (Чудак), in der er selbst regelmäßig die Kolumne Kalender eines Kauzes schrieb. Darin spießte er die Anpassungsschwierigkeiten eines fiktiven Spießbürgers an die neuen Lebensumstände in der sowjetischen Gesellschaft auf.
1927 gewann Kolzow 25 junge Autoren, gemeinsam für die von ihm wiedergegründete Zeitschrift Ogonjok einen satirischen Stegreifroman zu schreiben.Kritik in Kürze, Die Zeit, 17. Dezember 1982. Jeder der Autoren übernahm ein Kapitel. Zu ihnen gehörten Isaak Babel, Alexander Grin, Wera Inber, Weniamin Kawerin, Alexei Tolstoi und Michail Soschtschenko. Das Sammelwerk erschien unter dem Titel Die großen Brände (Большие пожары) und liegt auch in deutscher Übersetzung vor.Die großen Brände. Ein Roman von 25 Autoren. aus d. Russ. von Rosemarie Tietze, Ullstein, Berlin/Frankfurt/Wien 1982, ISBN 3-550-06358-X. Die von Kolzow geleiteten Redaktionen organisierten auch Flugwettbewerbe. Er selbst nahm an einem Flug von Moskau über Ankara und Teheran nach Kabul teil, seine Reportagen darüber sowie der Wochenschaubericht fanden ein starkes Echo.Arkadi Waksberg: Die Verfolgten Stalins. Aus den Verliesen des KGB. Reinbek 1993, S. 21.
Frühzeitig setzte Kolzow auf den Parteisekretär Stalin und pries ihn immer wieder in seinen Texten. Als Stalin sich die Alleinherrschaft gesichert hatte, förderte er seinerseits Kolzow. Dieser trat auch an die Spitze der Redaktion von Krokodil und setzte in ihr die stalinistische Linie durch. Kolzow bekam wegen seiner zahlreichen publizistischen und organisatorischen Aktivitäten sowie seiner Allgegenwart in den Medien den inoffiziellen Titel „Journalist Nr. 1“.Witali Schentalinski: Das auferstandene Wort. Verfolgte russische Schriftsteller in ihren letzten Briefen, Gedichten und Aufzeichnungen. Bergisch Gladbach 1996, S. 85.
Kulturfunktionär Kolzow übernahm die Leitung der Auslandsabteilung des 1932 gegründeten Schriftstellerverbandes der UdSSR, der vollständig der Kontrolle von Partei und Geheimpolizei NKWD unterlag. Er war somit an den Genehmigungen von Dienstreisen von Schriftstellern ins Ausland beteiligt, die letzte Entscheidung aber lag beim Zentralkomitee. Auch oblag ihm die Betreuung von Schriftstellern, die die Sowjetunion besuchten. In dieser Eigenschaft begleitete er die Franzosen Louis Aragon, André Gide und André Malraux bei ihren Reisen nach Moskau und in andere Städte der Sowjetunion.Boris Frezinskij: Pisateli i sovetskie voždi. Moskau 2008, S. 373–376, 451.
1935 gehörte er zu den Organisatoren des teilweise von Moskau finanzierten antifaschistischen „Kongresses der Schriftsteller zur Verteidigung der Kultur“ (Congrès international des écrivains pour la défense de la culture) in Paris. Gemeinsam mit Louis Aragon und Henri Barbusse kämpfte er hinter den Kulissen des Kongresses für die Einhaltung der Parteilinie. Sie stellten sich damit gegen eine Gruppe von Sympathisanten des Sowjetsystems um André Gide und André Malraux sowie den sowjetischen Schriftsteller Ilja Ehrenburg, die eine große parteiübergreifende Bewegung gegen den Faschismus aufbauen wollten.Boris Frezinskij: Pisateli i sovetskie voždi. Moskau 2008, S. 358–392. An den Tagen, an denen er den Vorsitz führte, leitete der polyglotte Kolzow den Kongress dogmatisch und in aggressiver Weise, wie Teilnehmer festhielten.Witali Schentalinski: Das auferstandene Wort. Verfolgte russische Schriftsteller in ihren letzten Briefen, Gedichten und Aufzeichnungen. Bergisch Gladbach 1996, S. 69.
Spanischer Bürgerkrieg Von August 1936 bis November 1937 berichtete er vom Spanischen Bürgerkrieg. Er traf dort mit Ernest Hemingway zusammen, der ebenfalls als Reporter auf der Seite der republikanischen Truppen von dem Krieg berichtete. Hemingway setzte ihm in seinem Roman Wem die Stunde schlägt (1940) mit der Figur des sowjetischen Journalisten Karkow ein literarisches Denkmal. Hemingways Karkow ist überaus intelligent, gerissen und gleichzeitig ein charmanter Frauenheld. In dem Roman heißt es über das Bild, das der Erzähler von Karkow hatte – und Hemingway bestätigte, dass er damit Kolzow meinte:Arkady Vaksberg: Stalin’s prosecutor. The life of Andrei Vyshinsky. New York 1991, S. 196. „Der Intelligenteste von allen Leuten, die er die Gelegenheit hatte zu treffen – er hatte solch einen guten Kopf, solch eine innere Würde und solchen Esprit.“The most intelligent of all the people he had the occasion to meet … who had such a good head, so much inner dignity and such wit. Dem Roman zufolge hat er seine deutsche Frau Maria Osten, die bei den republikanischen Truppen als Dolmetscherin eingesetzt war, in Spanien fortwährend betrogen.
Unter dem Pseudonym „Miguel Martínez“ nahm Kolzow auch Aufgaben für den NKWD wahr. Er war in die Koordination des Kampfes der Stalinisten gegen andere Links-Gruppen eingebunden, besonders gegen die katalanischen Anarchisten sowie das trotzkistische Bündnis POUM. In Briefen an Stalin persönlich rühmte er sich seiner Rolle bei den Kämpfen im Lager der Linken.Frezinskij, S. 458 f.
Doch wurde Kolzow selbst 1937 in einem Brief des französischen Komintern-Funktionärs André Marty an Stalin als Trotzkist denunziert, wie erst nach Öffnung der Archive in den 1990er Jahren bekannt wurde. Marty beschuldigte auch Maria Osten, eine deutsche Spionin zu sein.Arkadi Waksberg: Die Verfolgten Stalins. Aus den Verliesen des KGB. Reinbek 1993, S. 23. Der Konflikt zwischen Marty und dem Protagonisten Karkow alias Kolzow ist auch Gegenstand von Hemingways Bürgerkriegsroman.
Umstritten ist, ob Kolzow am Massaker von Paracuellos beteiligt war. Im Spätherbst 1936 hatten Einheiten der Linken rund 2500 Vertreter der bürgerlichen Ordnung, darunter Politiker und Priester sowie gefangene Soldaten der aufständischen Verbände unter Franco, erschossen und in der Nähe der Ortschaft Paracuellos de Jarama nordöstlich von Madrid verscharrt. Eine These lautet, Kolzow persönlich habe den Befehl zu der Massenexekution gegeben.Diese These vertreten u. a. Jan Gibson: Paracuellos: cómo fue. Madrid 1983; Antony Beevor: The Spanish Civil War. London 1999; César Vidal: Paracuellos – Katyn: Un ensayo sobre el genocidio de la izquierda. Madrid 2005. Die Gegenthese lautet, dass nicht er, sondern der spanische Politruk Santiago Carillo den entscheidenden Befehl gegeben habe.Paul Preston: El holocausto español. Barcelona 2011, S. 472–474.Julius Ruiz: Paracuellos. Una verdad incómoda. Barcelona 2015, S. 83.
Weiterer Aufstieg Nach seiner Rückkehr nach Moskau wurde Kolzow Anfang 1938 von Stalin im Kreml empfangen. Er berichtete ihm und dem hinzugezogenen Regierungschef Wjatscheslaw Molotow sowie dem Volkskommissar für Verteidigung Kliment Woroschilow und dem NKWD-Chef Nikolai Jeschow drei Stunden lang über die Lage in Spanien. Kolzow sparte dabei nicht mit Kritik an den sowjetischen Militärberatern.Frezinskij, S. 457. Nach dem Treffen äußerte er gegenüber seinem Bruder, dem Karikaturisten Boris Jefimow, die Befürchtung, dass sein Auftritt Stalin nicht gefallen habe. Der Kremlherr habe ihn mit einem Blick verabschiedet, der ausgedrückt habe: „Zu vorlaut!“Cлишком прыток!, Arkadij Vaksberg: Neraskrytye tajny. Moskau 1993, S. 14.
In Moskau erschien in großer Auflage 1938 sein Spanisches Tagebuch, in dem er den Kampf gegen Trotzkisten und andere „Abweichler“ rühmte. Im selben Jahr wurde er zum Abgeordneten des Obersten Sowjets gewählt und in die Akademie der Wissenschaften berufen. Die Prawda nahm ihn in die Chefredaktion auf.WArkadi Waksberg: Die Verfolgten Stalins. Aus den Verliesen des KGB. Reinbek 1993, S. 20.
Kolzow berichtete über den dritten Moskauer Schauprozess, in agitatorischem und polemischem Stil verteidigte er die Urteile. Er äußerte in privatem Kreis seine Befriedigung darüber, dass Ehrenburg, den er wiederholt bei Stalin als Abweichler denunziert hatte, gezwungen worden war, dem Verfahren gegen das in Ungnade gefallene frühere Politbüromitglied Nikolai Bucharin beizuwohnen. Ehrenburg und Bucharin waren eng befreundet.Frezinskij, S. 201.
Verhaftung und Hinrichtung Am 12. Dezember 1938 hielt Kolzow im Bolschoi-Theater in Moskau vor der versammelten Elite des Landes einen Vortrag über das neue Lehrbuch über die Parteigeschichte – Kurzer Lehrgang der Geschichte der KPdSU (B). Anschließend wurde er in die Redaktion der Prawda gebeten. Dort wurde er unter dem Vorwurf der „konterrevolutionären Tätigkeit“ verhaftet. Als einer der Drahtzieher der Aktion gegen ihn wurde der Verteidigungskommissar Woroschilow ausgemacht. Dieser war über Kolzows Kritik an den in Spanien eingesetzten sowjetischen Militärberatern zutiefst erbost. Woroschilow verhinderte eine Publikation Kolzows darüber und bekam dafür die Rückendeckung Stalins.Arkadi Waksberg: Die Verfolgten Stalins. Aus den Verliesen des KGB. Reinbek 1993, S. 25–26.
Kolzow wurde von den NKWD-Befragern schwer gefoltert. Ihm wurden belastende Aussagen über Ehrenburg, Hemingway und Malraux abgepresst. Er gestand, dass der längst inhaftierte frühere Chefredakteur der Prawda Karl Radek ihn als Terroristen angeworben habe. An der Vorbereitung von Terroranschlägen sei auch der Regisseur Wsewolod Meyerhold beteiligt gewesen. Dieser war ebenfalls in Haft gefoltert worden.