Abschied von den Feinden ist der Titel eines 1995 publizierten Romans des 1993 mit dem Alfred-Döblin-Preis und 1994 mit dem Marburger Literaturpreis ausgezeichneten Schriftstellers Reinhard Jirgl. Erzählt wird die Beziehungsgeschichte zweier Brüder vor dem Hintergrund der Ost-West-Teilung Deutschlands. mini|480px|Goyas Spätwerk „Duell mit Knüppeln“ aus der „Pinturas negras“ (Schwarze Bilder)-Phase (1820–1823), ursprünglich eine Wandbemalung in seinem Landhaus „Quinta del Sordo“ (Landhaus der Tauben) dient als Umschlagsbild für Jirgls Roman zur Illustration des Bruderkampfes.
Handlungsübersicht Haupthandlungsort des Romans ist eine Kleinstadt im Norden der ehemaligen DDR, wohin im Frühjahr 1992 zwei namenlose rivalisierende Brüder reisen: Der „Ältere“ von der BRD, der „Jüngere“ von seiner Wohnung im Osten Berlins aus. Es ist der Ort ihrer Kindheit bei den Pflegeeltern, einem Flüchtlingsehepaar aus dem Sudetenland. Hier hat vor kurzem ihre gemeinsame Berliner Freundin nach einer gescheiterten Ehe Unterschlupf gesucht, bevor sie unter ungeklärten Umständen ermordet wurde. Von dieser Lokalität aus blicken die beiden Protagonisten, ergänzt bzw. kontrastiert durch die anonyme Stimme der Stadtbewohner, zurück auf ihre fragmentarisch erinnerten, durch ihre Kindheitstraumata und eine Kette einseitiger Liebesbeziehungen aneinandergebundenen Leidensgeschichten im Feindesland. Dadurch entsteht, zusammengetragen von verschiedenen Erzählern mit unterschiedlichem Informationsstand, ein fragmentarisches Bild existenzieller menschlicher Beziehungsprobleme, verstärkt oder evoziert durch die destruktiven Repressionen totalitärer Systeme.
Die Brüder Der „Ältere“ (geb. 1953) und sein ca. vier Jahre jüngerer Bruder kommen – nach der Flucht des mit einer SS-Vergangenheit belasteten Vaters und der Verhaftung seiner als Mitwisserin verdächtigten Frau an einem Februarmorgen 1957 (Kp. 7) sowie deren Einweisung in eine psychiatrische Klinik – in ein Kinderheim (Kp. 10) bzw. eine -krippe und werden nach einem Jahr von einem Flüchtlingsehepaar adoptiert (Kp. 12). Diese Zeit der Stabilität und familiären Fürsorge mit Weihnachtsabenden und gemeinsamem Urlaub im Gebirge oder am Meer endet abrupt mit der Rehabilitierung der leiblichen Mutter. Nach zehn Jahren kehren die Brüder zu „jener fremden Frau nach Berlin“Jirgl Reinhard: Abschied von den Feinden. Dtv 1998, S. 303. Nach dieser Ausgabe wird zitiert. zurück und leben mit ihr in einer Zweizimmerwohnung. Durch die seelischen Schockerlebnisse, zum einen der Verhaftung und Verschleppung der Mutter und zum anderen der erneuten Trennung von Bezugspersonen bei der Rückverpflanzung, fühlt sich der „Ältere“ oft „in die Tiefen der 1samkeit“Jirgl, S. 261. Hier wie im Folgenden nach Jirgls eigener Schreibform. versunken und in Liebesbeziehungen verunsichert.
Der Ältere Er wird Rechtsanwalt (Kp. 4) und, in geschickter Distanz zum politischen System, Justitiar in einem Krankenhaus: „Er wußte, dass kein Leben denkbar wäre ohne Kompromiß; so fügte er sich ins Unvermeidliche, irgendwo & irgendwem Dienste zu leisten mit seiner Kraft“.Jirgl, S. 29. Der „Jüngere“ arbeitet als Mechaniker und wird von seinem Bruder folgendermaßen charakterisiert: „[E]r fühlte immer familiär & blieb, was er war: im Osten ein Arbeiter, bei seinesgleichen: seelenvollen Zerstörern inmitten all=ihrer selbstgemachten seelenvollen Lügen.....“.Jirgl, S. 139.
In dieser Zeit beginnt der „Ältere“, in Rivalität zu seinem Bruder, eine Beziehung zu einer Frau, die er wegen ihrer von ihm empfundenen Zwiespältigkeit bzw. wegen ihrer verunsichernden Intention („Sie brauchte mich für die Heirat“Jirgl, S. 158.) als „Füchsin“ mit Kinderaugen bezeichnet: „Das Gesicht einer weißen Füchsin die Augen staunend wie Augen eines Kindes nach einem Mord“.Jirgl, S. 73. Vom „Jüngeren“ entfremdet er sich immer mehr, spricht schließlich nicht mehr mit ihm. Doch die Brüder sind durch die gemeinsam erlittenen Verletzungen, die Zeit des engen Zusammenlebens und die Fixierung auf die „Frau“ weiterhin, wie die Romanhandlung demonstriert, seelisch-geistig aneinandergebunden. Den Prozess der Unzufriedenheit („Schlimm genug, meine Existenz ertragen zu müssen“) skizziert der „Ältere“ in seinem Tagebuch. Im letzten, abgebrochenen Eintrag (Kp. 13) rechnet er mit dem System und zugleich mit dem Bruder ab: „In 1 Land wie diesem, […] wo das 1zige Gebot & die einzig wirkliche Gefahr die fortwährende Aufforderung zum Einschlafen darstellt, kann der Zweite Hunger […] nach Wissen – nur Sättigung finden im Kannibalismus. Fehlendes eigenes Leben muß ersetzt werden durch fremdes Leben, das Fleisch & die Gelüste des Nächsten im Gehege des Absterbens – und hierin nimmt das Spitzeltum –“Jirgl, S. 195..
Durch die Flucht von Freunden und Bekannten verstärkt sich seine Isolation, die zugleich die „Versicherung seiner Existenz“ ist („Ich werde verfolgt, also bin ich.“Jirgl, S. 194.). Eine Vertrauenskrise ist der letzte Grund seiner Entscheidung, die DDR zu verlassen: „Er hätte damals beinahe Alles ertragen, um fortzukommen. Von hier, von ihr. Es musste etwas Außergewöhnliches geschehen sein zwischen ihr u ihm“.Jirgl, S. 30. Der „Ältere“ macht Andeutungen über ein „Versagen der Maskerade“, d. h. er bemerkt oder vermutet eine Verstellung der Frau, hinter deren Fassade er offenbar nicht blicken kann.Jirgl, S. 31. Auch spricht er von der „dämonischen Kraft sich zu verletzen“: „Und die Wörter, die 1zelnen Laute – sie waren das Salz, die eigenen Teufel, die uns vertrieben aus unserem verstümmelten Paradies.....“. Später wird er auf seiner Reise versuchen, diese inneren Zusammenhänge zu ergründen. Die persönlichen Verletzungen und Enttäuschungen sind offenbar der Auslöser für seinen Antrag einer Ausreise in den Westen, der 1984 genehmigt wird. Seiner Freundin verspricht er, wie sein Vater zuvor seiner Mutter, sie nachzuholen, was er ebenso wenig realisiert.
Sein Leben in der BRD beginnt mit Arbeitslosigkeit und finanziellen Schwierigkeiten, bevor er wieder als Anwalt arbeiten kann. An einem Märzmorgen 1992 (Kp. 2) kehrt der nun 39-Jährige auf der Suche nach seiner wirklichen Biographie, den ihm verschlossenen Erlebnissen der in der DDR zurückgelassenen „Frau“ sowie seinem potentiellen alternativen Leben in die Kleinstadt zurück: „diese 1, die ich gesucht habe, von der es nur noch ein unzusammenhängendes Wissen gab […] Diese 1 ist die Summation all meiner Begegnungen“.Jirgl, S. 309. Die gedankliche Recherche bildet den surrealen Kern des Romans: In einem Wechsel von, vom Bruder initiierten, Erinnerungsfragmenten und -materialien, Halluzinationen und Traumwanderungen, z. B. durch das „Kirke-Land“ bis zur Landzunge, versucht er sich seinem Ziel zu nähern: „?Werde ich Hier finden, wonach ich so langezeit gesucht habe: die Begegnung mit dieser 1 Frau – dies dunkle Zimmer all meines Sprechens –“.Jirgl, S. 310.
In einem verlassenen Dorf im verwilderten ehemaligen Grenzgebiet verlässt er das Blickfeld des Lesers, dort, wo die Adoptiveltern nach ihrer Flucht bei einem Bauern gearbeitet haben und wo er die Wurzeln seiner Entwicklung, der Rettung aus dem Kinderheim, sieht: „Er war kein Reisender mehr […]. Dort, in diesem langsam erbleichenden Ort, würde er, unvereinbar mit-sich u: seinen Bildern, 1 blinder Punkt sein, 1 Fleck. Der würde bleiben“.Jirgl, S. 321.
Der Jüngere Nach dem Weggang des Bruders wird die „Frau“ die Freundin des „Jüngeren“. Diese einseitige Beziehung setzt sie auch, trotz vieler Zurückweisungen, während ihrer Ehe mit einem Arzt bis zu ihrer psychischen Erkrankung fort. Ihr ambivalentes Verhalten beschreibt der Jüngere in einer Abschiedssituation in der U-Bahn als Spaltung in zwei Figuren: „Die Andere […] wendet mit demonstrativer Gleichgültigkeit der Szene den Rücken zu. Die Frau jedoch schaut zu mir herüber“.Jirgl, S. 10. Wegen ihrer West-Kontakte unter Druck gesetzt und um sie vermeintlich zu schützen, unterschreibt er eine Verpflichtung zur Stasi-Mitarbeit.
Der „Jüngere“ folgt der „Frau“ nach ihrer vom Ehemann verordneten Übersiedelung in die Kleinstadt und versucht die Beziehung wieder aufzunehmen, was sie jedoch vulgär ablehnt: „Mir reicht mein Alter=das !Schwein Da brauch ich keinen !Ableger wie dich !Hastu ?!verstanden !1=für=allemal ?ja“.Jirgl, S. 269. Einige Tage später stürzt der „Jüngere“ die nahe gelegene Steilküste hinab auf den Strand und wird schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert (Kp. 1), wo er in einem fiktionalen Spiel mit Hilfe des Bruders ihre Vergangenheit zu rekonstruieren versucht und in diesem Zusammenhang einen virtuellen Kampf führt, an dessen Ende ihn der „Ältere“ ermordet.Jirgl, S. 305 ff. Als Zuhörer der Stimme der Kleinstadt-Bürger verschwindet er aus der Szene („Vielleicht haben wir am Ende Ihnen alles umsonst erzählt – Sie rühren sich ja nicht […] Da hätten Wir ja die Ganze Geschichte einem Toten erzählen können.....“Jirgl, S. 312.) und zieht sich in seine Gedankenwelt zurück, um den Bruder weiterhin an seine Erlebnisse zu erinnern bzw. ihn in der Ungewissheit über Vermutungen und Wahrscheinlichkeit zu verunsichern.Jirgl, S. 319. Nach einem als Motto dem Roman vorangestellten Ausspruch: „Das Auge wird zu den Stätten seiner Betrügereien zurückkehren.“ (nach Samuel Becketts „Mal vu mal dit“)
Die Frau mit dem Gesicht einer Füchsin Die Individuation der „Füchsin“ ist ebenso wie die der beiden Jungen durch ein traumatisches Kindheitserlebnis (Kp. 8, 15) gestört: den sexuellen Missbrauch durch ihren seit seinem 24. Lebensjahr nach einem Betriebsunfall in einer Werft querschnittsgelähmten Vater, der dem Mädchen früher eine Reise „zu den Lichtern“ versprochen hat,Jirgl, S. 60, 281. und die für die ca. 10-Jährige unbegreifliche Bestrafung, vor der verschlossenen Tür in die Winterkälte ausgesetzt zu werden. Die aus der Verstoßung resultierenden Schuldgefühle verbinden sich später offenbar mit dem Unfall des Vaters, der den Querschnittgelähmten zu einem lebenslangen Opfer macht. Mit dem Tod des Vaters beginnt ihre Veränderung (Bericht vom Abschied, S. 7 ff.): Die zahlreichen Männerbeziehungen in ihrem unsteten Leben sind durch wechselnde Gefühle und einen Lust-Hass-Rhythmus belastet, an dem nicht nur sie selbst, sondern auch der „Jüngere“ zerbricht. Symptomatisch dafür ist ihr Schrei nach dem Sturz auf der Rolltreppe über den am Boden liegenden „Jüngeren“ hinweg in die „Tiefe des Schachts“: „Hab ich euch !endlich was getan –“.Jirgl, S. 160.
Nach der Ausreise des „Älteren“ in die BRD und ihrer Enttäuschung über den Freund und durch die schwindende Erwartung, ihm folgen zu können, heiratet sie den älteren Chefarzt einer Berliner Klinik mit entsprechenden Beziehungen im DDR-System und erhält dadurch einen besseren Lebensstandard (Haus mit Garten anstelle der Einzimmerwohnung im fünften Stock eines Mietshauses) sowie die Möglichkeiten, Geschichte zu studieren, und hofft, für ihre Dissertation im westlichen Ausland forschen zu können. Sie lebt in gesellschaftlich bevorzugten Kreisen und bekommt im Laufe von drei Jahren zwei Kinder. Sie führt jedoch ihre Doppelexistenz weiter: Sie setzt ihre Beziehung zum „Jüngeren“ fort, verbringt mit ihm einen Urlaub auf Rügen (Kp. 14) und schreibt zeitweise täglich an den „Älteren“, der ihr jedoch selten antwortet.