mini|Die langobardischen Herrschaftsgebiete in Italien: Das Langobardische Königreich (Neustrien, Austrien und Tuszien) und die Herzogtümer von Spoleto und Benevent

Das Königreich der Langobarden oder Langobardisches Königreich (lateinisch Regnum Langobardorum) war ein frühmittelalterliches germanisches Königreich, dessen Hauptstadt Pavia war. Die Langobarden gründeten es 568–569 (Invasion Italiens), 774 fiel es an das Frankenreich unter Karl dem Großen. Die effektive Kontrolle der beiden langobardischen Herrschaftsgebiete, der Langobardia maior in Ober- und Langobardia minor in Unteritalien, durch die Langobardenkönige variierte; anfangs besaßen die zahlreichen Fürstentümer, aus denen sich das Königreich zusammensetzte, ein hohes Maß an Autonomie, später verstärkte sich die Herrschaft durch den König, auch wenn sich der Drang einzelner Herzöge nach größerer Selbstbestimmung nie ganz verflüchtigte. Die Langobarden führten bei ihrer Wanderung nach Italien eine eigene germanische Sprache mit: das westgermanische oberdeutsche Langobardische Sprache. Nach der Einwanderung nach Italien übernahmen die Langobarden sehr schnell die Sprache der romanischen Bevölkerung.

Der germanisch-langobardische Charakter verlor sich über die Jahrhunderte, bis das Königreich im Königreich Italien aufging. Die Langobarden übernahmen schrittweise römische Titel, Namen und Traditionen.

Teilweise konvertierten die ursprünglich arianischen Langobarden im 7. Jahrhundert auch zum Katholizismus. Zu Lebzeiten von Paulus Diaconus, dem Verfasser der Historia Langobardorum, befand sich die langobardische Sprache im Niedergang, langobardische Kleidung und Haartracht waren verschwunden.Paul Fouracre, Rosamond McKitterick: The New Cambridge Medieval History: c. 500–c. 700. Cambridge University Press, Cambridge 2005, ISBN 0-521-36291-1, S. 8.

6. Jahrhundert Die Gründung des Langobardenreiches Im 6. Jahrhundert versuchte der oströmische Kaiser Justinian die römische Herrschaft über die Gebiete des ehemaligen Weströmischen Reichs wiederherzustellen. Der daraus resultierende Gotenkrieg machte die oströmische Hoffnung auf eine schnelle Überwältigung der Ostgoten zunichte. Bald wurde er zu einem regelrechten Stellungskrieg, der Massenvertreibungen, großflächige Zerstörungen, Hungerkatastrophen (538–542) und Pest (541) mit sich brachte. Der nach langen Jahren errungene oströmische Sieg erwies sich bald als pyrrhisch, da Italien im Verlaufe des Krieges entvölkert wurde und die wiedergewonnenen Gebiete völlig verarmt waren. Ein Invasionsversuch Italiens durch die Franken, die Verbündeten der Ostgoten, wurde noch abgewehrt; bald darauf konnte aber die kleine oströmische Garnison, die Narses zur Bewachung Italiens zurückgelassen hatte, den Einfall der Langobarden nicht mehr verhindern.

Mit den Langobarden zerbrach die politische Einheit der Italienischen Halbinsel, die seit der Eroberung durch die Römer (3. – 2. Jahrhundert vor Christus) ein recht beständiges Faktum gewesen war. Die Halbinsel teilte sich nun zwischen oströmischen und langobardischen Gebieten, deren Grenzen sich fast permanent änderten.

Die Langobarden siedelten sich in der sogenannten Langobardia Maior (Norditalien, hauptsächlich um die Stadt Ticinum – heute Pavia –, woher auch der Name Lombardei stammt) und Langobardia Minor (die Herzogtümer Spoleto und Benevent) an, während die norditalienischen Regionen, die von den Byzantinern gehalten werden konnten, „Romania“ genannt wurden (woher der Name der heutigen Romagna stammt). Dieses Gebiet wurde vom Exarchat von Ravenna verwaltet.

mini|250px|links|Langobardische Gebiete beim Tode Alboins (572)

Bei seiner Ankunft in Italien übergab Alboin die Kontrolle über die Ostalpen an einen seiner treuesten Gefolgsleute, Gisulf, der der erste Herzog von Friaul wurde. Das Herzogtum mit dem Zentrum Cividale del Friuli (damals Forum Iulii) und der Festung Gorizia hatte stets mit äußeren Feinden zu kämpfen, weil es das natürliche Einfallstor zur Halbinsel von Osten her bildete.Vgl. Paulus Diaconus: Historia Langobardorum, IV, 37; VI, 24–26 und 52. Bis zur Herrschaft Liutprands behielt das Herzogtum im Vergleich zu anderen der Langobardia Maior eine größere Autonomie bei.

Später wurden weitere Fürstentümer in den größeren Städten des Königreichs gegründet. Die Gründe dafür waren vor allem militärischer Natur: die Herzöge waren in erster Linie Befehlshaber, die das ihnen anvertraute Territorium zu sichern hatten. Allerdings wurde damit auch der Grundstein für die spätere strukturelle Schwäche der langobardischen Königsmacht gelegt.Jörg Jarnut: Storia dei Longobardi, 2002, S. 48–50.

Im Jahr 572, nach der Kapitulation Pavias und seiner Erhebung zur Hauptstadt, wurde Alboin in Verona Opfer einer Verschwörung seiner Frau Rosamunde und einiger Gepiden und Langobarden. Der langobardische Adel verurteilte den Mord aber und zwang Rosamunde, zu den Oströmern nach Ravenna zu fliehen. Es gelang ihr nach Paulus Diaconus (II, 28ff.), den Kronschatz an sich zu bringen. Dieser gelangte nach ihrem Tod nach Konstantinopel.

Cleph und die Herrschaft der Herzöge Später im Jahr 572 versammelten sich die fünfunddreißig langobardischen Herzöge und wählten Cleph. Unter dem neuen Herrscher eroberten die Langobarden Tuszien und belagerten sogar Ravenna. Im Ergebnis zerstörte Cleph die administrativen und rechtlichen Grundlagen, auf die sich die ostgotische und oströmische Herrschaft gestützt hatte. Wohl um sich wieder einen Kronschatz zu verschaffen, eignete er sich die Besitztümer vieler der noch aus dem Imperium Romanum übrig gebliebenen Aristokraten an, nicht selten gewaltsam. Dennoch: er konnte die in den Quellen als solche bezeichneten Sachsen, die wohl als Söldner mit Alboin nach Italien gezogen waren, nicht mehr an sich binden, sie zogen in ihre Heimat nach Nordgallien zurück (Gregor von Tour, IV, 41f.). Auch Cleph wurde 574 Opfer eines Königsmords, den vielleicht die Oströmer iniziert hatten.

Nach der Ermordung Clephs wurde, möglicherweise in Ermangelung ausreichender Mittel, für ein Jahrzehnt lang kein neuer König ernanntoder zwölf Jahre nach Origo Gentis Langobardorum und Chronik von Fredegar. und die Herzöge beherrschten mit königlicher Gewalt die Herzogtümer, was nicht ohne innere Konflikte verlief (Herrschaft der Herzöge oder der Anarchie). Zu diesem Zeitpunkt war ein Herzog (lateinisch dux, italienisch dann duca) noch eher Anführer (lateinisch ebenfalls dux) seiner langobardischen Gefolgschaft; sie waren noch nicht an Städte gebunden, sondern zogen durch das Land, auch weil sie unter dem Druck standen, genug Beutegut für ihre Leute aufzutreiben. In diese instabile Zeit fällt das endgültige Ende der römisch-italischen Verwaltungs- und politischen Struktur (diese war bis zum Langobardeneinfall weitgehend intakt geblieben, wie z. B. das Beispiel Cassiodors zeigt).

Die langobardische Oberschicht ersetzte in Italien nun die alte romanische Elite. Es wurde festgelegt, dass die langobardische Bevölkerung jeweils ein Drittel (tertia) der Erträge ihrer romanischen Untertanen erhielt.

Die endgültige Ansiedlung: Authari, Agilulf und Theudelinde mini|200px|Theudelinde in einem Fresko von Zavattari

Nach zehn Jahren der Gesetzlosigkeit erschloss sich die Notwendigkeit einer zentralen Herrschaft auch den unabhängigsten Fürsten; die Franken und Oströmer bedrängten die Langobarden. Im Jahr 584 stimmten die Herzöge überein, Clephs Sohn Authari zum König zu machen, und übergaben dem neuen König die Hälfte ihres Vermögens (was wahrscheinlich mit der Enteignung des letzten in romanischer Hand verbliebenen Lands finanziert wurde).Jörg Jarnut: Storia dei Longobardi, 2002, S. 37. Authari konnte nun die Reorganisation der Macht und die endgültige Ansiedlung der Langobarden in Italien angehen. Wie die ostgotischen Könige vor ihm nahm er den Titel Flavius an, um sich zum Beschützer der Römer in seinem Herrschaftsgebiet zu stilisieren: damit nahm er auch das Erbe des Weströmischen Reichs an.Paulus Diaconus: Historia Langobardorum, III, 16.

Authari besiegte sowohl Oströmer als auch Franken und zerbrach deren Bündnis, womit er das von den Herzögen in ihn gesetzte Vertrauen belohnte. Im Jahr 585 vertrieb er die Franken aus dem Piemont und brachte die Oströmer dazu, zum ersten Mal seit dem Einfall der Langobarden um Frieden zu bitten. Schließlich eroberte er den letzten Stützpunkt der Byzantiner in Mittel-Norditalien: die Isola Comacina im Comersee. Um einen dauerhaften Frieden mit den Franken zu gewährleisten, versuchte Authari, eine fränkische Prinzessin zu heiraten, was aber fehlschlug. Deshalb wendete sich der König den traditionellen Feinden der Franken, den Bajuwaren, zu und heiratete Theudelinde. Die Heirat führte zu einer Wiederannäherung der Franken und Oströmer, doch Authari gelang es abermals (588 und 590), die erneuten fränkischen Attacken zurückzuschlagen. Dabei schlossen sich die duces von Perugia, Piacenza, Parma und Reggio Emilia dem oströmischen Exarchen an. Gisulf I. von Friaul (581–590) wurde besiegt und durch den probyzantinischen Gisulf II. (590–610) ersetzt. Um 590 befanden sich dementsprechend weite Teile Nordostitaliens unter der Führung des Exarchen oder föderierter duces. Ebenso wurden die Herzöge von Spoleto und Benevent auf die kaiserliche Seite gezogen. Doch dessen Erfolge brachen mit dem Abzug der Franken und dem Vertrag von 591, aber auch mit dem 592 geschlossenen Bündnis Agilulfs mit den Awaren an der Nordgrenze des Kaiserreichs, sogleich zusammen; zudem ging nun auch Concordia an die Langobarden.

Die Herrschaft Autharis markierte nach Paulus Diaconus die erste Phase innerer Stabilität im Langobardenreich:

Authari starb 590, wahrscheinlich durch eine Palastintrige. Die Nachfolge auf den Thron wurde auf neuartige Weise entschieden. Die junge, verwitwete Königin Theudelinde durfte sich einen König als neuen Ehemann aussuchen: die Wahl fiel auf den Herzog von Turin, Agilulf. Im folgenden Jahr (591) wurde Agilulf vor der Versammlung der Langobarden, der Gairethinx in Mailand zum König gekrönt. Der Einfluss der Königin auf ihren Mann scheint erheblich gewesen zu sein.

Nachdem die Rebellion einiger Herzöge im Jahr 594 niedergeschlagen werden konnte, festigte sich die Herrschaft Agilulfs und Theudelindes über ihre Gebiete. Ihre Grenzen sicherten sie durch die besagten Friedensverträge mit dem Frankenreich und den Awaren. Ihren Waffenstillstand mit den Oströmern brachen sie allerdings systematisch und wiederholt, so dass das Jahrzehnt bis 603 von einer wieder erstarkten langobardischen Offensive gekennzeichnet war. In Norditalien eroberte Agilulf unter anderem Parma, Piacenza, Padua, Monselice, Este, Cremona und Mantua und gewann im Süden außerdem Spoleto und Benevent. links|mini|Das Langobardenreich in seinen drei Hauptteilen: Neustria, Austria und Tuszien Der Zuwachs königlicher Macht, der unter Authari begonnen hatte und der sich unter Agilulf fortsetzte, markierte auch den Übergang in eine neue, stabile Einteilung des Königreiches in Herzogtümer. Jedes Herzogtum wurde von einem Herzog beherrscht, der nicht nur Anführer eines langobardischen Teilstammes („fara“), sondern gleichzeitig auch königlicher Stellvertreter war. Die Herzogtümer wurden an strategisch bedeutsamen Stellen eingerichtet, was der städtischen Entwicklung einiger Wegstationen an den Hauptkommunikationswegen der Zeit (Cividale del Friuli, Treviso, Trient, Turin, Verona, Bergamo, Brescia, Ivrea, Lucca) entgegenkam. Den Herzögen wurden für Fragen der Zivilverwaltung einige Beamte zugeteilt, die Sculdahis und die Gastalde.