mini|Henri Grévedon: Jean Paul Marat (postume Lithographie, 1824) Jean Paul Marat [] (* 24. Mai 1743 in Boudry, Fürstentum Neuenburg, heute Kanton Neuenburg, Schweiz; † 13. Juli 1793 in Paris) war ein französischer Arzt, Naturwissenschaftler und Verfasser naturwissenschaftlicher und politischer Schriften. Während der Französischen Revolution verlegte und schrieb er den Ami du Peuple, eine demagogische Zeitung, in der er zur Hinrichtung amtierender MinisterHyppolyte Taine: The French Revolution. 1881. Band II, S. 5 sowie später auch des Königs und seiner FamilieLouis Gottschalk: The Life of Jean Paul Marat. Girard, Kansas 1923. S. 96 aufrief. Er war auf Seiten der Montagnards Abgeordneter im Nationalkonvent sowie für eine Periode Präsident des Klubs der Jakobiner.

Mit seinen Agitationen war er ein Sprachrohr der Sansculotten. Er wurde für die Septembermassaker verantwortlich gemacht; man konnte ihm jedoch nicht nachweisen, sie auch tatsächlich initiiert zu haben.Ich bin das Auge des Volkes. Ein Portrait in Reden und Schriften. Hrsg. von Aglaia I. Hartig. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1987. ISBN 3-8031-2148-5. S. 29f Nach seiner Ermordung durch Charlotte Corday wurde er zum „Märtyrer der Revolution“ und seine sterblichen Überreste wurden wenige Monate lang im Panthéon aufbewahrt.

Leben Kindheit und seine frühen Jahre Marat wurde am 24. Mai 1743 als zweites von acht Kindern in Boudry im Fürstentum Neuenburg geboren, das als Zugewandter Ort mit der Schweizerischen Eidgenossenschaft assoziiert war und zu jener Zeit von der preußischen Königsfamilie der Hohenzollern regiert wurde. Sein Vater wurde bei der Registrierung seines Sohnes als „Jean Mara“ eingetragenFélix Bovet: „Jean-Paul Marat.“ In: „Le Quérard, archives d’histoirelittéraire de biographie et de bibliographie française“, Band II, Paris 1856, Seite 463., in den Bibliographien wird er auch „Jean-Baptiste Mara“ genannt.so bei Jean Massin, Marat, Paris 1960, S. 12. 1753 zog die Familie nach Yverdon, wo der Vater in einer Tuchfabrik als Zeichner arbeitete. 1755 zog man nach Neuchâtel weiter, wo der Vater nunmehr als Fremdsprachenlehrer tätig wurde. Hier fügte er seinem Namen das Schluss-„t“ an. Den dadurch französisch klingenden Nachnamen „Marat“ übernahm nun auch der Sohn Jean Paul.Biografische Details des Vaters siehe bei Jean Massin, Marat, Paris 1960, S. 13 In der Literatur wird der Vater je nach Sprache Giovanni Mara, Juan Salvador Mara oder Jean Marat genannt. Er war in Cagliari auf Sardinien geboren; seine Mutter, Louise Cabrol, stammte aus der ebenfalls mit der Eidgenossenschaft verbundenen Stadtrepublik Genf.

Durch eine Hautkrankheit (Skrofulose, mit einem heftigen Juckreiz verbunden) bedingt, litt Marat unter Entstellungen. Als er sechzehn Jahre alt wurde, verließ er die Schweiz und wanderte allein nach Bordeaux, wo er Medizin studierte. Um sein Auskommen zu sichern, arbeitete er für den vornehmen Reeder Jean-Paul Nairac.Alex Capus: Himmelsstürmer: Zwölf Portraits. Knaus, München 2008, ISBN 978-3-8135-0314-2, S. 28 ff. 1762 zog er nach Paris, wo er drei Jahre blieb und an der Universität Vorlesungen in Medizin, Physik und Philosophie besuchte. Wegen seiner Erfolge bei der Heilung von Gonorrhoe konnte er sich als Arzt einen Namen machen.

Danach zog es ihn nach England. Zehn Jahre lang praktizierte er als Arzt in London, Newcastle und Dublin. In England wurde er Freimaurer; am 15. Juli 1774 stellte man ihm ein Großlogen-Zertifikat aus, das von James Heseltine, dem Großsekretär, unterzeichnet war. Später wurde er Mitglied der Loge La Bien Aimee in Amsterdam.William R. Denslow, Harry S. Truman: 10,000 Famous Freemasons from K to Z. Kessinger Publishing, ISBN 1-4179-7579-2. Etwa im Jahr 1762 schrieb Jean Paul Marat sein erstes Buch Lettres Polonaises („Polnische Briefe“), das aber nicht veröffentlicht wurde.unveröffentlicht, erhalten in englischer Übersetzung als Polish letters, translated from the original unpublished manuscript, 2 Bände, Boston 1904 (online bei Archive.org). Er lehnte sich dabei an die damals populären Lettres persanes („Persische Briefe“) von Montesquieu an, mit erster gedanklicher Sichtung von Begriffen wie „Naturzustand“, „Gesellschaftsvertrag“ u. a. Auch der 1771 in London fertiggestellte Roman Les Aventures du jeune Comte Potowski – un Roman de Cœur („Die Abenteuer des jungen Grafen Potowski – ein Herzensroman“) blieb zu seinen Lebzeiten unveröffentlicht.Er wurde posthum veröffentlicht als Aventures du jeune Comte Potowski. Un Roman de Cœur, publié pour la première fois, en son entier, d' après le manuscript autographe et précédé d’un notice littéraire, par le bibliophile Jacob (= Paul Lacroix), Paris 1848. Der Roman enthält auch Gedanken zum Strafrecht,(Ausgabe Lacroix, Band 2, Seite 34f.) die Marat später in seinem Plan de législation criminelle („Plan einer Strafgesetzgebung“) wieder aufgriff.

Marat litt nicht bloß unter seiner Hautkrankheit, welche ihn dermaßen quälte, dass er oft nur in der Badewanne Ruhe zum Schreiben fandCharles MacLaurin: Post Mortem – Essays, Historical and Medical. G.H. Doran, New York 1922, S. 200 (weshalb ihn seine Mörderin 1793 ebendort antraf), sondern auch unter seinem Aussehen. Er war lediglich 1,50 Meter groß; sein Kopf wirkte dadurch „zu massig“ für den restlichen Körper, und „eines seiner Augen stand höher als das andere“. Die damit verbundenen Einschränkungen im gesellschaftlichen Umgang trugen zur Formung seines Charakters bei.Will Durant: Kulturgeschichte der Menschheit. Südwest, München 1978. Band 17 Die französische Revolution, S. 34

Wissenschaftler und Physiker Marats erstes veröffentlichtes Werk erschien 1772 als An Essay on the human soul („Eine Untersuchung über die menschliche Seele“). Es wurde 1773 erneut publiziert als Teil seiner Abhandlung A philosophical essay on man („Eine Philosophische Studie über den Menschen“An Essay on the Human Soul, London 1772, im Folgejahr Teil von A Philosophical Essay on Man, being an attempt to investigate the principles and laws of reciprocal influences of the soul and body, 2 Bände, London 1773, französische Version (De l’homme ou les principes et les loix de l’influence de l’âme sur le corps et du corps sur l’âme) Amsterdam 1775 und 1776, deutsche Übersetzung bei VCH, Acta Humaniora, Weinheim 1992.). Ein Jahr später veröffentlichte Marat in England eines seiner berühmtesten Werke: The Chains of Slavery (Die Ketten der Sklaverei)Die „Chains of slavery“ (Die Ketten der Sklaverei) wurden in London im Jahre 1774 veröffentlicht, in Paris in französischer Fassung (Les chaînes de l’esclavage) im Jahre 1792.. Am 30. Juni 1775 erhielt Marat einen akademischen Titel in Medizin an der University of St Andrews in Schottland.Der ihm erteilte „akademische Titel in Medizin“ der St. Andrews University war der „doctor in medicine“. Promotionsurkunde bei Augustin Cabanès, Marat inconnu, Paris 1891, Seite 64; er erhielt ihn vermutlich ohne eine Prüfung auf Fürsprache zweier angesehener Ärzte. Das war ein damals bei der Universität St. Andrews übliches Verfahren, siehe Gérard Walter, Marat, Paris 1933, Seite 43 und Louis R. Gottschalk, Jean-Paul Marat, A study in radicalism, London 1902.

Im Juni 1777 kehrte er wieder nach Frankreich zurück und wurde Arzt bei der Leibgarde des Grafen von Artois, des jüngsten Bruders Ludwigs XVI.

Dort führte er einige Experimente mit Feuer, Licht und Elektrizität durch. Er schrieb Bücher über die ElektrizitätDécouvertes sur le feu, l’électricité et la lumière, Paris 1779, ferner Recherches physiques sur l’électricité, Paris 1782, deutsche Übersetzung Leipzig 1784., das FeuerRecherches physiques sur le feu, Paris 1780, deutsche Übersetzung Leipzig 1782., das LichtDécouvertes sur la lumière, London und Paris 1780, deutsche Übersetzung Leipzig 1784., die OptikNotions élementaires d’optique, Paris 1784, ferner 1787: Optique de Newton, traduction nouvelle (anonym), 2 Bände, Paris 1787., wobei er mit seinem hitzköpfigen Stil so heftige Gegenkritiken auf sich zog, dass Johann Wolfgang von Goethe sich veranlasst sah, ihn in Schutz zu nehmen.„Ein Muster, wie ein grimmassierend böser Wille sich gebärdet, um etwas, das sich nicht ganz verneinen lässt, wenigstens zu beseitigen“, schrieb er über die Kritiker Marats (Goethes Werke, II. Absatz, 4. Band, Weimar 1894, Seite 225). Möglicherweise brachte Goethe damit auch seine eigene Befindlichkeit zum Ausdruck: So hatte er mit seiner Farbenlehre, die Newton den Kampf ansagte, zeitlebens unter Anfechtungen zu leiden. 1779 veröffentlichte er ein Buch über seine neuen Erkenntnisse im Bereich der Physik. Weitere Bücher über Physik, Theorie der Politik, Recht und Physiologie folgten in den folgenden Jahren. Im Jahre 1783 beendete Marat seine medizinische Laufbahn und widmete sich voll den Naturwissenschaften.

Politisches Wirken Gleichzeitig mit seinen naturwissenschaftlichen Studien befasste er sich mit Politik und Recht und beteiligte sich an einem 1777 von der Société économique de Berne veranstalteten Wettbewerb zur Reform des StrafrechtsDer Wortlaut des Preisausschreibens wird bei Gérard Walter, Marat, Paris 1933, auf Seite 61 wiedergegeben. mit einem 1780 herausgegebenen Plan einer Kriminalgesetzgebung.Plan de législation en matière criminelle, Neuchâtel 1780; weitere Auflagen 1782, 1790 und 1795. 1955 wurde eine deutsche Übersetzung veranlasst und herausgegeben: Plan einer Criminalgesetzgebung, mit einem Vorwort zur russischen Ausgabe von A.A. Herzenson, Berlin 1955. Die erste Auflage wurde vermutlich durch die Zensurbehörde beschlagnahmt, die weiteren Auflagen blieben unbeachtet.Einzelnachweise bei Friedrich Lohmann, Jean Paul Marat und das Strafrecht in der französischen Revolution, Bonn 1963, Seite 93 ff.

Jean-Paul Marat verfasste neben naturwissenschaftlichen und politischen Schriften den Abenteuer- und Liebesroman Aventures du jeune Comte Potowski, un „Roman de Cœur“ (1771), der jedoch erst posthum im Jahr 1848 erschien. Im Juli 1788 fühlte sich Marat sterbenskrankLettre au Président de l’Assemblée nationale, April 1790. und schrieb deshalb sein Testament. Er bat einen Freund, den Uhrmacher Abraham Louis Breguet, ihn am Totenbett seelisch zu unterstützen und alle seine Manuskripte an eine Akademie für Wissenschaften zu schicken. Angeblich erzählte ihm Abraham am Totenbett von den revolutionären Ereignissen. Dies soll bei ihm einen so großen Eindruck hinterlassen haben, so der Mythos, dass sich sein Gesundheitszustand besserte und er fortan die Revolution mit voller Kraft und allen Mitteln unterstützte. Aus heutiger, psychosomatischer Sicht überstand dieser chronisch hautkranke Mediziner möglicherweise einen stuporähnlichen dissoziativen Status, der durch ein Ohnmachtsgefühl ohne Bewusstseinsverlust gekennzeichnet war. Die biographische Krise hatte sich zu einem historisch wichtigen Zeitpunkt, nämlich genau ein Jahr vor der Französischen Revolution entwickelt, als er sich – von Freunden radikalisiert – entschloss, die Meinungsführerschaft unter den Jakobinern zu übernehmen. Das Ohnmachtsgefühl schlug in extremes Machtstreben um. Er veröffentlichte eine Offrande à la Patrie („Opfergabe an das Vaterland“), in der er sich an den Dritten Stand richtet, um dessen Position gegenüber „unseren Feinden“ (den beiden übrigen Ständen) mit einer neuen Verfassung zu stärken. Die Schrift blieb unbeachtet, eine Ergänzung wurde beschlagnahmt.