mini|hochkant=0.8|Pfarrkirche St. Lamberti, 2003 Die römisch-katholische Pfarrkirche St. Lamberti im westfälischen Gladbeck im Kreis Recklinghausen liegt in Nordrhein-Westfalen und ist ein denkmalgeschütztes Kirchengebäude im Bistum Essen. Sie wurde ursprünglich offenbar bei einer bäuerlichen Siedlung gegründet. Das Kircheninstitut steht seit dem 1. September 2007 im Rang und in der Dignität einer Propstei [Ecclesia praeposita], der ein Propst vorsteht. Der Groß-Pfarrei [seit 2009] unterstanden 2016 die Gemeinden Herz Jesu (6.289 Gläubige), St. Josef, St. Johannes, St. Lamberti, St. Marien und die kleinste Gemeinde (3.260 Gläubige) Heilig Kreuz. Es handelte sich um sechs Gemeinden mit acht Kirchenstandorten (darin die Kapelle im St.-Barbara-Hospital und die Kirche Christus-König in Schultendorf südwestlich Zweckel). Darin lebten am 30. Juni 2018 insgesamt 26.605 Gläubige. Das waren 34,1 Prozent der Stadtbevölkerung. Bevölkerungsstatistik der Stadt Gladbeck vom 30. Juni 2018, S. 9. Die zentrale Stadtgemeinde St. Lamberti zählte 6.379 Katholiken. Angaben durch das Bistum Essen für Ende 2016, dazu Eigenangabe der Propstei in der WAZ vom 22. Juli 2017 und vom 25. Juli 2017. Der sonntägliche Gottesdienstbesuch der Großpfarrei umfasste (2016) 10,5 Prozent der Gläubigen. Im Bistum Essen sind für alle 22 Pfarreien im Durchschnitt 8,49 Prozent gemeldet worden. Weitere Zahlen für Pfarrei Gladbeck und Bistum Essen für 2017 und 2018 in: WAZ, Essen, Ausgabe Gladbeck vom 20. Juli 2019. 2020 vor der Corona-Krise zählte die Pfarrei 1.300 sonntägliche Besucher, während der Krisenzeit unter eingeschränkten Bedingungen etwa 400 Personen. Laut Pfarrei St. Lamberti, Gladbeck, in der WAZ, Ausgabe Gladbeck vom 24. Juli 2020, Seite 1.
Das Patronat der Kirche bezieht sich auf den Märtyrer und Heiligen Lambertus (ca. 635 bis ca. 705), Bischof von Tongern-Maastricht (Niederlande).Lambert von Maastricht, Artikel in: Lexikon der Heiligen, bearb. v. Erhard Gorys, 2. Aufl. München 1998, S. 185–186. Er wird in der Literatur unter Bezug auf seine Grablege ab 718 auch Lambert von Lüttich genannt.Älteste Chronik des sogenannten Lütticher Klerikers Vita vetustissima nach 730. Sein Nachfolger Hubert von Maastricht ließ ihn dorthin überführen. Lambert bekleidete sein Bischofsamt ab 670 mit einer Unterbrechung und Verbannung nach Kloster Stablo (Stavelot bei Lüttich) in politischen Wirren bis zu seinem Tod. Seine figürliche Darstellung in der St.-Lamberti-Kirche zu Gladbeck findet sich nach dem Eintritt durch den Mitteleingang der Westseite zur Betrachtung für den Besucher. Die für gewöhnlich verwandten Attribute des Heiligen, Mitra, Krummstab und Kirchenmodell sind historisch auch in Gladbeck nachweisbar. Eine Reliquie des Patrons ist im Hauptaltar der St.-Lamberti-Kirche in Gladbeck zusammen mit einer Reliquie der römischen Hl. Florencia eingemauert. Den Altar weihte der Bischof von Essen Dr. Franz Hengsbach (1987 zum Kardinal erhoben) am 23. Dezember 1972.Elke Dißelbeck-Tewes, Propsteikirche St. Lamberti, Kirchenführer, Gladbeck 2016.
Weitere St.-Lambertus-Kirchen (Lambertuskirche) befinden sich unter anderem in Ahlen, Ascheberg, Castrop-Rauxel, Coesfeld, Dolberg, Düsseldorf-Altstadt, Essen-Rellinghausen, Hoetmar, Lippramsdorf, Maastricht, Münster, Ochtrup und Stromberg (Oelde). Der Heilige Lambertus wurde in der Lambertuskathedrale von Liège/Lüttich (Belgien) beigesetzt. Sein Mausoleum wurde 1794 zerstört. Der Festtag datiert auf den 18. September. Die Gemeinde in Gladbeck singt an diesem Tag ein besonderes Lied zu Ehren des Heiligen: Sankt Lambertus, hoch in Ehren, Unsrer Pfarre Schutzpatron. Das im Jahreskreis älteste, regelmäßig gefeierte Fest der Bevölkerung dieser Landgemeinde Gladbeck geht nach einer fränkisch verbreiteten Tradition im deutschen Sprachraum auf dieses Patronat zurück, so wie Patronatsfeste allerorten ebenso in den weiten Gegenden Deutschlands bis in den alemannischen und bajuwarischen Süden seit dem Mittelalter weit verbreitet waren. Das Privileg zum Lambertus-Markt vom 18. September 1403 weist auf nichts Anderes.Vestische Zeitschrift Band 90/91 1991/1992, S. 115–116. ISSN 0344-1482. Die Tradition dieser Feier in Gladbeck ist zweifellos noch weiter zurückliegend, als dies das Alter dieser Urkunde andeutet. Das Spätmittelalter ist die Epoche der Verschriftlichung breiter Volksgewohnheiten, die meist schon lange vorher gepflegt wurden. Eine manifeste Verehrung des Heiligen Lambertus wird nämlich in Westfalen und in den Niederlanden schon seit fränkischer Zeit beobachtet, wo die Anzahl historisch begründeter Patronate auffällt. Im Bistum Münster gilt der 18. September für den Heiligen Lambertus als nicht gebotener Festtag.
Lage Der Standort der Kirche befindet sich nach der Verwaltungseinteilung im westlichen Teil des Vestes Recklinghausen. Das Vest Recklinghausen bildete zugleich einen alten Gogerichts- und später einen kölnischen Amtsbezirk. Ludger Tewes, Zum Begriff des Vestes Recklinghausen, in: Vestische Zeitschrift ISSN 0344-1482, 82/83 1983/1984, S. 330. Das Territorium unterstand dem Erzbischof von Köln als Landesherrn. Nach Westen grenzte das Gebiet abseits Kirchhellen und des Köllnischen Waldes an das Herzogtum Kleve.Manfred Wolff, Die Geschichte des Kreisgebietes bis 1816, in: Der Kreis Recklinghausen, hg. v. Kreis Recklinghausen, Stuttgart 1979, S. 79–98. ISBN 3-8062-0183-8. Im 14. Jahrhundert hatte Kleve vergeblich auf das kölnische Gladbeck ausgegriffen. Bis in das 19. Jahrhundert war der Gladbecker Raum agrarisch strukturiert. Teile der bäuerlichen Bevölkerung waren der St.-Lamberti-Kirche über die Wachszinspflicht zugetan. Die Katholische Kirche setzte im Siedlungsgebiet Gladbeck fast alle gesellschaftlichen Akzente. Ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert wurde das Gladbecker Gebiet zusätzlich mit Zechenanlagen erschlossen. Die einwandernde Bevölkerung stammte oft aus Polen und integrierte sich über die Jahrzehnte in die katholische Gemeinde. Von der Landgemeinde gleich Pfarrsprengel zum Amt und zur Stadt Gladbeck: Die PositionLudger Tewes, Mittelalter im Ruhrgebiet, Paderborn 1997, Kartenwerk zum Naturraum zwischen Lippe und Ruhr, S. 485–491. liegt auf der Grenze von Westfalen zum Rheinland (Oberhausen). Die Lage der Kirche am Bach Gladebeke, der nördlich des kirchlichen Langhauses nach Westen abfloss, gab der späteren Stadtgemeinde den Namen Gladbeck. Gladbeck liegt in der nordwestdeutschen Tiefebene, noch vorgelagert der bergischen und sauerländischen Gebirgsstufe. Es befindet sich in einer sehr begrenzten, kleinräumigen Zwischenzone zwischen dem münsterländischen Flachland und dem Tal der Rheinschiene. Die Flüsse Lippe und Emscher entwässern von Osten nach Westen. Das Klima ist gemäßigt, meist mit Westwind, gemäßigten Temperaturen und vermehrten Niederschlägen im Herbst. Die Topographie liegt auf einem Niveau zwischen 60 und 90 Metern über NN wie im Essener Hellweg-Gebiet. Die nächsten Straßen verbinden im Norden mit Dorsten an der Lippe, im Süden mit Essen südlich der Emscher, im Westen mit (Oberhausen-)Osterfeld und im Osten mit Herten und Recklinghausen. Die Böden haben eher unterdurchschnittliche Werte und können sich mit dem Essener Hellweg-Gebiet nicht messen.
Geschichte Nach den frühesten schriftlichen Hinweisen ((1020) [verfälscht]Seit 100 Jahren über die Fälschung eine Flut von Diskussionen bei O.Oppermann, H. Aubin, F.W. Oediger, A.K. Hömberg, J. Milz, E. Wisplinghoff, zuletzt W. Janssen, dazu Theod. Aed. um 1160, Papsturkunden von 1147 Juni 17, (…In Gladbech ecclesiam et curtem..)Westfälisches Urkundenbuch Band V, Nr. 60., 1161 und 1207) gehörte die Gladbecker Kirche mit dem [später so genannten Abding]-Hof in Gladbeck-Zweckel und Zehntrechten auch im weiteren Verlauf von Mittelalter und früher Neuzeit zur Benediktiner-Abtei Deutz, heute Stadtgebiet von Köln. Elke Dißelbeck-Tewes, Gladbeck: 100 Jahre Stadtwerdung - 1000 Jahre Kirche, in: Gladbeck Unsere Stadt 2017, Nr. 3, S. 36–37. Wer die Kirche tatsächlich gegründet hat, ist völlig ungewiss und entzieht sich jeder Spekulation ebenso wie für viele andere Kirchen im späteren Vest Recklinghausen. Um 1240 ist erstmals die Pfarrei Gladbeck urkundlich bezeugt.Regest in Westfälisches Urkundenbuch [WUB] VII, Nr. 501, Foto der Urkunde mit lesbarem Text, dazu das Siegel in: Vestische Zeitschrift, Bd. 84/85/1985–1986, S. 58. Früheste Urkunden sind im Propsteiarchiv erhalten ab 1385, 1391 und 1411. Von Urkunden vor 1385 konnten Textinhalte gesichert werden. 1385 wird Pastor Goswin genannt. Das runde Siegel der Pfarrei [Bischof mit Stab und Märtyrerpalme] ist frühestens für den 8. November 1465 überliefert.Abdruck im Propsteiarchiv St. Lamberti. Ludger Tewes, Zwei Kirchensiegel von St. Lamberti in Gladbeck, in: Vestischer Kalender 59, 1988, S. 155–157. Das Originalsiegel scheint verloren. Ein weiteres Siegel (spitz-oval) von 1529 mit Bischof, Kirche und Hirtenstab ist erhalten. Ein Pfarrer und meist zwei Vikare haben die Gemeinde St. Lamberti über viele hundert Jahre begleitet, bis sie im 20. Jahrhundert im bevölkerungsreichen Stadtausbau in neue Gemeinden geteilt wurde. Die Kirchengemeinde hatte gegen 1800 etwa 2.300 Seelen und 1897 etwa 10.000 Pfarreiangehörige. Gladbeck zählte vor seiner Stadtwerdung gegen 1900 etwa 11.000 Einwohner, die spätere Stadtgemeinde Gladbeck hatte 1974 etwa 83.000 Einwohner, und 2017 lebten hier etwa 77.000 Einwohner.Alle Angaben aus den Schriften und Akten des Pfarrarchivs von St. Lamberti. Die Gladbecker Kirche St. Lamberti gehörte bis 1821 zum Erzbistum Köln, danach zum Bistum Münster und schließlich seit 1958 zum Bistum Essen.Elke Dißelbeck-Tewes, Propsteikirche St. Lamberti Gladbeck, Kirchenführer, S. 8. Als mittelalterliche Filialen [12. Jahrhundert] von St. Lamberti, Gladbeck, gelten St. Urbanus [Gelsenkirchen-Buer] und St. Hippolytus [Gelsenkirchen-Horst]. Albert K. Hömberg, Kirchliche und weltliche Landesorganisation des südlichen Westfalen. (Veröffentlichung der Historischen Kommission Westfalens XXII) Geschichtliche Arbeiten zur westfälischen Landesforschung 10, Aschendorff, Münster 1965, S. 76.
Architektur Zwei Vorgängerkirchen des heutigen Bauwerks sind bekannt, die an derselben Stelle standen. Die romanische, dreischiffige Hallenkirche des 13. Jahrhunderts stand bis 1797. Von diesem Gebäude sind keine Abbildungen oder Zeichnungen überliefert.Grundriss- und Katasterkarten in: Vestische Zeitschrift, 84/85 (1985/1986), S. 73, S. 80 f., S. 83 f., S. 86, S. 88. Die Skizzen und Zeichnungen dieser Kirche von Pastor Theodor Enbergs (1833–1876) sind verschollen.Typähnlich dürfte die Kirche im benachbarten Kirchhellen gewesen sein. Bei Hans Büning (1000 Jahre St. Johannes Kirchhellen) die gelungene Zeichnung auf S. 23. Unter der Leitung von Kleinhans aus Mülheim wurde 1797 eine einschiffige, barocke Saalkirche mit vier Fensterachsen errichtet. Das Chorjoch war querrechteckig angesetzt, der Turm mit einer Zwiebelhaube bekrönt. Da mit der Industrialisierung Gladbecks die Bevölkerung stark anstieg, wurde diese Kirche bald zu klein.