Hedwig Porschütz (* 10. Juni 1900 in Schöneberg als Hedwig Antonie Völcker alias Völker;Geburtsurkunde Nr. 1083/1900 StA Schöneberg † 26. März 1977 in Berlin) war eine deutsche Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus, deren Gefängnisstrafe und der ihr unterstellte „wahllose Umgang mit Männern“ zum Anlass genommen wurde, ihr jede Unterstützung und Würdigung zu verweigern. Erst postum wurde sie als Gerechte unter den Völkern geehrt.

Familie und Leben bis 1941 mini|Berliner Gedenktafel am Haus, Feurigstraße 43, in Berlin-Schöneberg mini|Unterschrift von Hedwig Porschütz (1955) Porschütz entstammte einfachen Verhältnissen. Der Vater, ein Bierbrauer,Johannes Tuchel: Hedwig Porschütz – die Geschichte ihrer Hilfsaktionen für verfolgte Juden und ihre Diffamierung nach 1945. Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin 2010, ISBN 978-3-926082-42-8, S. 11–18 starb im Jahr 1937; ihre Mutter Hedwig Völker, geb. Kaschube, eine Stenotypistin, von der sie bei ihrer Untergrundtätigkeit gegen die Nationalsozialisten unterstützt wurde, starb 1956. Nach der Schulentlassung 1914 ging Porschütz auf die Handelsschule und war anschließend als Stenotypistin bei mehreren Firmen beschäftigt, u. a. bei der Photozubehörfabrik Dr. C.A. Schleussner AG in Berlin-Friedenau, später bei der Barmer Krankenkasse und der Lichterfelder Ersatzkasse.

1927Heiratsurkunde Nr. 377/1927 StA Schöneberg I heiratete sie den ein Jahr jüngeren Walter Porschütz (1901–1967), der als Chauffeur und Kellner arbeitete. Das Ehepaar lebte in einer Eineinhalb-Zimmer-Mansarde in der Alexanderstraße 5 gegenüber Berlins Polizeipräsidium. Vermutlich aufgrund von Arbeitslosigkeit ging Porschütz ab etwa 1929 der Prostitution nach, die aber selbst in den Augen der Nazi-Richter des Urteils von 1944 „offensichtlich nicht die Grenze zur meldepflichtigen Prostitution überschritt“.

Das Ehepaar Porschütz geriet durch Handel auf dem „Schwarzen Markt“ in Kreise der Kleinkriminalität. Hedwig Porschütz wurde 1934 wegen Erpressung zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt, die im Urteil herangezogenen Paragrafen und „das Strafmaß machen jedoch deutlich, dass es sich dabei nicht um Fälle von „schwerer Erpressung“ gehandelt hatte“. Walter Porschütz galt als „großer Nazi“; das Ehepaar lebte wiederholt getrennt, u. a. auch wegen seiner Einberufung zur Wehrmacht, wo er bis Kriegsende an der Front eingesetzt gewesen sein soll.

Widerstand und Hilfsaktionen Etwa seit 1940 stand Porschütz in engem Kontakt zum Fabrikanten Otto Weidt. Es wird angenommen, dass der Kontakt durch Schwarzmarktgeschäfte zustande kam, die Weidt zur Versorgung seiner Schützlinge unternahm.Johannes Tuchel: Hedwig Porschütz – die Geschichte ihrer Hilfsaktionen für verfolgte Juden und ihre Diffamierung nach 1945. Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin 2010, ISBN 978-3-926082-42-8, S. 25–29 Mit dem Beginn der Deportation der Berliner Juden in die Vernichtungslager ab Herbst 1941 entstand in dessen Bürstenfabrik in der Rosenthaler Straße 39 ein Netzwerk von Menschen, die den von Ermordung bedrohten Juden halfen. Porschütz schloss sich dieser illegalen und mit Todesstrafe bedrohten Hilfeleistung an; aufgrund ihrer Vorstrafe war sie besonders gefährdet. Ihr Mann war bis Kriegsende Soldat, hielt sich daher nicht in Berlin auf und nahm an der Hilfstätigkeit seiner Frau nicht teil.

Anfang 1943 wechselte Porschütz als Stenotypistin den Arbeitsplatz von der Lichtenfelder Ersatzkasse zur Bürstenfabrik Otto Weidt, die er als Blindenwerkstatt betrieb. Dort wurde sie mit Inge Deutschkron, die zeitweilig in der Werkstatt vor der drohenden Deportation als Jüdin geschützt war, bekannt und vertraut. Porschütz übernahm, möglicherweise aufgrund der ihr aus dem Milieu vertrauten Verhältnisse, insbesondere die Beschaffung von Lebensmitteln und anderer erforderlicher Waren auf dem Schwarzmarkt. Da die rationierten Lebensmittel nur mittels staatlich ausgegebener Lebensmittelkarten gekauft werden konnten, über die Juden nur unzureichend und schließlich in der Illegalität gar nicht verfügten, waren sie auf diese Unterstützung durch ungesetzliche Lebensmittelbeschaffung angewiesen. Für Inge Deutschkron und deren Mutter besorgte Porschütz zum Zwecke des Untertauchens zudem gefälschte Papiere. „Hede, wie sie von uns allen genannt wurde, war immer gehetzt, wenn sie ins Büro von Otto Weidt kam“, berichtete Inge Deutschkron: „Keiner war bei diesen Gesprächen dabei, aber wir wussten, dass es mal um Lebensmittel, ein Versteck oder um Papiere ging. Wie Hede das alles besorgen konnte, wusste wohl selbst Otto Weidt nicht“.

„Nicht nur mit ihren Schwarzmarktgeschäften und Quartiersvermittlungen und direkten Lebensmittelverteilungen beteiligte sich Hedwig Porschütz an Weidts Hilfsaktionen“. Sie versteckte auch mehrfach in ihrer Wohnung verfolgte Juden, darunter auch die 1922 geborenen Zwillinge Anneliese und Marianne Bernstein, die Porschütz ihr Überleben verdanken. Von Weidt darauf angesprochen, nahm Porschütz beide in ihre kleine Wohnung auf, versorgte sie mit auf dem Schwarzmarkt beschafften Lebensmitteln und gab sie gegenüber der Hausgemeinschaft als Nichte und deren Freundin aus. Die für die versteckt lebenden Juden besonders gefährlichen Luftangriffe mussten die Geschwister Bernstein in der Wohnung durchleben, weil ein Aufsuchen des Luftschutzraumes bei zunehmender Wiederholung ihre Enttarnung zur Folge gehabt haben würde. Als nach rund sechs Monaten und einer Polizeiaktion in einer benachbarten Wohnung die Lage als zu riskant eingeschätzt wurde, besorgte Porschütz den beiden Schwestern ein neues Versteck in Berlin-Wilmersdorf und versorgte sie weiterhin mit illegal beschafften Lebensmitteln. Anneliese und die seit Kindheit erblindete Marianne Bernstein überlebten; sie emigrierten 1946 in die Vereinigten Staaten, wo Marianne Bernstein 1987 starb und ihre Schwester Anneliese noch bis 1992 lebte.Johannes Tuchel: Hedwig Porschütz – die Geschichte ihrer Hilfsaktionen für verfolgte Juden und ihre Diffamierung nach 1945. Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin 2010, ISBN 978-3-926082-42-8, S. 33–67

Zusätzlich zu den Bernstein-Schwestern nahm Porschütz im März 1943 Grete Seelig und deren Nichte Lucie Ballhorn in ihre Mansardenwohnung auf, womit sie zeitweise vier untergetauchte Jüdinnen beherbergte. Zeitweise fanden Seelig und Ballhorn Unterschlupf bei Porschütz’ Mutter in der Fritz-Reuter-Str. 10, wie später auch Leo Seelig. Im Oktober 1943 wurde Lucie Ballhorn verhaftet und im KZ Auschwitz ermordet.

Unter großem Aufwand organisierte Otto Weidt die Versorgung von wenigstens 25 Menschen, die im Ghetto Theresienstadt inhaftiert waren, mit Lebensmittelpaketen, die unter Verwendung zahlreicher fingierter Absender geschickt wurden. Hedwig Porschütz hat allein in einem Monat im Frühjahr 1944 mindestens 6 Pakete mit Lebensmitteln an die Familie Licht geschickt. Von den bedachten Personen überlebten drei; die anderen wurden im Herbst 1944 ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet.

Verhaftung „Schon 1943 wurde Porschütz von der Gestapo vernommen, weil sie offenbar verraten worden war. Die Vernehmungen blieben aber ohne Ergebnis, so dass sie wieder auf freien Fuß kam“Uwe Boysen: Widerstand der Verwundbaren – Das Beispiel Otto Weidt und seiner Helfer (Teil 2). dvbs-online.de – zunächst. Der von Porschütz versteckte Leo Seelig hatte sich 1944 einem sogenannten Greifer,jüdischer Kollaborateur der Nationalsozialisten, der untergetauchte Juden verriet Hermann Rachmann„Es ist bekannt, dass in Berlin wie auch woanders sog. Jüdische Greifer unterwegs waren, die die Verstecke untergetauchter Juden an die Gestapo verrieten, in der Hoffnung, dann selbst mit dem Leben davonzukommen. Einer von ihnen war Hermann Rachmann … Auch Rachmann konnte sich aber durch seine Tätigkeit nicht ‚freikaufen‘. Er und seine Ehefrau wurden am 13.7.1944 in das Ghetto Theresienstadt gebracht. Am 28.9. kamen sie dann in einen Transport nach Auschwitz. Seither fehlt jede Spur von ihnen“. Uwe Boysen: Widerstand der Verwundbaren – Das Beispiel Otto Weidt und seiner Helfer (Teil 2). dvbs-online.de anvertraut, wurde von diesem verraten und in der Wohnung von Porschütz’ Mutter, Hedwig Völker, festgenommen. Sie selbst wurde mehrfach von der Gestapo verhört, mehrfach kamen Greifer zur Durchsuchung in ihre Wohnung, doch Porschütz verriet nichts und niemanden.

Im Mai 1944 wurde ein Bekannter von Porschütz beim Versuch, mit von ihr gefälschten Lebensmittelmarken Speck zu kaufen, festgenommen. In der Folge fand wiederum am 3. Juni 1944 eine Hausdurchsuchung bei ihr statt, bei der illegal beschaffte Zigaretten, Rasierseife, Tüten mit Bonbons und Strümpfe gefunden wurden. Sie wurde vernommen, am 31. August 1944 wurde ein Strafbefehl gegen Hedwig Porschütz erlassen und am 11. September 1944 erfolgte die Festnahme. Die Verhandlung fand am 2. Oktober 1944 vor dem Sondergericht III beim Landgericht Berlin statt, das sie wegen Kriegswirtschaftsverbrechen zu anderthalb Jahren Zuchthaus verurteilte. Die Tatsache, dass sie die gefälschten Lebensmittelmarken insbesondere zur Versorgung untergetauchter Juden hergestellt und benutzt hatte, war von der Polizei offensichtlich nicht ermittelt worden. Porschütz hatte u. a. zu Protokoll gegeben, sie habe die Fleischmarken von einem in Holland stationierten Soldaten erhalten, der ihr nur mit seinem Vornamen Paul bekannt sei. Im Urteil wurde nun ausdrücklich darauf Bezug genommen, dass sie „gelegentlich Fleischmarken für geschlechtliche Hingabe an Männer erhalten hat“, wie sie es selbst geltend gemacht habe.Johannes Tuchel: Hedwig Porschütz – die Geschichte ihrer Hilfsaktionen für verfolgte Juden und ihre Diffamierung nach 1945. Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin 2010, ISBN 978-3-926082-42-8, S. 79–97

Porschütz wurde am 17. November 1944 zunächst in das Frauenzuchthaus Jauer in Schlesien verbracht und bald darauf in das Arbeitslager Zillerthal-Erdmannsdorf überstellt, wo sie am 7. Mai 1945 von Hirschberg aus vor dem Einmarsch der Russen freigelassen wurde. Mit 10 Reichsmark musste sie sich nach Berlin durchschlagen, wo sie 4 Wochen später eintraf.

Nachkriegszeit